Titel
One Long Night. A Global History of Concentration Camps


Autor(en)
Pitzer, Andrea
Erschienen
Umfang
480 S.
Preis
€ 26,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jonas Kreienbaum, Historisches Institut, Universität Rostock

Als die erste Globalgeschichte der Konzentrationslager kündigt der Klappentext das Buch „One Long Night“ der US-amerikanischen Journalistin Andrea Pitzer an. Wie Zygmunt Bauman, auf den sie allerdings nicht verweist, versteht sie das 20. Jahrhundert als ein „Jahrhundert der Lager“. [1] Seit die „ersten Konzentrationslager der Welt“ (S. 4) 1896 vom spanischen Militär auf Kuba errichtet wurden, so Pitzer, habe es kein Jahr gegeben, in dem Konzentrationslager gänzlich von der Erdoberfläche verschwunden seien, und kaum ein Land, das nicht irgendwann auf Lager zurückgegriffen habe (S. 5, 408).

In ihrer „biography of a bad idea“ (S. 16) führt Pitzer uns zunächst von den kolonialen Rekonzentrationspolitiken um die Jahrhundertwende auf Kuba und den Philippinen (Kapitel 1) bzw. Süd- und Deutsch-Südwestafrika (Kapitel 2) in die Zivilinternierungslager des Ersten Weltkriegs (Kapitel 3). Sie argumentiert, dass gerade der an sich lobenswerte Versuch, die Internierungsbedingungen während des Weltkriegs zu verbessern, um ein erneutes Massensterben wie in den Koloniallagern zu verhindern, dazu beitrug, dass „die Idee des Konzentrationslagers rehabilitiert“ wurde und umso mehr Nachahmer fand (S. 115, 401).

Anschließend wendet sich Pitzer in den ausführlichsten Kapiteln mit dem sowjetischen Gulag (Kapitel 4) und den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern (Kapitel 5) den bekanntesten Fällen zu. In Kapitel 6 geht es dann um die Entstehung von weiteren Lagern während des Zweiten Weltkrieges: für „Feindstaatenausländer“ in den USA und Großbritannien, für Kriegsgefangene und Zivilinternierte im faschistischen Italien und Japan und um Lager wie Drancy und Gurs in Frankreich, die eine wichtige Rolle bei der Deportation von Juden in die NS-Vernichtungsstätten spielten.

Es folgen drei Abschnitte, die in der Phase von Kaltem Krieg und Dekolonisation angesiedelt sind. Zunächst beschäftigt sich Pitzer mit den „stepchildren of the Gulag“ (Kapitel 7), den Lagersystemen im kommunistischen China, Nord-Korea und Kambodscha. Es folgt eine Auseinandersetzung mit den Counterinsurgency-Techniken, die Großbritannien, Frankreich und die USA im Zuge der Dekolonisationskriege in Malaya, Kenia, Indochina und Algerien nutzten, wozu neben dem systematischen Einsatz von Folter auch die Umsiedlung von weiten Bevölkerungsteilen in „neue Dörfer“ gehörte (Kapitel 8). Für Pitzer handelt es sich hier um eine „modified version of the oldest camps – the kind of reconcentración that had been applied under Weyler in Cuba” (S. 298f). Schließlich stehen in Kapitel 9 die „bastard children of the camps“ im Fokus, die Deportations- und Folterzentren, die während der Militärdiktaturen in Lateinamerika etabliert wurden. Diese wurden immer kleiner, verstreuter und geheimer, ersetzten die großen alten Lager hinter Stacheldraht und schufen so für Pitzer ein neues Modell für das 21. Jahrhundert (S. 354).

Dieses griffen die Vereinigten Staaten während des „war on terror“ auf, errichteten zahlreiche „black sites“ auf der ganzen Welt und Guantánamo, „the crown jewel of the new American detention system“ (S. 358). Hier ließen sich – unter Umgehung der regulären juristischen Prozedere – Menschen unbegrenzt internieren, was für Pitzer der Definition des Konzentrationslagers entspricht (S. 362). Ebenso aktuell ist der zweite Fall, den die Journalistin in ihrem abschließenden 10. Kapitel präsentiert, das zugleich Ausblick auf das 21. Jahrhundert und Schlussbetrachtung ist. Hier beschreibt sie die Verfolgung und Zwangsinternierung der Rohingya in Myanmar, die in den letzten Wochen weltweit für Schlagzeilen sorgte.

„One Long Night“ ist zweifelsohne flüssig geschrieben, vermag mitunter zu fesseln. Das liegt vor allem an Pitzers Entscheidung, die Geschichte der verschiedenen Lagersysteme anhand einzelner Biographien zu erzählen. In der Regel greift sie auf die Lebensgeschichten von Internierten zurück. So folgt sie dem österreichischen Maler Paul Cohen-Portheim in die britischen Zivilinternierungslager des Ersten Weltkriegs, der deutschen Kommunistin Margarete Buber-Neumann zunächst in den Gulag und später in das nationalsozialistische Konzentrationslager Ravensbrück und dem chinesischen Dissidenten Hongda „Harry“ Wu durch das Laogai-System. Wo die Quellenlage schwieriger ist, bei den kolonialen Rekonzentrationspolitiken der Jahrhundertwende, weicht sie von diesem Schema jedoch ab. Für Kuba, die Philippinen und Deutsch-Südwestafrika fehlt das biographische Element weitgehend, während sie für Südafrika auf die wohldokumentierte Tätigkeit der britischen Aktivistin Emily Hobhouse zurückgreift, die 1901 verschiedene „concentration camps“ besuchte und anschließend die britische Öffentlichkeit über die fatalen Zustände in den Lagern informierte.

Hier deutet sich eines der grundsätzlichen Probleme einer Globalgeschichte der Konzentrationslager an. Ist es für eine Einzelperson schon unmöglich, die ausufernde Spezialliteratur zu allen behandelten Fällen zu kennen, gilt dies erst recht für die entsprechenden Primärquellen. Das zwingt Pitzer dazu, bei ihren Biographien auf die naheliegenden, bekannten, zum Teil prominenten Beispiele zurückzugreifen – Personen, die wie Alexander Solzhenizyn, Wu oder Hobhouse ausführlich über ihre Lagererfahrungen publiziert haben. Eine positive Ausnahme bildet die Beschäftigung mit den Lagersystemen seit dem Zweiten Weltkrieg, bei der die Autorin vermehrt mit Interviews arbeitet, was sie in die Lage versetzt, unbekanntere Biographien freizulegen.

Die insgesamt schmale Literaturgrundlage, auf die die Autorin ihre Ausführungen zu einzelnen Lagersystemen stützt, trägt sicherlich auch dazu bei, dass manche Passagen verzerrend, mitunter fehlerhaft ausfallen. Dem Rezensenten fiel dies besonders dort ins Auge, wo er über lokale Expertise verfügt. So bringt Pitzer etwa Chronologie und Zusammenhänge in Deutsch-Südwestafrika vielfach durcheinander: Bei ihr beginnt der „Nama-Aufstand“ 1905, statt im Oktober 1904, Major Estorff fungiert dort als „acting military commander“ (S. 83), obwohl diesen Posten Cai Friedrich Theodor Dame bekleidete, und die Debatten um die Räumung des tödlichsten Lagers auf der Haifischinsel sind verzerrt wiedergegeben und entsprechen nicht dem Stand der Forschung. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive ist noch auf ein weiteres Problem hinzuweisen. Pitzer verweist zwar darauf, dass sie auf vier verschiedenen Kontinenten „on-site reporting“, Interviews und Archivrecherchen durchgeführt habe (S. IX), sie vermeidet es aber, zu spezifizieren, in welchen Archiven sie war und welche Bestände sie konkret genutzt hat. In den Endnoten verweist sie dann wiederholt auf Telegramme und Briefe, ohne anzugeben, wo diese zu finden sind. Dies ist besonders verwunderlich für Archivalien zu Südafrika, die etwa in der Bodleian Library in Oxford liegen, die die Autorin gar nicht besucht hat (etwa S. 421, Endnote 101). Auch geht sie mit Belegen insgesamt ausgesprochen sparsam um, was gerade dann problematisch erscheint, wenn sie etwa die Wannsee-Konferenz in zwei Sätzen erwähnt, ohne die zahlreichen unterschiedlichen Interpretationen hinsichtlich ihrer Bedeutung auch nur anzudeuten.

Schließlich handelt es sich bei „One Long Night“ keinesfalls um die erste Globalgeschichte der Konzentrationslager, wie der Klappentext postuliert. Erst kürzlich hat Dan Stone eine – zugegebenermaßen – deutlich kürzere Variante vorgelegt, und bereits im Jahr 2000 veröffentlichten Joël Kotek und Pierre Rigoulot mit „Le Siècle des Camps“ einen sehr umfangreichen Vorläufer, der allerdings nie ins Englische übersetzt wurde. [2] Angesichts des grundsätzlichen Problems, dass sich eine Globalgeschichte der Lager von einer Person kaum kompetent erarbeiten lässt, kann man fragen, ob dieses Projekt nicht eher kollektiv angegangen werden sollte. Und tatsächlich gibt es einige neuere Versuche, die Expertise von Spezialistinnen und Spezialisten zu einzelnen Fällen auf gelungene Art und Weise zu bündeln. [3] Hierbei handelt es sich um die bislang fundiertesten Globalgeschichten des „Jahrhunderts der Lager“. Andrea Pitzers „One Long Night“ hingegen ist flüssiger geschrieben und richtet sich weniger an Historikerinnen und Historiker als an ein breiteres Laienpublikum. Aber auch diesem ist ihr Buch angesichts der aufgezeigten Mängel nur unter Vorbehalt zu empfehlen.

Anmerkungen:
[1] Zygmunt Bauman, Das Jahrhundert der Lager?, in: Mihran Dabag / Kristin Platt (Hrsg.), Genozid und Moderne, Bd. 1: Strukturen kollektiver Gewalt im 20. Jahrhundert, Opladen 1998, S. 81–99.
[2] Dan Stone, Concentration Camps. A Short History, Oxford 2017; Joël Kotek / Pierre Rigoulot, Le siècle des camps. Détention, concentration, extermination. Cents ans de mal radical, Paris 2000.
[3] Bettina Greiner / Alan Kramer (Hrsg.), Die Welt der Lager. Zur „Erfolgsgeschichte“ einer Institution, Hamburg 2013; für die Zeit bis ca. 1940 auch Christoph Jahr / Jens Thiel (Hrsg.), Lager vor Auschwitz. Gewalt und Integration im 20. Jahrhundert, Berlin 2013.

Zitation
Jonas Kreienbaum: Rezension zu: : One Long Night. A Global History of Concentration Camps. New York  2017 , in: H-Soz-Kult, 10.01.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28480>.
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Veröffentlicht am
10.01.2018
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