Cover
Titel
1968. Protest, Revolte, Gegenkultur


Autor(en)
Siegfried, Detlef
Erschienen
Ditzingen 2018: Reclam
Umfang
299 S., 50 farb. Abb.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ingo Meyer, Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft, Universität Bielefeld

An Deutungsangeboten von „1968“ mangelt es nicht: Ingrid Gilcher-Holtey betont seit vielen Jahren theoretisch unterfüttert die Internationalität der Bewegung[1], Wolfgang Kraushaar sieht das Betriebsgeheimnis der antiautoritären Revolte in ihrer „stufenweise[n] Entgrenzung der Gewalt“[2], während der um Depotenzierung bemühte Hans-Ulrich Wehler den „68ern“ die angeblich durch sie bewirkte irreparable Beschädigung des „Leistungsprinzips“ vorrechnet.[3] Neben solchen diskussionsbedürftigen Thesen und der Fülle an privaten Erinnerungen sowie Erträgen der Einzelforschung erweisen sich rezente Arbeiten wie Karin Wetteraus auf Interviews gestützter, freudianisch angelegter „Familienroman“, der die „Geburt der 68er-Generation aus dem Geist der NS-Kritik“ ableitet[4], bereits als unterkomplex und monokausal.

Detlef Siegfried nun beginnt seine panoramatisch angelegte Darstellung nicht, wie bei derartigen Publikationen heute beinahe durchweg die Regel, storyartig mit einem „Aufhänger“ (zentrale Ereignisse, pointierte Zitate von Zeitzeugen u.ä.), sondern gut historiographisch und wohltuend nüchtern mit der Erläuterung der Erkenntnisziele: In explizitem (S. 10) Anschluss an Helmut Lethens Auffassung, die radikale Politisierung einer Minderheit sei im Rückblick wohl doch nur „Treibholz auf einer Strömung“ gewesen, „die von der Musik und den Lebensstilexperimenten ausging“[5], verspricht er eine starke Betonung der Kultur, fasst „1968“ als „Unschärfeformel“, die „drei bis fünf Jahre“ umfassen soll, und beherzigt den von Gilcher-Holtey angemahnten „internationalen Bezugsrahmen“ (S. 8f.). Es ist der artikulierte „Anspruch auf ein ganz anderes Leben“, der für Siegfried „das anhaltende Faszinosum von 1968“ ausmacht: „Daher greifen alle Versuche zu kurz, dieses Datum auf politische Merkmale oder auf eine funktionale Rolle zur Liberalisierung der Bundesrepublik begrenzen zu wollen.“ (S. 32) Eine ausführliche Problematisierung der Methodologie wird nicht unternommen – für eine Synthese, die auf ein breiteres Publikum zielt, sicher die richtige Entscheidung.

Die tatsächlich erkenntnisleitende Prämisse freilich ist (nicht nur) Siegfrieds Auffassung von den „langen“ 1960er-Jahren, die angeblich „etwa 1958 bis 1973“ dauerten (S. 8), womit 1968 nur als heiße Phase eines mittelfristigen Transformationsprozesses erscheint. Solche Periodisierungen bleiben immer etwas arbiträr – für die USA sprach Bruce Schulman zum Beispiel von den „long 1970s“ bis 1984[6] – und auf das hinter der Studie stehende deduktive Problem werde ich zurückkommen.

Vielleicht beginnt Siegfried seine Darstellung auch zu nüchtern. Der Einstieg mit sozialhistorischen Abstrakta wie Generationalität, Wertewandel, Demokratisierung und des Autors auffällige Privilegierung demographischer Daten machen es dem Buch schwer, im ersten Drittel vor lauter „Demoskopie“, „systematische[n] Erhebungen“, „Statistiken“ und Prozenten (S. 38, 41, 48, 53, 102 u.ö.) überhaupt Fahrt aufzunehmen; zusammen mit der Kontinuitätsthese der „langen“ 1960er-Jahre droht auf diese Weise das ohnehin nur „weich“ definierte Phänomen „1968“ häufig zu zerfallen, gerät es so doch zum Sammelbegriff multipler, asynchroner Prozesse verschiedenster Bezugsfelder.

Nun aber zu den Stärken des Buches. Das Kapitel über die sexuelle Liberalisierung (S. 71–106) ist exzellent, mitsamt der Darstellung von Beate Uhses einst florierendem Unternehmen, dem zunächst illegalen Import dänischer Pornographie, Legalisierung der Pille, „kritischen Katholiken“, Uschi Obermaier als Gelddruckmaschine des „stern“, Günter Amendts höchst unästhetischem, aber einflussreichem Beststeller „Sexfront“ (1970 u.ö.), dem „Dr. Sommer“-Team der „Bravo“ und den Pimmel- und Muschi-Spielchen in den radikaler ausgerichteten Kinderläden. Hervorragend ist auch das Folgekapitel „Musik, Licht, Revolution. Popkultur & Counterculture“ (S. 107–146), zumal Siegfried dazu breit ausgewiesen ist.[7] Auch wem die politisierten Liedermacher mit ihren Waldeck-Festivals immer schon unerträglich spießig dünkten, Siegfried weist mit ihnen – neben dem noch älteren Rock’n’Roll – zu Recht auf den „bündischen Ursprungskern“ (S. 113) der deutschen Popularmusik hin. Fortgefegt ins Nischendasein wurde diese Szene durch den Einfall des elektrifizierten Rock (S. 119ff.); institutionengeschichtlich gewürdigt werden dagegen die avantgardistischen Trends in Richtung Multimedia etwa in Düsseldorf, Berlin und Bremen, die mit den „Clubs“ eine Frühform der Diskotheken initiierten (S. 109ff.).

Unverzichtbar ist natürlich das Kapitel zu den politischen Bewegungen. Dutschke, Ohnesorg, Marcuse und Feltrinelli, sie sind alle da. Erfreulich ist zudem, dass Siegfried sowohl die Politisierung bis hinab in linke Schülerorganisationen als auch eine zahlenmäßig gar nicht geringe „Lehrlingsbewegung“ verfolgt (S. 176ff., 183), die gerade über den Transmissionsriemen Popmusik integriert waren (S. 181) – der Hinweis ist umso wichtiger, als das Buhlen der radikalisierten Akteure um das eigentliche Proletariat in Deutschland bekanntlich krachend scheiterte.

„Internationalismus“ (S. 191–230) umfasst dann die zeithistorisch erklärungsbedürftige „Fernstenliebe“ (Nietzsche) für die Unterdrückten und Geknechteten. Natürlich auch und zuerst Vietnam, aber: „Für die Linke war der globale Süden keine zurückgebliebene Weltregion, [...] sondern ein selbstbewusster Akteur der Geschichte, von dem man etwas lernen konnte.“ (S. 196) Wie alle bisherigen Interpreten vermag es jedoch auch Siegfried nicht, die irritierende Begeisterung der Linken für politische Abenteurer, Diktatoren und Massenmörder wirklich schlüssig zu erklären. Erinnerungen zeugen eindeutig und bedrückend genug von der freiwilligen Selbstentmündigung der Intelligenz einer ganzen Alterskohorte zugunsten neuer Kirchen mit unverkennbar sektenhaften Zügen.[8]

Das Fazit umkreist „1968“ als „Kulminationspunkt einer Phase besonders schnellen und einschneidenden Wandels“ (S. 248), aber seit Hegel ist immer und überall Wandel – ob schnell oder unmerklich, das reicht einfach nicht. Vielmehr verfällt Siegfried gegen Ende, wo man sich eine temperamentvolle und pointierte Ortsbestimmung von „1968“ gewünscht hätte, wieder in seine Faszination durch „Zahlen“, „Quantitäten“ und „Prozent[e]“ (S. 234ff. u.ö.).

Neben der Kontinuitätsthese im Hinblick auf die „langen“ 1960er-Jahre präsentiert der Autor „1968“ auch als Genese permanenter Konsumkritik: Ein zweiter roter Faden der Darstellung ist die Frage, wie Innovationen der Gegenkultur immer wieder durch die „Kulturindustrie“ vereinnahmt werden. Für Siegfried ist die Polarität von Konsum innerhalb der Massenkultur und die stete Suche nach neuen, möglichst nicht umstandslos kommerzialisierbaren Formen von Kreativität geradezu ein Grundmotiv von „1968“ (S. 232). Bei seiner Darstellung der Pop- und Gegenkultur leuchtet das unmittelbar ein; ob sich hingegen die Rote Armee Fraktion auch aus Ärger darüber konstituierte, dass Rudi Dutschke längst als Medienstar vereinnahmt wurde (S. 166), ist womöglich doch ein wenig weit hergeholt.

Zeitgenössische Zitate wurden im Buch an die neue Rechtschreibung angepasst – historisches Bewusstsein sollte dem widerstehen. Auch die politisch korrekte Rede von „Studierenden“ (zum Glück dann aber doch keine „Studierendenbewegung“!) und der Anglizismus „in“ plus Jahreszahl wären besser vermieden worden. Das Bildmaterial hingegen, mit kundiger Hand ausgewählt, erfreut mit Funden jenseits der längst ikonisch gewordenen Motive; allein das lohnt bereits das Blättern.

Das eigentliche Problem der Darstellung freilich liegt tiefer als in Detlef Siegfrieds Bestreben, allenthalben Kontinuitäten aufzuweisen. Siegfried Kracauer zählt Einflussforschung zu den „schwierigsten Aufgaben des Historikers“, die Systemtheorie reflektiert die Funktion von Latenz, Alexander Demandt hat die Probleme von kausaler Zurechnung und temporaler Sequenzierung als „Trichterprozesse“ und „Kaskadenstruktur“ beschleunigter bzw. qualitativer historischer Transformation gefasst.[9] Siegfried hingegen meint: „Ohne die vielen unspektakulären ‚Revolutionen‘ im Kleinen ist 1968 nicht zu denken.“ (S. 49) Gewiss, aber mikrologischer Wandel führt eben doch nicht zu einem Gefühl des Umbruchs, ohne das „1968“ auch nicht gewesen wäre, was es war. Vor dem wirklich Neuen oder gar einem Augenblicksbewusstsein emphatischen Umschlags ins „Jetzt“, wie es sich „1968“ vielleicht erstmals manifestierte, stehen empirisch-deduktive Wissenschaften, zu denen die Historiographie in ihrem Mainstream nun einmal zählt, etwas hilflos.[10]

Trotz aller Kritik: Am Ende staunt man, welche Informationsfülle geboten wird. Als Kompendium oder Grundlage für einschlägige Seminare ist Detlef Siegfrieds unaufgeregter und nicht zuletzt penibel mit Belegen ausgestatteter Band[11] durchaus zu empfehlen.

Anmerkungen:
[1] Ingrid Gilcher-Holtey (Hrsg.), 1968. Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft, Göttingen 1998; dies., Die 68er Bewegung. Deutschland – Westeuropa – USA, 5. Aufl., München 2017 (1. Aufl. 2001).
[2] Wolfgang Kraushaar, Achtundsechzig. Eine Bilanz, Berlin 2008, S. 51, 88.
[3] Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 5: Bundesrepublik und DDR 1949–1990, München 2008, S. 320f.
[4] Karin Wetterau, 68. Täterkinder und Rebellen. Familienroman einer Revolte, Bielefeld 2017, S. 38. Siehe dazu auch die Rezension von Detlef Siegfried, in: H-Soz-Kult, 15.02.2018, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28074 (04.05.2018).
[5] Helmuth Lethen, Suche nach dem Handorakel. Ein Bericht, Göttingen 2012, S. 47.
[6] Bruce Schulman, The Seventies. The Great Shift in American Culture, Society, and Politics, New York 2002, S. XII, XVI, 219f.
[7] Siehe u.a. Detlef Siegfried, Time Is on My Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre, Neuaufl., Göttingen 2017 (1. Aufl. 2006); ders., Sound der Revolte. Studien zur Kulturrevolution um 1968, Weinheim 2008.
[8] Verblüffend und deprimierend zugleich etwa: Wir warn die stärkste der Patein... Erfahrungsberichte aus der Welt der K-Gruppen, Berlin 1977; auch literarisch herausragend ist Jochen Schimmang, Der schöne Vogel Phönix. Erinnerungen eines Dreißigjährigen, Frankfurt am Main 1979.
[9] Siegfried Kracauer, Schriften, hrsg. von Karsten Witte, Bd. 4: Geschichte – Vor den letzten Dingen, Frankfurt am Main 1971, S. 148; Niklas Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1990, S. 89ff.; Alexander Demandt, Zur Trichterstruktur historischer Prozesse, in: Weyma Lübbe (Hrsg.), Kausalität und Zurechnung. Über Verantwortung in komplexen kulturellen Prozessen, Berlin 1994, S. 265–288, hier S. 267, 272.
[10] Neben Karl Heinz Bohrers literaturwissenschaftlichen Arbeiten und seinen Memoiren siehe aus der Geschichtswissenschaft aber Ingrid Gilcher-Holtey, „Kritische Ereignisse“ und „kritischer Moment“. Bourdieus Modell der Vermittlung von Ereignis und Struktur, in: Manfred Hettling / Andreas Suter (Hrsg.), Struktur und Ereignis, Göttingen 2001, S. 120–137.
[11] Schuldig bleibt Siegfried nur den Nachweis der gleich zweimal (S. 231, 251) bemühten These zu „1968“ als „Fundamentalliberalisierung“ aus dem Munde Habermas’; vgl. ders., Interview mit Angelo Bolaffi, in: Jürgen Habermas, Die nachholende Revolution. Kleine politische Schriften VII, Frankfurt am Main 1990, S. 21–28, hier S. 26.

Zitation
Ingo Meyer: Rezension zu: : 1968. Protest, Revolte, Gegenkultur. Ditzingen  2018 , in: H-Soz-Kult, 25.05.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28733>.