R.B. Kremer: Autobiographie als Apologie

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Titel
Autobiographie als Apologie. Rhetorik der Rechtfertigung bei Baldur von Schirach, Albert Speer, Karl Dönitz und Erich Raeder


Autor(en)
Kremer, Roman B.
Erschienen
Göttingen 2017: V&R unipress
Umfang
378 S., 3 Abb.
Preis
€ 50,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
John Zimmermann, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Potsdam

Nach der bahnbrechenden Biographie von Magnus Brechtken, die 2017 erschien und alle noch so rudimentären Zweifel am manipulativen Verhalten Albert Speers endgültig ausgeräumt haben dürfte[1], gibt es nun eine weitere Studie zum viel zu lange von zu vielen, gerade auch namhaften Vertreterinnen und Vertretern der forschenden und schreibenden Zünfte, als „Gentleman Nazi“ dargestellten Kriegsverbrecher. Roman B. Kremer hat sich von Brechtken inspirieren lassen, der bereits 2012 mahnte, es sei höchste Zeit nachzufragen, wie es dazu kam, Apologeten wie Speer „zu glauben, obwohl Dokumente dagegen sprachen, und wo die Verantwortung lag, dass neue Erkenntnisse so bemerkenswert unbeachtet blieben“.[2] Der Germanist Kremer analysiert dazu in seiner vorliegenden Dissertation gezielt „eine langfristig angelegte und auf eine positive Selbstinszenierung ausgerichtete Rhetorik“ in den ausgewählten Autobiographien, zumal er dort einen „blinden Fleck“ der Forschung ausmacht. Dazu dreht er die in der Geschichtswissenschaft übliche forschungsleitende Gewichtung um, in der die historische Einordnung den Vorrang vor der inhaltlichen Analyse genießt, und stellt die literaturwissenschaftliche Auswertung der Texte in den Vordergrund. Dass er sich dazu folgerichtig der Methoden der Rhetorikforschung bedient, ist ebenso zielführend wie ertragreich. Zu danken ist dem Autor auch, dass er diese dem weniger kundigen Lesenden in einer ausführlichen Einleitung verständlich erklärt (S. 11–59). Kremer geht es also zentral um „eine rhetorische Analyse von Albert Speers Erinnerungen, der zum Weltbestseller geratenen Darstellung seiner Version der Ereignisse“, für die wiederum die Autobiographien der mit ihm zusammen in Nürnberg Angeklagten „als Kontrastfolie dienen“ (S. 13), auch weil der vormalige Hitler-Intimus die zeitlich zuvor erschienenen Bücher durchaus rezipierte.

Überhaupt ist die klare Struktur der Arbeit ein Vorzug, weil Kremer damit weder den roten Faden noch den Lesenden bei seiner auf den ersten Blick womöglich spröde anmutenden Thematik verliert. Im Gegenteil befördert er dadurch Neugier, ja erzeugt Spannung. Indem er nacheinander die verschriftlichten Hauptwerke seiner vier Protagonisten dem gewählten methodischen Analyseinstrumentarium unterzieht, versetzt der Autor die Lesenden nicht nur in die Lage, die eruierten Mechanismen nachverfolgen, sondern sie auch vergleichen zu können. Dass er dabei Speer mit 117 Seiten rund doppelt so viel Raum zugesteht wie jeweils den drei anderen, ist angesichts der herausragenden Bedeutung des zwischenzeitlich die Meinungsführerschaft Erobernden nachvollziehbar. Hilfreich sind besonders die kurzen Zusammenfassungen am Ende der vier Hauptkapitel, die es Kremer ermöglichen, „Schlussfolgerungen und Ausblick“ auf nicht ganz sieben Seiten knapp und präzise zu halten.

Dort formuliert der Autor die beiden wesentlichen Ergebnisse seiner Arbeit: Zum einen weist er in der akribischen Auseinandersetzung mit seinen Primärtexten nach, dass der methodische Ansatz ganz grundsätzlich trägt, indem er „eine Abstraktion über den historischen Einzelfall hinaus“ (S. 360) ermöglicht. So erklärt Kremer, warum vor allen Dingen Speers Autobiographie „auch heute noch eine beträchtliche persuasive Wirkung entfalten kann“ (S. 361). Zudem stellt er „Werkzeuge zur Verfügung […], mit deren Hilfe sich vergleichbare rhetorische Muster auch bei zukünftigen Texten erkennen lassen“ (ebd.). Die Vorgehensweise lasse sich „ohne Weiteres auch auf alle anderen Formen der Autobiographie übertragen, in denen das Moment des Apologetischen präsent ist“ (S. 360). Zum anderen legt Kremer „eine plausible Erklärung dafür vor, dass selbst namhafte Historiker trotz neuer Forschungsergebnisse […] auf ihrem Glauben an Wahrhaftigkeit und Referenzialität der Speer’schen Selbstinszenierung beharrten – es war der Glaube an ihre eigene Version der Ereignisse, zu der sie vermeintlich in kritischer Auseinandersetzung mit Speers Version gelangt waren“ (S. 359).

Insofern hat Kremer nicht nur ein Analyseinstrumentarium für seinen engeren Gegenstand entwickelt, sondern eine wesentliche Basis für künftige Forschungen gelegt, indem er seine Methodik, die auf Speers 1969 veröffentlichte „Erinnerungen“ zielte, an drei weiteren, vergleichbaren Autobiographien erfolgreich ausprobiert. Seine Zwischenergebnisse für die einzelnen Personen sind dabei wenig überraschend, doch ihr Mehrwert liegt in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der von ihnen angewandten Rhetorik. Die Dekonstruktion der jeweiligen sprachlichen Selbstinszenierung in den vorgelegten Büchern – eben ohne die ansonsten übliche Historisierung in den Vordergrund zu stellen – schafft Distanz zum Forschungsgegenstand, bei dem es sich im Kern um ein menschliches Wesen handelt, das emotionalisiert. Gerade weil Kremer dieses ausblendet und sich funktional auf das literarische Ergebnis konzentriert, wird seine Untersuchung zielführend und seine Argumentation überzeugend. Dass er dabei die geschichtlichen Begleitumstände, unter denen die jeweiligen Erzeugnisse entstanden sind, gleichwohl in seine Bewertung einbezieht, die Mechanismen von Klappentexten, Bebilderungen, Selbstdarstellungen erklärt und entsprechend berücksichtigt, rundet seine Ergebnisse eindrucksvoll ab.

Dabei gelingt es dem Autor, nicht nur die Gemeinsamkeiten in den Inszenierungen aufzudecken, sondern auch die Alleinstellungsmerkmale zu markieren, vor allem hinsichtlich der verfolgten Entlastungsstrategien. So wollte Baldur von Schirachs Autobiographie „Ich glaubte an Hitler“ (1967 als Buch erschienen) als einziger der untersuchten Texte „an keiner Stelle mehr sein als ein individueller Bericht der eigenen Entwicklung“ (S. 131) und behauptete weder für sich selbst noch für eine übergeordnete Gruppierung irgendeinen exemplarischen Wert. Seine „zugrundeliegende, apologetisch wirksame Narration lässt sich damit vor allem als Konversionserzählung mit gelegentlichem memoirenhaften Einschlag deuten“ (S. 132).

Im genauen Gegenteil dazu ließ Karl Dönitz’ Autobiographie „Mein wechselvolles Leben“ (Erstausgabe 1968) „wenig Zweifel an seiner Rolle als Vorbild“, so „als wolle Dönitz sich hier selbst für die Verleihung eines Ordens oder die Errichtung eines Denkmals vorschlagen“ (S. 301). Wie sein Admiralskamerad Erich Raeder („Mein Leben“, 2 Bde., 1956/57) versuchte sich Hitlers Nachfolger als Staatsoberhaupt als unpolitischer Soldat zu inszenieren, der sich – „weder literarisch noch argumentativ sonderlich anspruchsvoll“ (ebd.) – hinter der Deskription des reinen Kriegsgeschehens versteckt und nicht einmal dort Verantwortung übernimmt. Noch weniger von der persönlichen Verantwortung schrieb nur Raeder mit seinem „für die Kontinuitätsbiographie so typischen Verneinen aller Schuld […] nur eben nicht auf seine Person, sondern auf die Marine bezogen“. Seine eigene Person „ist gegenüber diesem Primat der Marine nebensächlich“ (S. 352), er selbst „übt lediglich eine Zeugenfunktion aus“ (S. 353). Mit beiden Dekonstruktionen enttarnt Kremer, weswegen sich die zwei Oberbefehlshaber der Kriegsmarine jeder auf seine Weise lange allgemein und besonders in Marinekreisen einer nicht unerheblichen Verehrung erfreuten, indem sie das Bild der scheinbar unpolitischen Marine schufen, das sich leider mitunter bis heute hält. Dönitz und Raeder reihten sich damit in eine Mehrheitsmeinung ein, die – insgesamt von der Memoirenliteratur der ehemals militärisch Verantwortlichen im „Dritten Reich“ unterstützt – die Legende von der „sauberen Wehrmacht“ kreierte. Auch hier also ist die erhebliche Schnittmenge mit der deutschen Kriegsfolgengesellschaft feststellbar, die mit solcher Selbstentschuldung begann und über Jahrzehnte die Selbstviktimisierung (Thomas Kühne) beförderte.

Vor diesem Hintergrund konnte die mit prominenter professioneller Hilfe umso geschickter inszenierte Selbstdarstellung Speers deutlich punkten, deren Dekonstruktion zweifellos das Herzstück der vorliegenden Arbeit bildet. Nüchtern weist Kremer nach, wie Speer sich einfache, althergebrachte Mittel zunutze machte, den „Effekt der Komplementär-Emotionen […]: Reue erzeugt Mitleid, Härte gegenüber sich selbst Nachsicht durch andere“ (S. 249). Gleich den beiden Großadmiralen nahm zwar auch der einstige Rüstungsminister für sich in Anspruch, „unpolitisch“ gewesen zu sein, entzog sich persönlich im Gegensatz zu jenen aber nicht komplett der Verantwortung, im Gegenteil: „Das Strukturmuster der […] Selbstanklage ist ein wesentliches, wenn nicht das wesentliche Element der Selbstinszenierung Speers“ (ebd.). Indem der seinerzeitige Hitler-Intimus selbst auswählt, in welchen Bereichen er sich selbst und wie hart anklagt, gleichzeitig „alternative Anklagemöglichkeiten [ignoriert]“, gestaltet seine Erzählung die „Selbst- als Scheinanklage, die ein leserseitiges Bezweifeln des Erzählers antizipierend bejaht und zu rhetorischen Zwecken instrumentalisiert“ (ebd.). Diese Vorgehensweise ermöglicht es ihm, „die verschiedenen Rollen des Architekten, Technokraten und Kronzeugen als apologetische Konstrukte einzusetzen […], während andere Leseweisen […] in den Hintergrund gedrängt werden“ (ebd.).

Im Ergebnis derart pointiert formuliert schließt sich die Entzauberung der Speer'schen Selbstdarstellung und ihrer Gralshüter der 2016 erschienenen Arbeit von Isabell Trommer an und ergänzt sie um die literaturwissenschaftliche Expertise.[3] Kremer ist ein vorzügliches Buch gelungen, das den Forschungsstand zu Albert Speer im Besonderen wie zu anderen Apologeten des „Dritten Reiches“ und dessen Wehrmacht im Allgemeinen fruchtbar erweitert.

Anmerkungen:
[1] Magnus Brechtken, Albert Speer. Eine deutsche Karriere. Berlin 2017; siehe dazu die Rezension von Kim Christian Priemel, in: H-Soz-Kult, 8.12.2017, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26244 (10.08.2018).
[2] Magnus Brechtken, „Ein Kriminalroman könnte nicht spannender erfunden werden“. Albert Speer und die Historiker, in: ders. (Hrsg.), Life Writing and Political Memoir. Lebenszeugnisse und politische Memoiren, Göttingen 2012, S. 35–78, hier S. 77.
[3] Isabell Trommer, Rechtfertigung und Entlastung. Albert Speer in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt am Main 2016; siehe dazu die Rezension von Heinrich Schwendemann, in: H-Soz-Kult, 30.11.2016, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25978 (10.08.2018).

Zitation
John Zimmermann: Rezension zu: : Autobiographie als Apologie. Rhetorik der Rechtfertigung bei Baldur von Schirach, Albert Speer, Karl Dönitz und Erich Raeder. Göttingen  2017 , in: H-Soz-Kult, 03.09.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29254>.