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Title
Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus


Author(s)
Koenen, Gerd
Published on
München 2017: C.H. Beck Verlag
Extent
1.133 S.
Price
€ 38,00
Reviewed for H-Soz-Kult by
Nikolas Dörr, Abt. Politische Ökonomie des Wohlfahrtsstaates, Universität Bremen, SOCIUM - Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik

Das Jahr 2017 hat der Kommunismusgeschichte einen seit der Auflösung der Sowjetunion 1991 ungekannten Aufschwung beschert.[1] Dazu beigetragen hat auch der Historiker Gerd Koenen mit seiner umfassenden Monografie „Die Farbe Rot“. Koenen, unter anderem Träger des Leipziger Buchpreises, hat sich bereits auf vielfältige Weise mit dem Kommunismus in Theorie und Praxis auseinandergesetzt.[2] Der Kommunismus ist auch Teil seiner Lebensgeschichte: Koenen war „68er“ und führendes Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschlands. Im Epilog geht er auf diesen Zusammenhang ein (S. 1029f.).

Koenen konzediert, dass er mit „Die Farbe Rot“ keine Forschungsarbeit vorlegt, sondern eine Gesamtbetrachtung (S. 1032f.). Es geht ihm „um ein nachvollziehendes historisches Verstehen im Sinne eines ‚making sense‘“ (S. 1033). Koenen schreibt also nichts grundlegend Neues, aber er schreibt es besser als viele andere vor ihm. Anekdotenreich schildert er die prägenden Faktoren für die Entwicklung kommunistischer Theorien.

Doch wo liegen die Ursprünge des Kommunismus? Pons und Smith starten bei Lenin. Furet fängt bei Marx und Engels an. Priestland beginnt mit der Französischen Revolution.[3] Koenen geht deutlich weiter zurück. Auch er beginnt mit einer Revolution, allerdings der Neolithischen – ca. 11.000 Jahre vor der Geburt von Karl Marx. Er will damit zeigen, „dass der moderne Kommunismus keine historisch voraussetzungslose, sondern eine tief verankerte Gesellschaftsvorstellung gewesen ist“ (S. 43). Koenen findet u.a. in der „Urhorde“, dem Gilgamesch-Epos und der Bibel, bei Lao Tse, Gautama Buddha, Konfuzius, Heraklit, Aristoteles und selbstverständlich im utopischen Kommunismus von Thomas Morus und Tommaso Campanella frühe Einflüsse für die Entwicklung des Kommunismus. Er hat damit tatsächlich „eine Art Universalgeschichte des Kommunismus von den Uranfängen der Menschheit bis in die Zeit des Post-Kommunismus und bis heute“ (S. 1031) geschrieben. Entsprechend umfangreich ist sie mit 1133 Seiten geworden.

Das monumentale Werk ist in vier Großkapitel unterteilt: „Kommunismus als Weltgeschichte“, „Das Marx’sche Momentum“, „Warum Russland?“ und „Der Kommunismus in seinem Zeitalter“. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem dritten Großkapitel („Warum Russland?“), das knapp ein Drittel des Gesamtwerks füllt. In dieser Schwerpunktsetzung spiegelt sich eine der zentralen Aussagen Koenens wider: „Ohne Lenin kein Bolschewismus, ohne Bolschewismus keine Sowjetunion, ohne Sowjetunion keine kommunistische Weltbewegung“ (S. 593). Vor allem an Lenin arbeitet er sich ab. Durch ihn sei der bei Marx angelegte Pluralismus inklusive seiner in Teilen expliziten Widersprüchlichkeit zugunsten des doktrinären Marxismus-Leninismus mit gravierenden Folgen für die weitere Entwicklung des Kommunismus (u.a. Spaltung der Arbeiterbewegung, Stalinisierung, Massenterror) aufgegeben worden.

Bis zur Russischen Revolution dauert es allerdings mehr als 700 Seiten, was im Hinblick auf den Untertitel des Buches zu Unausgewogenheiten zugunsten der Ursprünge führt. Die Phase des Kalten Krieges, die immerhin global die größte Ausbreitung des Kommunismus sah, wird nur kursorisch behandelt. Die Geheimrede Nikita Chruschtschows und die Phase der Entstalinisierung sowie die Entwicklung der „realsozialistischen“ Staaten Osteuropas bis 1989 werden zum Beispiel auf wenigen Seiten zusammengefasst (S. 957f., 971–974). Eine Ausnahme stellt das längere Kapitel über die Volksrepublik China dar. Diese ist für Koenen ein hybrides System, das sich kaum in die alten Muster von kommunistisch versus kapitalistisch einordnen lasse.

Eine der zentralen Thesen des Buches ist, dass der Kommunismus seinen zeitweise hohen Zuspruch nicht auf Basis innovativer Fortschrittskonzepte und dem Postulat internationaler Solidarität generieren konnte. Koenen folgend waren es in erster Linie die Krisen des 20. Jahrhunderts, so vor allem der Erste und Zweite Weltkrieg sowie die Weltwirtschaftskrise, die den alternativen Entwurf des Kommunismus global attraktiv machten. Hinzu kam bzw. kommt die Fähigkeit der Kommunisten in Russland und China, an das imperiale Erbe anzuknüpfen und dadurch einen Großmachtstatus aufrechtzuerhalten (S. 996). Vor diesem Hintergrund betont Koenen die Unterschiede zwischen den ursprünglichen Vorstellungen von Marx, dem von Lenin und Stalin zur Doktrin erhobenen Marxismus-Leninismus und dem maoistischen China. Die kommunistischen Großmächte Sowjetunion und China hatten bzw. haben, so der Autor, wenig mit der Marxschen Vorstellung von Befreiung zu tun, sondern dort sei der Kommunismus primär der Aufrechterhaltung der Imperien verpflichtet gewesen. Vor allem für die chinesische KP macht Koenen diesen Punkt stark. Diese könne ihren Status als alleiniges Machtzentrum neben dem Anwenden von Repressionsinstrumenten auch durch eine Legitimation aufrechterhalten, die sich aus der Entwicklung Chinas von einem kolonial unterdrückten Entwicklungsland hin zu einer wirtschaftlichen und militärischen Supermacht speise.

Die Stärke des Kommunismus liegt nach Koenen in seiner Fähigkeit, die Schwächen des Kontrahenten (kapitalistisches Wirtschaftssystem, Kolonialismus, Faschismus etc.) offenzulegen, zu analysieren und gegen diese zu mobilisieren. Seine Emanzipationskraft zeige sich daher insbesondere im Widerstand. In der Alltagspolitik haben Kommunisten, so Koenen, hingegen wenig Positives zustande gebracht. Für die Entwicklung von Gesellschaften und die Staatsführung haben sich kommunistische Ideologien vor dem Hintergrund der wiederkehrenden Etablierung von Repressions- und Terrorregimen als untauglich erwiesen (S. 40f., 988f.).

Der Konzentration auf Russland und China ist es geschuldet, dass Koenen neueren theoretischen Ansätzen und Sonderformen des Kommunismus sowie den praktischen Reformen der poststalinistischen Zeit wie dem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, dem Eurokommunismus oder neomarxistischen Theorien generell nur wenig Aufmerksamkeit schenkt. Auch über den lateinamerikanischen Kommunismus (u.a. Unidad Popular in Chile, Sandinistische Revolution in Nicaragua) erfährt man abgesehen von der Kubanischen Revolution wenig, über den Arabischen (zum Beispiel Nasserismus, Baathismus) und Afrikanischen Sozialismus (zum Beispiel Nyereres Konzept der Ujamaa) gar nichts. Interessant wäre es auch gewesen, mehr über aktuelle Entwicklungen zu lesen, die sich nicht mehr als originär kommunistisch definieren, aber Elemente kommunistischer Rhetorik, Symbolik und Programmatik übernommen haben. Vor dem Hintergrund der Schwerpunktsetzung auf die historischen Ursprünge des Kommunismus fällt diese Kritik jedoch kaum ins Gewicht.

Koenen ist mit „Die Farbe Rot“ ein wahres Opus magnum gelungen. Man merkt dem Werk positiv an, wie viel Arbeit und Zeit in ihm steckt. Die Ursprünge des Kommunismus lassen sich sicher kürzer erzählen, aber kaum exakter. Zu lang – das sagt bei mehr als 1100 Seiten viel über die Qualität aus – ist das Buch nicht geworden, weil Koenen stets zielorientiert analysiert, argumentiert und dabei kommunistische Mythen wie die „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ korrigiert. Auch das hohe literarische Niveau trägt dazu bei, dass das Buch gut lesbar geblieben ist. Für das, was Koenen zeigen wollte, war es notwendig, in die Tiefe zu gehen und damit auch den anfänglich sicher nicht intendierten Umfang des Werks in Kauf zu nehmen. Es ist – auch im internationalen Vergleich – eine der besten Analysen der Ursprünge kommunistischer Ideologien geworden.

Anmerkungen:
[1] Siehe hierzu: Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur / Liste von Veranstaltungen, Ausstellungen, Medienbeiträgen und Publikationen zum Thema Kommunismusgeschichte / https://kommunismusgeschichte.de (15.01.2018).
[2] U.a. Gerd Koenen, Traumpfade der Weltrevolution. Das Guevara-Projekt, Frankfurt am Main 2012; ders., Was war der Kommunismus?, Göttingen 2010; ders., Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900–1945, München 2005; ders., Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967–1977, Köln 2001; ders., Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus?, Berlin 1998.
[3] Silvio Pons / Stephen A. Smith (Hrsg.), The Cambridge History of Communism, Volume 1, World Revolution and Socialism in One Country 1917–1941, Cambridge / New York 2017; François Furet, Le passé d'une illusion. Essai sur l'idée communiste au XXe siècle, Paris 1995; David Priestland, The Red Flag. Communism and the Making of the Modern World, London, New York 2009.

Citation
Nikolas Dörr: Rezension zu: Koenen, Gerd: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus. München 2017 , in: H-Soz-Kult, 14.02.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28474>.
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14.02.2018
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