U. Lappenküper (Hrsg.): Das Bismarck-Problem in der Geschichtsschreibung

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Titel
Das Bismarck-Problem in der Geschichtsschreibung. Biographische Perspektiven seit 1970


Hrsg. v.
Lappenküper, Ulrich
Erschienen
Paderborn 2017: Ferdinand Schöningh
Umfang
226 S.
Preis
€ 22,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Benedikt Stienen, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Otto von Bismarck ist kein Teil der Zeitgeschichte mehr. Dieser wenig kontroverse Befund ließe sich durch einen Rückblick auf geschichtspolitische Konjunkturen empirisch untermauern: Schrieb die erste Einleitung zu Bismarcks Memoiren, den „Gedanken und Erinnerungen“, noch sein getreuer Herold Horst Kohl, so wurde das Vorwort nach den politischen Brüchen von 1933 und 1945 zu einem Ort politischer Gegenwartsanalyse und Standortbestimmung. Die richtigen einleitenden Worte zu finden, wurde demnach zu einer staatsmännischen Obliegenheit, der sich die jeweiligen deutschen Oberhäupter annahmen: Adolf Hitler findet sich ebenso darunter wie Theodor Heuß. Anschließend nahm das Interesse für Bismarck in der hohen Politik wieder ab. In der folgenden Zeit sank die Aufgabe, das Vorwort zu verfassen, in den Schoß der Geschichtsforschung zurück. Sie blieb fortan Beruf der Wissenschaft, nicht der Politik.[1]

Die Bismarckforschung hat sich indes zu keinem Zeitpunkt im Verfassen von Vorworten erschöpft. Vielmehr hat sie sich in zahllosen Publikationen an einer Gesamtdeutung dieser in vielerlei Hinsicht widersprüchlichen Persönlichkeit versucht – teils kritisch, teils würdigend, teils kritisch würdigend. Der jetzt vorliegende, vom Leiter der Otto-von-Bismarck-Stiftung Ulrich Lappenküper herausgegebene Sammelband fasst in Auszügen 19 dieser Deutungsangebote internationaler Provenienz aus den Jahren 1978 bis 2015 zusammen. Er ist somit als eine aktualisierende Fortsetzung einer vor beinahe einem halben Jahrhundert von Lothar Gall herausgegebenen Anthologie zu verstehen (siehe dazu auch die Einführung des Herausgebers, S. 7).[2]

Die Beiträge sind größtenteils aus Biographien entnommen, die ein ganz unterschiedliches Gewicht in der Forschung besitzen. Die in der Anthologie versammelten Beiträge sind meistens einzelne Kapitel solcher Biographien, häufig Schlussworte. Ihr Umfang variiert teils erheblich. Sie sind chronologisch nach ihrem Erscheinungsdatum geordnet und in vier großen Zeitphasen zusammengefasst.

Fünf Beiträge fallen in die Zeit dessen, wofür sich der Begriff der sogenannten deutsch-deutschen „Preußenrenaissance“ oder auch „Preußenwelle“ herausgebildet hat[3], und die man auch – zeitlich weiter gefasst – als „preußisches Jahrzehnt“ begreifen kann: Dieses begann 1977 mit der Ankündigung des regierenden Bürgermeisters von West-Berlin, Dietrich Stobbe, eine Ausstellung zur Geschichte Preußens in der Stadt unterstützen zu wollen. Die „Preußenrenaissance“ umfasste weiter die Rückkehr des Friedrich-Denkmals im Ostteil der Stadt Unter die Linden 1980, die West-Berliner Preußenausstellung 1981, den zweihundertsten Todestag König Friedrichs II. 1986 und wurde vom 750-Jahr-Jubiläum Berlins 1987 beschlossen. Es scheint naheliegend, dass die hier versammelten Beiträge mit der Aufmerksamkeitsökonomie für das Sujet „Preußen“ in Beziehung stehen. Denn jeder Verlag, der damals etwas auf sich hielt, konnte im Idealfall mit einer Monographie aus der Feder eines namhaften Historikers oder Publizisten, mindestens jedoch mit dem Reprint eines Klassikers zu dem Thema aufwarten. Die Überführung des Leichnams Friedrichs II. nach Potsdam 1991 ließe sich noch als Nachbeben ergänzen, ohne dass sie die gleichen eruptiven Folgen für den inzwischen wiedervereinigten Büchermarkt zeitigte. In dem hier geschilderten Zeitraum, von 1978 bis zur unmittelbaren Nachwendezeit, erschienen die Forschungsbeiträge von Andreas Hillgruber, der die Fragen nach der Einheit der Nation und der Friedenssicherung in Europa ins Zentrum seiner Untersuchung stellte, außerdem die das Genre „Biographie“ für die bundesdeutsche Forschung revitalisierende Studie Lothar Galls, darüber hinaus die zweibändige Biographie des DDR-Historikers Ernst Engelberg, die zügig auch eine westdeutsche Auflage erfuhr, sowie die eher essayistischen bzw. populären Darstellungen Michael Stürmers und Franz Herres.

Im zweiten Block sind vier Beiträge aus den Jahren 1997/98 versammelt. Die Verdichtung der Publikationen in diesen Jahren legt die Vermutung nahe, dass es nach den turbulenten Nachwendejahren erst des hundertsten Todestages Bismarcks im Jahre 1998 bedurfte, um erneut die Aufmerksamkeit auf ihn zu richten. Es war vor allem die Stunde der historisch gebildeten Publizisten, nicht so sehr der universitären Geschichtswissenschaft: Der damalige Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung, Johannes Willms, beschwor in seiner 1997 erschienen Biographie die finsteren Kontinuitäten des Bismarckschen Werkes für die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der Publizist Christian Graf von Krockow, seines Zeichens emeritierter Politikwissenschaftler, fragte, welchen Platz der nach 1990 gebildete „zweite Nationalstaat“ in Europa und der Welt finden würde, während Volker Ullrich von der Zeit gerade die Unterschiede zwischen alt-Berliner Monarchie und neu-Berliner Republik hervorhob. Von solchen Rückblicken ins Gegenwärtige blieb die ältere, 1997/98 in zwei Bänden ins Deutsche übertragene Biographie des emeritierten amerikanischen Historikers Otto Pflanze weitestgehend frei.

Im dritten Abschnitt finden sich fünf Beiträge aus den Jahren 2002 bis 2009. Hier zeigt sich der große Vorzug des vorliegenden Bandes gegenüber der älteren Anthologie von Gall, die einzig westliche, mit wenigen Ausnahmen sogar nur westdeutsche Stimmen zu Wort kommen ließ. Edgar Feuchtwanger, Sandrine Kott, Katharine Anne Lerman, Lech Trzeciakowski und Rainer F. Schmidt erlauben einen grenzüberschreitenden Blick auf das Phänomen „Bismarck“. An dieser Stelle sei die Biographie des kürzlich verstorbenen Lech Trzeciakowski – hier leserfreundlich in der englischen Übersetzung von Patrycja Maciantowicz – hervorgehoben. Dass ein polnischer Historiker Bismarcks deutsches Einigungswerk zu würdigen vermag, ohne freilich die schweren Wunden, die dieses geeinte Deutschland der polnischen Nation im 19. und 20. Jahrhundert geschlagen hat, zu verschweigen, ist mindestens bemerkenswert. Überdies legt das den Schluss nahe, dass sich auch diese alten Gräben nationaler Geschichtsschreibung überbrücken lassen.

Auch der vierte Teil, der unter dem Titel „Im Schatten des 200. Geburtstags“ selbst auf die katalysatorische Kraft des Jubiläums verweist, versammelt neben fundierten Studien aus renommierten Kölner, Düsseldorfer und Passauer Federn dank Jonathan Steinberg und Jean-Paul Bled abermals internationale Stimmen. Deutsche Einigung (politisch wie mental), europäische Friedenssicherung und Sozialstaatsbildung – aber auch: Desintegration bedeutender Teile der Gesellschaft, Wirtschaftsprotektionismus und eine allzu späte, unzureichend geregelte Übergabe der Macht; so fällt die gemischte Zwischenbilanz des Bismarckjahres aus, die zum Nachdenken anregen mag.

Es wäre nun allerdings ungerechtfertigt, die Bismarckforschung auf eine reine Jubiläumsreiterei zu reduzieren. Weder lässt sich übersehen, dass sich das, was sich im weitesten Sinne als „Bismarckforschung“ bezeichnen lässt, bei weitem nicht in der Biographik erschöpft. Einzig dem der vorliegenden Anthologie zugrundeliegenden Interesse, konzise Gesamturteile über Bismarck zu versammeln, ist es geschuldet, dem Genre der Biographie bei der Auswahl der Textstellen den Vorzug zu geben. Noch ist schließlich von der Hand zu weisen, dass sich der Anlass eines Jubiläums, das Aufmerksamkeit generiert und zusätzliche Leser verspricht, und die Originalität biographischer Studien keineswegs ausschließen. Jubiläen – im vorliegenden Fall die von Persönlichkeiten – fördern also nicht nur, wie der Herausgeber mit Blick auf das Jahr 2015 konstatiert, manches Mal „alten Wein in neuen Schläuchen“ (S. 31) zutage, sondern zuweilen auch neuen Wein in einem alten Schlauch, der da „Biographie“ heißt. Gerade die meisten der hier versammelten Beiträge legen beredtes Zeugnis davon ab.

Für wen ist nun diese Anthologie gedacht? Vertreter der Bismarck-Forschung dürften die hier wiedergegebenen Standpunkte bereits aus den Erstveröffentlichungen kennen. Auch dass Studierende in größerer Zahl auf die Anthologie als „Reader“ zurückgreifen werden, ist nicht absehbar. Denn das Thema „Otto von Bismarck“ taugt – nach sozial- und kulturhistorischer Wende – nur noch bedingt als Titel für ein Proseminar (auch der Preis stünde einer solchen Verwendung entgegen). Der Herausgeber bezweckt dagegen etwas anderes: Ihm geht es zum einen darum, in Fortsetzung von Lothar Galls Anthologie die Beziehung zwischen Deutung Bismarcks und der politischen Großwetterlage der letzten Jahrzehnte, in der sich der Interpret jeweils befand, zu dokumentieren (S. 8). Die Gegenwart inspiriert das Nachdenken über die Vergangenheit – da bildet Bismarck keine Ausnahme. Doch drängt sich nach der Lektüre noch eine zweite Überlegung auf: Nicht nur eine „konsequente Historisierung Bismarcks“, wie Eberhard Kolb sie in seinem hier wiedergegebenen Beitrag fordert (S. 205), erscheint lohnenswert, sondern ebenso eine nach und nach zu vollziehende Historisierung der Bismarckforschung. Dies erscheint insofern als nur konsequent, weil auch die hier versammelten Beiträge mehr und mehr neben der biographischen Ereignisgeschichte und ihrer Analyse auch die Rezeption Bismarcks thematisieren, und zwar sowohl in ihrer populären Form des „Bismarckmythos“ (wie auch der Herausgeber auf S. 35 betont) als auch in ihrer akademischen Form der Forschungsgeschichte.

Wenn die vorliegende Anthologie einen Beitrag zu einer solchen Historisierung leisten kann, so liegt dies auch an der konzisen, sorgsam die im Band versammelten Textabschnitte reflektierenden Einleitung. Ein Letztes sei erwähnt: Der Herausgeber äußert in seiner Einleitung die Beobachtung, dass die Deutungsangebote zu Bismarck in jüngerer Zeit zunehmend differenzierter ausfallen (S. 34f.). Wo früher entweder Licht oder Schatten überwog, dominiert heute ein distanziert abwägendes Bismarck-Bild. Dies bedeutet keineswegs, dass der fruchtbare Disput dadurch begraben ist. Doch zu einer Polarisierung wie in früheren Jahre taugt das Thema nicht mehr. Bismarck ist eben kein Teil der Zeitgeschichte mehr.

Anmerkungen:
[1] Horst Kohl, Vorwort des Herausgebers, in: Otto von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, Bd. 1, Stuttgart 1898, S. Vf.; Adolf Hitler, [Auszug aus der Rede vom 14.02.1939], in: Kurt L. Walter-Schomburg (Hrsg.), Otto von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen. Reden und Briefe, Posen 1942, S. 5; Theodor Heuss, Das Bismarck-Bild im Wandel. Ein Versuch, in: Reinhard Jaspert (Hrsg.), Otto von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen. Reden und Briefe, Berlin 1951, S. 7–27.
[2] Lothar Gall (Hrsg.), Das Bismarck-Problem in der Geschichtsschreibung nach 1945, Köln 1971. In diese Reihe ließe sich noch die etwas ältere, deutlich schmalere Studienausgabe zur Rezeptionsgeschichte von Walter Bußmann stellen. Vgl. Walter Bußmann (Hrsg.), Bismarck im Urteil der Zeitgenossen und der Nachwelt, Stuttgart 1968.
[3] Edgar Wolfrum, Die Preußen-Renaissance. Geschichtspolitik im deutsch-deutschen Konflikt, in: Martin Sabrow (Hrsg.), Verwaltete Vergangenheit. Geschichtskultur und Herrschaftslegitimation in der DDR, Leipzig 1997, S. 145–166. Der Begriff ist indes älter als das Ereignis selbst: Bodo Scheurig, Preußen und Preußen-Renaissance, in: Bodo Scheurig, Um Ost und West. Zeitgeschichtliche Betrachtungen, Hamburg 1969, S. 11–18.

Zitation
Daniel Benedikt Stienen: Rezension zu: Lappenküper, Ulrich (Hrsg.): Das Bismarck-Problem in der Geschichtsschreibung. Biographische Perspektiven seit 1970. Paderborn  2017 , in: H-Soz-Kult, 09.05.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28702>.
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Veröffentlicht am
09.05.2018
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