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Titel
Nanna Conti 1881–1951. Eine Biographie der Reichshebammenführerin


Autor(en)
Peters, Anja Katharina
Erschienen
Münster 2018: LIT Verlag
Umfang
IX, 439 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christine Loytved, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

In ihrer jetzt in Buchform veröffentlichten Dissertation von 2014 arbeitet Anja Katharina Peters die Biographie einer Frau auf, deren führende Rolle innerhalb des Hebammenstandes im Nationalsozialismus bis vor wenigen Jahren noch unzureichend reflektiert wurde. Die Arbeit zu Nanna Conti (1881 in Uelzen geboren, 1951 in Bielefeld beerdigt) ist gut anhand von erst seit 1990 zugänglichen Archivalien sowie Interviews mit Verwandten von Conti und Hebammen recherchiert und zeigt unterschiedliche Facetten der damaligen Leiterin der Reichshebammenschaft.

Anja Katharina Peters, wissenschaftliche Mitarbeiterin einer Abgeordneten des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern und Lehrende in der Pflege- und Hebammengeschichte, leitet Nanna Contis nationalsozialistische Auffassungen aus ihren Erfahrungen in der protestantischen und völkisch gesonnenen Familie her, ohne sie als Entschuldigung heranzuziehen. Dabei stellt sie die Frage nach der Verantwortung und Täterschaft und gründet darauf ihr Vorgehen bei der biographischen Aufarbeitung. Sie orientiert sich an der Grounded Theory und nutzt unterschiedliche Quellengattungen. Die gewonnenen qualitativen Daten werden für die kritische Analyse kategorisiert und kontextualisiert.

Mit 17 Jahren heiratete Nanna Pauli 1898 in ihrem damaligen Aufenthaltsort in Lugano den Schweizer Silvio Conti. In der kurzen Zeit ihrer Ehe folgte eine Schwangerschaft der anderen. Nach ihrer Scheidung 1902 zog Nanna Conti mit ihren drei überlebenden Kindern im darauffolgenden Jahr nach Deutschland zurück. Sie beantragte jedoch erst mehr als zehn Jahre später für sich und ihre Kinder die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Familie behielt Zeit ihres Lebens jedoch auch das Schweizer Heimatrecht.

In Deutschland absolvierte Conti die Hebammenausbildung in Magdeburg und arbeitete anschließend in Berlin. Ihre Mutter betreute die drei Kinder. Zur Gesundheit der Tochter Camilla gibt es keine Angaben, Leonardo war farbenblind und Silvio hatte psychische Auffälligkeiten (S. 93). Mit dieser Zusammenstellung will Peters aufzeigen, dass es sich bei Nanna Conti nicht um eine Frau handelte, die dem „arischen Ideal“ entsprach. Anja Katharina Peters versucht nicht die Frage zu beantworten, wieso eine Frau, die eigentlich nicht den nationalsozialistischen Idealen entsprach, dennoch den Aufstieg innerhalb des Systems schaffte. Dazu hätte sie andere, in diesem Sinne gescheiterte berufliche Lebensläufe zum Vergleich heranziehen müssen.

Dennoch wird deutlich, dass diese historische Figur Durchsetzungsvermögen besaß und eine Allgemeinbildung, die nicht allen Hebammen zur damaligen Zeit zur Verfügung stand. So wird ihr der Posten als Schriftführerin im Neupreußischen Hebammenverband ab 1928 leichtgefallen sein. Gleichzeitig hatte sie dadurch den nötigen Einblick in den Verbandsvorstand, um 1933 bereitzustehen und die Leitung der neu gegründeten Reichsfachschaft Deutscher Hebammen zu übernehmen. 1939 wurde sie vom Reichsministerium des Inneren als Leiterin der zentralisierten Reichshebammenschaft eingesetzt. Ihr Sohn Leonardo war zu der Zeit im selben Ministerium als „Kommissar zur besonderen Verfügung“ tätig und entfernte in dieser Position oppositionelle und jüdische Ärztinnen und Ärzte aus dem Gesundheitswesen (S. 94). Peters folgend, haben sich Nanna und Leonardo Conti gegenseitig ergänzt. Er verschaffte ihr Kontakte zur Ärzteschaft und sie festigte seine rassenbiologischen und eugenischen Vorstellungen innerhalb des Berufsstands der Hebammen (S. 356). Auch ihre parteipolitischen Ambitionen verliefen parallel: Im Jahr 1918 war sie Mitglied der damals neu gegründeten Deutschnationalen Volkspartei geworden, ihr Sohn trat ein Jahr später ein. Wie er sympathisierte sie mit weiteren rechts orientierten Vereinigungen. Ab 1930 wurde sie als Mitglied der NSDAP geführt, ihr Sohn bereits drei Jahre früher.

Als Hebamme betreute Conti viele Hausgeburten. Auch noch 1937 war sie eine beliebte Hebamme bei jüdischen Familien (S. 69). Ebenso arbeitete sie mehr als 15 Jahre lang in einer Klinik, die von dem jüdischen Arzt Bruno Wolff geleitet wurde. Später, 1934, denunzierte sie ihn, verbotenerweise Abtreibungen durchzuführen. Von einem Freund wurde er gewarnt und konnte vor seiner Verhaftung ins Ausland fliehen (S. 148). Seit 1924 war sie Mitglied in einem antisemitischen Bund (S. 109) und sprach sich 1939 gegen das sogenannte „Weltjudentum“ aus (S. 75). Diese Gegensätze aufgezeigt zu bekommen, macht die Spannung des Werkes aus und geht über die meisten bisherigen Arbeiten zu Hebammen im Nationalsozialismus, die sich eher auf die Auswertung von Hebammenzeitschriften beschränken, hinaus.

Ab 1933 bereiste Conti alle Gebiete, die sich der zentralisierten Organisation der Hebammen anschließen sollten und leistete Überzeugungsarbeit, trat aber auch gleichzeitig für den Ausschluss unerwünschter Hebammen ein. Sie führte die Redaktion der Zeitschrift „Die Deutsche Hebamme“, die alle neuen Anweisungen veröffentlichte und zur Lesepflicht jeder Hebamme gehörte. Bereits 1936 agierte sie für zwei Jahre als Vorsitzende des Internationalen Hebammenvereins (ICM) und organisierte im selben Jahr den ICM-Kongress in Berlin. Sie machte sich für ein Hebammengesetz stark, welches die Hebammen in einem nie gekannten Ausmaß schützte, sie aber auch gleichzeitig zum Spitzel jeder Familie machte. Im Jahr 1938 wurde es verabschiedet.

Noch heute wird der Gesetzestext als ihr Verdienst eingestuft. Hier bleibt Peters vage: Nanna Contis Arbeit am Hebammengesetz, das in Deutschland in seinen Grundzügen noch erhalten ist, wird etwas zu zögerlich bewertet. Möglicherweise fehlen die dazu notwendigen Schriftwechsel und Akten, um einen Vergleich zu bis dahin vorhandenen Grundlagen und Forderungen aus dem Kreis der Hebammen und den Neuerungen, die Conti eingebracht hat, vorzunehmen. Im gleichen Jahr, 1938, wurde Österreich Teil des Deutschen Reiches. Damit galt auch dort das neuen Hebammengesetz und Contis Kreis der Hebammen, die es zu besuchen, betreuen und kontrollieren galt, wurde größer. Diese Ausweitungen hätten durch Tabellen und Landkarten noch stärker verdeutlicht werden können. Das Wiederauffinden von Daten wäre dadurch erleichtert worden.

Auch die Herleitung, dass sie als geschiedene Frau und Mutter sich im Gegensatz zu manchen Zeitgenossinnen für die Belange der alleinerziehenden Mütter einsetzte und sie von einem Stigma befreien wollte, wird nicht genug herausgestellt, sondern ist der Autorin nur eine Fußnote wert (S. 44, 45). Contis Rolle sowohl im Nationalsozialismus als auch in der Verbandsarbeit wird dagegen detailreich dargestellt und die Frage, inwieweit sie als Täterin zu beurteilen ist, wird vor dem Hintergrund der Tatsache, dass sie nie angeklagt wurde, ausführlich behandelt.

Wichtig ist die Darstellung der Besitzverhältnisse der Reichshebammenschaft und der Überleitung von einem möglichen Grundstücksgeschenk der NSDAP in den Besitz der Nachkriegsorganisation Bund Deutscher Hebammen. Auch die unreflektierten Lobesreden ihrer Hebammenkolleginnen über die Verdienste von Nanna Conti für die Hebammenschaft anlässlich ihres Todes werden richtigerweise hervorgehoben. Eine erste Auseinandersetzung mit der Rolle der Hebammen im Nationalsozialismus wagte der Hebammenverband erst 2006 in einer Stellungnahme. Die Aufarbeitung von Peters wird helfen, diesen Prozess weiter fortzuführen. Die Autorin regt noch weitere Forschungsschritte an, so die Geschichtsschreibung zu jüdischen Hebammen im Deutschen Reich, die Aufarbeitung der Geschichte des internationalen Hebammenverbandes, biographische Forschungen zu Contis Unterstützerinnen wie beispielsweise Margarete Lungershausen (1892–1973) sowie die weitere Bearbeitung der Nachkriegszeit, die von Hebammenseite eine Chance geboten hätte, eine neue Rolle für Hebammen zu kreieren.

Die Autorin gruppiert die Inhalte thematisch – eine Chronologie der Ereignisse wird nicht zusätzlich bereitgestellt. Diese hätte geholfen noch weitere Verbindungen zu ziehen. Die Lesbarkeit des Buches wird dadurch erschwert, dass verlagsseitig wohl nicht lektoriert wurde und Flüchtigkeitsfehler bereits im Inhaltsverzeichnis auftauchen. Dies schmälert nicht die Wichtigkeit dieses Werkes, das die verschiedenen Seiten von Nanna Conti thematisch gruppiert und mit Bildern bereichert.

Zitation
Christine Loytved: Rezension zu: : Nanna Conti 1881–1951. Eine Biographie der Reichshebammenführerin. Münster  2018 , in: H-Soz-Kult, 11.09.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29491>.
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Veröffentlicht am
11.09.2018
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