I. Livezeanu u.a. (Hrsg.): Routledge History of East Central Europe

Cover
Titel
The Routledge History of East Central Europe since 1700.


Hrsg. v.
Livezeanu, Irina; von Klimó, Árpád
Erschienen
Abingdon 2017: Routledge
Umfang
XVI, 522 S.
Preis
£ 175.00; € 195,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans-Jürgen Bömelburg, Historisches Institut, Justus Liebig-Universität Gießen

Die historische Beschäftigung mit "Ostmitteleuropa" und der damit verbundene Raumbegriff werden gegenwärtig in der deutschen Forschung intensiv diskutiert.[1] Es erscheint daher sinnvoll zu prüfen, wie die Großregion "East Central Europe" in dem einschlägigen aktuellen Band der von einem Großverlag herausgegebenen Serie "Routledge Histories" konzeptionalisiert wird. Beteiligt sind 21 renommierte Autoren, davon über die Hälfte aus den USA, der Rest aus ost- und westeuropäischen Historiographien. Die mehr als zehnjährige Entstehungsgeschichte des Bandes wird in Vorwort und Einleitung nur angedeutet; er ging aus umfangreichen, durchaus kontroversen Diskussionen hervor und möchte deshalb einen Bericht über den "state of the field" (S. 17) geben.

Nachgefragt werden muss allerdings, ob und für wen das in der angloamerikanischen Textbook-Tradition möglich ist. Die auf die Einleitung folgenden zehn Beiträge wurden in der Regel von zwei bis drei Autoren verfasst und sind thematisch und teilweise verdeckt auch chronologisch organisiert. Sie bieten jeweils einen ausführlichen Belegteil und Literatur zum Weiterlesen. Allerdings benennen die Lektüreempfehlungen ausschließlich englischsprachige Publikationen, und auch der Anmerkungsapparat stützt sich zu ca. 90 Prozent auf englischsprachige Nachweise. Ostmitteleuropäische Literatur ist nur in homöopathischen Dosen vertreten. Die Analyse basiert durchweg auf englischsprachigen Texten, sodass die Beiträge in der Regel eine selbstreferentielle Diskussion des englischsprachigen Forschungsstandes liefern. Mehr scheint man dem Lesepublikum auch in einem vorgeblich internationalen Referenzwerk nicht zumuten zu wollen.

Das hat Konsequenzen: Erstens können Forschungsdiskussionen so nicht sinnvoll nachgezeichnet werden, denn diese entstehen vielfach in nationalkulturellen und -historiographischen Kontexten. Zweitens werden Fragen historisch wechselnder, auch sprachlich formierter Öffentlichkeiten ausgeblendet. Dies führt zu teilweise komischen Effekten, wenn etwa der ansonsten lesenswerte Beitrag über "Cultures of East Central Europe" die Sammlung und Aufzeichnung von Volkskultur und Volksdichtung in der Romantik mit Rückgriff auf Adam Kollár und Vuk Karadžić nachzeichnet und auf deren Übersetzung in verschiedene "westliche Sprachen" verweist (S. 231), um anschließend doch nur Übersetzungen ins Englische aufzuführen. Ein Hinweis auf die früheren und umfangreicheren Übertragungen ins Deutsche und Französische fehlt hingegen, vom Namen Herders ganz zu schweigen.

Welches Konzept von "Ostmitteleuropa" liegt dem Band zugrunde? Der angloamerikanische Begriff "East Central Europe" ist ähnlich wie sein deutsches Pendant relational und offen. Hier wurde im Anschluss an ähnliche Projekte an der Central European University in Budapest ein Ostmitteleuropa-Begriff gewählt, der Südosteuropa inklusive seiner osmanisch-türkischen Geschichte einschließt, die baltischen Staaten, Belarus und die Ukraine (mit der Ausnahme Galiziens) hingegen ausschließt. Dadurch werden Verflechtungen mit der russländischen und ostslavischen Geschichte marginalisiert. Zwar wird Petersburg wiederholt als eine der Metropolen Ostmitteleuropas benannt, die russisch-ostmitteleuropäische Verflechtungsgeschichte findet aber im Gegensatz zur osmanisch-südosteuropäischen keine Beachtung. Dies hat erhebliche Implikationen für eine Vielzahl von Themen von Pan- und Neoslavismus über Literatur und Kultur, sozialistische und revolutionäre Bewegungen bis hin zur nur schwach vertretenen jüdischen Geschichte. Hierin liegt ein gravierender Mangel der Darstellung.

Mit Blick auf den betrachteten Zeitraum wählt der Band mit 1700–2010 einen originellen Zuschnitt. Dieser wird aber inhaltlich leider nicht begründet ("there is no obvious and clearly defined start of our 'story'", S. 2) und bleibt somit beliebig. Einzelne Beiträge, etwa zur Frauengeschichte oder zu politischen Ideologien, setzen auch deutlich später ein. Das ist schade, denn eine Zäsur um 1700 verspricht für das moderne östliche Europa eine interessante Perspektive. Schließlich sind viele Ereignisse in der politischen, sozialen und intellektuellen Geschichte des 18. Jahrhunderts in der Großregion inhaltlich eng mit der Moderne verbunden – man denke etwa an den entstehenden Westbezug, den Aufstieg Russlands und Preußens und an die jüdische Geschichte.

Konzeptionell folgt die Darstellung einem nachvollziehbaren Aufbau, der von den Problemen von Raum, Wirtschaft und Migration über Nation, Kultur und Gender bis zu einer Geschichte politischen Denkens und einer Reflexion über Geschichtspolitik führt. Den Auftakt machen James Koranyi und Bernhard Struck mit ihrem analytisch höchst anregenden Beitrag zu "Space: empires, nations, borders", dessen Akzent auf Territorialisierungsregimen liegt. Sie unterscheiden ein "absolutistisches Regime", in dem Imperien um Macht und Einfluss rivalisierten, nach außen aber ein eher liberales Grenzregime aufrecht erhielten, von einem seit den 1860er-Jahren implementierten, deutlich härteren Territorialisierungsregime, das unter den Herausforderungen von Nationalisierung und Demokratisierung, ethnischer Gewalt und Kriegen einen staatlich-nationalen Raum zu durchdringen und infrastrukturell zu erschließen suchte. Seit den 1960er-Jahren werde dieses Regime wiederum transnational und global aufgeweicht, sodass sich aktuell die Frage nach der Rückkehr zu älteren Konzepten stelle.

In dem folgenden wirtschaftshistorischen Beitrag von Jacek Kochanowicz und Bogdan Murgescu wird eine klassische Erzählung von Rückständigkeit und (scheiternder) Modernisierung geboten. Bemerkenswert ist, dass aus einer globalökonomischen Perspektive das 20. Jahrhundert für Ostmittel- und Südosteuropa ein verlorenes Jahrhundert darstellt: Um 1900 erreichte das Bruttoinlandsprodukt im "östlichen Europa" pro Kopf knapp 50%, um 2000 knapp 30% des "westlichen Europa". Ungeachtet des Titels "Rural and urban worlds" wird die für die Großregion prägende Stadt-Land-Differenz kaum angesprochen. "Demographic and population movements" (Theodora Dragostinova / David Gerlach) liefert sodann eine Migrationsgeschichte vor allem der Habsburgermonarchie und Südosteuropas, während das Russische Reich weitgehend ausgespart bleibt. In diesem Beitrag finden sich Falschaussagen, etwa "from 1713 to 1756 roughly 900.000 Czech-speaking settlers moved to Prussia" (S. 134). Die jüdische Migration wird nicht angemessen verortet; zudem ist fraglich, ob man bereits im späten 18. Jahrhundert von einer Umkehrung der generellen Migrationsrichtung in Richtung Ost-West sprechen kann (S. 137, eher 1830/1850). Auch Verschiebungen des demographischen Gewichts Ostmittel-und Südosteuropas im gesamteuropäischen Maßstab zwischen 1800 und 1930 und erneut nach 1989 werden nicht thematisiert. Der Beitrag zu "Religion and ethnicity" (Joel Brady / Edin Hajdarpasic) geht von der in der Großregion häufig beobachteten Ausbildung von Konfessionsnationen aus und zeichnet (mit einem Bias auf Südosteuropa) forschungsnah die Verflechtungen zwischen Akteuren und Identifikationsangeboten nach. Allerdings tendiert er dazu, das Eigengewicht der Verkirchlichung zu minimieren.

In "The cultures of East Central Europe" zeichnen Irina Livezeanu, Thomas Ort und Alex Drace-Francis kenntnisreich die Entstehung literarischer Kulturen nach, denen sie sowohl die Funktion eines Kampffeldes als auch einer transkulturellen Schnittstelle zuschreiben. Im Unterschied zu anderen Beiträgen wird hier auch die Bedeutung von Metropolen wie St. Petersburg, Istanbul und Wien für die Entstehung ostmittel- und südosteuropäischer Kulturen ausgeführt, die Rolle jüdischer Akteure für die jeweiligen Nationalliteraturen akzentuiert sowie auf die Bedeutung der französischen Literatursprache in der Großregion zwischen 1750 und 1939 verwiesen. Für die Zwischenkriegszeit werden Ambivalenzen hervorgehoben: So habe die Investition der Nationalstaaten in Bildung die Alphabetisierung vorangetrieben und kulturelle Institutionen geschaffen, andererseits seien jüdische Akteure und teilweise auch andere Minderheiten aus den Nationalkulturen ausgeschlossen worden. Nach 1945 wird die Rolle des Exils und transnationaler Netzwerke[2], aber auch nationalkommunistischer Aufladungen unterstrichen. Der Beitrag ist, sowohl wegen der Betonung des Stellenwerts slavischer Wechselseitigkeit als auch wegen seiner Überwindung dieses Schemas, jedem Leser zu empfehlen.

Gleiches gilt für "Women's and gender history" (Krassimira Daskalova / Susan Zimmermann), ein gerade in den ostmitteleuropäischen Gesellschaften politisiertes und von rechtsnationaler Seite abgelehntes Thema. Die Autorinnen konzentrieren sich auf die Bereiche Bildung, Arbeit/Soziales, Staatsbürgerrecht, Imperien/Nation, Sexualität und Frauenbewegungen und zeichnen innovativ nach, welche neuen Forschungsperspektiven ein Gender-Fokus eröffnen kann.

Demgegenüber beschränken sich die drei Beiträge zu politischen Ideologien und Bewegungen (Ulf Brunnbauer / Paul Hanebrink), zur Kommunismusgeschichte (Małgorzata Fidelis / Irina Gigova) sowie zur Politikgeschichte nach 1989 (Reinhard Heinisch) auf die chronologische Nachzeichnung der ostmittel- und südosteuropäischen Politikgeschichte von 1800 bis 2010. Am Ende steht ein in der Zusammenschau beeindruckender Beitrag über "Uses and abuses of the Past" von Patrice M. Dabrowski und Stefan Troebst.[3] Dieser leistet eine Historisierung von Geschichtspolitik, hebt die besondere Bedeutung von Familienerinnerung, Zwischenkriegszeit und Zweitem Weltkrieg hervor und deutet die aktuellen Geschichtspolitiken in der Region als Fortsetzung kommunistischer Modelle.

Welche Stärken und Schwächen bietet der Band? Die einzelnen Beiträge eignen sich in der Regel als einführende Darstellungen und sind von redaktionellen und inhaltlichen Detailfehlern weitgehend frei. Minimale Ausnahmen: Mickiewicz schrieb keine Werke in russischer Sprache (S. 229), die scharfe Abgrenzung von frühmodernen und modernen Nationskonzepten ist in der Forschung nicht konsensfähig (S. 329) und die jüdische Migration aus Galizien ging nicht schwerpunktmäßig nach Siebenbürgen, sondern nach Ober- und Zentralungarn (S. 135). Die Beiträge liefern allerdings keine Einführung in den Forschungsstand und keinen Wegweiser zur Forschungsliteratur jenseits des Englischen. Redaktionsschluss ist bei vielen Beiträgen 2013/14, was nur verschämt in einer Fußnote angegeben wird (S. 25, Anm. 91). Der epochale und großregionale Zugriff ist häufig schwankend, teilweise finden sich Doppelungen. Eindeutig kritisch zu bewerten ist die weitgehende Ausblendung von ostmitteleuropäisch-russischen Verflechtungen. Weiterführende Überlegungen zu Konzepten einer Mesoregion in Aufnahme der Überlegungen Stefan Troebsts finden sich nicht[4], die diskussionsbedürftige Zusammenführung Ostmittel- und Südosteuropas wird nicht reflektiert.

Dem stehen als ausgesprochene Stärken erstens einige wertvolle und konzeptionell weiterführende Beiträge und zweitens die interessante Verbindung ostmitteleuropäischer und südosteuropäischer Perspektiven gegenüber, wobei die aufgrund fehlender Sprachkompetenzen sonst oft ausgesparte ungarische und rumänische Perspektive stark vertreten ist. Wünschenswert wäre eine stärkere Diskussion des Bandes in der deutschen Ostmitteleuropa- und Südosteuropaforschung und vor allem in der Großregion selbst, aus der in den letzten Jahren vor allem Balázs Trencsényi und Maciej Janowski eigene konzeptionelle Arbeiten vorgelegt haben.[5]

Anmerkungen:
[1] Vgl. Markus Krzoska / Kolja Lichy / Konstantin Rometsch, Jenseits von Ostmitteleuropa? Zur Aporie einer deutschen Nischenforschung, in: Journal of Modern European History 16 (2018), Nr. 1, S. 40–63; sowie (mit Beiträgen von John Connelly, Peter Haslinger, Friederike Kind-Kovács / Valeska Bopp-Filimonov und Joachim von Puttkamer) Ostmitteleuropaforschung II. Reaktionen auf die Kritik an der „deutschen Nischenforschung“, in: Journal of Modern European History 16 (2018), Nr. 3, S. 295–320.
[2] Leider fehlt hier Maria Zadencka / Andrejs Plakans / Andreas Lawaty (Hrsg.), East and Central European History Writing in Exile 1939–1989, Leiden 2015.
[3] Auch in deutscher Sprache veröffentlicht: Patrice M. Dabrowski / Stefan Troebst, Vom Gebrauch und Missbrauch der Historie. Geschichtspolitik und Erinnerungskulturen in Ostmittel- und Südosteuropa (1791–1989), Leipzig 2014.
[4] Vgl. Stefan Troebst, "Geschichtsregion": Historisch-mesoregionale Konzeptionen in den Kulturwissenschaften, in: Europäische Geschichte Online (EGO), <http://www.ieg-ego.eu/troebsts-2010-de> (Zugriff 16.11.2018).
[5] Vgl. Balázs Trencsényi / Márton Zászkaliczky (Hrsg.), Whose Love of Which Country? Composite States, National Histories and Patriotic Discourses, Leiden 2010; sowie Balázs Trencsényi u.a., A History of Modern Political Thought in East Central Europe, 2 Bde., Oxford 2016–2018.

Zitation
Hans-Jürgen Bömelburg: Rezension zu: Livezeanu, Irina; von Klimó, Árpád (Hrsg.): The Routledge History of East Central Europe since 1700. Abingdon  2017 , in: H-Soz-Kult, 11.12.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28604>.