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Titel
Das neue Kreisau. Die Entstehungsgeschichte der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung 1989–1998


Autor(en)
Franke, Annemarie
Erschienen
Augsburg 2017: Wißner-Verlag
Umfang
379 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gregor Feindt, Leibniz-Institut für Europäische Geschichte, Mainz

Kreisau / Krzyżowa ist in den deutsch-polnischen Beziehungen immer wieder präsent, sowohl in der wissenschaftlichen Betrachtung als auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Mit dem kleinen Dorf in Niederschlesien verbinden sich der Widerstand gegen den Nationalsozialismus ebenso wie Zwangsmigration und Heimwehtourismus, aber auch die Annäherung zwischen Deutschen und Polen. Krzyżowa war in den vergangenen Jahren immer wieder Schauplatz politischer Spitzentreffen und beherbergt mit der internationalen Jugendbegegnungsstätte der Stiftung Kreisau seit 1998 eines der wichtigsten Projekte der deutsch-polnischen Verständigung. Dennoch ist die Geschichte dieses deutsch-polnischen Ortes bislang nur fragmentarisch geschrieben worden.[1]

Annemarie Franke schließt diese Lücke und legt mit „Das neue Kreisau“ eine transnationale Geschichte zu Kreisau / Krzyżowa vor, die mehr ist als eine bloße Entstehungsgeschichte der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung und zugleich über den Zeitraum 1989–1998 hinausgreift. Franke selbst leitete über zehn Jahre lang die Gedenkstätte der Stiftung und kennt deren Entwicklung und Akteure aus der Binnenperspektive. Für das vorliegende Buch hat sie neben zahlreichen staatlichen Archiven das Archiv der Stiftung Kreisau und private Archive ausgewertet sowie Zeitzeugen befragt.

Dreh- und Angelpunkt des „neuen Kreisaus“ ist ein transnationales, zivilgesellschaftliches Netzwerk vor allem von Deutschen und Polen, die sich diesem Ort auf verschiedene Weise verbunden fühlten. Die Vernetzung dieser Gruppe begann schon im Europa des Blockgegensatzes, bevor die Beteiligten ihre Zusammenarbeit ab 1989 intensivierten und in der Folge die Stiftung Kreisau gründeten. Diese drei Phasen der Beschäftigung mit dem Ort gliedern das Buch. Die unterschiedlichen Hintergründe und Motive der Akteure, sich mit Krzyżowa, seiner deutschen Geschichte und polnischen Gegenwart zu beschäftigten, machen einen besonderen Reiz der Studie aus und schließen sie an eine Vielfalt von Themen und Konstellationen an. Dabei macht die Verfasserin immer wieder deutlich, dass die von ihr chronologisch nachgezeichnete Geschichte keineswegs zwangsläufig auf die Gründung der Stiftung im Jahr 1990 hinauslief. Vielmehr handelte es sich um eine Geschichte von Interesse und Hartnäckigkeit, aber auch von Zufällen und glücklichen Wendungen.

So lässt Franke ihre Darstellung mit neun – weit verstandenen – Orten beginnen, an denen nach dem Zweiten Weltkrieg an den Kreisauer Kreis erinnert wurde und die Idee heranreifte, in Krzyżowa eine wie auch immer geartete Begegnungsstätte einzurichten. Dies waren zum Beispiel die institutionellen Zentren des Dorfes nach 1945, also Pfarrhaus und Gutshof, der Teil eines Landwirtschaftskombinats wurde. Das Berghaus als ehemaliges Wohnhaus der Familie von Moltke wurde ein zunehmend abstrakter Bezugspunkt, der aber als Tagungsort des Kreisauer Kreises eine besondere Bedeutung behielt. Polnische Akteure, die Kontakte in beide deutsche Staaten pflegten, wie die Redaktion des katholischen Wochenblattes „Tygodnik Powszechny“ in Krakau oder die Breslauer Familie Czapliński, gehören ebenso zu dieser Reihe wie DDR-Oppositionelle wie Ludwig Mehlhorn oder die West-Berliner Bildungsstätte Haus Kreisau. Ein weiterer Ort ist das internationale Netzwerk von Historikern wie Ger van Roon, Karol Jonca oder Peter Steinbach, die sich mit den Ideen des Kreisauer Kreises befassten. Schon vor dem Systemwechsel entfaltete sich so eine Geschichte von Verflechtungen zwischen Polen, den beiden deutschen Staaten, den Niederlanden und Nordamerika. Gerade die polnischen Akteure vor Ort, sei es in Breslau oder Krzyżowa, übernahmen dabei eine Vermittlerrolle für deutsche und internationale Gäste und trugen auf diese Weise zur polnischen Aneignung Niederschlesiens und des deutschen kulturellen Erbes bei.

Dieses Netzwerk gewann 1989 an Dynamik mit einer Breslauer Tagung zum Kreisauer Kreis, die zeitgleich mit den halbfreien Parlamentswahlen am 4. Juni stattfand. In den folgenden Monaten entwickelten die polnischen, deutschen und internationalen Akteure konkretere Pläne für ein Begegnungszentrum und griffen damit den politischen Entwicklungen voraus. Als am 12. November 1989, drei Tage nach dem Fall der Berliner Mauer, der erste nichtkommunistische Premierminister Polens, Tadeusz Mazowiecki, mit Bundeskanzler Helmut Kohl zu einer Versöhnungsmesse in Krzyżowa zusammenkam, war der Ort endgültig ins Zentrum auch der politischen Aufmerksamkeit gerückt. Franke zeigt hier anschaulich auf, wie die zivilgesellschaftlichen Akteure in dieser Situation das politische Interesse nutzten, um ihre Pläne voranzutreiben. Im Umbruch 1989/1990 wurde ein Kauf des ehemaligen Gutshofs möglich und mit der Gründung der Stiftung Kreisau verstetigte sich das Netzwerk. Dabei agierten die zivilgesellschaftlichen Protagonisten parallel und im Zusammenspiel mit Regierungsstellen und gestalteten die Aufbruchseuphorie der Systemtransformation mit.

Im dritten Teil schildert Franke den langwierigen und oft kleinteiligen Prozess der daran anschließenden Institutionalisierung. Wurde das Projekt eines „neuen Kreisaus“ von großen Erwartungen und der Hoffnung einer vor Ort zum Leben erwachenden europäischen Gemeinschaft getragen, stellte sich seine Überführung in Alltagsgeschäfte schwieriger, oft ernüchternd dar. Mit Fördermitteln der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit konnte der Gutshof als Jugendbegegnungsstätte renoviert werden. Abseits der planerischen und juristischen Schwierigkeiten ist in dieser Zeit die Suche nach übergreifenden, deutsch-polnischen Inhalten aufschlussreich. Krzyżowa sollte neben einer Begegnungsstätte Museum oder Gedenkstätte für den Kreisauer Kreis werden. Die gewünschte Einbeziehung polnischer und ost(mittel)europäischer Widerstandstraditionen stellte sich jedoch als schwieriger und umstrittener heraus als erwartet. Bei diesem Thema werden Übersetzungsleistungen zwischen Geschichtsbildern, individuellen Biographien und Vorstellungen zivilgesellschaftlicher Teilhabe ebenso deutlich wie deren Scheitern. Hier zeigt sich der Mehrwert der Studie: Während die deutsch-polnischen Beziehungen nach 1989 in der Forschung meist im größeren politischen Rahmen gedacht und zuweilen unter dem Schlagwort „Versöhnungskitsch“ gefasst werden[2], entgeht die Arbeit von Franke einer solchen Überbetonung und Verallgemeinerung deutsch-polnischer Versöhnung. Stattdessen bietet sie eine konkrete Sonde in die transnationale zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit in einem deutsch-polnischen und europäischen Kontext. Zudem bindet Franke die Perspektive des kleinen niederschlesischen Dorfes und seiner Bewohner in ihre Darstellung ein, das sich unverhofft zu einem Begegnungsort wandelte und folglich mit noch mehr Besuchern konfrontiert wurde.

Franke entwickelt in ihrem Buch eine Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen von unten. Gerade im ersten Teil legt sie eine überzeugende Verflechtungsgeschichte von Zivilgesellschaften vor, ohne dabei explizit auf einschlägige methodische Überlegungen zurückzugreifen. Dabei kontextualisiert sie das Geschehen nur situativ und eher beiläufig, rekonstruiert also konkrete Handlungsspielräume, weniger aber die übergreifende Relevanz des Projekts. Vor allem im dritten Teil, der sich der Gründung der Stiftung Kreisau und den kleinteiligen Programmdebatten widmet, verliert sich die Darstellung oftmals in Details. Angesichts der Vielzahl ansonsten eher unbekannter Akteure ist dieser Institutionalisierungsprozess nur schwer zu überschauen. Hier und an anderen Stellen hätte es sich angeboten, über das Fallbeispiel hinauszugehen und aus diesem auch auf größere Zusammenhänge zu schließen. Anhand des „neuen Kreisaus“ lassen sich die deutsch-polnischen Beziehungen auf zivilgesellschaftlicher Ebene betrachten – und diese pointierte Betrachtung erweitert unser Verständnis gesamtgesellschaftlicher Zusammenhänge.

Frankes Mikrogeschichte über das „neue Kreisau“ liefert grundlegend Neues für das Verständnis der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte. Das liegt zum einen an ihrem Gegenstand, denn nur wenige Beispiele eignen sich so gut wie Kreisau, um das ambivalente und oft unintendierte Zusammenspiel von internationalen Beziehungen und Zivilgesellschaft zu zeigen. Zum anderen ist es das Ergebnis eines konsequent multiperspektivischen und akteurszentrierten Vorgehens, das genau jene transnationale Zivilgesellschaft zum Vorschein kommen lässt, die in der Forschung sonst vielfach angenommen, aber nur selten ausgeführt wird. Trotz des dominanten deutsch-polnischen Settings ist dies implizit auch eine europäische Geschichte, sowohl mit Bezug auf die Beteiligten als auch auf ihre Ideen und Vorstellungen. Solche multilateralen und europäischen Perspektiven explizit zu machen, sollten sich künftige Forschungen zu den deutsch-polnischen Beziehungen zum Ansporn nehmen.

Anmerkungen:
[1] Neben Vorarbeiten der Autorin und Eigenpublikationen der Stiftung Kreisau vor allem: Mateusz J. Hartwich, Kreisau. Pacta sunt servanda!, in: Hans Henning Hahn / Robert Traba (Hrsg.), Deutsch-polnische Erinnerungsorte, Bd. 1: Geteilt / Gemeinsam, Paderborn 2015, S. 485–496.
[2] Zur Diskussion über den von Klaus Bachmann geprägten Begriff „Versöhnungskitsch“ siehe Hans Henning Hahn / Heidi Hein-Kircher / Anna Kochanowska-Nieborak (Hrsg.), Erinnerungskultur und Versöhnungskitsch, Marburg 2008.

Zitation
Gregor Feindt: Rezension zu: : Das neue Kreisau. Die Entstehungsgeschichte der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung 1989–1998. Augsburg  2017 , in: H-Soz-Kult, 13.03.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28869>.
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Veröffentlicht am
13.03.2019
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