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Titel
Codex Udalrici.


Hrsg. v.
Naß, Klaus
Erschienen
Wiesbaden 2017: Harrassowitz Verlag
Umfang
CXXVI-338, 339-747 S.
Preis
€ 198,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Roland Zingg, Historisches Seminar, Universität Mainz

Der Codex Udalrici ist eine umfangreiche Textsammlung aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts und zudem vielleicht die bedeutendste aus dem Zeitalter der Investiturstreitigkeiten. Die in ihr enthaltenen Texte reichen vom 7. Jahrhundert bis 1125 beziehungsweise 1134. Es handelt sich dabei nicht nur um eine besonders interessante, sondern auch um eine quellenkritisch sehr anspruchsvolle Zusammenstellung. Klaus Naß hat sich der Aufgabe unterzogen, erstmals eine vollständige kritische Ausgabe dieser Sammlung zu erarbeiten.[1] Die Bedeutung des Codex Udalrici für das Fach lässt sich auch daran ermessen, dass eine solche Edition bei den MGH schon seit 1831 vorgesehen war. Es war zugleich die letzte der für die Reichsgeschichte des 12. Jahrhunderts wichtigen Briefsammlungen (auch wenn sie natürlich mehr als nur Briefe enthält, siehe dazu unten), die noch nicht in einer der modernen Wissenschaft genügenden Ausgabe vorlag. Mit Naß‘ Edition wird diese Lücke nun in bewährter Manier geschlossen.

Zunächst einmal gelingt es Naß, die bisher umstrittene Identität Udalrichs festzustellen: Auf Basis der Memorial- und Urkundenüberlieferung kann er ihn überzeugend mit dem am 7. Juli 1127 verstorbenen Bamberger Domkustos Udalrich identifizieren. Dieses Amt muss Udalrich spätestens seit 1108 bekleidet haben – Domscholaster hingegen, wie früher gerne angenommen, war er wohl nie (S. XIV–XX). Diese Identifikation bleibt nun nicht ohne Folgen. Der Codex war ursprünglich Bischof Gebhard von Würzburg gewidmet worden, der im Widmungsgedicht, das explizit das Jahr 1125 nennt, als presul angesprochen wird. 1122 war es in Würzburg zu einer Doppelwahl gekommen, bei der sich letztlich Gebhards Konkurrent Rugger durchzusetzen vermochte. Erst nach Ruggers Tod am 26. August 1125 bekundete Erzbischof Adalbert I. von Mainz seine Absicht, nun Gebhard zum Bischof zu weihen. Dies teilte Adalbert kurz darauf in einem Schreiben an den Bamberger Bischof mit. In Würzburg gab es aber weiterhin Widerstand gegen Gebhard und bereits im März 1126 entschied der Papst gegen ihn, im weiteren Verlauf des Jahres wurde er gar exkommuniziert und 1127 schließlich ein anderer Bischof investiert. Gebhard kann in Bamberg also nur zwischen dem 26. August und dem 25. Dezember 1125 als Bischof gegolten haben (S. XXIf.). Das Sammeln der Texte war indes keine spontane Entscheidung, sondern ein über mehrere Jahre verfolgtes Projekt (S. XXIIIf.). Für diese sogenannte Widmungsfassung von 1125, welche bereits 333 Texte enthielt, gibt es jedoch keine direkten Textzeugen. Die gesamte heute erhaltene Textüberlieferung geht stattdessen auf eine in Bamberg entstandene, stufenweise ergänzte Fassung zurück, wie sie um 1134 vorlag – was zugleich bedeutet, dass die heutige Gestalt der Textsammlung nicht Udalrichs Werk gewesen sein kann. Er nahm zwar an der Widmungsfassung noch kleine Ergänzungen im Umfang von 13 Texten vor, doch dann ereilte ihn der Tod. Ein unbekannter Fortsetzer/Ergänzer fügte der bestehenden Sammlung sodann bis 1134 weitere 62 Texte hinzu, womit ihre endgültige Gestalt von insgesamt 395 Texten erreicht war. Es sind dies 22 Gedichte, 113 Urkunden, 228 Briefe sowie 32 weitere Texte verschiedener Art, von denen nicht weniger als 161 nur hier überliefert sind (S. XXV). Die gewählten Texte und die Art ihrer Zusammenstellung führen Naß zum Schluss, dass Udalrich entgegen früherer Ansichten weder eine Formularsammlung noch ein Buch für den Schulunterricht schaffen wollte, sondern dass es sich um eine interessengeleitete Privatsammlung handelte. Die nach seinem Tod bis 1134 vorgenommene Erweiterung der Sammlung hingegen sollte wohl ihren quasi beiläufig ohnehin schon vorhandenen praktischen Nutzen erhöhen (S. XLV–LII).

Tradiert ist der Codex Udalrici in sieben Handschriften, die allesamt noch dem 12. Jahrhundert entstammen (zwei neuzeitliche Abschriften sind für die Texterstellung unerheblich). Diese sieben Handschriften gehen alle auf die ergänzte Fassung von um 1134 zurück und lassen sich in zwei Textklassen x und y gliedern. Unter den drei Handschriften der Textklasse x finden sich auch die beiden, welche als einzige die komplette Textsammlung überliefern – wobei die Textzeugen der Klasse y oftmals die bessere Lesart bieten, was die Texterstellung gewiss nicht vereinfachte. Der einen Handschrift aus der Klasse x, aus dem Zisterzienserkloster Zwettl stammend, folgt Naß, soweit möglich, sowohl bezüglich der Reihenfolge der einzelnen Texte als auch hinsichtlich der Orthographie. Das führt zu einer im Vergleich zu früheren (Teil-)Editionen anderen Abfolge der einzelnen Texte, ist aber editorisch nachvollziehbar (wenn nicht sogar zwingend) und wird zudem über drei Konkordanzen am Ende des zweiten Bandes aufgefangen. Es stellt hierbei sicher auch eine kluge Entscheidung dar, unterschiedliche Schreibungen innerhalb der Leithandschrift nicht zu normalisieren und keine Glätte des Textes zu suggerieren, die es so gar nicht gab. Was Naß auf der Basis der Textkritik letztlich zu rekonstruieren versucht, ist sinnvollerweise der Wortlaut der Fassung von um 1134 und nicht derjenige der Widmungsfassung von 1125 (S. LXI).

Der eigentlichen Edition ist ein nützliches Inhaltsverzeichnis vorangestellt (S. CIII–CXXVI), das es ermöglicht, sich einen raschen Überblick über die einzelnen Quellenstücke und deren Abfolge zu verschaffen. Jedem dieser Texte ist dann ein Kopfregest mit Datierung vorangestellt, gefolgt von Angaben zur handschriftlichen Überlieferung im Codex Udalrici und insbesondere auch zu Parallelüberlieferungen außerhalb. Ferner werden die bisherigen Drucke verzeichnet – trotz der hinten im zweiten Band beigegebenen Konkordanzen auch nochmals diejenigen von Jaffé[2] und Eccard[3], was im Sinne der Benutzerfreundlichkeit sicher eine glückliche Entscheidung darstellt. Zudem wird in aller Kürze die wichtigste Literatur geboten und zwar dankenswerterweise nicht einfach als Block von Literaturangaben, sondern mit knapper Einordnung, die dem Benutzer gleich anzeigt, was er wo finden wird (oder eben nicht). Weiter trifft man hier, wo nötig, Querverweise auf andere Texte der Sammlung an. Und zuletzt weist jeweils eine Bemerkung nochmals auf spezifische Leistungen des Variantenapparates hin. So wird der Text des Codex Udalrici bei Urkundenabschriften beispielsweise auch mit dem Text des Originals oder bestimmter anderer Abschriften verglichen, was den wichtigen Blick auf den Umgang mit Vorlagentexten ermöglicht. Diese Art der Kommentierung ermöglicht es, im Editionsteil mit einem Variantenapparat auszukommen und auf Sachanmerkungen zu verzichten. Diese Funktion übernimmt die Vorbemerkung mit der historischen Einordnung des Stücks – eine Darstellungsweise, wie man sie von Diplomata-Ausgaben seit langem kennt und die gelegentlich auch schon für Brief-Editionen gewählt wurde.

Erschlossen wird die Edition neben den oben bereits genannten drei Konkordanzen durch ein Initienverzeichnis, ein Verzeichnis der Urkundenaussteller und –empfänger, ein Verzeichnis der Absender und Empfänger der Briefe, ein Verzeichnis der Handschriften, ein Verzeichnis von Stellen und Zitaten (unterteilt in: Bibel, Kirchenväter, sonstige Autoren) und einen Namenindex. Verzichtet wurde auf ein Wortregister, da die komplette Edition in kurzer Zeit auch über die dMGH abrufbar und mit den gewohnten Instrumenten durchsuchbar sein wird. In einem Anhang finden sich zudem zwei Urkunden inklusive Abbildungen, die vom nun identifizierten Urheber des Codex Udalrici stammen: Udalrich schenkte 1093 beziehungsweise 1118 dem Bamberger Dom und dem Kloster Michelsberg für sein und seiner Eltern Seelenheil Güter. Insgesamt handelt es sich um eine Edition, die viele Fragen klärt, den Raum für neue Fragestellungen öffnet, selbst aber kaum Wünsche offenlässt.

Anmerkungen:
[1] So in der einzigen bisher erschienenen wissenschaftlichen Edition: Udalrici Babenbergensis codex, in: Philipp Jaffé (Hrsg.), Monumenta Bambergensia (Bibliotheca rerum Germanicarum 5), Aalen 1869, S. 1–469.
[2] Ebd.
[3] Udalrici Babenbergensis codex epistolaris, in: Johann Georg Eccard (Hrsg.), Corpus historicum medii aevi 2, Leipzig 1723, Sp. 1–374.

Zitation
Roland Zingg: Rezension zu: Naß, Klaus (Hrsg.): Codex Udalrici. Wiesbaden  2017 , in: H-Soz-Kult, 20.06.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28920>.
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Veröffentlicht am
20.06.2018
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