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Titel
Flamme sein!. Hans Scholl und die Weiße Rose


Autor(en)
Zoske, Robert M.
Erschienen
München 2018: C.H. Beck Verlag
Preis
€ 26,95
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Fritz Schmidt, Augsburg

Dreieinhalb Jahre nach seinem Buch „Sehnsucht nach dem Lichte – Zur religiösen Entwicklung von Hans Scholl“ und sechs Jahre nach Barbara Ellermeiers Hans-Scholl-Biographie[1] legt der evangelische Pastor Robert M. Zoske einen weiteren einschlägigen Band zu Hans Scholl nach, diesmal mit dem Untertitel einer Biografie. Beide Biografien bedienten sich des Nachlasses von Inge Aicher-Scholl im Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ).

Zoskes Anliegen ist es, Hans Scholls „Glaube an das Kreuz Christi und sein Licht“ (S. 221) als richtungweisende Botschaft in Erinnerung zu rufen. „Er handelte, Christus vor Augen und nur Gott verantwortlich. Das war Luthers Freiheit eines Christenmenschen“ (Ebd.). Auch wenn Zoske Scholl als einen mystischen Panentheisten, in der Marienverehrung als inbrünstigen Katholiken und endlich als dem orthodoxen Christentum gegenüber offen darstellt, ist sein eigentliches Anliegen doch, seinen Protagonisten für den Protestantismus zu reklamieren. Eigentlich kein unbilliges Begehren, denn die unter dem Einfluss des Designers Otl Aicher, ihres späteren Ehemanns, sowie der christkatholischen Gelehrten Carl Muth und Theodor Haecker konvertierte Schwester Hans Scholls Inge hatte Hans wie ihre Schwester Sophie für den Katholizismus vereinnahmt. Das ist zum Beispiel dokumentiert in der Auseinandersetzung Inge Aicher-Scholls mit Inge Jens, der Herausgeberin der „Briefe und Aufzeichnungen“[2] der Scholl-Geschwister Hans und Sophie, worin Jens zwar den religiösen Aspekt der „Weißen Rose“ nicht leugnete, aber sehr wohl ein durch die Jugendbewegung gewonnenes „schwärmerisches, romantisierendes Russlandbild“ fixiert haben wollte, das die „Distanz zum NS-Regime, das Bewusstsein für lebenspraktische Alternativen und damit schließlich auch den Widerstand hervorgebracht“[3] hätte. Das konnte Inge Aicher-Scholl so nicht goutieren und geriet mit ihrer Namensbase Inge Jens in Streit, worauf letztere auf diesen Passus in ihrer Einleitung verzichtete. Ähnlich auch die Erfahrung des Rezensenten bei einem Gespräch mit Inge Aicher-Scholl und deren Ehemann Otl Aicher im Jahre 1991 in Rastatt anlässlich der Eröffnung der Geschwister-Scholl-Ausstellung.

Zoske beginnt seine Biografie chronologisch mit Hans Scholls Geburt, Kindheit und Jugend, was durchaus Hitlerjugend bedeutet. Darauf folgt die Jugendbundzeit 1933–1937, die kurz skizziert darin bestand, dass sich Hans Scholl unter dem Einfluss des Hitlerjugend-Führers bündischer Herkunft Max von Neubeck dem Jungenbund dj.1.11 (Deutsche Jungenschaft vom 1. 11. 1929, Gründer Eberhard Koebel und Romin Stock) zuwandte und eine illegale Gruppe bildete. Das musste zu Konflikten in der Hitler-Staatsjugend führen, zumal von Neubeck zum Jungstammführer des gesamten Ulmer Jungvolks aufgestiegen war und von seiner bündischen Vergangenheit nichts mehr wissen wollte. Weitgehend, auch Zoske, unbekannt ist, dass die Gestapo bereits im September 1936 mit der Briefüberwachung des Jungenschaftlers Ernst Reden aus Köln begann, der in Ulm seinen Wehrdienst ableistete und mit der Familie Scholl freundschaftlich verkehrte. Aber auch Hans Scholls Korrespondenz fiel unter diese Überwachung, ehe die Gestapo am 11. November 1937 eine Durchsuchungs- und Verhaftungsaktion gegen Jugendliche in Ulm und Stuttgart startete. Unter den bei Hans Scholl beschlagnahmten Publikationen befand sich laut Zoske als „ungewöhnlichste[s] Buch“ „Von den Vätern“ des jiddischen Schriftstellers und Dramatikers Schalom Asch. Wie Zoske bemerkt, „beeindruckte die allgemeine antijüdische Hetze Scholl nicht“ (S. 37). Dazu muss man wissen, dass bei den Gestapo-Vernehmungen ein Ulmer Gruppenmitglied aussagte, Ernst Reden und bis zu einem gewissen Grade Hans Scholl hätten den Rassegedanken des Nationalsozialismus abgelehnt.[4] Bei dieser Gelegenheit ist darauf hinzuweisen, dass Zoske bei der Charakterisierung Redens völlig einseitig verfährt, wenn er Reden in die nationalsozialistische Ecke stellt, der mit „Gewalt- und Heldenphantasien, Blut- und Boden-Schwulst“ „zur geistigen Mobilmachung für den Zweiten Weltkrieg“ beigetragen habe (S. 70). Zoske verschweigt, was er im Briefwechsel zwischen Reden und Inge Scholl (IfZ) unschwer hätte innewerden können, dass Reden, auch er Kind seiner Zeit, bedrückende Ungewissheit und Zerrissenheit gegenüber dem Nationalsozialismus geplagt hat; der Nationalsozialismus sei ein Weg, der überwunden werden müsse[5], usw.

Die Gestapo-Aktion vom November 1937 mündete am 2. Juni 1938 in einen Prozess vor dem Stuttgarter Sondergericht wegen „Fortsetzung der bündischen Jugend u.a.“. Hinter dem Kürzel „u.a.“ verbargen sich Anschuldigungen wegen homosexueller Handlungen nach § 175 StGB! Der Prozess endete für zwei Stuttgarter, die ohne sexualstrafrechtlichen Hintergrund angeklagt waren, und für Hans Scholl aufgrund einer Amnestie mit Einstellung, Ernst Reden wurde dagegen zu drei Monaten Gefängnis verurteilt:

Neben den behaupteten tiefreligiösen Aspekten vornehmlich protestantischer Provenienz im Leben und Sterben Hans Scholls – von katholischer Seite wurde Zoske zum Beispiel vorgehalten, der Konvertit Haecker als einer von Scholls Mentoren passe nicht in seinen Gesamtduktus[6] – widmet sich Zoske ausführlich der vermuteten Homosexualität Scholls. Er verbreitet sich über den schwedischen Offizier Max Schürer von Waldheim und dessen Bekanntschaft mit Hans Scholl, die von der verbotswidrig durchgeführten Fahrt der Ulmer illegalen dj.1.11-Gruppe nach Schweden im Sommer 1936 herrührte. Der von Zoske als „heimlicher Freund“ Scholls (S. 56) apostrophierte, offensichtlich homosexuell veranlagte schwedische Bürosoldat war, soviel muss gesagt werden, nicht nur nationalsozialistisch gesinnt, sondern ein Denunziant, wie auch Zoske betont: Zwei der Gestapo vorliegende „Schreiben von Hans Scholl mit den abgestempelten und geöffneten Umschlägen könnte der kooperationsbereite Offizier an die deutschen Behörden übergeben haben“ (S. 61).[7] Daneben stellt Zoske Stefan George heraus, den Hans Scholl als „überragende, unantastbare, einsame Größe“ gesehen habe (S. 60), während Inge Aicher-Scholl konstatiert, dass er bei George und anderen auf die „schweren, tiefen, beunruhigenden Fragen keine Antwort“ gefunden habe.[8] – Diesem Teil des Lebens von Hans Scholl wurde hier mehr Raum gegeben, weil es weit weniger bekannt ist als seine eigentliche Großtat der Erstellung und Verbreitung der widerständigen Flugblätter.

Hans Scholl, der sich über seine Gefühle lange Zeit offensichtlich nicht im Klaren war, flatterte nach der Hinwendung zum anderen Geschlecht wie ein Schmetterling von einem jungen Mädchen zum anderen, was Zoske zu dem Schluss veranlasste, Hans huldigte möglicherweise „hebephil-schwärmerisch dem Idealbild von einem ,unverbrauchten, vollkommen reinen‘ jugendlichen Menschen“ (S. 116). Zoske lässt denn auch nicht locker mit seinen Vermutungen, wenn er mit Hellmut Hartert und Alexander Schmorell als engen Freunden Scholls aufwartet. Wobei mit Alexander Schmorell derjenige Freund erscheint, der möglicherweise den Anstoß zu den Flugblatt-Aktionen gegeben hat. Scholl und Schmorell, die Freiheitsdurstigen, waren der Atomkern der „Weißen Rose“, deren Namensgebung im Dunkeln liegt. Scholl hatte den russophilen, in Orenburg am Ural geborenen Schmorell 1941 in der Münchner Studentenkompanie kennengelernt, im Jahr, als er mit Carl Muth und Theodor Haecker, letzterer konvertiert, bekannt wurde. An ihnen arbeitete sich Zoske offensichtlich im Hinblick auf Inge Aicher-Scholl ab mit dem Resümee: „[…] Hans Scholl benötigte für seine Persönlichkeitsbildung die konservativ-katholischen, konfessionellen Kritiker Haecker und Muth nicht. Er brauchte überhaupt keinen Mentor, der ihn leitete“ (S. 131).

Wer sich für bisher wenig bekannte Einzelheiten im Leben Hans Scholls interessiert und konfessionspolitische Quisquilien nicht scheut, wird diesem Buch viel abgewinnen.

Anmerkungen:
[1] Barbara Ellermeier, Hans Scholl. Biographie. Hamburg 2012.
[2] Inge Jens (Hrsg.), Hans Scholl Sophie Scholl. Briefe und Aufzeichnungen. Frankfurt am Main (Büchergilde-Gutenberg-Ausgabe) 1985.
[3] Christine Hikel, Sophies Schwester. Inge Scholl und die Weiße Rose. München 2013, S. 234 f.
[4] Fritz Schmidt, Ernst Reden. Zweifler und Suchender, in: Zwischen Kohtenkreuz und Hakenkreuz. Edermünde 2013, S. 39.
[5] Ebd., S. 52.
[6] Jakob Knab, Hans Scholls Quellen des Widerstands, in: Das Portal zur katholischen Geisteswelt, www.kath-info.de/weisserose.html (23.5.2018).
[7] Im Nordrhein-Westfälischen Hauptstaatsarchiv Düsseldorf (RW 58 23622, S. 71) befinden sich Abschriften aus dem Gästebuch Schürer von Waldheims, die nicht anders zu deuten sind, als dass dieser Einträge von Angehörigen des Nerother Bundes (dessen Mitglied er war), die ihn auf Fahrt in Schweden besucht hatten, der Gestapo mitgeteilt hat. Die Gelegenheit hatte er 1936 anläßlich eines Besuches der Olympischen Spiele in Berlin.
[8] Inge Scholl, Die weiße Rose, Frankfurt am Main 1955, S. 30.

Zitation
Fritz Schmidt: Rezension zu: : Flamme sein!. Hans Scholl und die Weiße Rose. München  2018 , in: H-Soz-Kult, 13.06.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29044>.
Redaktion
Veröffentlicht am
13.06.2018
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/