C. Deglau: Der Althistoriker Franz Hampl

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Titel
Der Althistoriker Franz Hampl zwischen Nationalsozialismus und Demokratie. Kontinuität und Wandel im Fach Alte Geschichte


Autor(en)
Deglau, Claudia
Erschienen
Wiesbaden 2017: Harrassowitz Verlag
Umfang
XVIII, 702 S.
Preis
€ 115,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Willing, Marburg

Die Erforschung der Alten Geschichte im Nationalsozialismus hat durch intensive Archivrecherchen und eine immer stärkere Vernetzung mit den Nachbardisziplinen in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Das Erscheinen von rund einem halben Dutzend Biografien wichtiger Fachvertreter verdeutlicht den gewachsenen Informationsfluss. Während es bis weit in die 1980er-Jahre hinein nicht unüblich war, das Verhalten führender Köpfe der „Zunft“ in der NS-Zeit zu beschönigen[1], ist dies heute kaum mehr möglich. Die vorliegende Dissertation von Claudia Deglau reiht sich in die lange althistorische Tradition der Marburger Philipps-Universität ein.[2] Sie stellt Leben und Werk Franz Hampls (1910–2000) in den Mittelpunkt, eine Kontinuitätsfigur, die in den 1930er-Jahren durch die Leipziger „Berve-Schule“ sozialisiert wurde und nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit in Innsbruck als Ordinarius lehrte. Obwohl ihm bereits mehrere einschlägige Beiträge gewidmet wurden, sucht man Hampls Namen im Lexikon bedeutender Altertumswissenschaftler vergeblich.[3] Umso mehr ist Deglaus Studie zu begrüßen, die neben Quellen- und Literaturverzeichnis ein Interview aus dem Jahr 1986, eine Aufstellung der Lehrveranstaltungen, ein Personenregister sowie einige Abbildungen des porträtierten Gelehrten enthält.

Die Autorin gliedert ihre Untersuchung in elf Kapitel. In der Einleitung beruft sie sich auf den wissenschaftshistorischen Forschungsansatz von Karl Christ und das „Habitus“-Konzept des französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Anschließend nimmt sie ihr Ziel, Hampls intellektuelle Biografie zu rekonstruieren, chronologisch in Angriff. In Bozen geboren, verlor der junge Franz seinen Vater bereits im Ersten Weltkrieg. In der nachfolgenden Republik Österreich wandte er sich dem deutschnationalen Lager zu und schloss sich als 17-Jähriger der schlagenden Verbindung „Germania“ an. Nach der Matura studierte er von 1929 bis 1932 in Leipzig, Kiel und Frankfurt am Main Alte Geschichte mit den Nebenfächern Mittlere und Neuere Geschichte, Klassische Philologie, Archäologie und Philosophie. Nach Leipzig zurückgekehrt, wurde er bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges entscheidend von Helmut Berve geprägt, dessen Einfluss im nationalsozialistischen Wissenschaftsbetrieb aufgrund seiner Rektoren- und Gutachtertätigkeit kaum überschätzt werden kann. Hampls Promotion über den „König der Makedonen“ folgte die Habilitationsarbeit „Die griechischen Staatsverträge des 4. Jahrhunderts v. Christi Geb.“ sowie ein fundierter „Hermes“-Aufsatz zu den lakedämonischen Periöken. Obwohl diese Themenwahl auf Berve zurückgehen dürfte, entwickelte der Schüler inhaltlich andere Ideen als sein Lehrer und folgte ihm nicht auf seinen rassistischen Irrwegen. Um seine Hochschulkarriere nicht zu gefährden, so Deglau, habe sich der gebürtige Südtiroler der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), dem Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB), dem Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps (NSKK) als weltanschaulicher Schulungsleiter sowie der NSDAP angeschlossen.[4]

Nahezu während des gesamten Zweiten Weltkriegs war Hampl in der Wehrmacht an der Ostfront eingesetzt. Eine Analyse des erwähnten Interviews aus dem Jahr 1986 verdeutlicht – wenig überraschend –, dass der Soldat zeitlebens traumatische Erlebnisse, nicht zuletzt bei der „Partisanenbekämpfung“, zu bewältigen hatte. Im April 1942 wurde Hampl als außerordentlicher Professor an die Ludwigs-Universität Gießen berufen. Diese Stelle, aber auch die Aussichten auf eine Professur in Jena und anderen Hochschulen hatte er insbesondere der Protektion Berves zu verdanken. Insgesamt galt der junge Althistoriker den Berufungsbehörden als „politisch zuverlässig“, so zum Beispiel dem Jenenser SS-Hauptsturmführer Woller (S. 266). Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches zerschlugen sich Hampls Hoffnungen, in Gießen schnell Fuß zu fassen. Er wich in die französische Besatzungszone aus und lehrte 1946/47 an der neu gegründeten Universität Mainz. Die Institution stand unter dem Motto von „déprussification, dénazification und démocratisation“ (S. 378), de facto fand aber keine gründliche Überprüfung Hampls statt.

Zeitgleich bewarb sich der Berve-Schüler auch in Innsbruck. Da dort seine Angaben ebenfalls ohne Beanstandung akzeptiert wurden, konnten am 2. Oktober 1947 der Wechsel nach Österreich und die Ernennung zum ordentlichen Professor für Alte Geschichte erfolgen. Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1981 hielt er der Leopold-Franzens-Universität die Treue und wirkte durch vielfältige Initiativen sowie seine Schüler Ingomar Weiler, Reinhold Bichler und Christoph Ulf weit darüber hinaus. Wissenschaftlich sah er sich vor allem der Leistung „großer Männer“ verpflichtet, die den Geschichtsverlauf entscheidend geprägt hätten. An erster Stelle muss das Faible für Alexander den Großen genannt werden. In der Quellenkritik sah er die Grundlage der althistorischen Arbeit. Unmissverständlich war beispielsweise sein Verdikt zu Homers großem Werk formuliert: „Die Ilias ist kein Geschichtsbuch“, sondern müsse als Sammlung von Sagen aufgefasst werden. Darüber hinaus verfolgte er einen innovativen universalhistorischen Ansatz, beschäftigte sich intensiv mit philosophischen Positionen (Spengler, Toynbee oder Jaspers) und trat als begeisternder Rhetor und Vermittler der Antike gegenüber den Studierenden in Erscheinung. Seine gegen Milieutheorie und Historischen Materialismus gerichteten Polemiken riefen allerdings auch oppositionelle Kräfte auf den Plan. Nicht zuletzt sind fragwürdige Konzepte von „Blut“ und „Blutsmischung“ feststellbar, die Affinitäten zur NS-Zeit anklingen lassen. Die Autorin ordnet sie „demselben Denkschema“ zu (S. 533).

Sehr starke Akzente setzt Deglau auf die Untersuchung von Berufungsverfahren für althistorische Lehrstühle vor und nach 1945, die sie kenntnisreich anhand der umfangreichen Aktenüberlieferung nachzeichnet, aber nicht immer konsequent auswertet (vgl. „Zwischenfazit“, S. 359f.). Als besonders gelungen und informativ ist der Abschnitt über Hampls Wechsel nach Innsbruck 1947 hervorzuheben. In der Bewerbung gab er bei der Nationalität nicht die von ihm im Nationalsozialismus beantragte „reichsdeutsche“, sondern die tschechische Staatsbürgerschaft an und vermied Hinweise auf seinen politisch belasteten Lehrer Berve. Hinsichtlich der Tätigkeit im NSKK verschwieg er seine ideologische Funktion als Schulungsleiter und behauptete sogar, 1939 wieder aus der Organisation ausgetreten zu sein. Nicht zuletzt verstieg er sich zu der ebenfalls wahrheitswidrigen Aussage, weder NSDAP-Mitglied noch Anwärter gewesen zu sein. Auf das Unterschlagen der Zugehörigkeit zur Hitler-Partei, das sich wie ein roter Faden durch seine Biografie bis zum Interview 1986 zieht, weist die Autorin wiederholt hin. Gleichfalls instruktiv ist das undatierte Muster einer wohldurchdachten Entlastungserklärung von Berve, das er an zahlreiche Kollegen verschickte. Auch Hampl leistete dieser Aufforderung Folge (S. 408f.). Das von Berve entworfene Schreiben steht als Schlüsseldokument synonym für organisierte „Persil-Scheine“, die zur „Entnazifizierung“ der Auftraggeber dienten. Leider wird das komplizierte Verhältnis vom famulus Hampl zum magister Berve nach 1945 zwar gelegentlich angesprochen, aber nicht systematisch beleuchtet.[5]

Claudia Deglau hat mit ihrer Dissertation eine weit überdurchschnittliche Leistung erbracht, die nicht nur die ambivalente Biografie Franz Hampls überzeugend ergründet, sondern auch zahlreiche Anstöße für die Erforschung der Althistorie im 20. Jahrhundert liefert.

Anmerkungen:
[1] Zum Beispiel: Alfred Heuß, Helmut Berve †, in: Historische Zeitschrift 230 (1980), S. 779–787; Fritz Schachermeyr, Ein Leben zwischen Wissenschaft und Kunst, hrsg. von Gerhard Dobesch u. Hilde Schachermeyr, Wien u.a. 1984.
[2] Volker Losemann / Kai Ruffing (Hrsg.), In solo barbarico ... Das Seminar für Alte Geschichte der Philipps-Universität Marburg von seinen Anfängen bis in die 1960er Jahre, Münster 2018.
[3] Vgl. Peter Kuhlmann / Helmuth Schneider (Hrsg.), Geschichte der Altertumswissenschaften. Biografisches Lexikon (Der Neue Pauly, Suppl. 6), Stuttgart 2012.
[4] Den Aufnahmeantrag in die NSDAP stellte Hampl am 3. Februar 1939, er wurde auf den 1. Dezember 1938 zurückdatiert (S. 79).
[5] Vgl. Franz Hampl, Helmut Berve †, in: Gnomon 51 (1979), S. 413–415.

Zitation
Matthias Willing: Rezension zu: : Der Althistoriker Franz Hampl zwischen Nationalsozialismus und Demokratie. Kontinuität und Wandel im Fach Alte Geschichte. Wiesbaden  2017 , in: H-Soz-Kult, 16.04.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28831>.
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16.04.2018
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