Cover
Titel
Rudolf von Habsburg.


Autor(en)
Krieger, Karl-Friedrich
Erschienen
Darmstadt 2003: Primus Verlag
Umfang
294 S., 8 s/w-Abb., 1 Karte
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Hillen, Stiftung Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsarchiv zu Köln

Genau einhundert Jahre ist es her, dass Oswald Redlich seine große Biografie Rudolfs von Habsburg vorlegte. [1] Einhundert Jahre, in denen die Erforschung des deutschen Mittelalters enorme Fortschritte gemacht und in denen sie sich neuen Themen zugewandt hat. Zeit sich erneut mit dem ersten Habsburger auf dem deutschen Königsthron zu beschäftigen und zu sehen, welche neuen Aspekte die neuere Geschichtsschreibung seiner Biografie hinzufügen kann. Dieser Aufgabe hat sich Karl-Friedrich Krieger gewidmet und für die Reihe „Gestalten des Mittelalters und der Renaissance“ einen kompakten Band verfasst.

Zur Lebensgeschichte Rudolfs im engeren Sinne gab es, nach Redlichs großem Wurf von rund 800 Seiten kaum noch etwas hinzuzufügen. Erklärtermaßen diente dieses Standardwerk daher als Grundlage für Kriegers Neufassung, die sich stärker dem Umfeld und den allgemeinen Rahmenbedingungen von Rudolfs Königsherrschaft zuwendet. So erörtert Krieger in einem ersten Abschnitt ausführlich die Ausgangslage in den Habsburgischen Stammgebieten in Südwestdeutschland. Noch bevor er zu den regionalen Machtkonstellationen kommt, werden Wirtschafts- und Sozialstruktur, Mentalitäten, Adelsherrschaft im Allgemeinen und die Herkunft der Habsburger im Besonderen abgehandelt. „Abgehandelt“ scheint für diesen ersten Abschnitt der richtige Ausdruck zu sein, denn in stark schematischer Weise werden hier die einzelnen Themengebiete aneinandergereiht, ohne dass so recht ersichtlich würde, wie sie mit Rudolf von Habsburg zusammenhängen.

Richtig in Fahrt kommt Kriegers Darstellung erst, als sie sich konkret dem Leben Rudolfs zuwendet. Zunächst untersucht der Verfasser dessen Ausgangslage als Graf von Habsburg im Deutschland der zu Ende gehenden Stauferherrschaft. Er schildert seinen Aufstieg zum Königtum, wobei es Krieger deutlich besser als im Eingangskapitel, in gleichsam organischer Weise gelingt, die allgemeinen politischen Rahmenbedingungen der „kaiserlose[n], [der] schreckliche[n] Zeit“ mit dem Leben Rudolfs zu verbinden. Gestützt auf neuere Forschungen zum Interregnum [2] gelingt es ihm zu zeigen, dass man für die Zeit des so genannten Interregnums zwar nicht von anarchischen Zuständen sprechen kann, sich im Südwesten des Reichs aber doch einigermaßen deutliche Zeichen für vergleichsweise größeren Unfrieden finden lassen.

Ganz deutlich stellt Krieger auch die Weichenstellung für die europäische Geschichte heraus, die in dem Sieg Rudolfs über seinen böhmischen Thronrivalen auf der einen und die Belehnung seines Sohnes mit den österreichischen Ländern auf der anderen Seite zukommen. Das erste Ereignis bildete „die Grundlage für bedeutsame, weit in die Zukunft reichende politische Veränderungen in Mitteleuropa“: Es „ermöglichte nicht nur den Aufstieg der Habsburger zu einer wirklichen Königs- und Großdynastie, sondern legte auch den Grundstein für die Entstehung eines neuen Donaureiches, in dem nicht Böhmen, sondern die österreichischen Länder das machtpolitische Zentrum bilden sollten“ (S. 153). Das zweite Ereignis sorgte für die juristisch-konstitutive „Begründung der habsburgischen Herrschaft in den österreichischen Ländern, die sich zugleich als Fundament eines späteren habsburgischen Großreiches erweisen sollte, […] dessen Auswirkungen noch bis in unsere Gegenwart hinein spürbar sind“ (S. 160). Das Interregnum erscheint unter diesen Gesichtspunkten gar nicht mehr so sehr als Umbruchs-, sondern vielmehr als Stagnationsphase. Die zukunftsweisenden politischen Umbrüche sind offensichtlich, der Regierungszeit Rudolfs von Habsburg zuzuordnen.

Auch in seiner Beurteilung der Herrschaftspolitik Rudolfs weist Krieger immer wieder darauf hin, dass sich der König zwar in der staufischen Tradition gesehen und mit seiner Landfriedens- und Revindikationspolitik – also dem Versuch, verloren gegangenes Reichsgut wieder für das Reich zurück zu gewinnen – auch praktisch daran angeknüpft habe. Dies sei aber nur die eine Seite der Medaille, denn auf der anderen Seite „konnte und wollte Rudolf die Politik der Staufer nicht einfach fortsetzen“. Mit „der Schaffung einer eigenen Hausmacht, die als Herrschaftsbasis für die Dynastie und zugleich für ein starkes habsburgisches Königtum in der Zukunft dienen sollte“ (S. 246), beschritt er daher durchaus neue Wege.

Krieger weist gegen Ende seiner Darstellung nochmals deutlich auf die bisher etwas vernachlässigte Quellengattung der Anekdoten hin, die, wenn sie auch teilweise als habsburgische Herrschaftspropaganda erwiesen wurden, wichtige Informationen über die Persönlichkeit und die Person Rudolfs beisteuern können.

Schließlich wendet er sich zu Recht gegen die Abqualifizierung Rudolfs als „kleiner König“. Für ihn „war er [Rudolf] aufgrund seiner Fähigkeiten und Tatkraft kein ‚kleiner‘ sondern ein bedeutender König“ (S. 255). Dies gilt zumal vor dem Hintergrund des vorhin Gesagten.

Ist diese Rudolf-Biografie im Wesentlichen sehr gelungen, so gilt es am Ende doch noch einige Petitessen zu kritisieren. Zunächst ist auf eine Datumsverwirrung hinzuweisen (S. 190). Zweimal wird das Jahr 1275 genannt, wo eigentlich 1285 gemeint ist. Ohne geschmäcklerisch sein zu wollen, ist weiterhin die an einigen Stellen etwas „altbackene“ Sprache zu bemerken. Formulierungen wie „[…] als Rudolf in Erfurt hofhielt und mit starker Hand ordnend in die Geschicke des Landes und der dazugehörenden Reichsstädte eingriff, […]“ (S. 222) oder „Der König musste persönlich eingreifen, um ihn vor dem allgemeinen Volkszorn zu schützen“ klingen in den Ohren des modernen Lesers doch etwas merkwürdig.

Dies tut dem Gesamteindruck jedoch keinen Abbruch. Mit diesem Band erfahren das Leben und die Leistungen Rudolfs von Habsburg zwar keine grundlegend neue und auf breiter Quellenbasis angelegte Untersuchung; dass die Biografie Redlichs gleichsam als Gerüst der Darstellung Kriegers zugrunde liegt, ist durchgängig zu spüren. Das Verdienst der vorliegenden Biografie ist es vielmehr, eine auf den Erkenntnissen der neueren Forschung beruhende Neubewertung von Leben und vor allem Leistung des Habsburgers vorzunehmen. Dies gelingt Krieger in einem angenehm knapp gehaltenen Überblick, der dem Studienanfänger als Einstieg und dem Forscher als Orientierung ausgesprochen nützliche Dienste erweist.

[1] Redlich, Oswald, Rudolf von Habsburg. Das deutsche Reich nach dem Untergange des alten Kaisertums, Innsbruck 1903.
[2] Besonders Kaufhold, Martin, Deutsches Interregnum und europäische Politik. Konfliktlösungen und Entscheidungsstrukturen 1230-1280 (MGH Schriften 49), Hannover 2000 (vgl. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=818).

Zitation
Christian Hillen: Rezension zu: : Rudolf von Habsburg. Darmstadt  2003 , in: H-Soz-Kult, 26.06.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2855>.
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Veröffentlicht am
26.06.2003
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