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Titel
Kriegsziel Belgien. Annexionsdebatten und nationale Feindbilder in der deutschen Öffentlichkeit, 1914–1918


Autor(en)
Bischoff, Sebastian
Erschienen
Münster 2018: Waxmann Verlag
Umfang
329 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Wyrwa, Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin

Nachdem kürzlich gleich zwei deutsche Historiker sich bemüht haben, die deutsche Schuld an den Massakern an der belgischen Zivilbevölkerung im Ersten Weltkrieg zu relativieren und die diesbezüglichen nationalistischen Geschichtslegenden der deutschen Rechten aus den zwanziger Jahren wiederzubeleben[1] – paradoxerweise traten beide mit dem Habitus auf, Mythen der deutschen Nachkriegsgeschichtsschreibung zu widerlegen –, ist es umso verdienstvoller, dass nun mit der Paderborner Dissertation von Sebastian Bischoff eine kritische Aufarbeitung der deutschen Kriegsziele in Belgien und der deutschen Annexionsdebatten während des Ersten Weltkrieges vorliegt.

Bischoff geht es in seiner in der Schriftenreihe des 2012 gegründeten „Arbeitskreises historische Belgienforschung im deutschsprachigen Raum“ erschienenen Studie sowohl um die Annexionspläne der politischen und militärischen Entscheidungsträger in Deutschland als auch um die öffentlichen Debatten über die deutsche Belgienpolitik. Dabei untersucht er zugleich die Entstehung antibelgischer Feindbilder in der deutschen Öffentlichkeit. Der zeitliche Fokus ist zudem nicht nur auf die erste Kriegsphase, den deutschen Einmarsch in Belgien 1914 und die martialische Kriegsführung gegen den belgischen Widerstand und die belgische Zivilbevölkerung konzentriert. Bischoff nimmt die deutsche Belgienpolitik vom Beginn bis zum Ende des Krieges in den Blick.

Schon wenige Tage nach ihrem Einmarsch in Belgien schufen deutsche Soldaten, wie Bischoff in der Einleitung hervorhebt, antibelgische Feindbilder, die unmittelbar darauf in der deutschen Presse verbreitet und von Schriftstellern suggestiv ausgemalt wurden. Gleichzeitig wurden Forderungen nach einer Annexion Belgien erhoben. Nach Klärung der Begriffe Annexion, Feindbild und Öffentlichkeit greift Bischoff auf den aus den Debatten über Native Americans stammenden Terminus Savagisierung zurück, um „die Erfindung des ‚Wilden‘“ (S. 18) erfassen zu können. Das seine Studien leitende Interesse richtet sich auf die Frage, wie ein derartiges neues Feindbild „innerhalb weniger Wochen hegemonial werden“ konnte (S. 11).

Zur Klärung dieser Frage hat Bischoff erstens eine Fülle von Quellen aus dem Bayrischen Hauptstaatsarchiv, dem Bundesarchiv, dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, dem Landesarchiv Berlin, dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes sowie schließlich des Stadtarchivs Düsseldorf eingesehen. Zweitens hat er vierzehn Tageszeitungen und siebenundzwanzig Zeitschriften einschließlich einzelner Illustrierter und Satiremagazine der unterschiedlichen politischen Lager systematisch ausgewertet, wobei er eine politisch repräsentative Auswahl getroffen und dabei vor allem die meinungsbildenden und einflussreichsten Presseorgane erfasst hat. Der Ergänzung dienen ferner literarische Quellen wie Trivialromane oder populäre Theaterstücke.

Zunächst geht Bischoff den in der deutschen Öffentlichkeit zirkulierenden Erzählungen über den Widerstand der belgischen Bevölkerung sowie den Berichten über antideutsche Ausschreitungen und die Vertreibung von Deutschen aus Belgien nach. Die Erzählungen über den, wie es in den Zeitungsmeldungen immer wieder hieß, von Freischärlern aus dem Hinterhalt und mit äußerster Brutalität geführten Kampf gegen die deutsche Besatzungsmacht wurde bald zum beherrschenden Motiv der Debatten in Deutschland. In der deutschen Öffentlichkeit wurde der belgische Widerstand mit dem Begriff Franktireurkrieg bezeichnet, ein Begriff, der sich unmittelbar mit dem Beginn der Kriegshandlungen verbreitete. Bischoff analysiert, wie die belgische Arbeiterschaft, der Klerus in Belgien und belgische Frauen als Feindbilder in die Konstruktion dieses Franktireur-Mythos eingebunden wurden. Das Problem dabei bestand jedoch darin, dass es keinen Bestand an negativen Belgien-Bildern gab, auf dem dieses neue Stereotyp hätte aufbauen konnte. Belgien nahm „den Status eines Gegners ein, der im Vorbeigehen – in diesem Fall während des Durchmarsches – zum Feind geworden war.“ (S. 60) So setzte sich das Feindbild aus verschiedenen Elementen überlieferter antifranzösischer, antirussischer und antibritischer – er hätte auch hinzufügen können: antipolnischer – Feindbilder zu einem „Mosaikstereotyp“ zusammen. Wenn in dieser Konstruktion des neuen Feindbildes etwa „Tücke und Grausamkeit“ zu Eigenschaften „der Belgier“ gemacht und diese als „Bestien in Menschgestalt“ dargestellt wurden, erkennt Bischoff darin das, was er Savagisierung nennt.

Gleichzeitig wurde in der deutschen Öffentlichkeit eine Debatte über die Verletzung der belgischen Neutralität geführt. Überwog zunächst noch ein „entschuldigender Unterton“ (S. 75) und das Eingeständnis, dass es sich beim Einmarsch um „ein Verstoß gegen die Gesetze des Völkerrechts“ handelte, so in der Erklärung von Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg vom 4. August 1914, zirkulierten schon zwei Wochen später zwischen Reichsleitung und militärischer Führung erste Annexionspläne. Belgien wurde vorgeworfen, mit Frankreich kooperiert und somit seine Neutralität selbst verletzt zu haben. Während Deutschland international immer schärfer wegen des völkerrechtswidrigen Einmarsches in Belgien kritisiert und wirkungsmächtig das Bild von der deutschen Barbarei verbreitet wurde, verstärkte sich in den öffentlichen Debatten in Deutschland die Überzeugung, dass das Land einen legitimen Verteidigungskrieg führe.

Unabhängig davon hatte das Deutsche Reich bereits im August 1914 das Generalgouvernement Belgien geschaffen und das Land „in seinen Herrschaftsbereich eingegliedert“ (S. 124). Im Oktober 1914 gab Bethmann Hollweg zwei Gutachten in Auftrag, wie Belgien als „Tributärstaat“ errichtet werden könne. Die Politik des Kanzlers zielte, wie Bischoff zeigt, auf eine „Kombination aus traditionellen Annexionsmodellen und informellen Herrschaftsmitteln“ (S. 104). In der deutschen Öffentlichkeit bekamen die expansionistischen Ziele und die Forderungen nach einer Annexion Belgiens immer stärkeren Zulauf. Diese Überzeugung bestimmte dann auch die deutsche Presseberichterstattung über die Hinrichtung der britischen Krankenschwester Edith Cavell, die Deportationen belgischer Arbeiter nach Deutschland oder die Errichtung eines elektrischen Grenzzaunes zwischen Belgien und den Niederlanden.

1915 setzte Bischoff zufolge eine koordinierte Belgienpolitik ein. Ausdruck dafür war nicht zuletzt der Beginn einer deutschen Flamenpolitik, die wiederum vor allem in völkischen und alldeutschen Kreisen heftig forciert wurde. Geführt wurden sie vor allem von der deutschen Rechten, aber auch liberale Zeitungen unterstützten Annexionsforderungen. Ein markantes Beispiel dafür ist die vielfach von Bischoff zitierte Berliner Vossische Zeitung. Selbst Sozialdemokraten, darunter sogar Vorstandmitglieder, formulierten entgegen der Parteilinie mitunter „annexionistische Begehrlichkeiten“ (S. 154). Widerspruch kam indes von Sozialdemokraten wie Eduard Bernstein, Hugo Haase oder Karl Kautsky, die in einem Manifest erklärten, dass die SPD jeden Eroberungskrieg verurteilen müsse.

Ab September 1915 gingen die Annexionsdebatten in der deutschen Öffentlichkeit zunächst merklich zurück, bevor sie im März 1916 erneut angefacht wurden. Hintergrund dafür waren die Reichstagsrede von Hugo Haase gegen den Krieg und die Gegenrede von Bethmann Hollweg im April 1916, der nun offen Annexionspläne der Regierung vortrug. Ein gutes halbes Jahr später erklärte der Kanzler jedoch, „nie an eine Annexion Belgiens gedacht“ zu haben. (S. 210) Da er auch wegen seiner Unterstützung der Friedensresolution des Reichstages mit der Obersten Heeresleitung in Konflikt geraten war, stellte diese sich gehen ihn. Im Juli 1917 musste Bethmann Hollweg zurücktreten. Unter seinem Nachfolger Georg Michaelis verschärften sich die innenpolitischen Konflikte und Auseinandersetzungen auch in Hinblick auf die deutsche Belgienpolitik. Während die nun in der neu gegründeten Deutschen Vaterlandspartei versammelten alldeutschen, nationalistischen und völkischen Kreise ihre annexionistischen Forderungen forcierten, traten gemäßigt konservative und nationalliberale Kreise für eine informelle Herrschaft über Belgien ein. Sozialdemokratische Zeitungen hingegen übten nun grundsätzliche Kritik an der Belgienpolitik der Regierung und vor allem die Vertreter der neu gegründeten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschland stellten sich gegen jede Form von Annexionen.

In seinem Resümee macht Bischoff noch einmal deutlich, wie weit die Überzeugung in der deutschen Öffentlichkeit verbreitet war, dass Belgien ein legitimes Kriegsziel sei und dass das Land annektiert werden müsse, eine Überzeugung, die bisweilen gar bis in das Lager der Arbeiterbewegung reichte. Hintergrund war, wie die Studie deutlich macht, der breite „Konsens im Deutschen Reich über die Notwendigkeit eines Kampfes um den Status als Weltmacht und europäischer Hegemon“ (S. 270). Bischoff scheut sich mithin nicht, an die gegenwärtig bisweilen verpönten Einsichten Fritz Fischers zu erinnern.

Sebastian Bischoff hat in seiner Dissertation sowohl die Annexionspläne staatlicher Stellen und die reale Besatzungspolitik des Deutschen Reiches als auch die öffentlichen Debatten über die deutsche Belgienpolitik und die Entstehung des Feindbildes Belgien in der deutschen Öffentlichkeit für den gesamten Kriegsverlauf minutiös nachgezeichnet. Er hat damit alle Versuche einer Schuldabwehr mit wissenschaftlicher Akribie abgewehrt, einen fruchtbaren Beitrag für den belgisch-deutschen wissenschaftlichen Austausch geliefert und einen gewichtigen Baustein für die weitere Tätigkeit des Arbeitskreises historische Belgienforschung gelegt.

Anmerkung:
[1] Vgl. Gunter Spraul: Der Franktireurkrieg 1914. Untersuchungen zum Verfall einer Wissenschaft und zum Umgang mit nationalen Mythen, Berlin 2016; Ulrich Keller, Schuldfragen. Belgischer Untergrundkrieg und deutsche Vergeltung im August 1914, Paderborn 2017.

Zitation
Ulrich Wyrwa: Rezension zu: : Kriegsziel Belgien. Annexionsdebatten und nationale Feindbilder in der deutschen Öffentlichkeit, 1914–1918. Münster  2018 , in: H-Soz-Kult, 12.03.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29013>.
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Veröffentlicht am
12.03.2019
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