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Titel
Die Verdammten der Stadt. Eine vergleichende Soziologie fortgeschrittener Marginalität


Autor(en)
Wacquant, Loïc
Erschienen
Wiesbaden 2017: Springer VS
Umfang
325 S.
Preis
€ 38,08
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Hans Berner, Universität Dortmund

Mit „Die Verdammten der Stadt“ liegt nun in deutscher Übersetzung eine Aufsatzsammlung von Loïc Wacquant aus dem Jahr 2008 vor.[1] Zusammengefasst sind vergleichende soziologische Analysen von Prozessen der Marginalisierung und Ausgrenzung von Schwarzen Ghettos in den USA und Banlieus in Frankreich der ausgehenden 1980er- und frühen 1990er-Jahre, die Wacquant ursprünglich zwischen 1989 und 1997 in diversen Publikationen veröffentlicht hat (S. 306).

Wacquant zeichnet zunächst den infrastrukturellen und ökonomischen Abstieg eines Schwarzen Ghettos in Chicago zum Hyperghetto zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren, wendet sich anschließend einer vergleichenden Analyse von Hyperghettos in den USA und Banlieus in Frankreich zu und erarbeitet im dritten Teil des Buches das Konzept fortschreitender Marginalität. Wacquants methodischer Zugang besteht aus der Verbindung von ethnografischer Feldforschung, struktureller und historischer Analyse. Unter Rückgriff auf Pierre Bourdieus Ansatz zur Konstruktion soziologischer Objekte (S. XXII) stellt Wacquant die im Zeitraum der Untersuchung im öffentlichen Diskurs präsente transatlantische Konvergenzthese in Frage: Während dort die in marginalisierten Stadtteilen in Europa und den USA ausbrechende Unruhen alarmierend als US-Amerikanisierung gesellschaftlicher Verhältnisse in europäischen Städten bezeichnet wurden (S. 12), betont Wacquant die Verschiedenheit der gesellschaftlichen Verhältnisse in beiden Untersuchungsräumen (S. XXXII).

Zwar seien Hyperghetto und Banlieu in ihrem jeweiligen nationalen Rahmen konzentrierte Zonen sozialer Ausgrenzung, doch seien sie durch unterschiedliche institutionelle Segregations- und Aggregationsprinzipien charakterisiert. In den US-Ghettos finde Segregation auf Basis eines jahrhundertealten Rassismus statt, der von Staat und nationaler Ideologie getragen werde. Französische Banlieus konstituierten sich hingegen durch marginalisierte Klassenpositionen und gerade nicht über rassifizierte soziale Positionen der Bewohner/innen (S. 144), weshalb Wacquant sie als „Anti-Ghettos“ kategorisiert (S. 206). Zudem seien Schwarze Ghettos in der rassifizierten Gesellschaftsordnung der USA räumlich, sozial und institutionell umfassend segregiert und der Staat habe sich aus ihnen weitestgehend zurückgezogen, was in französischen Banlieus in derart drastischem Maße nicht festgestellt werden könne.

Neben Unterschieden arbeitet Loïc Wacquant aber auch strukturelle Parallelen zwischen den Untersuchungsräumen heraus, die Ausgangspunkt für drei zentrale Argumente der Arbeit bilden. Erstens trieben nicht allein ökonomische Umwälzungen, sondern insbesondere Stadt- und Staatspolitik Bevölkerungsgruppen und Stadtteile in die Marginalisierung (S. 156, 296). Wie sein Mentor Pierre Bourdieu[2] betrachtet Wacquant die Transformation des Wohlfahrtsstaates zum aktivierenden Sozialstaat als eine zentrale Ursache für die Zunahme sozioökonomischer Ungleichheiten im Spätkapitalismus. Im neoliberalen Sozialstaat würden wohlfahrtsstaatliche Leistungen an den Zwang zur (prekären) Arbeit geknüpft und Effekte anhaltender Prekarität durch Sanktionierung und Segregation an die sozialen Peripherien verbannt (S. 302). Nicht (länger) durch staatliche Institutionen abgefedert, trügen Dynamiken kapitalistischer Ökonomie zur Herausbildung eines neuen Regimes sich vertiefender urbaner Marginalität bei (S. 14f.): Die Folge sind chronische und andauernde Massenarbeitslosigkeit, prekäre Arbeitsverhältnisse, materielle Not und Verbannung ökonomisch marginalisierter Bevölkerungsgruppen in verfallende Stadtviertel mit spärlichen öffentlichen Infrastrukturen, Institutionen und Dienstleistungen (S. 15). Marginalisierung und Prekarisierung von Bevölkerungsgruppen in Stadträumen folgten demnach aus einem Zusammenspiel ökonomischer und politischer Kräfte.

Zweitens bringe die durch staatliche Institutionen provozierte Prekarisierung soziale Problemlagen in marginalisierten Arealen strukturell erst hervor. In populären Diskursen würden für diese ‚sozialen Übel‘ aber die unter ihnen leidenden Marginalisierten selbst verantwortlich gemacht. Wacquant weist also Diagnosen „kollektiver Pathologien“ einer vermeintlich defizitären, urbanen Unterschicht unter Vernachlässigung makrostruktureller, gesamtgesellschaftlicher Zusammenhänge zurück, wie er sie in sozialökologischen Forschungen in der Tradition der Chicagoer Schule ausmacht (S. XII, 94f.). In diesem Sinne sei die Hinwendung einiger Bewohner/innen zu gewaltaffinen, „informellen Straßenökonomien“ in US-Ghettos und Banlieus, wie Drogenhandel oder Kleinkriminalität, nur im Kontext ausgeprägter ökonomischer Not, Exklusion vom formellen Arbeitsmarkt und eines schwachen Gewaltmonopols des Staates erklärbar. Aufgrund der im Vergleich zu Banlieus deutlich ausgeprägteren Armut, Arbeitslosigkeit und Abwesenheit staatlicher Institutionen sowie durch Verbreitung von harten Drogen und Schusswaffen sei die durch informelle Ökonomien erzeugte Gewalt im Hyperghetto wesentlich drastischer. Zwar sei Kleinkriminalität und Gewalt auch in Banlieus nicht ungewöhnlich. Sie würde medial allerdings unzulässig überhöht. Praktisch beeinflusse sie das gesellschaftliche Leben nur geringfügig (S. 224). Im Hyperghetto gerate der öffentliche Raum hingegen zum Angstraum, soziale Interaktionen würden durch Misstrauen vergiftet und Bewohner/innen verbarrikadierten sich in privaten Räumen (S. 226). Das Ausmaß der Gewalt zerrütte die Fundamente gesellschaftlichen Lebens (S. 138).

Drittens betont Wacquant, unter Bezugnahme auf Erving Goffmans Konzept des Stigmas[3] und Pierre Bourdieus Zeichnung der Rolle symbolischer Klassifikationskämpfe für die Legitimation von Herrschaftsverhältnissen[4], die Bedeutung gesellschaftlicher Diskurse in fortschreitenden Marginalisierungsprozessen: Marginalisierte Gebiete würden mit abfälligen Narrativen stigmatisiert, als „gesetzlose Zonen“ oder „Problemgebiete“ (S. XXVII), die aufgrund der dort ausgemachten „sozialen Probleme“ zu meiden sind. Die diskursive Stigmatisierung legitimiert systemische Kontrolle und Bestrafung marginalisierter Bevölkerungsgruppen und spricht privilegierte Teile der Gesellschaft zugleich von moralischer Verantwortung frei. Dies spiele eine zentrale Rolle für die Durchsetzung neoliberaler Politik, die durch den Abbau wohlfahrtsstaatlicher Umverteilungsmechanismen und einer strafenden Politik gegenüber armen Bevölkerungsgruppen charakterisiert sei, was zur Verschärfung sozioökonomischer Ungleichheiten beitrage. Das territoriale Stigma wirke sich außerdem unmittelbar nachteilig auf individuelle Biografien und die soziale Organisation der Marginalisierten aus. In einem stigmatisierten Stadtviertel zu leben beeinflusse alle Aspekte der Existenz in negativer Weise, „seien es Arbeitssuche, romantische Beziehungen, der Umgang mit öffentlichen Organen […] oder einfach beim Gespräch mit Bekannten“ (S. 184). Stigmatisierung verhindere zudem weitgehend eine positive Identifikation mit dem Wohnviertel und blockiere Solidarität zwischen Bewohner/innen. Wacquant spricht von einem unmöglichen Kollektiv‘ (S. 196), denn Marginalisierte können sich weder selbst repräsentieren noch sich für die eigenen Interessen kollektiv einsetzen.

Wacquants Arbeit ist vor allem relevant, weil er die aktive Rolle des Staates und soziale Dynamiken in von strukturellen Gewalten durchgeschüttelten Stadträumen ethnografisch detailreich aufzeigt. Wacquant fordert dazu auf, etablierte Konzepte der Sozialwissenschaften zur Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen den sozialen Strukturkategorien Klasse und Ethnizität sowie Staat und Kapitalismus kritisch zu überprüfen. Insbesondere populären sozialökologischen Ansätzen müsste mit empirisch gesättigter Kritik begegnet werden, da diese eine „fälschlich entpolitisierte Vision städtischer Ungleichheit vermitteln“ (S. 309). Es geht Wacquant also um nicht weniger als eine Reorientierung soziologischer Stadtforschung: Makro- und mikrosoziologische Dimensionen der Analyse sollen wieder stärker zueinander in Beziehung gesetzt werden, um präzise Analysen der Rolle städtischer und staatlicher Institutionen in Prozessen sich zuspitzender sozialer und räumlicher Ungleichheiten voranzutreiben.

Da die Beiträge aufgrund ihres ursprünglich unterschiedlichen Entstehungszusammenhangs nur lose aufeinander Bezug nehmen, wird das Buch leider von inhaltlichen Wiederholungen durchzogen. Weitestgehend offen bleibt zudem, inwiefern sich die Situation in den Untersuchungsräumen auf andere Städte im jeweils nationalen Kontext übertragen, also generalisieren lässt. Bedenken über die Aktualität der Ausführungen aufgrund des Alters des empirischen Datenmaterials versucht Wacquant zuvorzukommen, indem er betont, dass es sich um die Analyse einer spezifischen historischen Situation handelt, aber nicht um die Beschreibung einer überzeitlichen Dynamik. Ein Kapitel zu politischen, ökonomischen und sozialen Entwicklungen in den Untersuchungsräumen in den drei Dekaden nach der ursprünglichen Datenerhebung, die Wacquant nur knapp im Nachwort anspricht, hätte die Aktualität der Arbeit aber zweifelsfrei befördert. Von diesen Schwächen abgesehen ist Loïc Wacquant eine komplexe und methodisch anregende Analyse von Segregations- und Marginalisierungsprozessen in urbanen Räumen post-fordistischer Gesellschaften gelungen.

Anmerkungen:
[1] Loïc Wacquant, Urban Outcasts. A Comparative Sociology of Advanced Marginality, Cambridge 2008.
[2] Pierre Bourdieu, Acts of Resistance. Against the Tyranny of the Market, New York 1998.
[3] Erving Goffman, Encounters. Two Studies in the Sociology of Interaction, Middlesex 1961.
[4] Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt am Main 1982, S. 748f.

Zitation
Hans Berner: Rezension zu: : Die Verdammten der Stadt. Eine vergleichende Soziologie fortgeschrittener Marginalität. Wiesbaden  2017 , in: H-Soz-Kult, 10.05.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28957>.
Redaktion
Veröffentlicht am
10.05.2018
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/