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Titel
Kleinstädtische Öffentlichkeit. Billerbeck auf dem Weg zur Ludgerusstadt im 19. Jahrhundert


Autor(en)
Sieger, Constanze
Erschienen
Münster 2018: Aschendorff Verlag
Umfang
334 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Clemens Zimmermann, Kultur- und Mediengeschichte, Universität des Saarlandes

Das westfälische Billerbeck liegt auf dem Weg zwischen Münster und Coesfeld, hat heute 11.600 Einwohner und weist als Besonderheit auf, dass sich dort ein katholisches Milieu und satte CDU-Mehrheiten bis in jüngste Zeit erhalten haben. Dazu trug auch sein Charakter als Wallfahrtsort mit seinem neugotischen Ludgerus-Dom bei. Ansonsten weist Billerbeck die klassischen Merkmale einer deutschen Kleinstadt auf: Ein ländliches Einzugsgebiet, eine ausdifferenzierte Infrastruktur, ein gewisses Ausmaß an Mobilität und gewerblicher Entwicklung, in diesem Falle der Stadttourismus, der auf der älteren Wallfahrtstradition aufbaut. Doch nicht nur die paradigmatischen Züge dieser Kleinstadt lassen es als geeignetes Untersuchungsobjekt erscheinen, sondern auch die publizierte und umfangreiche Stadtgeschichte, die avancierten historiographischen Anforderungen voll entspricht.[1] An dieser war die Autorin mit einem strukturellen Überblick über die Verwaltungs-, Kirchen- und Wirtschaftsgeschichte bereits beteiligt.[2]

Ihr neues Projekt wendet sich zunächst dem Stand historischer Kleinstadtforschung und vor allem der Frage zu, was im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert kleinstädtische Öffentlichkeit kennzeichnete, welche kommunikativen Akteure hierbei wirksam und welche Medien involviert waren. Es liegt nicht der emphatische Öffentlichkeitsbegriff Habermas’ zugrunde, sondern es handelt sich um die empirische Untersuchung einer Lokalzeitung, der katholischen Presse sowie der Versammlungsöffentlichkeiten.

So werden hier Stadt-, Medien- und Kommunikationsgeschichte zusammengeführt, und daran zeigt sich der forschungsstrategische Vorteil einer Untersuchung von Kleinstädten: Es wird diesem Kontext möglich, Akteure und ihre Verflechtung sehr konkret zu benennen. Sie sind ferner dazu geeignet, soziale und kommunikative Modernisierungsprozesse (auf der Basis eines reflektierten Raumbegriffs) differenzierend zu betrachten. Auf dieser Grundlage fragt Constanze Sieger danach, welche nuancierten Selbstbilder der Stadt erkennbar werden. Diese werden wiederum auf der Grundlage von Meinungsäußerungen in Akten und Zeitungsartikeln sowie eines Samples von Ansichtskarten ermittelt. Bildpostkarten als Quelle der Stadtforschung hat man im Fach lange verachtet, da sie strikten Kompositionsstereotypen zu entsprechen schienen und schwer eindeutig zu datieren sind, falls sie nicht postalisch im Umlauf waren. Im Falle Billerbeck zeigt sich aber, dass dieses Genre sich als informationsreich[3] und erkenntnisfördernd erweist und sich in ihm diverse und mitunter kontroverse Sichtweisen auf die Stadt nachweisen lassen. Diese sich unter dem Einfluss von spezifischen Bildsprachen verändernden Sichtweisen trugen zur Außendarstellung von Städten bei, die sich wiederum auf bestimmte Symbole und Wahrzeichen konzentrierte. Sie wurden, wie Sieger anschaulich demonstriert, medial häufig so komponiert, dass den Betrachtern ein bestimmter Eindruck nahegelegt wurde. Im Falle Billerbecks überrascht es kaum, dass der neue Dom, der in Mehrbild- und Totalansichten erschien, nicht selten überhöht dargestellt wurde. Jedoch präsentierte sich insgesamt „Billerbeck auf den Ansichtskarten am Ende des 19. Jahrhunderts als eine moderne, d.h. infrastrukturell erschlossene und gemäßigt industrialisierte Kleinstadt in ländlicher Umgebung mit einem starken kirchlichen Bezug“ (S. 68–98, hier S. 98). Dieser kirchliche Bezug hatte seinen Sitz im Leben und zwar in Form der Pfarrei als „maßgebliche Organisationsform“ (S. 67) und auf der soziokommunikativen Grundlage einer erstaunlichen Vielzahl von Vereinen. Er zeigte sich ebenso in sehr zahlreichen Zeitungsartikeln und Einzelschriften, Zeitschriften und klassischer Erbauungsliteratur. In diesen Medien wurde wiederum die Stadt als sowohl „gut katholisch“ wie auch „altehrwürdig“ und doch gemäßigt modern charakterisiert (S. 111).

Eine eigenständige Perspektive verfolgt die Autorin mit der Frage, wie sich die örtliche Stadtverordnetenversammlung und seine Infrastrukturprojekte (Stadttechniken, Schulen, Sparkasse, Krankenhaus) medial repräsentierte. Hier lässt sich der in der Stadtforschung oft nachgewiesene Trend zur Herausbildung einer Leistungsverwaltung ablesen, die sich, so Sieger, sehr stark auf Initiative der Stadtverordneten und durch die Partizipation breiter Bevölkerungsteile - und nicht so sehr durch die Verwaltungsspitzen entwickelte. Die Partizipationsfrage taucht auch im Bereich kirchlicher Versammlungsöffentlichkeit auf, als es in einem Grundsatzstreit darum ging, ob der im Bau befindliche Dom eine Wallfahrtskirche oder ein Kirchenraum für die Pfarrei darstellen solle (S. 171–181). Einerseits wurde in der lokalen Öffentlichkeit klar, dass man von der örtlichen Ludgerusverehrung profitieren könne, andererseits eignete sich diese aus der Sicht des Münsteraner Bistums dazu, die „Inszenierung von Massenereignissen“ (S. 185) im Bistum voranzutreiben.

Schließlich beleuchtet die Verfasserin die Rolle der Lokalzeitung für die örtliche Willensbildung. Auch hier geht sie deutlich über den üblichen Standard der Zeitungsforschung hinaus, wo selten tatsächlichen politischen Funktionen in kommunalen Räumen nachgegangen wurde. Die Zeitung stellte ein Forum dar, wo Artikel- und Leserbriefschreiber die jeweilige soziale Position von Kontrahenten verorteten. Die Autorin sieht in der großen Dichte einschlägiger Artikel ein Zeichen für wachsende bürgerschaftliche Partizipation. Selbst die Berichterstattung über kirchliche Feste habe mehr und mehr auf deren „bürgerschaftlichen“ Charakter abgehoben (S. 233). Sieger ist auf der Spur kommunaler Basisinteressen, die sich offensichtlich erst zögernd artikulierten, dann aber in Partizipations- und Informationsforderungen einmündeten. So ergibt sich ein völlig anderes Bild von Kleinstadt als das herkömmliche einer von wenigen (männlichen) Honoratioren und Beamten geprägten Pseudo-Öffentlichkeit. Die Studie hebt vielmehr darauf ab, dass sich Billerbeck in einem gestuften Prozess wirtschaftlicher und – teils – kultureller Modernisierung befunden habe. Die bis heute reichende Fortexistenz des katholischen Milieus schloss demnach Wandlungen eines – überspitzt formuliert – basisdemokratischen Selbstverständnisses nicht ganz aus.

Die Kleinstadt wäre dementsprechend kein reiner Hort von Traditionalismus, sondern der Ort, wo moderne und traditionale Selbstverständnisse letztlich doch gut kombiniert werden können. Dies korrigiert das einseitige Bild älterer Stadtforschung, die ganz auf den repressiven Einfluss von Verwaltungseliten und die ausgrenzenden Wirkungen des Dreiklassenwahlrechts abgehoben hatte. Freilich, die staatlichen Akteure tauchen in dieser Studie nur marginal auf und wer sich in der eben doch bürgerlich geprägten Öffentlichkeitssphäre Billerbecks (mit seiner wohl wenig von Klassenpolaritäten geprägten Atmosphäre) wirklich artikulierte, wäre noch näher zu identifizieren. Wie ist die Lage der Stadt im regionalen Kommunikations- und Wirtschaftsraum Münster einzuordnen? Wo lagen die Grenzen von Individualisierungschancen im örtlichen Milieu? Wie stellt sich die Billerbecker Stadtentwicklung im Vergleich zu der anderer westfälischer Städte dar?[4]

Constanze Sieger ist insgesamt eine Studie gelungen, die „im Kleinen“ Wandlungen medialer Kleinstadtbilder sichtbar macht und die in der bisherigen Literatur bislang nicht gesehen wurden. So wird sie zu einem neuen Bild kommunaler Handlungs- und Kommunikationssphären im Kaiserreich beitragen können.

Anmerkungen:
[1] Werner Freitag [im Auftrag des Instituts für vergleichende Städtegeschichte, unter Mitarbeit von Dörthe Gruttmann und Constanze Sieger] (Hrsg.), Geschichte der Stadt Billerbeck, Bielefeld 2012.
[2] Ebd., S. 111–260.
[3] Vgl. Judith Thissen, Kinogeschäft und Filmbesuch auf dem Land. Ein transnationaler Vergleich, in: Clemens Zimmermann / Gunter Mahlerwein / Aline Maldener (Hrsg.), Landmedien. Kulturhistorische Perspektiven auf das Verhältnis von Medialität und Ruralität im 20. Jahrhundert, Jahrbuch für die Geschichte des ländlichen Raumes 2018, Innsbruck 2018, S. 20–48.
[4] Vgl. dazu Katrin Minner, Keimzelle der Moderne? Stadtentwicklung und urbanes Leben, in: Karl Ditt / Korbinian Böck (Hrsg.), Westfalen in der Moderne. 1815–2015. Geschichte einer Region, Münster 2015, S. 573–600.

Zitation
Clemens Zimmermann: Rezension zu: : Kleinstädtische Öffentlichkeit. Billerbeck auf dem Weg zur Ludgerusstadt im 19. Jahrhundert. Münster  2018 , in: H-Soz-Kult, 09.01.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29057>.
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Veröffentlicht am
09.01.2019
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