U. Brunnbauer u.a.: Geschichte Südosteuropas

Cover
Titel
Geschichte Südosteuropas.


Autor(en)
Brunnbauer, Ulf; Buchenau, Klaus
Erschienen
Ditzingen 2018: Reclam
Umfang
511 S., 7 Karten
Preis
€ 34,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Troebst, Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), Leipzig

Als Mathias Bernath 1971 an der Freien Universität Berlin die erste Professur für die Geschichte Südosteuropas im deutschen Sprachraum antrat und damit das Teilfach als „gesonderte Disziplin“ fest etablierte, gab es so gut wie keine für die universitäre Lehre taugliche Fachliteratur in deutscher Sprache. In einer Gesamtdarstellung zum Thema des rechtskonservativen Münchner Historikers Georg Stadtmüller von 1950 etwa wurde die Moderne nicht nur einseitig, sondern überaus stiefmütterlich behandelt, und der Überblick von Stadtmüllers Assistenten Edgar Hösch von 1968 war zwar ausgewogen und forschungsmäßig auf der Höhe der Zeit, aber überaus knapp.[1] Ein halbes Jahrhundert später nimmt sich die Lage gänzlich anders aus: 2011 haben das Regensburger Südost-Institut (seit 2017: Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung – IOS) und das Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien ein den internationalen Forschungsstand vorbildlich abbildendes sowie umfangreiches Kompendium vorgelegt und 2016 ist Marie-Janine Calics Gesamtdarstellung mit globalhistorischen Bezügen erschienen.[2] Ebenfalls 2016 erschien in zweiter, auf 1.100 Seiten angewachsener Auflage das erstmals 2004 publizierte Lexikon zur Geschichte Südosteuropas.[3] Und ein gleichfalls vom IOS verantwortetes Handbuch zur Geschichte Südosteuropas in sechs Bänden ist zwar noch im Entstehen, doch zu Teilen bereits digital zugänglich.[4]

Der anzuzeigende, schlicht mit Geschichte Südosteuropas betitelte Band kann daher mit Fug und Recht als Zwischenbilanz dieser jüngsten Synthesebemühungen gelten. Ulf Brunnbauer, Professor für Geschichte Südost- und Osteuropas an der Universität Regensburg sowie Geschäftsführender Direktor des IOS (und Mitherausgeber des besagten Handbuchs zur Geschichte Südosteuropas) sowie Klaus Buchenau, ebenfalls Professor für Geschichte Südost- und Osteuropas in Regensburg, haben sich darin zum Ziel gesetzt, mittels einer leserfreundlich konzipierten Gesamtdarstellung einen von historischer Tiefenschärfe, aber zugleich auch von unverkennbarer Empathie geprägten Blick auf die Geschichtsregion Südosteuropa zu werfen. Ihre „Faszination“ mit dem „farbenprächtigen Panorama“ der multiethnischen und plurireligiösen, aber auch konfliktbeladenen Region verstehen sie (bzw. der Verlag) dabei zugleich als Werbung für „ein attraktives Reiseziel“ (Klappentexte).

Eingerahmt von einer Einleitung zu „Südosteuropa und seine[r] Geschichte“ und einem Ausblick auf „Geschichte und Zukunft Südosteuropas“ behandeln sie ihren Gegenstand in fünf chronologischen Teilen: Frühmittelalter bis Vormoderne, das „lange“ 19. Jahrhundert, Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit, Zweiter Weltkrieg und Kalter Krieg sowie Transformation seit 1989. Jedem Teil ist eine Zeittafel nachgestellt; auf Fuß- und Endnoten wurde verzichtet, doch sind wörtliche Zitate, so etliche von Karl Marx und Karl May, mit bibliographischen Angaben versehen. Ein thematisch-regional gegliedertes Literaturverzeichnis sowie ein Orts- und Personenregister erschließen den mit sieben Schwarz-Weiß-Karten und einigen Tabellen versehenen Band.

Auch wenn die Autoren den die Türkei und Ungarn einschließenden Südosteuropa-Begriff verwenden, fokussiert ihr Buch doch auf die balkanische Teilregion, welche sie als einen „Beziehungs- und Handlungsraum, dessen Grenzen sich je nach historischer Epoche verschoben“, definieren (S. 36). Bei ihrer Konzentration auf Politik-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte kommt die Kultur ein wenig zu kurz – mit Ausnahme der Kulinarik, so der „quer über die Region geteilte[n] Vorliebe für gegrilltes Hackfleisch und selbstgebrannten Schnaps“ (ebd.), und „musikalische[r] Schmachtfetzen“ à la Tschalga, Turbo-Folk und Balkan-Pop (S. 390).

Ihren vorbildlich systematisierten historischen Buchteilen haben die Autoren eine kritische Gegenwartsanalyse mit dem Titel „Prekäre Re-Europäisierung? Die Transformation seit 1989“ beigegeben. Ungeachtet von Kriegen, organisierter Kriminalität, Korruption, Brain Drain, Massenarbeitslosigkeit, Armut und militantem Nationalismus halten sie das Glas von Rechtsstaatlichkeit, Demokratisierung, Marktwirtschaft und Wohlfahrtsstaatlichkeit für fast halb voll – auch wenn als Belege etliche genannt werden, die sich auf den ersten Blick als Kleinigkeiten ausnehmen: Fahrradwege und Rauchverbote etwa, aber eben auch Autobahnbau, Bebauungspläne und Zugänglichkeit zum Internet. Allerdings machen die Autoren auch deutlich, dass der Gesamttrend derzeit ein negativer ist, wobei sie neben Einflüssen von außen – Türkei Erdoğans, Russland Putins, Ungarn Orbáns u.a. – auf die regionalprägende „intensive, ja oftmals obsessive und typischerweise politisierte Beschäftigung mit Geschichte, die sich in heftigen Kontroversen innerhalb der, aber auch zwischen den Staaten der Region manifestiert“, verweisen (S. 492). Daraus schließen sie auf einen auch künftig anhaltenden Bedeutungszuwachs von „Nation“ und „Nationalstaat“ als Bezugsrahmen kollektiver Identität im Zeichen von De-Kommunisierung, Transformation, Europäisierung und vor allem Globalisierung.

Da das anzuzeigende Werk einen Gesamtdarstellungsanspruch erhebt, ist ein Kritikpunkt indes unumgänglich: Die schwarz- bzw. eher grau-weißen Kartenbeigaben sind nicht nur leserunfreundlich, da stark anämisch, sondern auch bezüglich der Ortsnamensformen alles andere als einheitlich. So figuriert etwa das heutige serbische Novi Sad, vormals zur ungarischen Reichshälfte der Habsburgermonarchie gehörig und seinerzeit offiziell Újvidék genannt, auf der Karte „Grenzverläufe in Südosteuropa 1878“ in seiner deutschen (und mittlerweile ungeläufigen) Namensform Neusatz – anders als das damals ebenfalls von Budapest aus regierte Zágráb, das nicht in seiner k.u.k.-Form Agram, sondern in der kroatischen Benennung als Zagreb genannt ist (S. 169). Indes trägt das heute kroatische Rijeka, deutsch St. Veit am Flaum, auf dieser Karte die auch im Ungarischen verwendete italienische Namensform Fiume. Stringenz fehlt hier, wie auch ein weiteres Beispiel belegt: Das damals osmanische Üsküb taucht auf derselben Karte nicht als solches, auch nicht als Skoplje (serbisch), Skopie (bulgarisch) oder Shkupi (albanisch), sondern ahistorisch-makedonisch-post-1945 als Skopje auf. Und auf der Karte „Südosteuropa heute“ (S. 489) figuriert die ukrainische Stadt Vinnycja, vormals zum Russländischen Reich gehörig und dort als Vinnica firmierend, mit ihrer ungarischen Namensform Vinnicja – obwohl nie zu einer magyarischen Staatsgründung gehörend. Oberschlesien schließlich ist mittlerweile, anders als diese Karte suggeriert, ein Teil Polens – und der Slavismus „Moldawien“ (von russ. Moldavija) scheint sich im Deutschen unabhängig von der Eigenbezeichnung „Moldova“ und der vom Auswärtigen Amt präferierten Form „Moldau“ hartnäckig zu halten (ebd.). Das mögen ärgerliche Quisquilien sein, die aber mit Blick auf so solide Hilfsmittel wie Paul Robert Magocsis „Historical Atlas of (East) Central Europa“ samt mustergültiger Ortsnamenskonkordanz nur schwer erklärlich sind.

Bleibt die Frage, welches Lesepublikum Autoren und Verlag zu adressieren beabsichtigen: Die Aufnahmekapazität selbst bildungshungrigster Touristen dürfte durch die Lektüre von mehr als 500 Druckseiten deutlich überschritten werden, während – idealerweise kritische – Studierende einen Anmerkungsapparat zur Überprüfung des Gelesenen sowie ein auch Zwischenüberschriften enthaltendes Inhaltsverzeichnis vermissen dürften. Aber auch das klassische Volkshochschulklientel wird mutmaßlich mit der Lektüre des profunden, aber textlastigen Einstiegs in die Geschichte einer peripheren Kernregion Europas partiell überfordert sein. Bleiben also die Fachkolleginnen und -kollegen, die aus der polygraphisch wenig attraktiven Bleiwüste die zahlreichen innovativen Interpretationen mit Interesse destillieren dürften. Dass sie dabei in beträchtlichem Umfang fündig werden, steht außer Zweifel.

Anmerkungen:
[1] Georg Stadtmüller, Geschichte Südosteuropas. München 1950; Edgar Hösch, Geschichte der Balkanländer, Stuttgart 1968.
[2] Konrad Clewing / Oliver Jens Schmitt (Hrsg.), Geschichte Südosteuropas. Vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart, Regensburg 2011; Ekkehard Kraft, Rezension zu: Konrad Clewing / Oliver Jens Schmitt (Hrsg.), Geschichte Südosteuropas. Vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart, Regensburg 2011, in: H-Soz-Kult, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18429 (16.05.2018); Marie-Janine Calic, Südosteuropa. Weltgeschichte einer Region. München 2016; Gregor Feindt, Rezension zu: Marie-Janine Calic, Südosteuropa. Weltgeschichte einer Region. München 2016, in: H-Soz-Kult, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29132 (25.05.2018).
[3] Holm Sundhaussen / Konrad Clewing (Hrsg.), Lexikon zur Geschichte Südosteuropas, 2., erweiterte und aktualisierte Auflage, Wien 2016; Arnd Bauerkämper, Rezension zu: Holm Sundhaussen / Konrad Clewing (Hrsg.), Lexikon zur Geschichte Südosteuropas, 2., erweiterte und aktualisierte Auflage, Wien 2016, in: H-Soz-Kult, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25989 (16.05.2018). Herausgeber der Erstauflage (Wien, Köln, Weimar 2004) waren Edgar Hösch, Karl Nehring und Holm Sundhaussen.
[4] Online-Handbuch zur Geschichte Südosteuropas, http://www.hgsoe.ios-regensburg.de (16.05.2018).

Zitation
Stefan Troebst: Rezension zu: : Geschichte Südosteuropas. Ditzingen  2018 , in: H-Soz-Kult, 24.05.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29132>.
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Veröffentlicht am
24.05.2018
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