Titel
Theodor W. Adorno. Ethik als erste Philosophie


Autor(en)
Knoll, Manuel
Erschienen
Paderborn 2002: Wilhelm Fink Verlag
Umfang
263 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kersten Schüßler, Berlin

Adornos 100. Geburtstag steht bevor. Da ist es Ehrensache, dass die Flut der Publikationen endgültig apokalyptisches Ausmaß annimmt und die bange Frage sich stellt: Wie will man da herausstechen? Gibt es noch Ungesagtes zu sagen? Manuel Knoll versucht es mit seiner gegen alle gängigen Interpretationsmuster gerichteten These, bei Theodor W. Adorno sei „Ethik erste Philosophie“, nicht Ästhetik.

Auf dem Buchumschlag prangt Picassos ‚Guernica’ – ein Werk, das wie kein zweites unaussprechliches körperliches und seelisches Leid ausdrückt. Denn Leid ist nach Knoll der zentrale Punkt Adorno’schen Denkens. Bei allem ‚antisystematischen Selbstverständnis’ (Kapitel 1) kreise Adornos Philosophie um die ‚Objektivation des Leidens’ (Kap. 2). Hierbei spiele zwar ‚Kunst als Objektivation des Leidens’ eine zentrale Rolle (Kap. 3). Doch geschichtsphilosophisch gesehen verweise das ethische Interesse an der ‚Erkenntnis der Gründe des Leidens und der Ungerechtigkeit’ (Kap. 4) auf eine ‚materialistische und utopisch hedonistische Ethik’ Adornos (Kap. 5). Geschichte sei für Adorno, so Knoll im Rückgriff auf dessen gemeinsam mit Horkheimer in den Vierzigern verfasste ‚Dialektik der Aufklärung’, eben von Anbeginn eine „Urgeschichte des Leidens“; die Sehnsucht richte sich entsprechend auf die Überwindung der zugrunde liegenden fundamentalen „Ungerechtigkeit“ (S. 78f.).

Der junge Adorno habe anfangs noch die Hoffnung vieler Intellektueller geteilt, der russischen Oktoberrevolution werde eine allgemeine proletarische Revolution folgen, da „die von Marx vorgegebenen subjektiven und objektiven Bedingungen der Revolution erfüllt schienen“ (S. 163). Doch schon Ende der zwanziger Jahre stellte sich angesichts des Aufstiegs faschistischer Gruppierungen die Ernüchterung ein, dass nicht nur dem Proletariat, sondern nahezu allen Zeitgenossen das kritische Bewusstsein und damit das „Subjekt der Veränderung“ fehle. Schließlich macht die politische Krise in den Demokratien des Westens, der Faschismus im Herzen Europas, der Stalinismus im Osten und die nicht mehr zu überbietende Gewalt jede positive Utopie obsolet. „Nach Auschwitz und Hiroshima verbleibt Adorno nur noch, Philosophie „im Angesicht der Verzweifelung“ zu betreiben“ (S. 35).

Für Adornos Philosophieren resultiert nach Knoll daraus die Rede von der ‚Verstelltheit gesellschaftsverändernder politischer Praxis’ (Kap. VI) und die Verschiebung der ‚hedonistischen Sozialutopie’ (Kap. VII) in eine unbestimmte Zukunft. Die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft jenseits der „verwalteten Welt“ vor allem durch eine „menschenwürdige Gestaltung der Arbeit“, auf die Abschaffung insbesondere des physischen Leids und die „Ersetzung durch die körperliche Lust“ (S. 184) bricht sich dauerhaft an den ungerechten kapitalistischen Tauschverhältnissen und den Verblendungszusammenhängen der Massenkultur. Doch nach Knoll nimmt Adorno weder die Sozialutopie in Eschatologie zurück, noch ersetzt ästhetisches Erkenntnisinteresse den ethischen Impuls. Vielmehr gebe es ein Komplementärverhältnis von „negativer Dialektik“ und „ästhetischer Theorie“, wobei es „die Aufgabe der Geschichtsphilosophie bleibe, die ungerechten Herrschaftsverhältnisse und damit die gesellschaftlichen und geschichtlichen Ursachen des Leidens zu analysieren“ (S. 239).

Die Beschäftigung mit Kunst, genauer: die philosophische Interpretation dessen, was sich mit sprachlichen Mitteln nicht ausdrücken lässt, gehört zur „Selbstkritik der Vernunft“ (Kap. VIII). Damit ist nach Knoll „Ethik erste Philosophie“ (Kap. IX), nicht Ästhetik. Knoll schließt seine Studie mit einem – wie er meint - impliziten Bekenntnis Adornos zum Hedonismus.

Wenige Monate vor seinem Tod habe sich Adorno empört über die studentischen Bemühungen geäußert, ihn durch ein harmloses Stück Praxis wie die Auflegung nackter Brust auf Glatze aus der Fassung bringen zu wollen. Das erschien dem De-Sade-Theoretiker als geradezu spießbürgerlicher Affekt. Offenkundig waren ihm Leute, die ihm, wie sein eigener Doktorand Hans-Jürgen Krahl, ein „Scheiß Kritische Theoretiker“ entgegen schrieen, schlicht zu grob gestrickt.

Vielleicht gilt das auch für Knolls Opposition gegen die bisherigen Adorno-Exegeten. Denn es hat wohl noch niemand behauptet, Kunst sei für Adorno ausschließlich als l’art pour l’art interessant gewesen, als reines Fluchtfeld und nicht auch als verweisendes Ausdrucksmittel auf einen wenn auch nicht mehr positiv aufzuweisenden besseren Zustand. Wie sublim jede Utopie bei Adorno schon in den vierziger Jahren in ästhetische Theorie und Praxis zurückgenommen wurde, wie die Kunde einer Dialektik von Leid und Erlösung gerade durch Musik sich wundersam entfaltet, zeigte Thomas Manns großer letzter Deutschlandroman ‚Dr. Faustus’. Adorno hatte hier wesentlich mitgewirkt und eine Figur Walter Benjamins, den stürzenden Barockengel, in eine Erzählung über Zwölftonmusik übersetzt. War der entsetzt stürzende Engel zugleich Chiffre totaler Verworfenheit und Verweis auf die Existenz des Absoluten, von dem es ihn wegtrieb, so galt ähnliches für die von Dr. Faustus dank Teufelspakt erschaffene „neue Musik“. Bei seiner Aufführung erklingt das Zwölftonwerk als markerschütternde Klage, der Musik bleibt die teuflische Geburtshilfe eingeschrieben, bis... das letzte Cis verklingt und – in dialektischem Umschlag - ein Hoffnungszeichen im Raume nachzuhallen scheint. Der begabte Pianist Adorno hat einmal selbst faustische Töne in die Tasten seines Flügels gehämmert, als ein Streit unter befreundeten Eheleuten an seiner Tafel dramatisch eskalierte – bis ihm Gretel Adorno den Tastaturdeckel auf die Finger zu hauen drohte.

Dass Adorno nach Versöhnung suchte, ohne den Differenzen Gewalt anzutun, dürfte außer Frage stehen. Aber wenn das Ziel, die Utopie, nur durch negative Dialektik aufzuweisen war, musste sich die Aufmerksamkeit auf die Weise - besser: die Kunst des Aufweisens verlagern. Ist Ethik also wirklich Adornos „erste Philosophie“? Wie dem auch sei: Wer etwas mehr als eine Einführung sucht, eine Art Adorno-„Update“ mit provokanter These, für den hat Manuel Knoll was.

Zitation
Kersten Schüßler: Rezension zu: Knoll, Manuel: Theodor W. Adorno. Ethik als erste Philosophie. Paderborn 2002 , in: H-Soz-Kult, 28.07.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2912>.
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Veröffentlicht am
28.07.2003
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