S. Hänschen: Das Transitghetto Izbica im System des Holocaust

Cover
Titel
Das Transitghetto Izbica im System des Holocaust.


Autor(en)
Hänschen, Steffen
Erschienen
Berlin 2018: Metropol Verlag
Umfang
608 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Walter Manoschek, Institut für Staatswissenschaft, Universität Wien Fakultät für Sozialwissenschaften

608 Seiten, 40 Archive, 1.150 Fußnoten, 23 Seiten Quellen- und Literaturverzeichnis. Das ist die Bilanz des Buches über ein Transitghetto in Ostpolen, das nicht einmal allen Expert/innen ein Begriff sein dürfte. Und – man kann es vorwegnehmen: Keine Seite davon ist zu viel. Hänschen kann dabei auf seine 20-jährige Erfahrung mit Bildungsreisen zurückgreifen, die er in der Region Lublin zu den vergessenen Lagern der „Aktion Reinhardt“ im Rahmen des Bildungswerk Stanislaw Hantz e. V. durchführte. Saul Friedländer hatte 2007 Izbica noch als einen „unscheinbaren“ Ort und als „Ghetto ohne Mauern“ bezeichnet.[1] Hänschen setzt es sich als Aufgabe, den spezifischen Charakter eines Transitghettos zu beleuchten. Ein schwieriges Unterfangen, da über Izbica – so wie in den anderen Transitghettos im Generalgouvernement – die nationalsozialistischen Besatzer die Dokumente systematisch vernichteten und bestenfalls Splitterbestände erhalten geblieben sind. Heinrich Himmler und das Reichssicherheitshauptamt entschieden Anfang der 1940er-Jahre, Ortschaften im besetzten Polen zum Bestimmungsort für deportierte Juden aus West- und Mitteleuropa zu machen. In der sogenannten dritten Deportationswelle verschleppten die Nationalsozialisten zwischen März und Juni 1942 etwa 21.000 Juden aus dem Altreich, 14.000 aus Theresienstadt, 6.000 aus Wien, 40.000 aus der Slowakei und einige Dutzend aus Luxemburg in die Transitghettos und Lager des Distrikts Lublin. Die Deportierten von außerhalb des Generalgouvernements wurden bis Juni 1942 nicht direkt in die Gaskammern der drei Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“ geschickt, sondern in Orten des Distrikts untergebracht, die als „Umschlagstationen“ dienten, und wo sie unter unmenschlichen Bedingungen – ohne es zu wissen – auf ihren Weitertransport in den Tod warteten. Der größte dieser Orte war Izbica. Im ersten Halbjahr 1942 wurden mehr als 14.000 Juden aus Großdeutschland, der Slowakei, dem „Protektorat Böhmen und Mähren“ und aus Luxemburg dorthin deportiert. Das Phänomen der Transitghettos wurde bislang in der Forschung kaum behandelt. Der Autor stellt sich der Aufgabe, den Ablauf der Transporte aus den Herkunftsländern, die Ghettoisierung und die Ermordung zu einem Gesamtbild zu formen. In die chronologische Abfolge sind konkrete Einzelfallgeschichten eingewoben, die eine Versinnbildlichung des Schicksals der Opfer ermöglichen. Das Buch endet nicht mit dem Kriegsende. Vielmehr widmet der Autor der Zeit nach der Befreiung ebenso ein Kapitel wie der Strafverfolgung der Täter. Ebenso akribisch forschte er nach den jüdischen Überlebenden von Izbica, von denen es nicht mehr als 70 gegeben haben dürfte.

Izbica, knapp 70 Kilometer südöstlich der Hauptstadt des Distrikts Lublin gelegen, hatte vor dem Krieg etwa 6.000 Einwohner, davon waren 5.098 jüdischer Herkunft. Ein Miteinander von katholischen und jüdischen Bürgern gab es nicht. Man lebte misstrauisch nebeneinander. Der Ort war ein Paradebeispiel eines jüdischen Schtetl mit traditionell orthodox-jüdischer Bevölkerung. Izbica war selbst für polnische Verhältnisse arm: Es gab kaum sanitäre Anlagen und nur zwei öffentliche Toiletten. Bis auf eine Durchgangsstraße waren die Straßen nicht gepflastert. Die meisten Bewohner lebten in ärmlichen und unsauberen Hütten, oft gemeinsam mit ihrem Vieh in einem Raum. Die erhalten gebliebenen Briefe der Deportierten schildern drastisch den Kulturschock, den sie bei ihrer Ankunft erlitten, die katastrophale Unterbringung auf engstem Raum, den Hunger und die Krankheiten, unter denen sie litten. Es war ihnen klar, dass sie unter solchen Umständen nicht lange überleben würden. Bereits Ende März 1942 begannen die Verschickungen in die Vergasungsanlagen von Belzec und Sobibor. Bei diese sogenannten „Aktionen“, die alle nach ähnlichem Muster vor sich gingen, wurden in den frühen Morgenstunden die Ghettobewohner von deutscher Polizei, SS, Gendarmerie, Trawniki-Männern, dem jüdischen Ordnungsdienst und unter den neugierigen Augen der deutschen Zivilverwaltung und der polnischen Bevölkerung auf den Sammelplatz getrieben. Wer nicht gehen konnte oder zu langsam war, wurde erschossen. Hunderte Leichen lagen in der Stadt herum – Dantes Inferno. Dann selektierten die Polizisten nach Arbeits- und Arbeitsunfähigen. Die Arbeitsunfähigen wurden zum Bahnhof getrieben, in überfüllte Waggons gepfercht und in die Vernichtungsanlagen gefahren, wo sie meist schon innerhalb einer Stunde nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet wurden. Die Deportationen fanden bis zum November 1942 statt. Dann wurde das Ghetto aufgelöst.

Nach Kriegsende wurden die beiden in Izbica stationiert gewesenen Gestapoangehörigen Kurt Engels und Ludwig Klemm von der deutschen Justiz inhaftiert. Beide begingen noch vor Prozessbeginn Selbstmord. Gegen zwei weitere Zivilbeamte wurden Prozesse geführt, die letztlich zu Freispruch bzw. Einstellung des Verfahrens führten.

Das voluminöse und spannend geschriebene Werk überzeugt in allen Bereichen und weist aus Sicht des Rezensenten keine Schwächen auf. Als Standardwerk werden sich kommende Untersuchungen zu (Transit-)Ghettos daran zu messen haben.

Anmerkung:
[1] Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden. Verfolgung und Vernichtung 1933-1945, Bonn 2007, S. 382.

Zitation
Walter Manoschek: Rezension zu: : Das Transitghetto Izbica im System des Holocaust. Berlin  2018 , in: H-Soz-Kult, 07.02.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29397>.
Redaktion
Veröffentlicht am
07.02.2019
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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