C. Rosillo-López (Hrsg.): Political Communication

Cover
Titel
Political Communication in the Roman World.


Hrsg. v.
Rosillo-López, Cristina
Erschienen
Umfang
VII, 284 S.
Preis
€ 115,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sebastian Bauer, Sonderforschungsbereich "Helden - Heroisierungen - Heroismen", Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Der anlässlich einer 2015 in Sevilla stattfindenden Konferenz herausgegebene Sammelband von Cristina Rosillo-López lässt sich mit seinem Thema der ‚Political Communication in the Roman World‘ neben jüngere Publikationen ähnlicher Thematik einreihen. [1] Im Unterschied hierzu fokussiert der vorliegende Tagungsband jedoch auf einen „long-term approach“ und untersucht das Feld der Politischen Kommunikation in Republik und Prinzipat bis zur Spätantike gleichermaßen. Durch diesen diachronen Ansatz sollen folgende Fragehorizonte näher beleuchtet werden: Was konstituiert Politische Kommunikation in der römischen Welt; was macht Politische Kommunikation erfolgreich; und mit welchen Instrumentarien und Mechanismen drückt sie sich aus und wird tradiert (S. 3)? Hierzu versammelt der Band nach einer knappen Einführung der Herausgeberin (S. 1–13), die vor allem auf die definitorische Schwierigkeit des vielschichtigen Untersuchungsgegenstands Politische Kommunikation in der Forschung abstellt (S. 1f.), elf Beiträge einschlägiger Autoren in ausschließlich englischer Sprache, untergliedert in fünf Kapitel.

Das einführende erste Kapitel ‚Speech and Mechanisms of Political Communication‘ (S. 15–51) beinhaltet zwei Beiträge und will die Grenzen und Mechanismen Politischer Kommunikation näher bestimmen. Catherine Steele plädiert in ihrem Beitrag ‚Defining Public Speech in the Roman Republic: Occasion, Audience and Purpose‘ (S. 17–33) gegen den dem heutigen Leser von publizierten Reden vermeintlich aufkommenden Gedanken einer oratio perpetua des antiken Redners. Zugleich wird von Steele auch auf die variable Örtlichkeit der Rede abgestellt, die im Senat, den iudicia publica, den contiones oder als consilium stattfinden konnte. Auf die informellen consilia richtet sich auch das Interesse von Cristina Rosillo-López’ ‚Informal Conversations between Senators in the Late Roman Republic‘ (S. 34–51), die mit ihrem Beitrag Strategie und Ablauf persönlicher Kommunikation zwischen Mitgliedern der politischen Elite nachzuzeichnen versucht. Vorherrschend ist dabei das Bild einer „face-to-face communication“ (S. 38f.) unter Senatoren.

Das zweite Kapitel ‚Political Communication at a Distance‘ (S. 53–136) wird eingeleitet von Jeffrey Tatums ‚Intermediaries in Political Communication: Adlegatio and its Uses‘ (S. 55–80), ein Beitrag, der teilweise durchaus als Gegenentwurf zu den zuvor skizzierten Überlegungen von López’ „face-to-face communication“ zwischen der senatorischen Elite verstanden werden kann. Tatum behandelt in seinen Ausführungen die Praxis der sogenannten adlegatio, die Sendung eines persönlichen Repräsentanten, um in Austausch mit Vertretern der Nobilität zu treten und so eigene Interessen zu vermitteln und durchsetzen zu können (S. 56f.). Durch diesen Stellvertreter sei vor allem die im direkten Kommunikationsakt ständig drohende Gefahr einer etwaigen Kompromittierungen oder des Statusverlusts für nobiles unterbunden worden.

Das zweite Kapitel beschließen die Beiträge von Francisco Pina Polo zu ‚Circulation of Information in Cicero’s Correspondence of the Years 59–58 BC‘ (S. 81–106) und Juan Manuel Cortés-Copetes ‚Governing by Dispatching Letters: The Hadrianic Chancellery‘ (S. 107–136). Geht es Pina Polo primär um die Distribuierung von informellen Zeugnissen und das Problem einer Privatperson, über Ereignisse in Rom informiert zu werden, so betrachtet Cortés-Copete, wie Kaiser Hadrian durch offizielle Zeugnisse wie epistula und rescripta in die Verwaltung der Provinzen aktiv eingreift. Vor dem Hintergrund von Pina Polos Untersuchungsgegenstand bildet sein Frageansatz eine dem Band zugutekommende diachrone Perspektive, die sich zugleich explizit bemüht, das mit Fergus Miller verbundene Forschungsparadigma eines nur passiv, nach Anfragen von den jeweiligen poleis durch ein sogenanntes ‚Petion-and-Response‘ Modell (S. 112f.) reagierenden – und so zugleich regierenden – Kaisers einmal mehr zu hinterfragen. ‚Petion-and-Response‘ wird hierbei umgedeutet als Resultat einer genuin imperialen Initiative (S. 122–125), Hadrian schlussendlich zum „active agent“ gemacht (S. 133), dessen Reisen durch das gesamte Imperium eine neue Art der Regierungspraxis darstellen, um mit den Lokalen in einen stetigen kommunikativen Austauschprozess zu treten (S. 127f.). Diese auf ständige neue Aushandlung und Kommunikationsbereitschaft gründende Herrschaftspraxis einer konsensorientierten Entscheidungsfindung interpretiert Cortés-Copete neu als Form von Hadrians Konzepts eines „integrated managment“ (S. 130–133).

Das dritte Kapitel ‚Political Communication, a Bottom-up Approach‘ (S. 137–178) stellt die Frage, „how people express their opinions to the elite“ (S. 3). Die beiden Beiträge von Cyril Courrier ‚The Roman Plebs and Rumour: Social Interactions and Political Communication in the Early Principate‘ (S. 139–164) und Julio Cesar Magalhães de Oliveiras‚The Emperor is Dead! Rumours, Protests, and Political Opportunities in Late Aniquity‘ (S. 165–178) untersuchen dies am Beispiel des Gerüchts (rumour). Courrier interpretiert Gerüchte (rumor, fama, sermones populi) in seinem Beitrag als soziale Praxis, mittels derer die plebs urbana kommuniziert und mit Princeps, Senat und Heer sozial interagiert. Gerüchte werden hier verstanden als „collective action“, insofern sie als „‚communicational lever‘ for public interventions“ dienten (S. 142f.). Dadurch, stipuliert Courrier, können Rückschlüße auf eine „collective plebeian imagination“ oder deren „collective conscience“ erfolgen, in der „rumour acted as an indicator of opinions, values and attitudes.“ (S. 156f.) Neben diesen stellenweise wohl zu weit reichenden Schlüssen über Tragweite und Möglichkeiten einer historischen rumor-Analyse, merkt man dem Beitrag eine mit Teilen der Forschung nicht einhergehenden Überinterpretation im Hinblick auf die Signifikanz der plebs im politischen Entscheidungsprozess innerhalb der res publica an.[2]

Die Überlegung des Gerüchts als Kampfplatz der Deutungshoheiten verschiedener sozialer Gruppen und mithin als ‚collective deliberation‘ liegt dem in der Spätantike situierten Beitrag von de Oliveiras zugrunde. Der Autor plädiert dafür, dass Gerüchte über den Verbleib eines Princeps als „window of opportunity“ und als Methode, die Massen zu mobilisieren (S. 166), verstanden werden können. Sein Beitrag zeichnet sich vor allem durch das Verdienst aus, das Forschungsfeld der antiken Gewaltforschung mit dem der politischen Kommunikation verbunden zu haben. Gewaltakte und die ihnen zu Grunde liegenden Gerüchte können so nicht nur als Handlungen um ihrer selbst willen gedeutet werden oder erschöpfen sich lediglich in der Interpretation ihrer Umstände, sondern werden vielmehr zu „processes of commentary and interpretation of facts that enabled […] social actors to evaluate their political environment“ (S. 176).

Das vierte Kapitel ‚Failure of Political Communication‘ (S. 179–227) liefert Fallstudien für historische Formationen, in denen politische Kommunikation versagt bzw. nicht stattfinden kann. Der erste Beitrag von Antonio Duplá Ansuategui ‚Incitement to Violence in Late Republican Political Oratory‘ (S. 181–200) schließt hierbei auch insofern direkt an de Oliveira an, als auch hier Gewalt verstanden wird als „result of certain social and political relationships“ (S. 182). Jedoch stärker als zuvor bei de Oliveira wird hier am Beispiel ciceronischer Reden auf einen bloß affirmativen, ja instrumentalisierenden Charakter im Hinblick auf Gewaltaufforderungen in der Rhetorik abgehoben. Das Kapitel beschließt der luzide Beitrag von Martin Jehne‚Why the Anti-Caesarians Failed: Political Communication on the Eve of Civil War (51 to 49 BC)‘ (S. 201–227).

Das fünfte und zugleich letzte Kapitel hat den Themenschwerpunkt ‚Representations of Political Communication‘ (S. 229–278). Im Blickpunkt steht hier, ob und wie politische Kommunikation, die stets augenblicksgebunden scheint, fortzuleben vermag und sich in Rezeptionsprozessen widerspiegelt. Beide Beiträge situieren sich thematisch in der hohen Kaiserzeit: Henriette van der Blom in ‚The Reception of Republican Political Communication: Tacitus’ Choice of Exemplary Republican Orators in Context‘ (S. 231–252) untersucht Tacitus’ Dialogus und vergleicht die in diesem Text vorgenommenen Kriterien und Wertungen über republikanische Redner mit den Texten von Quintilian, Plinius d.J. und Velleius. In dieser Rezeptionsästhetik seien apolitische Stilbelange zum entscheidenden Kriterium der Nachwirkung und des Fortlebens republikanischer Rhetoren geworden, so ihre These. Rosario Moreno Soldevilas Aufsatz ‚Retouching a Self-portrait (Or How to Adapt One’s Image in Times of Political Change): The Case of Martial in the Light of Pliny the Younger‘ (S. 253–178) wiederum blickt auf Plinius und Martial im Hinblick auf die Neukreation, Umdeutung und Stilisierung der literarischen Person nach Zeiten politischer Umbrüche (S. 260f.). Im Zentrum der Überlegungen steht hierbei das 10. Buch der Epigramme Martials.

Der Publikation sind abschließend zwei Indices beigegeben, ein Namens- und ein Sachverzeichnis. Die Benutzung wird des Weiteren dadurch erleichtert, dass am Ende jedes Aufsatzes die verwendete Literatur nochmals gesondert aufgeführt wird. Aus diesem Grund kann auch das Fehlen einer den Band beschließenden Gesamtbibliographie als verzeihlich erachtet werden.

Der Sammelband kann, obgleich die Qualität der einzelnen Beiträge durchaus divergiert, als nützliches Instrumentarium und weiterführender Beitrag für die Erschließung eines so disparaten Feldes wie das der Politischen Kommunikation in der römischen Welt angesehen werden. Der Versuch, Politische Kommunikation in einer diachronen, longue durée-Perspektive zu deuten und zu vergleichen, kann als gelungene Bereicherung gegenüber Publikationen mit ähnlichem Frageansatz erachtet werden. Besonders die Themenbeiträge zum Gerücht und zur Verbindung von Politischer Kommunikation und Gewalt spiegeln neue – im Einzelnen durchaus kontroverse – Perspektiven und Frageansätze wider, die ein weiterhin attraktives Forschungsfeld bieten werden.

Anmerkungen:
[1] Christiane T. Kuhn (Hrsg.), Politische Kommunikation und öffentliche Meinung in der antiken Welt, hrsg. v., Stuttgart 2012; Catherine Steel / Henriette van der Blom (Hrsg), Community and Communication. Oratory and Politics in Republican Rome, Oxford 2013; Henriette van der Blom / Christa Gray / Catherine Steel (Hrsg.), Institutions and Ideology in Republican Rome. Speech, Audience and Decision, Cambridge 2018.
[2] Karl-J. Hölkeskamp, Reconstructing the Roman Republic: An Ancient Political Culture and Modern Research, 2. überarb. Aufl., Princeton 2010 (1. Aufl. 2004), S. 1–11 und S. 76–97.

Zitation
Sebastian Bauer: Rezension zu: Rosillo-López, Cristina (Hrsg.): Political Communication in the Roman World. Leiden  2017 , in: H-Soz-Kult, 08.10.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28533>.
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08.10.2018
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