Sammelrezension: Landaneignung und Siedlerkolonialismus

: The Threshold of Manifest Destiny. Gender and National Expansion in Florida. Philadelphia : University of Pennsylvania Press  2016 ISBN 978-0-8122-4836-4, 273 S. € 39,13.

: Homesteading the Plains. Toward a New History. Lincoln : University of Nebraska Press  2017 ISBN 978-0-8032-9679-4, 272 S. € 35,82.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julius Wilm, Institut für Anglistik, Germanistik und Romanistik (ENGEROM), Universität Kopenhagen

Die Verteilungskämpfe um Land an der Frontier im 19. Jahrhundert waren früher ein großes Thema in der US-amerikanischen Historiografie. Autoren der sozialhistorischen „Progressive School“ wie Paul W. Gates, Everett Dick, Roy Robbins und andere legten in den 1930er- bis 1970er-Jahren Studien vor, die immer genauer nachzeichneten, wie Farmer und vermögende Spekulanten im 19. Jahrhundert um den Zugriff auf Ländereien konkurrierten – und dies eher regelmäßig als ausnahmsweise in Konflikt mit Geist und Buchstaben der laufend novellierten Siedlungsgesetze.[1] In Umfang und Quellenkenntnis sind diese Studien nach wie vor unübertroffen; ihr Fokus auf Verteilungsfragen der weißen Siedlergesellschaft wird aber heute kritisch gesehen. Dass vor allem männliche weiße Siedler und Spekulanten um Ländereien konkurrierten, die indianischen Nationen geraubt wurden, fiel in diesen Darstellungen ebenso unter den Tisch wie der Ausschluss afroamerikanischer Siedler/innen von den lukrativsten Entwicklungsmöglichkeiten an der Frontier. Bislang wurden die Studien der „Progressives“ allerdings eher kritisch gegen den Strich gelesen, als von neuen quellenbasierten Untersuchungen abgelöst. Trotz des wachsenden Interesses an der Geschichte des Siedlerkolonialismus ist die konkrete Verzahnung der Konkurrenz um Frontierländereien mit der Verdrängung und Zerstörung indigener Gemeinwesen bislang kaum erforscht worden.

Laurel Clark Shire sowie Richard Edwards, Jacob K. Friefeld und Rebecca S. Wingo haben nun zwei Monografien vorgelegt, die sich dieser Thematik auf der Grundlage umfassender Quellenstudien zuwenden. Shire, die an der Western University in Ontario lehrt, untersucht in The Threshold of Manifest Destiny die Rolle von Frauen bei der Kolonisierung Floridas unter Gendergesichtspunkten. Diese Kolonisierung wurde in den 1840er-Jahren per Landschenkungen an Siedlerhaushalte delegiert. Mit der titelgebenden Metapher „Threshold“ (was hier am besten mit „Türschwelle“ übersetzt werden kann) zielt Shire auf den Zusammenhang von weiblich kodierter Häuslichkeit und kolonialer Expansion („Manifest Destiny“), den sie im Begriff der „expansionist domesticity“ zusammenfasst. Wie die Autorin zeigt, erfüllten weiße Frauen gerade als auf die häusliche Sphäre Verwiesene wichtige ideologische und materielle Funktionen für die Kolonisation und nationale Inkorporation Floridas und für die Vertreibung der dort lebenden Indianer.

Shires Buch untersucht die Kolonisierung Floridas zwischen den 1820er- und 1840er-Jahren; es zeigt, dass weißen Siedlerinnen aufgrund eines besonderen staatlichen Interesses an ihrer Anwesenheit bemerkenswerte Handlungsspielräume eingeräumt wurden. Mit dem verstärkten Zuzug von Frauen sollten geordnete Familienverhältnisse und Landwirtschaft in der Frontierregion Einzug halten. Im Widerspruch zur amerikanischen Common Law-Tradition übernahm Florida deshalb nach dem Anschluss an die USA 1821 ein separates Eigentumsrecht für Ehegattinnen aus dem bisherigen spanischen Recht. Wie Shire zeigt, erlaubte dies weißen Frauen in den 1820er- und 1830er-Jahren, Sklaven auszubeuten und durch die Spekulation mit Land von der stetigen Enteignung von Indianerländereien mitzuprofitieren (Kapitel 1). In der Öffentlichkeit wurde die mit dem Zweiten Seminolenkrieg (1835–1842) bezweckte Zwangsumsiedelung aller Indianer Floridas gerne mit angeblicher und tatsächlicher Gewalt von Indigenen gegen weiße Siedlerfrauen und -kinder legitimiert. So konnte der Vertreibungskrieg als Maßnahme der Verteidigung dargestellt werden (Kapitel 2). Während der Schutz von vermeintlich Wehrlosen als Begründung des Krieges immer wieder bemüht wurde, entfalteten Truppen der Armee und Milizen eine schrankenlose Gewalt gegen Indigene (Kapitel 3). Nach sechs verlustreichen Jahren setzten schließlich die Armeeführung und der Kongress ab 1841/42 darauf, mit einem Landschenkungsprogramm die Eroberung an weiße Haushalte zu delegieren, die als eine Art Rammbock gegen die überlebenden Seminolen benutzt werden sollten (Kapitel 4 und 5). Als Vorstand eines Haushaltes konnten neben Männern auch Witwen Land bekommen.

Shire zeigt eindrucksvoll, dass weiblich kodierte Praktiken und weiße Frauen unentbehrlich waren für die politische und militärische Planung und Durchführung der Kolonisation Floridas. Die Autorin nimmt Siedlerinnen und Siedler als Subjekte ernst und zeigt, dass sich zwischen politischer Zielsetzung und Siedlungspraxis mitunter eine erhebliche Kluft auftat. So blieb beispielsweise insgesamt nur ein Drittel der als Rammbock vorgesehenen Siedler/innen auf ihrer Parzelle; der Mehrheit sagte das Leben in Florida nicht dauerhaft zu.

Vom Themenkomplex „Häuslichkeit im Siedlerkolonialismus“ löst sich das dritte Kapitel, worin es um Gewalt gegen indianische Familien und Frauen während des Zweiten Seminolenkrieges geht. Anhand von mündlichen Überlieferungen zeigt Shire, dass Indigene immer wieder von Vergewaltigungen durch US-Soldaten berichteten. Historiker/innen haben diese Hinweise bis in die jüngste Zeit übergangen – ebenso wie zahlreiche Belege in Zeugnissen von Soldaten selbst, die Shire dokumentiert. Insofern stellt gerade auch dieses Kapitel einen wichtigen Forschungsbeitrag dar.

The Threshold of Manifest Destiny konzentriert sich mit Frauen und der Konstruktion von Geschlecht im Siedlerkolonialismus auf ein vermeintliches Spezialthema; durch den starken Quellenbezug bringt die Studie aber viele scheinbar feststehende Einschätzungen in allgemeinen Darstellungen ins Wanken. Wer sich mit der frühen Geschichte Floridas und der Siedlungspolitik in der Zeit vor dem Bürgerkrieg befasst, kommt an dem Buch nicht vorbei.

Richard Edwards, Jacob K. Friefeld und Rebecca S. Wingo, die am Center for Great Plains Studies der University of Nebraska in Lincoln forschen, unternehmen mit ihrer Monografie Homesteading the Plains eine umfassende Neubewertung des Homestead Act von 1862, d.h. des vermutlich bekanntesten Siedlungsgesetzes in der US-Geschichte. Obwohl dieses Gesetz zwischen den 1860er- und 1930er-Jahren Millionen Farmern und auch Farmerinnen den Zugang zu kostenlosem Land eröffnete, schätzt die historische Literatur seit einigen Jahrzehnten den Einfluss des Gesetzes als äußerst gering ein, weil es den meisten Homestead-Siedler/innen nicht gelungen sei, ihre Parzelle zu einer Farm zu entwickeln. Auch seien die tatsächlichen Möglichkeiten des kostenlosen Landerwerbs durch massenhafte Korruption und Betrug radikal eingeschränkt gewesen. Andererseits wird der Homestead Act als eine besonders aggressive Siedlungspolitik verstanden, die dramatische Gebietsverluste für indianische Nationen verursacht habe.

Auf der Grundlage sorgfältiger Quellenstudien zur Region der Great Plains prüfen die drei Autor/innen diese in Standardwerken und Lehrbüchern verbreiteten Einschätzungen. Historiker/innen haben seit Jahrzehnten die Relevanz des Homestead Act für Farmgründungen und die Erfolgsaussichten von Siedler/innen als äußert gering eingeschätzt. Wie die Autor/innen aber zeigen, beruhen diese Einschätzungen größtenteils auf einer fehlerhaften Analyse statistischer Daten. In den Plains-Staaten gingen im Zeitraum von 1863 bis 1900 ungefähr zwei von drei Farmgründungen auf Homestead-Schenkungen zurück, und 55 bis 63 Prozent der Siedler/innen blieben auch auf ihrer Parzelle. Von der vielfach angenommenen Irrelevanz des Gesetzes kann also keine Rede sein (Kapitel 2). Anhand einer Detailanalyse von Siedlungen im zentralen und westlichen Nebraska wird gezeigt, dass der Einsatz von Strohmännern und andere Formen des Betruges weit weniger verbreitet waren, als die historische Literatur behauptet. Trotz zahlloser Anekdoten über Rechtsbrüche lag der Anteil von Betrugsfällen in der untersuchten Stichprobe im einstelligen Bereich (Kapitel 3 und 4). Obwohl Historiker/innen mit wenigen Ausnahmen vom Gegenteil ausgehen, schuf der Homestead Act also durchaus kohärente Siedlungen. Wie Edwards, Friefeld und Wingo zeigen, nutzten auch Witwen und alleinstehenden Frauen das Gesetz, um Land zu erwerben (Kapitel 6); Immigranten-Communities erwarben benachbarte Parzellen (Kapitel 7). Das Siedeln war also keine reine Männersache, und es musste auch nicht zu Einsamkeit führen (zwei weitere verbreitete Klischees).

Auf besonderes Interesse dürfte das Kapitel 5 über die Auswirkungen des Homestead Act auf indianische Nationen stoßen. Aktuelle Forschungsbeiträge und Übersichtsdarstellungen stellen das Gesetz häufig in einen direkten Zusammenhang mit indianischen Gebietsverlusten; manche sehen gar das Gesetz selbst als Auftrag an Siedler/innen, die Eroberung kostengünstig zu übernehmen.[2] Wie die Autor/innen aber zeigen, schloss das Gesetz Siedlungen auf Indianerland aus, und Homestead-Siedler/innen nahmen erst Land in Besitz, nachdem die US-Regierung die indigene Bevölkerung durch erzwungene Verträge enteignet und mittels der Armee in Reservate verbracht hatte. Der zeitliche Abstand betrug in den meisten Bundesstaaten Jahrzehnte. In den Dakotas und in Oklahoma übten Homestead-Siedler/innen Druck auf die Regierung aus, um die Enteignung der dort lebenden Stämme zu beschleunigen. Doch anders als in Florida 1841/42 traten die Homesteaders nicht als selbsttätige Eroberer auf.

Homesteading the Plains ist ein wichtiges Buch, denn es räumt auf mit zahlreichen offensichtlichen Fehlurteilen, die sich über Jahrzehnte zu vermeintlich unproblematischen Konsenspositionen verfestigt haben. Edwards, Friefeld und Wingo zeigen, dass sich die teilweise grotesken statistischen Missverständnisse bis zu einer Studie von Fred A. Shannon aus dem Jahr 1945 zurückverfolgen lassen.[3] Warum hat es mehr als 70 Jahre gedauert, bis diese Zahlen einmal genauer überprüft wurden? Für sich genommen bietet das Buch einen exzellenten Überblick zu vielen Aspekten der Sozialgeschichte des Homestead Act. Im Einklang mit dem Untertitel Toward a New History ist es wohl aber auch als Auftakt zu weiteren Forschungen gemeint. Aufsätze zu afroamerikanischen Homestead-Siedler/innen haben Edwards und Friefeld bereits angekündigt.

Aus unterschiedlicher Richtung kommend, aber mit vergleichbarem Fokus darauf, Quellen mit neuen Fragestellungen zu konfrontieren, leisten Shire sowie Edwards, Friefeld und Wingo entscheidende Forschungsbeiträge, die das Verständnis der Landaneignung und des Siedlerkolonialismus im amerikanischen Westen wesentlich erweitern und kritisch vertiefen. Es bleibt zu hoffen, dass diesen vielversprechenden Monografien weitere Beiträge zur Public Land History folgen, sodass vielleicht eines Tages sogar die monumentalen Gesamtübersichten aus den 1960er- und 1970er-Jahren durch Nachfolgewerke ersetzt werden können.

Anmerkungen:
[1] Siehe z.B. Paul W. Gates, History of Public Land Law Development, Washington 1968; Everett Dick, The Lure of the Land. A Social History of the Public Lands from the Articles of Confederation to the New Deal, Lincoln 1970; Roy M. Robbins, Our Landed Heritage. The Public Domain, 1776-1970, 2. Aufl., Lincoln 1976.
[2] Siehe z.B. Douglas W. Allen, Homesteading and Property Rights. Or, “How the West Was Really Won”, in: Journal of Law and Economics 34/1 (1991), S. 1–23; Paul Frymer, Building an American Empire. The Era of Territorial and Political Expansion, Princeton 2017, S. 151–153.
[3] Siehe Fred A. Shannon, The Farmer’s Last Frontier. Agriculture, 1860–1897, New York 1945, S. 51–58.

Zitation
Julius Wilm: Rezension zu: : The Threshold of Manifest Destiny. Gender and National Expansion in Florida. Philadelphia  2016 / : Homesteading the Plains. Toward a New History. Lincoln  2017 , in: H-Soz-Kult, 04.09.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29178>.
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Veröffentlicht am
04.09.2018
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