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Titel
Deus vult, Deus vult. Der christliche heilige Krieg im Früh- und Hochmittelalter


Autor(en)
Gübele, Boris
Erschienen
Ostfildern 2018: Jan Thorbecke Verlag
Umfang
452 S.
Preis
€ 50,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tim Weitzel, Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte, Universität Regensburg

Es sei dem Rezensenten nachgesehen, wenn die folgende Buchbesprechung mit einer persönlichen Erinnerung aus der Studienzeit eingeleitet wird: Während einer Vorlesung an der Westfälischen-Wilhelms Universität riet der mittlerweile emeritierte Münsteraner Historiker Gerd Althoff ganz entschieden davon ab, sich nach Carl Erdmanns Habilitationsschrift nochmals mit der „Entstehung des Kreuzzugsgedankens“ zu befassen, da man hierbei schwerlich Neues herausfinden könne.[1] Offensichtlich zeigte sich Boris Gübele gegenüber diesen Bedenken unerschrockener, als viele Historiker vor ihm und folgte den großen Fußspuren von Carl Erdmann. Das Ergebnis ist die hier zu besprechende Monographie, die an der Universität Stuttgart im Jahr 2013 als Dissertation angenommen wurde.

Im Kern dieser Arbeit steht eine entwicklungsgeschichtliche Fragestellung. Es geht dem Autor um die Frage, ab wann sich im Mittelalter das Konzept eines heiligen Kriegs nachweisen lasse. Dabei steht der Autor zunächst vor der Schwierigkeit, „[...] was genau denn nun einen heiligen Krieg zu einem ‚heiligen Krieg‘ macht“ (13). Bekanntermaßen kreist um jene Frage eine lebhaft geführte, interdisziplinäre Forschungsdebatte. Nachdem die unterschiedlichen Positionen in diesem vielstimmigen Diskurs einleitend gegeneinander abgewogen und allesamt als unbrauchbar verworfen wurden, stellt der Autor die eigene Begriffsbestimmung jedoch zunächst zurück. Erst nach einer „ausgiebigen Auseinandersetzung mit den Quellen“ will Gübele zu einem „eigenen Verständnis des Begriffs“ vordringen (24).

Zur Umsetzung dieser Zielsetzung holt der Autor sehr weit aus. Beginnend mit der neutestamentlichen und patristischen Auseinandersetzung mit dem Krieg, über Konstantin dem Großen, Chlodwig, Byzanz, die Ottonen und Salier, die Kirchenreform, bis hin zum Ersten Kreuzzug spürt Gübele der Entwicklung des Heiligen Kriegs nach. Der Fluchtpunkt dieser Entwicklung ist für den Kreuzzugforscher keineswegs überraschend: „Es mag Vorläufer gegeben haben, die dem späteren Denken manchmal nahe kamen, wie beispielsweise Herakleios und dessen Perserfeldzüge. Doch erst ab der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts nehmen die Hinweise zu, dass man Krieg als heilige Handlung auffassen konnte und zur vollen Blüte gelangte diese Vorstellung, meiner Ansicht nach, erst mit dem Ersten Kreuzzug“ (395). Damit bestätigt Gübele die verbreitete Ansicht, dass es sich beim Kreuzzug um den heiligen Krieg par excellence handelt und bei Papst Urban II. um den geistigen Vater dieser neuen Kriegsform.

Bemerkenswerter ist für den Historiker die Frage, wie es laut Gübele zu jener neuen Kriegsform gekommen sei. Denn Papst Urban II. soll den Heiligen Krieg keineswegs ex nihilo geschaffen, sondern dabei auf gedankliche Grundlagen früherer Zeiten zurückgegriffen haben. Neben bekannteren Vorläufern, wie dem Orientplan Gregors VII., präsentiert Gübele hier auch neue Fälle, insbesondere den griechischen Kaiser Herakleios und dessen Perserfeldzüge. Nicht nur habe der Basileus die Kreuzzüge „antizipiert“ (331), sondern er soll „die Entstehung der Kreuzzüge mitverursacht“ (396) haben. Mit einer solchen These handelt sich der Autor ein erkenntnistheoretisches Problem ein, nämlich die Frage der Kausalität. Der Historiker muss eine Traditionslinie zwischen zwei geographisch und zeitlich, sprachlich wie kulturell distinkten Kontexten nachweisen, kurzum: einen Kausalnexus aufzeigen. Der Stuttgarter Historiker hat sich dieser Aufgabe gestellt und die Rezeptionsgeschichte des griechischen Kaisers in der lateinischen Chronistik und Dichtung verfolgt. Tatsächlich gelingen ihm dabei bemerkenswerte Erkenntnisse, die der Forschung bisher entgangen sind. Die Erinnerung an den griechischen Kaiser und die religiöse Überhöhung der von Herakleios geführten Kriege war am Vorabend der Kreuzzüge im lateinischen Westen bekannt und könnte daher tatsächlich eine Möglichkeitsbedingung der Kreuzzüge sein. Hierauf aufmerksam gemacht zu haben ist der eigentliche Verdienst der Arbeit von Gübele.

Die griechische Tradition war aber sicherlich nur eine Konstituierungsbedingung der Kreuzzüge, deren Deutungsmuster bekanntermaßen ein Konglomerat aus diversen tradierten Elementen war, worauf bereits Erdmann hingewiesen hat. Die Gewichtung dieser unterschiedlichen Faktoren ist seither ein Gegenstand der Diskussion. Aus Sicht des Rezensenten überschätzt der Stuttgarter Historiker in seiner Arbeit die von Augustinus von Hippo begründete Lehre vom gerechten Krieg (bellum iustum) als „unerlässliche“ (25) Grundlage des heiligen Kriegs. Diese Sichtweise ist, wenn auch keineswegs überholt, so doch zumindest durch die Arbeit von John Gilchrist in Zweifel gezogen worden, der Augustinus – sehr plakativ – als „red herring“ der Kreuzzugsforschung bezeichnet hat.[2] Mit diesem provokanten Diktum hat Gilchrist auf den Umstand aufmerksam gemacht, dass sich in der Kreuzzugshistoriographie kaum explizite Bezüge auf den Kirchenvater im speziellen oder die patristische Literatur im Allgemeinen nachweisen lassen, was gegen die angenommene Relevanz der augustinischen Kriegslehre für die Genese des Ersten Kreuzzugs spricht. Deutlich dominanter ist hingegen der sog. JHWH-Krieg, der insbesondere im deuteronomistischen Geschichtswerk begegnet. Zwar registriert Gübele die Omnipräsenz „alttestamentlicher Gotteskriege“ (357) in der Kreuzzugschronistik und den Briefen der Kreuzfahrer; jedoch geht er der Frage, welche Bedeutung das alttestamentliche Kriegsnarrativ für die von ihm anvisierte Fragestellung spielte, nicht eigens nach. Seine Analyse setzt bei der patristischen Auseinandersetzung mit dem Krieg an und blendet damit eine, wenn nicht die zentrale Konstituierungsbedingung der Kreuzzüge aus.

Am Schluss seiner Arbeit kommt Gübele auf die eingangs zurückgestellte Frage nach dem proprium des heiligen Kriegs zurück und gibt eine eigene Definition des Phänomens: „Erst dann, wenn der Krieg selbst als heilige Handlung aufgefasst wird, kann man meiner Ansicht nach von einem heiligen Krieg sprechen“ (393). Aber, so ließe sich zurückfragen, was bedeutet in diesem Zusammenhang genau das Wort „heilig“? Bekanntlich handelt es sich bei dem Begriff des Sakralen bzw. Heiligen um einen der schillerndsten und umstrittensten Grundbegriffe der Religionswissenschaften. Diese Frage übersteige nach Gübeles Ansicht den „wissenschaftlichen Rahmen“ seiner Arbeit (388). Er lässt lediglich unterschiedliche Facetten anklingen, die einen Krieg sakralisieren: „Wenn Krieg zum Gottesdienst, ja zur Eucharistiefeier wird, dann handelt es sich gewiss um einen heiligen Krieg“ (393).

Doch selbst wenn man einmal die religionswissenschaftliche Dimension der Frage nach dem Heiligen ausklammert, bleiben immer noch Fragen offen: Handelt es sich bei der Kategorie „heiliger Krieg“ um einen emischen oder einen etischen Begriff und ist für die Klassifizierung ein Beobachtungsmodus erster oder zweiter Ordnung ausschlaggebend? Anders gefragt: Ist der Terminus „heiliger Krieg“ ein Quellenbegriff oder eine rein wissenschaftliche Kategorie und gilt als Bewertungsmaßstab die Sichtweise der Zeitgenossen oder das Urteil des Historikers? Entgegen einer These von Alexander P. Bronisch handelt es sich Gübele zufolge bei dem Terminus keineswegs um eine „Formel“, die zur „Kennzeichnung historischer Phänomene erst nachträglich geschaffen“ wurde (391).[3] Gübele verweist diesbezüglich auf eine oft zitierte Stelle bei Guibert von Nogent, wo von prelia sancta (sic) die Rede ist (389).[4] Allerdings steht diese Aussage des Historiographen im zeitgenössischen Diskurs wohlgemerkt allein. Zeitgenössisch wird der Kreuzzug meist mit anderen Begrifflichkeiten bezeichnet, z.B. als iter, via und peregrinatio meist in Kombination mit einer lokalen Richtungsangabe, oder aber als bellum Dei, eben als Gotteskrieg.

Wenn der Rezensent also auch nicht in allem Gübeles Annäherung an den heiligen Krieg im Früh-und Hochmittelalter teilen mag, so schmälert dies den wissenschaftlichen Wert von Gübeles Monographie keineswegs. Boris Gübele ist es mit seiner Monographie nicht nur gelungen, zu einer Kernfrage der historischen Religionsforschung im allgemeinen und der Kreuzzugsforschung im speziellen vorzudringen, sondern es steht auch zu vermuten, dass die Arbeit der interdisziplinär geführten Diskussion neue, wichtige Impulse verschafft, kurzum: Anschlusskommunikation hervorruft. Und dies ist zumindest gemäß Luhmann der Gradmesser für kommunikativen Erfolg.

Anmerkungen
[1] Carl Erdmann: Die Entstehung des Kreuzzugsgedankens, Stuttgart 1935 (ND 1955).
[2] John Gilchrist: The Erdmann thesis and canon law, 1083–1141, in: Peter W. Edbury (Hrsg.), Crusade and settlement. Papers read at the first conference of the Society for the Study of the Crusades and the Latin East and presented to R. C. Smail, Cardiff 1985, S. 37–45, hier S. 41.
[3] Alexander Pierre Bronisch: Reconquista und Heiliger Krieg. Die Deutung des Krieges im christlichen Spanien von den Westgoten bis ins frühe 12. Jahrhundert (Spanische Forschungen der Görresgesellschaft , zweite Reihe, Bd. 35), Münster 1998.
[4] Obwohl Gübele hier die von Huygens besorgte Edition angibt, ist das lateinische Zitat offenbar einer älteren Edition entnommen. Vgl. Guibert von Nogent, Dei Gesta per Francos et cinq autres textes, hrsg. v. R. B. C. Huygens (CCCM 127A), Turnhout 1996, hier S. 87.

Zitation
Tim Weitzel: Rezension zu: : Deus vult, Deus vult. Der christliche heilige Krieg im Früh- und Hochmittelalter. Ostfildern  2018 , in: H-Soz-Kult, 24.10.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29312>.
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24.10.2018
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