Cover
Titel
Feuersturm. Der Bombenkrieg gegen Deutschland


Autor(en)
Kucklick, Christoph
Erschienen
Umfang
152 S., 80 s/w Fotos
Preis
€ 19,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ralf Blank, Historisches Centrum Hagen

Das Buch von Christoph Kucklick thematisiert den Bombenkrieg gegen Deutschland. [1] Der Band reiht sich damit in eine Anzahl von Neuerscheinungen ein, die seit Herbst 2002 in der Folge der "Debatte" um die Publikation "Der Brand" des Berliner Autors Jörg Friedrich veröffentlicht wurden. [2] Genau wie DER SPIEGEL, der neben einem 'special' im Frühjahr 2003 unlängst einen Sammelband zum Bombenkrieg herausgegeben hat, [3] widmet das Magazin GEO den alliierten Luftangriffen nach einem vorausgegangenen Themenheft ("Tabu-Thema" Bombenkrieg. Verbrechen gegen Deutsche?) eine eigene Buchveröffentlichung.

Der in neueren Publikationen verfolgte erfahrungsgeschichtliche Ansatz, soweit diese Veröffentlichungen überhaupt gewisse Standards einhalten, die vor allem bei der Dokumentation der mündlichen Überlieferung im Sinne einer 'Oral History' bzw. bei der Auswertung von Ego-Dokumenten auch und gerade bei populärwissenschaftlichen Darstellungen notwendig sind, ist dabei keinesfalls ein neues Forschungsfeld und Publikationsthema. Bombenkrieg, Kindheit in Kriegs- und Nachkriegszeit sowie Flucht und Vertreibung waren keine "Tabu-Themen" in der deutschen Nachkriegsgesellschaft: in ihrer mündlichen und schriftlichen Tradierung begleiteten sie mehr oder weniger die Geschichte und Entwicklung wohl in beiden deutschen Staaten bis 1990. [4] Die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" des Hamburger Instituts für Sozialforschung konfrontiert seit 1995 mit den Dimensionen des Vernichtungskriegs in Ost- und Südosteuropa. Eine ganze Generation von Deutschen und mit ihnen ihre Nachkommen sowie besonders die Protagonisten einer "sauberen" Wehrmacht fühlten sich als Angehörige eines Tätervolks angegriffen. Als zum Ende des 20. Jahrhunderts der Einsatz von ausländischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen in den medialen Fokus rückte, konnte man staunenden Auges beobachten, wie ein zumindest seit den 1980er Jahren vergleichsweise intensiv erforschtes Thema in Teilen der Bevölkerung und in bestimmten Berufsgruppen als anscheinend bisher weitgehend unbekannt empfunden wurde. Die Teilhabe der Wehrmacht an Kriegsverbrechen und der Zwangsarbeiter-Einsatz stehen für die "Täterrolle" der Deutschen. Der Bombenkrieg hingegen als persönliche Kriegserfahrung und kollektive Leidensgeschichte in Kriegs- und Nachkriegszeit erfährt offenbar generationsübergreifend eine andere Rezeption.

Im Rückblick auf die Zerstörung deutscher Städte und den Bombentod von etwa 400.000 Menschen - gegenwärtig kursieren auch (unbelegte) Angaben über bis zu 600.000 Bombenopfer - empfinden sich viele Deutsche anscheinend vor allem als Opfer, obgleich die deutschen Luftangriffe und Kriegsverbrechen dadurch in der Regel nicht bestritten oder gar geleugnet werden. Es handelt sich um eine mentale Rezeptionsebene, die offenbar wesentlich erträglicher zu sein scheint als die Auseinandersetzung und Konfrontation mit deutschen Verbrechen im "Dritten Reich". Die semantische Anlehnung der alliierten Bombenangriffe an den Holocaust und Vernichtungskrieg, wie sie bei Jörg Friedrich in "Der Brand" bewusst gewählt wird, kommt dieser seit langen Jahren bestehende Tradierung des Bombenkriegs in der Nachkriegsgesellschaft entgegen. Doch war es besonders Friedrichs Adaption von Begrifflichkeiten aus der Terminologie der NS-Verbrechen, seine polarisierenden Konstruktionen und die These von einem "Tabu" in der deutschen Gesellschaft, die bis dato vorgeblich nicht ausgesprochene Opferrolle im Bombenkrieg, [5] von der die "Bombenkriegs-Debatte" und auch die folgenden Publikationen bestimmt wurden. Deutsche als Opfer, eine "unbewältigte" Erfahrungsgeschichte und eine vorgebliche Tabuisierung charakterisieren auch die "neue" Auseinandersetzung um das Thema "Flucht und Vertreibung". Nach den Jahrzehnten der "Vergangenheitsbewältigung" deutscher NS-Verbrechen sollten die Deutschen die "Bewältigung" ihre eigene Geschichte "vergessen" haben?

Neu sind derartige Mutmaßungen nicht, Winfried G. Sebald hatte sie bereits 1999 angedeutet, obgleich nicht mit der radikalen und emotionalen Wortgewaltigkeit Friedrichs. Seit Jahr und Tag raunte es schon aus dem neubraunen Unterholz von den angloamerikanischen Terrorbombern, deren Opferzahl nicht hoch genug sein konnte. Doch bereits seit 1945 wird die (vermeintlich fehlende) Trauer um die Verluste im Bombenkrieg - Menschen, Sachwerte und Kulturgüter gleichermaßen - sowie auch die (angeblich erst nach Erscheinen von Friedrichs Buch definierte) Funktion der deutschen Bevölkerung als "wehrlose" Opfer einer "barbarischen" Kriegsführung in seriösen Veröffentlichungen offen oder zumindest unterschwellig angesprochen. [6] Was wird von der jüngsten "Bombenkriegs-Debatte" bleiben? Sicherlich eines: Zukünftige Publikationen zum Thema werden an einer Auseinandersetzung mit Friedrichs Buch nicht vorbeikommen, was die hohe Bedeutung dieses Buchs für die Verortung des Bombenkriegs und Kriegsendes in der Erinnerungs- und Gedenkkultur der deutschen Nachkriegsgesellschaft unterstreicht. [7]

Auch die Publikation von Christoph Kucklick ist in einem engen Kontext zur "Bombenkriegs-Debatte" zu betrachten und wird inhaltlich von der Diskussion um Friedrichs Buch bestimmt. Der GEO-Band "Feuersturm" versteht sich - anders als "Der Brand", das als "fehlendes zeitgeschichtliches Werk" rezipiert werden will - nicht als ein wissenschaftlicher Forschungsbeitrag, sondern richtet sich vor allem an eine allgemeine Leserschaft. Die in diesem Fall journalistische Auseinandersetzung mit dem Bombenkrieg gewinnt an Bedeutung, wenn man die Rezeption von Krieg und Nachkrieg in einen historischen und gesellschaftlichen Kontext stellt. Publikationen zum Bombenkrieg präsentieren häufig auch die differente Perspektive von Vertretern aus den Generationen der Zeitzeugen und Nachgeborenen, wie besonders der von Lothar Kettenacker edierte Band "Ein Volk von Opfern?" sowie auch das von Stephan Burgdorff und Christian Habbe herausgegebene Buch "Als Feuer vom Himmel fiel" dokumentieren.

Das Buch "Feuersturm" setzt sich inhaltlich aus zwei Schwerpunkten zusammen: einer Darstellung des Bombenkriegs gegen Deutschland (S. 8ff.) folgt die Darstellung der Bombardierung Hamburgs im Sommer 1943 (S. 62ff.). Im Anhang (S. 129ff.) befinden sich eine Chronologie des Bombenkriegs 1939-1945, Übersichtskarten sowie mehrere Statistiken über Bombenabwurfmengen, Zerstörungsgrade und Personenverluste. Zahlreiche Schwarzweiß- und Farbaufnahmen illustrieren den Band, der im Stil einer Reportage konzipiert ist. Kucklicks Darlegungen bestechen durch den Informationsgehalt und eine gut recherchierte, vor allem aber durchaus kritische Darstellung, was die Grundthesen der "Bombenkriegs-Debatte" betrifft. Der Legende eines gesellschaftlichen "Tabu-Themas" Bombenkrieg erteilt der Autor in einer zusammenfassenden Schilderung der Rezeption seit 1945 zu Recht eine Absage (S. 10-11). Inhaltlich enthält der Band jedoch keine neuen Erkenntnisse, der Autor subsumiert lediglich in gut lesbaren und fundiert beschreibenden Texten den publizierten Forschungsstand, was eher als Vorteil anzusehen ist. Neben der Schilderung des historischen Kontexts und einer diachronischen Darstellung der Entwicklung des Bombenkriegs enthält besonders der zweite Teil (S. 62ff.) über die Bombenangriffe auf Hamburg zahlreiche Auszüge aus Ego-Dokumenten und 'amtlichen' Quellen.

Den zweiten Teil des Buches könnte man als eine Dokumentation der Operation "Gomorrha" zwischen dem 24./25. Juli und dem 3. August 1943 werten. [8] Bei dieser Angriffsserie der alliierten Bomberflotten auf Hamburg entstanden gewaltige Sachschäden, ganze Stadtviertel glichen einer Ruinenlandschaft, einem Trümmermeer. Den britischen Flächenangriffen, die in der Nacht des 27./28. Juli 1943 einen vernichtenden "Feuersturm" bewirkten, fielen etwa 40.000 Menschen zum Opfer. Kucklick beschreibt die Bombardierung Hamburgs aus Sicht der Angreifer und der Betroffenen. Er thematisiert exemplarisch die Rückwirkungen und ansatzweise auch die Bewältigung der "Katastrophe" von Hamburg. Der dichten Beschreibung des Autors schließt sich eine Serie von Fotografien an, die das Ausmaß der Sachschäden in Hamburg dokumentieren. Ohne Umschweife und langatmige Ausführungen konzentriert sich der Kucklick auf das gestellte Thema und überlässt es den Zeitzeugen, in ihren Berichten den emotionalisierenden Duktus ihrer Kriegswahrnehmung auszudrücken, während er sich auf sachliche Kommentierungen, auch der Bildquellen, beschränkt. Durch diese Inszenierung und Dramatik im Reportagestil gelingt es dem Leser, ein Szenario der vernichtenden Operation "Gomorrha" nachzuvollziehen.

Der Autor liefert eine fundierte und sachlich umfassende Darstellung der Luftangriffe auf Hamburg. Allerdings nicht mehr als das. So schreibt er zwar, dass die "Arbeitsmoral" nach der "Katastrophe" zusammenbrach und zeichnet auch exemplarisch betriebliche Gegenmaßnahmen nach. Die Folgen der Angriffe auf die "Kriegsmoral" der Bevölkerung und auch die innenpolitischen Rückwirkungen werden vom Autor ebenfalls angesprochen. Doch fehlen Hinweise darauf, wie es der NS-Führung "vor Ort" und durch übergreifende Maßnahmen letztlich gelang, die innenpolitisch sehr gefährlichen "stimmungsmäßigen" Folgen der "Katastrophe" von Hamburg zu bewältigen und Präventionen für zukünftige Bombardierungen ähnlichen Ausmaßes zu planen, wie sie im Spätsommer 1943 besonders für Berlin erwartet wurden. Denn es waren besonders die Angriffe auf das Ruhrgebiet, die "Battle of the Ruhr" zwischen März und Juli 1943 und die nachfolgenden verheerenden Bombardierungen der Hansestadt Hamburg, die eine Wende im Luftkriegsgeschehen bewirkten, was Kucklick mit Hinweis auf die in etwa zeitgleichen Niederlagen in Stalingrad und in Nordafrika zu Recht hervorgehoben hat. Hinzufügen könnte man noch den im Juli 1943 nach schweren Verlusten abgebrochenen U-Bootkrieg im Atlantik. Bis Mitte 1943 sorgten die deutschen U-Boote immer noch für einige aufgebauschte Propagandaerfolge. Aber auch die damalige militärische Situation in Italien war einer positiven "Stimmungslage" in der Bevölkerung und NS-Führung alles andere als förderlich.

Die ausbleibende Antwort des Autors auf die Frage, warum die "moralischen" Auswirkungen im Sommer 1943 keine nachhaltigen Folgen hatten, schmälert den dokumentarischen Wert der Publikation. Hier wären genauere Recherchen in der auch für den Autor leicht erreichbaren Literatur sicherlich sinnvoll und lohnend gewesen. Ein Beispiel: Zwischen 1943 und August 1944 erreichten mindestens 2699 Waggons der Reichsbahn die Stadt und den Gau Hamburg, voll gepackt mit Möbeln, Hausrat und Bekleidung. [9] Die Güterwagen kamen aus Frankreich, Holland und Belgien und enthielten die Habe deportierter Juden. Um den Bedarf an Ersatzgegenständen an der "Heimatfront" zu decken, griff die NS-Führung in Hamburg und in fast allen bombardierten Großstädten auf das "beschlagnahmte" Eigentum der in die mörderische Maschinerie der "Endlösung" geratenen Menschen zurück. Die möglichst schnelle Ersatzzuteilung für zerstörten Hausrat, für Möbel und Bekleidung wirkte sich auf die "Stimmung" der Bevölkerung aus, der die Herkunft der Gegenstände keineswegs unbekannt war. Doch das Beispiel dokumentiert noch etwas anderes: Es existierte eine Wechselbeziehung zwischen Holocaust und Bombenkrieg, der sich im Fall der "Ersatzbeschaffung" am deutlichsten zeigt. [10] Doch auch eine kursorische Darstellung der vielfältigen propagandistischen Maßnahmen der Partei- und Staatsführung nach den Angriffen auf Hamburg, die im Sommer 1943 forcierte Propaganda künftiger "Wunderwaffen" und die Ankündigung einer kommenden "Vergeltung", fehlt in dem Band. Eine Übersicht zur literarischen Überlieferung, Historiografie und Rezeption der Operation "Gomorrha" im Juli/August 1943 hätte dem dokumentarischen Charakter des Buches sicherlich gut getan. Dabei darf nicht vergessen werden: das bereits 1978 erschienene Buch "Feuersturm über Hamburg" des ehemaligen Hamburger Feuerwehroffiziers Hans Brunswig erfuhr bis 1994 zehn Neuauflagen und erschien im Juli 2003 nochmals in einer Sonderauflage. Kucklick bezieht sich jedoch im Wesentlichen auf das 1961 erschienene Werk von Hans Erich Nossack ("Der Untergang"), was zwar verdienstvoll ist, dennoch keinesfalls die dichte Überlieferungsgeschichte zum "Feuersturm" in Hamburg nachzeichnen kann.

Der Band "Feuersturm" von Christoph Kucklick bietet trotz der inhaltlichen Mängel, die vielleicht nur für den Rezensenten, nicht aber für den überwiegenden Teil der Leser eine gewisse Relevanz besitzen, einen gut lesbaren Überblick. Die Zusammenstellung von Textinformationen und Abbildungen hebt vor allem im Kapitel über die Bombardierung Hamburgs die Bedeutung von Fotografien als historische Bildquellen mit einer hohen emotionalen und visuellen Aussagekraft hervor. Verdienstvoll, und das möchte der Rezensent besonders herausstellen, ist die umfangreiche Chronik der Bombenangriffe auf deutsche Städte (S. 136-147), die im Einzelnen inhaltlich zwar zu ergänzen bzw. zu korrigieren wäre, aber dennoch als Zusammenstellung wertvoll und wichtig ist. Bei allen Vorzügen der Publikation kommt der Rezensent nicht an Kritik vorbei, denn ein sehr großes Manko ist leider das Fehlen von Quellennachweisen, eines nachvollziehbaren Belegs für die Ego-Dokumente sowie einer Auswahl vom Autor benutzter und seinen Lesern angebotene weiterführende Literatur. Auf eine Zitation und ein Literaturverzeichnis wurde vom Autor offenbar bewusst verzichtet, möglicherweise ein Tribut an die Ansprüche der Zielgruppe des Bandes, die von Verlag und Autor anscheinend weniger im wissenschaftlichen Bereich erwartet werden.

Doch gerade das ist bedauerlich, denn vor allem durch den Nachweis der zahlreichen Zeitzeugenaussagen, von aus anderen Publikationen übernommenen Forschungserkenntnissen und Quellen hätte das populärwissenschaftliche Werk durchaus an inhaltlichem Wert gewonnen. Dem Rezensenten ist bekannt, dass eine derartige Belegtechnik im journalistischen Bereich nicht unbedingt üblich ist. Doch gerade im Zusammenhang mit dem Thema sollte im Hinblick auf die öffentliche Rezeption und Diskussion eine besondere Sorgfaltspflicht angebracht sein, die das Nachprüfen von Inhalten ermöglicht. Angesicht zahlreicher, sich häufig wiederholender Abbildungen in dem Band wäre der Platz für ein Quellen- und Literaturverzeichnis sicherlich nicht verschwendet gewesen, zumal der Abbildungsnachweis für Tabellen, Karten und Fotografien, wohl auch aus urheberrechtlichen Gründen, sehr detailliert ausgefallen ist. Das an sich positiv anzumerkende Verhältnis zwischen populärer aber dennoch fundierter Darstellung und einer seriösen Belegtechnik hätte so einen ausgewogeneren Eindruck hinterlassen.

Anmerkungen:
[1] Bereits im Februar 2003 hatte der GEO-Redakteur und studierte Sozial- und Politikwissenschaftler zwei ausführliche Beiträge veröffentlicht; Kucklick, Christoph, Terror gegen Terror. Der Bombenkrieg gegen Nazi-Deutschland, in: GEO 2 (2003), S. 120-138; Ders., Feuersturm. Der Bombenkrieg. Hamburg 1943, in: GEO 2 (2003), S. 140-164.
[2] Zusammenfassend bei Kettenacker, Lothar (Hg.), Ein Volk von Opfern? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940-1945, Berlin 2003; Greiner, Bernd, “Overbombed" Warum die Diskussion über die alliierten Luftangriffe nicht mit dem Hinweis auf die deutsche Schuld beendet werden darf, in: Literaturen 03 (2003), S. 42-44; Naumann, Klaus, Bombenkrieg - Totaler Krieg - Massaker. Jörg Friedrichs Buch "Der Brand" in der Diskussion, in: Mittelweg 36, 12 (2003) H. 4, S. 40-60.
[3] Spiegel special: Als Feuer vom Himmel fiel. Der Bombenkrieg gegen die Deutschen, Hamburg 2003; Burgdorff, Stephan; Habbe, Christian (Hgg.), Als Feuer vom Himmel fiel. Der Bombenkrieg gegen Deutschland, Hamburg 2003.
[4] Im Rückblick auf die "Bombenkriegs-Debatte" der Jahreswende 2002/2003 stellt sich die Frage, warum die allgemeine Forschungsliteratur sowie auch weitere Veröffentlichungen von Medienvertretern und auch von wissenschaftlicher Seite zum überwiegenden Teil ignoriert wurden, obgleich sie sehr leicht recherchierbar bzw. einsehbar sind. Grundlegend ist immer noch Groehler, Olaf, Bombenkrieg gegen Deutschland, Berlin 1990; sowie Boog, Horst, Der anglo-amerikanische Luftkrieg über Europa und die deutsche Luftverteidigung, in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg 6 (Der globale Krieg), Stuttgart 1990, S. 429-560; Als herausragende Einzelstudien sind in Auswahl zu nennen: Beer, Wilfried, Kriegsalltag an der Heimatfront. Alliierter Luftkrieg und deutsche Gegenmaßnahmen zur Abwehr und Schadensbegrenzung, dargestellt für den Raum Münster, Bremen 1990; Ueberschär, Gerd R., Freiburg im Luftkrieg 1939-1945, Freiburg im Breisgau 1990; Moessner-Heckner, Ursula, Pforzheim-Code Yellowfin. Eine Analyse der Luftangriffe 1944-1945, Sigmaringen 1991 [= Quellen und Studien zur Geschichte der Stadt Pforzheim 2]; Rüther, Martin: Köln, 31. Mai 1942. Der 1000-Bomber-Angriff (Kölner Schriften zu Geschichte und Kultur 18), Köln 1992; Pogt, Herbert (Hg.), Vor fünfzig Jahren. Bomben auf Wuppertal (Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde des Wuppertals 36), Wuppertal 1993; Sollbach, Gerhard E., Dortmund. Bombenkrieg und Nachkriegsalltag 1939-1948, Hagen 1996. Darüber hinaus sind zahlreiche übergreifende und regionale/lokale Studien zu Einzelaspekten, wie die Kinderlandverschickung, Luftwaffenhelfer, Rüstungswirtschaft und Verkehrswesen, erschienen.
[5] Die Ausschließlichkeit, mit der die deutsche "Volksgemeinschaft" als Opfer des Bombenkriegs definiert wurde, lässt sich bereits für die Kriegsjahre feststellen, vgl. Dokumente über die Alleinschuld Englands am Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung. Auswärtiges Amt, Berlin 1943 sowie weitere u.a. für die Bevölkerung bestimmte Publikationen der NS-Propaganda, nicht zuletzt auch in der deutschen Presse 1940-1945. Inwieweit die Luftkriegs-Propaganda der NS-Führung mit ihren inhaltlichen Aussagen in ihrer Tradierung und Legendenbildung möglicherweise bis in die Gegenwart Wirkung zeitigt und eventuell sogar Eingang in die Historiographie gefunden hat, bedarf dringend einer genauen Untersuchung.
[6] Sebald, Winfried Georg, Luftkrieg und Literatur, München 1999; hierzu jetzt auch Hage, Volker, Zeugen der Zerstörung. Literaten und der Luftkrieg, Frankfurt am Main 2003.
[7] 2003 erschien der Ergänzungsband mit zahlreichen Abbildungen, siehe Friedrich, Jörg, Brandstätten. Der Anblick des Bombenkriegs, München 2003. Einen erinnerungs- und erfahrungsgeschichtlichen Ansatz will Hilke Lorenz vertreten: Lorenz, Hilke, Kriegskinder. Das Schicksal einer Generation, München 2003.
[8] Zu den Angriffen auf Hamburg siehe Brunswig, Hans, Feuersturm über Hamburg. Die Luftangriffe auf Hamburg im 2. Weltkrieg und ihre Folgen, Stuttgart 1978; Middlebrook, Martin, Hamburg, Juli '43. Alliierte Luftstreitkräfte gegen eine deutsche Stadt, Berlin 1983; Büttner, Ursula, "Gomorrha". Hamburg im Bombenkrieg. Die Wirkung der Luftangriffe auf Bevölkerung und Wirtschaft, Hamburg 1993; Kressel, Carsten, Evakuierungen und erweiterte Kinderlandverschickung im Vergleich. Das Beispiel der Städte Liverpool und Hamburg, Frankfurt am Main 1996; Hanke, Christian; Paschen, Joachim; Jungwirth, Bernhard, Hamburg im Bombenkrieg 1940-1945. Das Schicksal einer Stadt, Hamburg 2001; Schmal, Helga; Selke, Tobias, Bunker. Luftschutz und Luftschutzbau in Hamburg, Hamburg 2001; Hage, Volker (Hg.), Hamburg 1943. Literarische Zeugnisse zum Feuersturm, Frankfurt am Main 2003.
[9] Bericht über die M-Aktionen, verfasst vom Leiter der Dienststelle Westen des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiet, o. O., o. D. (Paris, Sommer 1944), editiert als Dokument188-L in Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof. 14. November 1945 - 1. Oktober 1946, Bde. I-XXXXII, Nürnberg 1947-1949, hier Bd. XXXVIII, S. 25-29. Für Hamburg siehe auch Bajohr, Frank, "Arisierung" in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer 1933-1945, Hamburg 1997, S. 331-338. Von dieser "Ersatzbeschaffung" haben offenbar auch in einem bisher unbekannten Umfang auch regionale Museen "profitiert", die nicht nur materiell damals wie heute besonders kostbare Werke bekannter Künstler, wie sie heute durch die Provenienzforschung erschlossen werden, sondern auch andere, weniger spektakuläre kunst- und kulturgeschichtliche Gegenstände "übernehmen" konnten. Für ein regionales Beispiel siehe Blank, Ralf, Konstruierte Geschichte und museale Erinnerungskultur. Das "Führer-Zimmer" auf Haus Busch und das Vincke-Gedenken im "Dritten Reich", in: Einblicke 3 (2003), Ausgabe 3 <http://www.historisches-centrum.de/einblicke/03/200303.shtml>.
[10] Vgl. Dreßen, Wolfgang, Betrifft - "Aktion 3". Deutsche verwerten jüdische Nachbarn, Berlin 1998, S. 45-61; Blank, Ralf, Ersatzbeschaffung durch "Beutemachen". Die "M-Aktionen" - ein Beispiel nationalsozialistischer Ausplünderungspolitik, in: Kenkmann, Alfons; Rusinek, Bernd-A. (Hgg.), Verfolgung und Verwaltung. Die wirtschaftliche Ausplünderung der Juden und die westfälischen Finanzbehörden, Münster 1999, S. 87-101.

Zitation
Ralf Blank: Rezension zu: : Feuersturm. Der Bombenkrieg gegen Deutschland. Hamburg  2003 , in: H-Soz-Kult, 22.10.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2863>.
Redaktion
Veröffentlicht am
22.10.2003
Beiträger
Redaktionell betreut durch