T. C. W. Blanning: Culture of Power

Titel
The Culture of Power and the Power of Culture. Old Regime Europe 1660-1789


Autor(en)
Blanning, Timothy C. W.
Erschienen
Umfang
479 S.
Preis
£25.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Albert Schirrmeister, Groupe de Recherches Interdisciplinaires sur l'Histoire du Littéraire, EHESS, Paris

Eine vergleichende Kulturgeschichte der Macht zu drei großen frühneuzeitlichen Nationen – das ist ein Buch, auf das man in deutschen Historikerkreisen gewartet hat; so könnte man das Votum verstehen, mit dem T. C. Blannings Buch zum Historischen Buch des Jahres 2002 auf H-Soz-u-Kult für die Epoche der Frühen Neuzeit gewählt worden ist. Zwar ist zu berücksichtigen, dass die Basis für die Auszeichnung denkbar klein ist - abgegeben wurden 22 Punkte, verteilt auf fünf Voten [1] - doch diese ausgesprochen positive Einschätzung des Buches wird durch die Nominierung (gemeinsam mit fünfzehn anderen Büchern) für den “British Academy Book Prize” gestützt. Dabei ist hier eine ganz bestimmte Qualität gemeint: Es soll ein Buch ausgezeichnet werden, dem es angesichts seiner Zugänglichkeit für Nicht-Spezialisten gelingt, die öffentliche Anerkennung für Geistes- und Sozialwissenschaften zu erhöhen.

Der Blick auf das Inhaltsverzeichnis macht deutlich, was dann in der Einleitung ausführlich - und mit ironischem Verweis auf deutsche akademische Sitten - entfaltet wird: Den analytischen Bezugsrahmen für Blannings Buch bilden die Überlegungen von Jürgen Habermas zum Strukturwandel der Öffentlichkeit. [2] Folgerichtig teilt Blanning sein Buch in drei große Teile: Der erste ist mit “Representational Culture” überschrieben, der zweite heißt “The Rise of the Public Sphere”, der dritte und abschließende Teil “Revolution”. Diese drei Großkapitel analysieren vergleichend die Situation vor allem in Frankreich, Großbritannien und daneben in den Monarchien im Heiligen Römischen Reich, jeweils mit Blick auf die Akteure, Bedingungen und Rahmen, die die neue Öffentlichkeit herstellen. Die zweite, den Aufbau strukturierende Hypothese Blannings ist der Zusammenhang zwischen dem Entstehen einer nationalen Identität und den unterschiedlich geprägten kulturellen Praktiken. Deshalb widmet Blanning in seiner Einleitung nicht nur der Orientierung an Habermas, sondern auch der “Nation” ausführliche Erörterungen.

Blannings zentrales Thema ist also die Verknüpfung von kulturellen Manifestationen und politischen Veränderungen, Veränderungen in der Art, wie Macht ausgeübt werden kann und worauf sie sich beziehen muss. Dabei sei, wie Blanning feststellt, der Druck auf “die Bürger” größer gewesen als auf “den Adel”, die eigenen kulturellen Praktiken mit den herrschenden Praktiken in Einklang zu halten und so mittels kultureller Praktiken politischen Einfluss ausüben zu können. Spannend ist, wie Blanning vorfuhrt, dass gerade in der Orientierung an adliger Kultur und durch ihre bürgerliche Aneignung diese Praktiken entscheidend verändert wurden: In gewisser Weise verlor der Adel den Wettlauf zwischen den imitierenden Bürgern und dem eigenen Erfinden neuer ‚feiner Unterschiede‘. Blanning zeigt am berühmten Beispiel des Figaro von Beaumarchais, wie die bürgerliche, diskutierende Öffentlichkeit Besitz vom Theater ergreift und gegen den Einspruch des Königs und die Zensur Macht darüber gewann, welche Stücke (mit Erfolg) aufgeführt wurden. Eine Fußnote verdient in diesem Zusammenhang, dass sich der Konflikt an einer Komödie entzündete: zwar wurden nicht erst seit Molière Komödien am französischen Hof aufgeführt, doch bezeichnet Roger Chartier nicht ohne Grund die Tragödie als die höfisch-adlige Theaterform. [3]

Zudem stellt Blanning sehr anschaulich den betont höfischen Charakter der französischen Kultur im Gegensatz zumal zur englischen Kultur dar, wie es auch Chartier gezeigt hat. Das im Vergleich mit österreichischen, preußischen und englischen Monarchen getroffene Urteil über die französische Monarchie ist hier sehr bissig: Indem sich der französische König abschottete und, statt sich in der Hauptstadt aufzuhalten, in Versailles blieb, trug er seinen Teil dazu bei, dass eine rückschrittliche und konzeptlose französische Monarchie den Umbau und die produktive Aneignung der kulturellen Praktiken verpasste. Ganz im Gegensatz zu Preußen, Österreich und Großbritannien fand eine Trennung des französischen Königs vom Volk statt und machte damit die Revolution erst möglich.

Wegweisend ist der hohe Stellenwert, den Blanning in diesem Zusammenhang dem Musik- und Theaterbetrieb der Frühen Neuzeit zuweist. Er analysiert Musik als Element der Hochkultur in den Formen von Konzert, Oper und (in England) Oratorium. Die Analyse bleibt hauptsächlich auf der Seite des Publikums und den Beziehungen zwischen diesem und dem Komponisten. Wenn die Rolle der musikalischen Praxis dabei auch neu begriffen wird: Von “musical origins” der französischen Revolution zu sprechen, halte ich doch eher für irreführend und vor allem mit der Absicht erklärbar, ein häufig übersehenes Forschungsobjekt aufzuwerten.

Über den Beginn der politischen und kulturellen Frühen Neuzeit, also - wenn man so periodisieren möchte - über das 16. Jahrhundert geht Blanning schnell hinweg, um auf die im Titel genannte ‚Kernzeit‘ zu sprechen zu kommen. Das ist legitim, denn sein Interesse gilt eindeutig dem Ende des Ancien Régime und nicht seinen Voraussetzungen oder Vorläufern. Zum Problem wird es lediglich an den Stellen, wo durch die Verkürzungen auch Bedeutungsverschiebungen verloren gehen. Konkret gilt dies in meinen Augen gerade für die beiden wesentlichen Teile von Blannings Konzept, nämlich für Öffentlichkeit und Nation: Die von Blanning konstruierte Teleologie humanistischer Diskussionen vernachlässigt komplett, von wem und mit Bezug auf wen in welchen Diskussionen von “Nation” gesprochen wurde, da sie nicht von der Uneindeutigkeit des frühneuzeitlichen und spätmittelalterlichen Nationsbegriffs Kenntnis nimmt.

Zudem meine ich, dass Blanning, obwohl er selbst Kritik an der Ausgestaltung des Konzepts der repräsentativen Öffentlichkeit bei Habermas übt, gerade dem verführerisch eindeutigen, holzschnittartigen Teil des Konzepts, der sich auf die Frühe Neuzeit bezieht, erliegt und lediglich die Grenzen chronologisch ein wenig verschiebt: Für Habermas ist die repräsentative Öffentlichkeit nur Kontrastfolie für die entfaltete bürgerliche, diskutierende Öffentlichkeit, die historische Nuancierung ist für ihn uninteressant. Dabei sind nicht zuletzt in der französischen Forschung des letzten Jahrzehnts einige Korrekturen angebracht worden, die das Bild der frühneuzeitlichen Öffentlichkeit grundsätzlich veränderten. [4]

Diese beiden Kritikpunkte legen ein angesichts der offenbaren Sprachenkenntnis von Blanning unverständliches Problem offen: Neuere historische Literatur aus Deutschland oder Frankreich zu seinen Themen nimmt er nur sehr eingeschränkt wahr. Man muss kein Verfechter von vollständigen Bibliografien sein, um den damit in Kauf genommenen eklatanten Nachteil argumentativer Überzeugungskraft hervorzuheben. Denn schließlich ignoriert Blanning gerade die Literatur, die kulturgeschichtlich genau diejenigen Diskussionen aufgreift, die er zusammenfassen möchte. [5]

Was mögen also die Gründe für die Auswahl bei H-Soz-u-Kult gewesen sein? Keiner der Juroren hat Blannings Buch als persönlichen Favoriten genannt und damit eine Erklärung für die Auswahl angeboten. Ich nehme an, dass es Sympathie für einen ganz anders gewählten Schwerpunkt bei einer Überblicksdarstellung ist, für eine Perspektive, die schon in der Spiegelung des Titels ihren Willen betont, in zwei Richtungen erhellend sein zu können. Es ist allerdings ein Überblick, dessen hervorragende Lesbarkeit auch für deutschsprachige Leser mit dem Verlust von Nuancierungen und mit einem Glätten von Brüchen bezahlt worden ist, ein Überblick, der ein allzu folgerichtiges Bild und in mancher Hinsicht ein teleologisch festgelegtes Bild der frühneuzeitlichen Geschichte malt. Doch gibt es für die deutsche Geschichte und die deutsche Geschichtsschreibung keinen vergleichbaren übergreifenden Zugriff für die Frühe Neuzeit, will man nicht den ersten Band von Wehlers Gesellschaftsgeschichte mit seinem programmatisch umfassenden Anspruch dazu zählen. [6]

Darin liegt jedenfalls in meinen Augen der Wert des Buches: Auf repräsentative Weise mit der kulturgeschichtlichen Absicht Ernst zu machen, politische Veränderungen in ihren Abhängigkeiten von kulturellen Veränderungen zu analysieren. Denn gerade auf diese Weise können Historiker ihre kulturwissenschaftliche Kompetenz gegenüber den Zumutungen der übrigen Kulturwissenschaften beweisen: Ein Vorsprung, eine Kombination in analytischen Kompetenzen, die den gleichzeitig kulturellen und sozialen Eigenschaften der Untersuchungsobjekte gerecht zu werden vermag und so mehrere Bedeutungsebenen entschlüsseln und zugänglich machen kann.

Anmerkungen:
[1] Siehe die Erläuterung auf der Homepage von H-Soz-u-Kult (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?type=buchpreis&name=projektvorstellung&pn=forumpn=forum) und die Einschätzung des Jurors Chris Lorenz (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/type=buchpreis&name=jury&year=2002&kuerzel=lorenzcrzel=lorenzc).
[2] Habermas, Jürgen, Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft (Neuwied 1962), ND Frankfurt am Main 1990, mit einem Vorwort zur Neuauflage.
[3] In seinem Beitrag in : «Choix culturels et mémoire», : in: Burguière, André ; Revel, Jacques (Hgg ), Histoire de la France, Paris 1993.
[4] Als erstes ist hier zu nennen: Merlin, Hélène, Public et Littérature en France au XVIIe siècle, Paris 1994, an der sich weitere Diskussionen entzündet haben; außerdem z.B.: Fogel, Michèle, Les Cérémonies de l’information dans la France du XVIe au milieu du XVIIIe siècle, Paris, 1989; Burt, Richard (Hg.), The Administration of Aesthetics, Censorship, Political Criticism, and the Public Sphere, Minneapolis 1994.
[5] Aus der Reihe “Nationes” sei nur als Beispiel genannt: Ehlers, Joachim, Ansätze und Diskontinuität deutscher Nationsbildung im Mittelalter (Nationes 8), Sigmaringen 1989. Ein anderes Beispiel aus einer ganz anderen Diskussion: Giesen, Bernhard (Hg.), Nationale und kulturelle Identität, Frankfurt am Main 1991. Aus der französischen Forschung : Jouhaud, Christian, Les pouvoirs de la littérature. Histoire d’un paradoxe, Paris 2000; Culture et Idéologie dans la genèse de l’Etat moderne. Actes de la table ronde organisée par le Centre national de la recherche scientifique et l’Ecole française de Rome (= Collection de l’école française de Rome 82), Paris 1985 ; Zitiert wird von Blanning: Chartier, Roger, Les origines culturelles de la Révolution française, Paris 1990, erweiterte Taschenbuchauflage 2000.
[6] Denn schließlich spricht Wehler von “Gesellschaftsgeschichte als Versuch einer Synthese” und formuliert, es seien “drei gleichberechtigte, kontinuierlich durchlaufende Dimensionen von Gesellschaft analytisch [zu] unterscheiden. Herrschaft, Wirtschaft und Kultur stellen diese drei, in einem prinzipiellen Sinn jede Gesellschaft erst formierenden, sich gleichwohl wechselseitig durchdringenden und bedingenden Dimensionen dar.” Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1. Vom Feudalismus des Alten Reiches bis zur defensiven Modernisierung der Reformära 1700-1815, München 1987, S. 7.

Zitation
Albert Schirrmeister: Rezension zu: : The Culture of Power and the Power of Culture. Old Regime Europe 1660-1789. Oxford  2002 , in: H-Soz-Kult, 29.10.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2936>.
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29.10.2003
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