K. Linne: Von Witzenhausen in die Welt

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Titel
Von Witzenhausen in die Welt. Ausbildung und Arbeit von Tropenlandwirten 1898 bis 1971


Autor(en)
Linne, Karsten
Erschienen
Göttingen 2017: Wallstein Verlag
Umfang
526 S., 8 SW-Abb., 3 Tabellen
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Häfner, Philipps-Universität Marburg

Trotz zahlloser innovativer Forschungsbeiträge der letzten Jahre ist die Geschichte des Kolonialismus deutscher Provenienz bislang nur randständig in ihren lokal- und landeshistorisch fassbaren Formen und Ausprägungen untersucht worden.[1] Der Befund überrascht, bedenkt man, dass die Geschichte Deutschlands nach wie vor von einem starken Föderalismus geprägt ist, der vermutlich auch für die regionale(n) deutsche(n) Kolonialpolitik(en) und -kultur(en) Folgen hatte.

Umso erfreulicher ist es, dass Karsten Linne in seiner Studie zur Geschichte der ehemaligen Deutschen Kolonialschule (DKS) in Witzenhausen einen großen Schritt hin zu einer Verflechtungsgeschichte des Kolonialen und des Regionalen geht. Entlang eines zeitlichen Geländers, welches die Jahre von der Gründung der Schule 1898 bis zu ihrer Eingliederung in die Gesamthochschule Kassel 1971 umfasst, verfolgt Linne drei Leitfragen. Erstens ist ihm an einer Rekonstruktion der Schulgeschichte vor dem Hintergrund sich wandelnder gesellschaftlicher und politischer Rahmenbedingungen gelegen. Zweitens interessieren Linne insbesondere die Schüler der Einrichtung sowie drittens ihr weiterer Lebensweg als Absolventen inklusive möglicher Netzwerke, die sie untereinander knüpften (S. 11f.). Die Frage nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten kolonialen Denkens und Handelns durchzieht alle drei Fragekomplexe. Für die Beantwortung dieser Fragen zieht Linne vor allem zwei Quellenkorpora heran, die seine Arbeit von anderen Studien zu Witzenhausen abheben: die über 3.000 bislang kaum ausgewerteten Schülerakten zum einen, 19 selbstgeführte Interviews mit Absolventen zum anderen.

In den einer klassischen Chronologie folgenden Kapiteln zwei bis sieben analysiert Linne die Geschichte der Schule und ihrer Schüler sowohl aus institutionen- als auch aus mentalitäts-, global- und alltagsgeschichtlicher Perspektive. Dabei gelingt es Linne prägnant, Kontinuitäten und Brüche zu lokalisieren, die in ihrem Mischverhältnis dazu beitrugen, dass die Schule auch noch über ein Jahrhundert nach ihrer Gründung im Jahre 1898, freilich in ganz anderer Form, bis auf den heutigen Tag als Deutsches Institut für Tropische und Subtropische Landwirtschaft (DITSL) fortbesteht.

Die gesamte Schulgeschichte durchzogen Fragen nach dem „Verhältnis von Theorie- und Praxisanteilen im Unterricht“ und „dem Charakter der Anstalt als einer Fachschule oder einer Universität“ (S. 12f.). Probleme bei der Anerkennung der erworbenen Abschlüsse blieben über Jahrzehnte virulent. Im Gegensatz dazu änderten sich Praktiken der Sozialdisziplinierung sowie das Zusammenleben der Schüler im Laufe der Zeit erheblich. Verwandelten die rigiden Haus- und Verhaltensordnungen, denen der erste Direktor der Anstalt, Ernst Albert Fabarius, seine Schüler/innen unterwarf, die Einrichtung in ein „Haus der Regeln“ (S. 40), in dem „Ehre“ und „Kameradschaft“ zu den „zentralen Prinzipien, die das Zusammenleben strukturierten“ (S. 66), gehörten, wurde das strenge Regime spätestens bei der Wiedereröffnung der Schule nach dem Zweiten Weltkrieg zusehends gelockert.

Transformationsprozesse anderer Art weist der Autor in den Ausbildungszielen der Schule nach. Entgegen der These Walter Hoffmanns argumentiert Linne, dass ein klarer Bruch zwischen den Ausbildungszielen „Koloniallandwirt“ und „Entwicklungshelfer“ bestanden habe.[2] So seien zwar möglicherweise in den tropenlandwirtschaftlichen Fächern die Inhalte weitgehend dieselben wie vor 1945 geblieben, allerdings von neuen – interkulturelle Kompetenzen vermittelnden – Ausbildungsabschnitten wie Berufspädagogik flankiert worden. Nicht mehr herrische „Kolonialpioniere“, sondern den „sublimierten Tarzan“ (S. 513), wie Linne die Entwicklungsexperten mit Winfried Böll bezeichnet, sollten die Lehrkräfte in Witzenhausen ausbilden und in die Welt aussenden.

Ebenfalls immensen Wandlungen waren die Struktur der Schülerschaft sowie die individuellen Lebens- und Karrierewege nach erfolgreicher Beendigung des Lehrgangs unterworfen. Bis ca. 1933 stammte eine Mehrheit der Schüler aus Familien der „oberen Mittelschicht“. Danach trug die Schulleitung den postulierten völkischen Gleichheitsidealen der NS-Regierung Rechnung und öffnete die Ausbildungsstätte – auch durch eine immense Senkung des Schulgeldes – für weniger begüterte Bevölkerungsschichten. Was sich allerdings kaum änderte sei die Motivation für den Eintritt in die Einrichtung gewesen – Abenteuerlust, der Neustart nach einer „schwierige(n) Schulkarriere“ (S. 508) oder aber der „Drang, den engen deutschen Verhältnissen zu entfliehen“ (S. 509).

Der weitere Lebensweg der Absolventen war zu einem Gutteil von der weltpolitischen Großwetterlage abhängig. Bis 1914 bildeten die deutschen Kolonien in Afrika und dem Pazifik die Hauptzielländer der Auswanderungswilligen, um dort auf Pflanzungen anzuheuern oder sich als Farmer selbstständig zu machen. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Verlust der sogenannten „Schutzgebiete“ konstatiert Linne eine Verlagerung der Auswanderungsbewegung in Richtung Südamerika. Nach 1945 schließlich korrelierten die Zielländer der Absolventen in zunehmendem Maße mit den geographischen Schwerpunktsetzungen der bundesdeutschen „Entwicklungshilfe“-Politik, die einen beträchtlichen Teil ihres Fachkräftereservoirs aus dem Umfeld der Witzenhäuser Schule rekrutierte.

Die stärksten Abschnitte der Linne’schen Darstellung sind diejenigen, in denen sich der Autor den globalen Vernetzungen zuwendet, die Absolventen untereinander und mit ihrer „Alma Mater“ knüpften. Über die Auswertung der bis in die 1970er-Jahre hinein sehr intensiven Korrespondenz zwischen Schule und Ehemaligen sowie der schuleigenen Zeitschrift „Kulturpionier“ wird in der Monographie vorgeführt, auf welch vielfältige Weise der kleine hessische Ort mit nahezu der gesamten Welt verwoben war. Ausgewanderte Schüler/innen berichteten über ihr Leben in Ländern wie Argentinien, Angola und den (ehemaligen) deutschen Kolonien, gaben aber auch – gewissermaßen aus der Praxis heraus – Ratschläge, wie der Unterricht in Witzenhausen ergänzt werden könnte, um den Ansprüchen, welche die außereuropäischen Räume an die zukünftigen Absolvent/innen stellte, zu genügen. Dieses engmaschige „Kommunikationsnetz“ (S. 210), zu dessen Zentrum Witzenhausen avancierte, wurde allerdings nicht nur als Forum zum Austausch über theoretische Fragen des Unterrichts genutzt, sondern ebenso für Stellenvermittlungen.

An einigen Stellen sind Monita angebracht. So ist die Entscheidung des Autors, die Kolonialfrauenschule, welche zwischen 1907 und 1910 am Standort Witzenhausen angesiedelt war, aus der Betrachtung auszuschließen, nicht unmittelbar nachvollziehbar. Das Argument der geringen Schülerinnenzahl und des nur kurzen Bestehens mag auf den ersten Blick einleuchten, hätte aber durchaus die Chance geboten, von dort aus Fragen nach geschlechterspezifischen Diskursen innerhalb kolonialerzieherischer Kontexte neu zu stellen und vergleichend zu erörtern. Ob Linnes Entscheidung auch als Spitze gegen eine postkolonial und geschlechterwissenschaftlich inspirierte Kolonialgeschichtsschreibung gelesen werden kann (Stichwort: „gender-beseelte(n) Zeit“, S. 10), müssen Lesende für sich entscheiden.

Weniger schwer ins Gewicht fällt dagegen das Fehlen eines separaten Kapitels zum „Umgang mit der Vergangenheit“ (S. 10) des heutigen Deutschen Institutes für tropische und subtropische Landwirtschaft aus platztechnischen Gründen. Es bleibt daher zukünftigen Studien vorbehalten, an Akteuren wie dem ehemaligen Kolonialschüler Hanns Bagdahn (1910–2007), der nach seiner Rückkehr aus Angola 1975 als ehrenamtlicher Leiter des Völkerkundlichen Museums Witzenhausen tätig war und nach seinem Ableben sogar noch zum Romanhelden avancierte, zu eruieren, wie die Erinnerung an die Epoche des Kolonialismus in regionalen Kontexten verhandelt wurde und wird.[3] Insgesamt legt Karsten Linne allerdings ein wichtiges Grundlagenwerk zur Geschichte der Deutschen Kolonialschule vor, das außerdem einer globalgeschichtlich informierten Landesgeschichte als innovatives Beispiel dienen sollte.

Anmerkungen:
[1] Zu den wenigen Ausnahmen auf diesem Feld zählen: Ulrich S. Soénius, Koloniale Begeisterung im Rheinland während des Kaiserreiches, Köln 1992; Markus Seemann, Kolonialismus in der Heimat. Kolonialbewegung, Kolonialpolitik und Kolonialkultur in Bayern 1882–1943, Berlin 2011. Eine postkoloniale, kunstwissenschaftlich inspirierte Intervention bieten: Marion Hulverscheidt / Hendrik Dorgathen (Hrsg.), Raus Rein. Texte und Comics zur Geschichte der ehemaligen Kolonialschule in Witzenhausen, Berlin 2016.
[2] Walter K. H. Hoffmann, Vom Kolonialexperten zum Experten der Entwicklungszusammenarbeit. Acht Fallstudien zur Geschichte der Ausbildung von Fachkräften für Übersee in Deutschland und der Schweiz, Saarbrücken 1980.
[3] Tanja Monika Grave, Cambuta. Frost auf den Kaffeeblüten, Charleston 2015.

Zitation
Johannes Häfner: Rezension zu: : Von Witzenhausen in die Welt. Ausbildung und Arbeit von Tropenlandwirten 1898 bis 1971. Göttingen  2017 , in: H-Soz-Kult, 12.04.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28473>.