J. N. Munier: Sexualisierte Nazis

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Titel
Sexualisierte Nazis. Erinnerungskulturelle Subjektivierungspraktiken in Deutungsmustern von Nationalsozialismus und italienischem Faschismus


Autor(en)
Munier, Julia Noah
Umfang
406 S.
Preis
€ 39,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Veronika Springmann, Freie Universität Berlin

Männliche Homosexualität wurde seit Beginn des 20. Jahrhunderts diskursiv verknüpft mit einer Bedrohung für den Staat. Die in diesem Kontext entstandene Figur des „homosexuellen Staatsfeindes“ wurde bereits vor dem Nationalsozialismus auch von linker Seite aufgegriffen; es entstand die Figur des homosexuellen Nazis, die von Exillinken perpetuiert wurde und bis heute Bestand hat.[1] Während des Schreibens dieser Rezension stolperte ich an einem Ort in Brandenburg über ein Graffiti: „Nazis in den Arsch ficken“. Die in diesem Graffiti verzahnte Homophobie mit Vergewaltigungsphantasien hat offenbar eine Geschichte – eine, die bis heute nachhallt.

Ausgangspunkt der Studie von Julia Noah Munier ist die Feststellung, dass „sexualisierte Nazifiguren“ fester Bestandteil visueller Repräsentationen des Nationalsozialismus und des Holocaust seien (S. 13). Muniers Interesse richtet sich darauf „wie im Rahmen filmischer und literarischer Repräsentationen spezifische Subjektpositionen und Subjektformen offeriert werden“ (S. 33). Die Frage, die Munier daran anschließt, nämlich „wie die Medienrezipient/innen […] zu spezifischen ‚Einpassungen‘ befördert werden und damit als spezifische Subjekte gebildet werden, bzw. sich selbstbilden“, kann letztlich mit dem empirischen Material nicht abschließend beantwortet werden. Wenn, wie Munier schreibt, die „Praktiken der Bedeutungsproduktion“ als „Praktiken der Subjektivierung“ zu verstehen sind, Subjektivierung als ein „doing culture“ und als eine kulturelle Praxis „in the making“ (S. 33) verstanden wird, stellt sich am Ende die Frage, von welchen spezifischen Subjekten die Rede ist.

Das von Julia Noah Munier untersuchte Material umfasst filmische Repräsentationen in Deutschland und Italien von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart. Unterfüttert werden diese von literarischen Auseinandersetzungen mit Nationalsozialismus bzw. italienischem Faschismus und darüber hinaus kontrastiert und in Beziehung gesetzt mit zeitgenössischen erinnerungskulturellen Auseinandersetzungen.

Munier kann mit ihren Fragestellungen in vielerlei Hinsicht an bestehende Forschungen anknüpfen, genannt seien die Überlegungen von Sigrid Schade und Silke Wenk zur visuellen Kultur. Zentrale Einsicht von Wenk und Schade ist es, die sogenannte Macht der Bilder als ein Begehren zu verstehen, welches sich in Praktiken der Bildproduktion und -rezeption äußert. Daraus entwickelten die beiden Kunsthistorikerinnen die Frage, die für Muniers Analyse zentral ist: „Wo wird wem was und wie zu sehen gegeben, oder wo ist wem was und wie unsichtbar gemacht“?[2]

Der Aufbau der Studie umfasst sechs Kapitel. In den ersten beiden werden Fragestellung und theoretisches Programm aufgefächert. Die Kapitel drei bis sechs bilden den inhaltlich-analytischen Teil und sind chronologisch geordnet.

Im dritten Kapitel, das durchaus als Kernstück der Arbeit betrachtet werden kann, zeigt Munier zunächst, wie Personen, die mit dem Nationalsozialismus assoziiert wurden, „als politisch-historisch Andere figuriert“ wurden (S. 67). Für diese Form des „Othering“ oder auch des „VerAndert werdens“[3] sei Sexualität bzw. Repräsentation von Sexualität entscheidend gewesen, so Munier im Anschluss an Dagmar Herzogs Studie „Die Politisierung der Lust“.[4] Der „homosexualisierte Nazi“ wird nicht nur fester Bestandteil visueller Darstellungen, sondern auch eine wichtige Figur in Nachkriegsliteraturen, wie bspw. Heinrich Bölls „Der Zug war pünktlich“ (1949) oder Alfred Anderschs „Die Rote“ (1960). Gerade in links-liberalen und antifaschistischen Kreisen zirkulierte die Figur des „homosexualisierten Nazis“. Munier weist informiert auf diese Tradition hin. Anhand der von ihr analysierten Filme wie „Des Teufels General“ (1955) oder „Am grünen Rand der Spree“ (1960) zeigt sie, wie einerseits (stabile) heterosexuelle Liebesbeziehungen und die damit verbundenen heteronormativen Geschlechterbilder als Ideal und Identifikationsfiguren in Szene gesetzt wurden, gleichzeitig aber Nationalsozialismus in der bzw. durch die sexualisierte(n) Darstellung als das Andere, das zu Überwindende, inszeniert wurde. Dies führte, so Muniers schlüssige Argumentation, zur Rehabilitation der hegemonialen Männlichkeit.

Sexualisierte Deutungsmuster finden sich auch in italienischen Nachkriegsfilmen. Hier nimmt sie vor allem neorealistische Spielfilme wie bspw. „Roma città aperta“ (Roberto Rosellini, 1945) in den Blick, der gerade was sexualisierte Deutungsmuster und Abgrenzungen angeht, als grundlegend erachtet werden kann.[5] Im italienischen Film war es vor allem der Zeitraum der deutschen Besatzung, der visualisiert wurde, während die eigene faschistische Geschichte eher in den Hintergrund rückte.

Auch nach 1968, so Munier im vierten Kapitel, wurden im deutschen wie im italienischen Film Repräsentant/innen des Nationalsozialismus bzw. Faschismus weiterhin „als sexualisierte, dekadent figurierte Andere zu sehen gegeben“ (S. 241). Beeinflusst durch das veränderte Täterbild, den Eichmann-Prozess und den Frankfurter Auschwitzprozess griff eine neue Generation von Filmemacher/innen zu einem anderen Deutungsmuster, nämlich dem der sexuellen Repression. Autoren wie Wilhelm Reich, die bereits in den 30er-Jahren einen Zusammenhang zwischen unterdrückter Sexualität, autoritärem Charakter und Nationalsozialismus postuliert hatten, wurden von der entstehenden Student/innenbewegung wiederentdeckt. Das führte zu anderen Erklärungsmustern, wie Munier am Beispiels des 1951 erschienenen Romans „Il conformista“ von Alberto Moravia zeigt. Der Protagonist sei nicht aus politischer Überzeugung zu einem Faschisten geworden, sondern um – gerade wegen seiner Homosexualität – konform sein zu können (S. 255). Die Topoi der Überwindung des „autoritären Charakters“ und einer „befreiten Sexualität“ wurden zunehmend ins Zentrum gerückt. Welchen Einfluss dies auf visuelle Repräsentationen hatte, zeigt Munier am Beispiel des Filmes „Der junge Törless“ (Volker Schlöndorff, 1966). Abgelöst worden sei aber dennoch nicht das Vorstellungsbild des sexuell „devianten“ Nazis; diese Figur habe vielmehr eine Ergänzung und damit eine Verschiebung erfahren (S. 271). Insbesondere die Filme von Luchino Visconti („La caduta degli dei“, 1969), Werner Schroeter („Der Bomberpilot“, 1970) und Pier Paolo Pasolini („Salò o le 120 giornate di Sodoma“, 1975) hätten die bisherigen Deutungsmuster in Frage gestellt und könnten auch als Versuch gelesen werden, bisherige erinnerungskulturelle Praktiken zu reflektieren (S. 299).

Im fünften, „Zwischen Re-produktion, Reflexion und Analyse von Faszination“ überschriebenen Kapitel beschäftigt sich Julia Noah Munier mit neueren Inszenierungen. Sie führt ein in die Arbeit „Economical love (Pussy Control)“ der Künstlerin Elke Krystufek, die 1998 anlässlich der XXIV Biennale in São Paulo ausgestellt wurde. Collagiert wurden von der Künstlerin Standbilder bekannter Nazi-Filmfiguren zusammen mit Bildern ihres eigenen Körpers. In dieser Collage sei „eine Ähnlichkeit in der Blick-Ökonomie auf Nazifiguren und auf nackte weibliche Körper thematisiert“ worden (S. 303). Der Künstlerin gelinge es, den Zusammenhang zu zeigen, „zwischen dem Anschauen von filmischen Nazifiguren […] und einer Schaulust auf das Sensationelle, das Nie-gesehene des weiblichen Körpers, und vermag es damit, den Blick auf Nazis zugleich als einen mit einem spezifischen Begehren aufgeladenen und voyeuristisch-strukturierten Blick auszustellen“ (S. 303).

Julia Noah Munier stellt die These auf, dass „zwischen der erneuten Konjunktur sexualisierter Deutungsmuster und dem Nachlassen einer willentlichen Auseinandersetzung mit der deutschen NS-Geschichte ein Zusammenhang besteht“ (S. 340). Das klingt einfach einleuchtend; doch gerade deswegen und weil Muniers Studie ausgesprochen kompliziert angelegt ist, hätte man sich – gemäß ihrem Plädoyer für ein kritisches „Hinsehen“ (S. 347) – ein komplexeres Ausleuchten dieses Zusammenhangs gewünscht. Weiter argumentiert sie, dass sexualisierte Deutungsmuster nicht nur einen exkulpativen Charakter haben, [....] sondern sie scheinen strukturelle oder sozio-historische Fragen nach dem Wie und Warum zu unterbinden und „komplexitätsreduzierend“ aufzulösen.“ (S. 340). Was das aber genau bedeutet, lässt die Autorin offen.

Die Analysen des von ihr herangezogenen Materials sind beeindruckend und ihre Filmanalysen konzise ausgeleuchtet. Munier schafft es immer wieder, diese mit der Gesellschafts- und Ereignisgeschichte zu verschränken. Doch das Lesen der Studie bleibt beschwerlich, große Fragen werden angerissen, können aber letztlich nicht beantwortet werden. Sexualisierte Deutungsmuster haben, so die Autorin, eine „ganz eigene Faszination“, die „immer auch im Zusammenhang steht mit der Subjektivierung derjenigen, die sich diesen Repräsentationen gegenüber sehen“ (S. 341). Ein Aufbrechen dieser Faszination soll der Versuch sein, den Zugang zum Schicksal der Opfer wieder zu öffnen (S. 341). Das ist ein hoher Anspruch an eine Doktorarbeit. Gerade weil die Studie so wichtig ist, hätte sie für die Veröffentlichung gestrafft werden sollen. Und doch, für die Auseinandersetzung mit „sexualisierten Nazis“ ist die Untersuchung von Julia Noah Munier ein Meilenstein.

Anmerkungen:
[1] Susanne zur Nieden, Homophobie und Staatsräson, in: dies. (Hrsg.), Homosexualität und Staatsräson. Männlichkeit, Homophobie und Politik in Deutschland 1900–1945, Frankfurt am Main 2005, S. 17–51; dies., Der homosexuelle Staatsfeind – Zur Geschichte einer Idee, in: Lutz Raphael / Heinz-Elmar Tenorth (Hrsg.), Ideen als gesellschaftliche Gestaltungskraft im Europa der Neuzeit. Beiträge für eine erneuerte Geistesgeschichte, München 2005, S. 395–427; Gert Hekma / Harry Oosterhuis, Leftist sexual politics and homosexuality: a historical overview, in: Journal of Homosexuality 29 (1995), S. 40–50.
[2] Sigrid Schade / Silke Wenk, Studien zur visuellen Kultur. Einführung in ein transdisziplinäres Forschungsfeld, Bielefeld 2011, S. 53.
[3] Julia Reuter, Geschlecht und Körper: Studien zur Materialität und Inszenierung gesellschaftlicher Wirklichkeit, Bielefeld 2011.
[4] Dagmar Herzog, Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, Frankfurt am Main 2005.
[5] Massimo Perinelli, Fluchtlinien des Neorealismus. Der organlose Körper der italienischen Nachkriegszeit 1943–1949, Bielefeld 2009.

Zitation
Veronika Springmann: Rezension zu: : Sexualisierte Nazis. Erinnerungskulturelle Subjektivierungspraktiken in Deutungsmustern von Nationalsozialismus und italienischem Faschismus. Bielefeld  2017 , in: H-Soz-Kult, 19.10.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28588>.
Redaktion
Veröffentlicht am
19.10.2018
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