Cover
Titel
Theorie des Geldes zur Einführung.


Autor(en)
Paul, Axel T.
Erschienen
Hamburg 2017: Junius Verlag
Umfang
262 S.
Preis
€ 15,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hanno Pahl, Institut für Soziologie, Ludwig-Maximilians-Universität München

Für die letzten Jahre kann eine Konjunktur soziologischer Arbeiten zum Geld konstatiert werden.[1] Dies mag einerseits mit verstreuten Traditionslinien zusammenhängen, die es innerhalb der Soziologie immer gegeben hat. Dort wurden – oftmals in Abgrenzung zu ökonomisch-orthodoxen (in der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie fundierten) und in produktiver Anknüpfung an ökonomisch-heterodoxe Arbeiten (etwa des älteren ökonomischen Institutionalismus) – die monetären Strukturen moderner Gesellschaften analytisch aufgearbeitet. Es mag aber andererseits auch mit dem ab 2008 wieder angewachsenen allgemeinen Interesse an geldtheoretischen Fragestellungen zu tun haben. In Zeiten, in denen die gesellschaftliche Geldordnung ins Zentrum gesellschaftlicher Krisengeschehnisse und politischer Krisenbekämpfungsstrategien rückt, rücken vormalige SpezialistInnendiskurse ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Als gemeinsames Merkmal so gut wie aller einschlägigen aktuellen geldsoziologischen Beiträge kann eine Zurückweisung der innerhalb der Mainstream-Volkswirtschaftslehre bis heute dominanten tauschlogischen Grundkonzeptualisierung ausgemacht werden. Geld wird von Seiten der Geldsoziologie überwiegend eben nicht als „ein von individuellen Akteuren zur Optimierung ihrer Tauschchancen erdachtes Werkzeug“ (S. 10) begriffen, sondern als Medium bzw. „Verkörperung“ von Kredit- bzw. Schuldrelationen. Der Autor des hier zu besprechenden Einführungsbandes war mit seiner gewichtigen Schrift „Die Gesellschaft des Geldes“[2], die im Rahmen einer erweiterten Neuauflage auch die Krisengeschehnisse nach 2007 mit einbezieht[3], maßgeblich an der Konsolidierung einer solchen alternativen Sichtweise beteiligt. Das nun dezidiert als Einführung intendierte Buch beansprucht Axel Paul zu Folge „keine besondere Originalität, wohl aber eine gewisse Kohärenz“ (S. 9). Es richtet sich weniger an „Konkurrenten auf dem Gebiet der Geldtheorie“ (S. 10) – also FachökonomInnen – als vielmehr an „interessierte sozial-, kultur- oder geisteswissenschaftlich vorgebildete Laien“, denen der Autor plausibel machen möchte, „dass und warum das Geld ein ‚Gegenstand’ ist, den allein den Ökonomen und professionellen Anlegern zu überlassen ein intellektuelles Versäumnis und ein politisches Problem wäre“ (S. 10). Damit erweist sich das Buch auch als in besonderer Weise für einschlägige fachhistorische Forschungen anschlussfähig, etwa an aktuelle Beiträge zu einer historischen Epistemologie des Kapitalismus.[4]

Im ersten Kapitel resümiert und destruiert Paul die Tauschmitteltheorien des Geldes, die nach wie vor das Fundament mainstream-ökonomischer Forschung bilden. Als bemerkenswert hervorheben möchte ich hier insbesondere, dass Paul (S. 21ff.) sich nicht mit einer Kritik bescheidet, sondern auch Überlegungen zur bis heute andauernden Prominenz von Tauschtheorien anstellt. So lokalisiert er die Persistenz des tauschtheoretischen Mythos in seiner Stützfunktion für die bestehende Wirtschaftsordnung qua der Annahme einer Neutralität des Geldes, in Pfadabhängigkeiten wissenschaftlicher Theoriebildung sowie im gewöhnlich-alltäglichen Umgang mit Geld, der einem tauschtheoretischen Verständnis Vorschub leiste. Das zweite Kapitel – „Urszenen des Geldes“ – widmet sich detailliert den historischen Ursprüngen des Geldes. Hier wird gezeigt, dass Geld originär nicht als Tausch- sondern als Schuldentilgungsmittel fungierte und somit primär nicht-wirtschaftlichen Ursprungs ist. Gesondert wird unter anderem auf die Genese von Münzgeld eingegangen. Die entscheidende Leistung dieses Kapitels besteht darin, dass es Paul konzise gelingt, die zahlreichen historischen Arbeiten systematisch zu integrieren und – die Genese einzelner Geldfunktionen in den Blick nehmend – schrittweise zu einer Theorie des Geldes aufzuschichten.

Die Kapitel drei bis fünf adressieren die Eigenheiten monetärer Strukturen mit dezidiertem Bezug auf die Gegenwart: Im dritten Kapitel wird der Nexus von Geld und Finanzökonomie verhandelt. Ausgehend von der in der Zeitdimension liegenden Potenz des Geldes, „sich die Zukunft, wenn auch nicht zu erschließen, so doch offenzuhalten“ (S. 107), wird Keynes’ monetäre Theorie des Zinses gegenüber der realwirtschaftlichen Zinstheorie der Neoklassik stark gemacht. Dies wird fortgeführt mit Rekurs auf die mittlerweile weithin beachtete Theorie endogener Finanzmarktkrisen von Minsky (S. 125ff.), in der die Krisenhaftigkeit kapitalistischer Wirtschaften nicht – wie im ökonomischen Mainstream vorherrschend – über sogenannte exogene Schocks modelliert wird, sondern aus der immanenten Entwicklungslogik der Geldwirtschaft abgeleitet wird. Das vierte Kapitel widmet sich dem Terrain der Geldpolitik. Hier werden neben der Erläuterung der Ordnung eines zweistufigen, aus Geschäftsbanken und einer Zentralbank bestehenden Bankensystems – die den konstitutiv-politischen Charakter des kapitalistischen Geldes herausarbeitet – mit dem Phänomen der Bitcoins und dem Reformkonzept des Vollgeldes zwei aktuelle, quasi-idealtypische Reformvorschläge einer Vermarktlichung bzw. Verstaatlichung des Geldes kritisch diskutiert. Im abschließenden fünften Kapitel wird der Beitrag des Autors besonders als ein soziologischer erkennbar. In den beiden Unterkapiteln „Entfremdung und Fremdheit“ sowie „Geld und funktionale Differenzierung“ werden Strukturen, Effekte und Entwicklungstendenzen des Geldes (bzw. einer durchmonetarisierten Gesellschaft) in Engführung mit soziologischen Kerntheoremen und Zeitdiagnosen diskutiert.

Das Buch, das in deutscher Sprache keine vergleichbaren Konkurrenzprodukte kennt, wird seinem Einführungscharakter über die weitesten Strecken gerecht, ohne dabei substanzielle Verkürzungen zu produzieren. Die Lektüre ist zwar anspruchsvoll, was sich beim Thema Geld kaum vermeiden lässt, aber nur wenig voraussetzungsreich.

Als offene Fragen oder Punkte zum Weiterdenken möchte ich zunächst zwei eher innerakademische Problemlagen markieren. Erstens wäre zu eruieren, in welcher Weise der Soziologie des Geldes stärker im Feld „normalwissenschaftlicher“ wirtschaftssoziologischer Forschung Geltung verschafft werden könnte. Insbesondere seit dem Aufstieg der New Economic Sociology hat sich wirtschaftssoziologische Forschung zunehmend auf marktsoziologische Fragestellungen verengt, wobei die Institution des Geldes kaum aus eigenem Recht thematisiert wurde. Insbesondere mit den Rekursen auf einschlägige Reformkonzepte sowie das Spannungsfeld von Ökonomisierung und Differenzierung präsentiert Paul Einstiegspunkte, die Geldsoziologie stärker mit gegenwartsbezogener empirischer Forschung zu verknüpfen.

Zweitens wäre zu prüfen, inwieweit die Soziologie des Geldes näher an aktuelle Entwicklungen innerhalb der heterodoxen Ökonomik angebunden werden könnte. Die bis dato vorliegenden historisch und „qualitativ“ argumentierenden Arbeiten – denen auch das Buch von Paul zuzurechnen ist – können zwar die basalen Dynamiken der modernen Geldökonomie hinreichend einfangen und abbilden. Es wäre aber wichtig, mit jüngeren Entwicklungen im Feld passförmiger heterodoxer Ökonomik Schritt zu halten. Hardy Hanappi sieht agentenbasierte Modellierungen beispielsweise als profundes Mittel „to provide a way between Scylla and Charybdis, between the arcane dream worlds of mainstream, general equilibrium economists and the jungle of sociological singularities that leaves us in a forest of contradictory case studies“.[5] Agentenbasierte Modellierungen als mikrofundierte Simulationen von heterogenen Agentenpopulationen besitzen gegenüber den in der Mainstream-Ökonomik vorherrschenden Modellierungsweisen den Vorteil, auf allzu rigide und unrealistische Axiome (etwa das Postulat vollständiger Informationen sowie die Annahme eines repräsentativen Akteurs) verzichten zu können. Sie eignen sich aus diesem Grunde auch wesentlich besser zur experimentellen Umsetzung wirtschaftssoziologischer Theoriedesigns. Bisher wird innerhalb der Soziologie zu solchen und ähnlichen Weisen der Formalisierung eigentlich nur seitens des schmalen Segments der analytischen Soziologie beigetragen, dabei drängen sie sich im Fall des Geldes als auch quantitativem Phänomen geradezu auf.

Schließlich möchte ich abschließend und drittens einen politischen Aspekt kritisch benennen. Die von Axel Paul vorgeschlagenen Reformvorschläge für eine stärkere Demokratisierung der Geldpolitik (S. 191ff.) fallen relativ verhalten aus. Sie beschränken sich vornehmlich auf Hinweise/Forderungen, wonach „gewählte Organe eines Gemeinwesens die Zentralbank auch mit anderen Aufgaben [als Geldwertstabilität, H.P.] beauftragen oder andere Aufgaben priorisieren“ könnten (S. 192), oder darauf, „die Vorstände der Zentralbanken nicht allein aus dem Bank- und Börsenwesen sowie der academic community zu berufen, sondern auch Vertreter etwa der Gewerkschaften, der Kirchen, der Rententräger und der Sparer und Kleinanleger mit Grundsatzentscheidungen zu betrauen“ (S. 193).

Stellt man in Rechnung, dass im Gefolge der jüngsten Weltwirtschaftskrise zwar mit einigem Aufwand öffentliche Geldordnung und privates Bankensystem gerettet bzw. vorläufig stabilisiert werden konnten, zugleich aber die Zustimmung zu den etablierten Gesellschafts- und Geschäftsordnungen deutlich zu erodieren scheint, oftmals zu Gunsten alles andere als emanzipatorischer Alternativen, so mag man sich hier – der Rezensent jedenfalls tut dies – Reformperspektiven mit deutlich weniger angezogener Handbremse wünschen. In Rechnung zu stellen wäre, dass sich Reformbestrebungen jüngeren Datums, die primär am Geldsystem angesetzt haben – man denke an die Versuche der Einführung einer Tobin-Tax oder an die kurzlebige Occupy-Bewegung – keine nachhaltige Durchschlagskraft entwickeln konnten. Es könnte geboten sein, hier stärker an der Einheit oder strukturellen Kopplung von Produktion und Zirkulation anzusetzen, beispielsweise in der Weise, wie Nick Srnicek und Alex Williams dies in „Inventing the Future. Postcapitalism and a World Without Work“ skizziert haben [6], als Forderungen nach Vollautomatisierung und bedingungslosem Grundeinkommen.

Anmerkungen:
[1] Etwa André Orléan, The Empire of Value. A New Foundation for Economics, London 2014; Aaron Sahr, Das Versprechen des Geldes. Eine Praxistheorie des Kredits, Hamburg 2017; Tobias Kohl, Geld und Gesellschaft. Zu Entstehung, Funktionsweise und Kollaps von monetären Mechanismen, Zivilisation und sozialen Strukturen, Marburg 2014.
[2] Axel T. Paul, Die Gesellschaft des Geldes. Entwurf einer monetären Theorie der Moderne, Wiesbaden 2004.
[3] Axel T. Paul, Die Gesellschaft des Geldes. Entwurf einer monetären Theorie der Moderne, 2., erw. Aufl., Wiesbaden 2012.
[4] Siehe etwa Mischa Suter, Rechtstrieb. Schulden und Vollstreckung im liberalen Kapitalismus 1800–1900, Konstanz 2016. Rezensiert von Monika Wienfort in: H-Soz-u-Kult, 20.12.2016, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25951 (05.02.2018).
[5] Hardy Hanappi, Agent-Based Modelling. History, Essence, Future, München 2017, S. 2, https://mpra.ub.uni-muenchen.de/79331/1/MPRA_paper_79331.pdf (05.02.2018).
[6] Nick Srnicek / Alex Williams, Inventing the Future. Postcapitalism and a World Without Work, erw. Aufl., London 2016.

Zitation
Hanno Pahl: Rezension zu: : Theorie des Geldes zur Einführung. Hamburg  2017 , in: H-Soz-Kult, 15.02.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28497>.