K. Herbers u.a. (Hrsg.): Papstgeschichte im digitalen Zeitalter

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Titel
Papstgeschichte im digitalen Zeitalter. Neue Zugangsweisen zu einer Kulturgeschichte Europas


Hrsg. v.
Herbers, Klaus; Trenkle, Viktoria
Erschienen
Köln 2018: Böhlau Verlag
Umfang
211 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Étienne Doublier, Institut für Geschichte, Bergische Universität Wuppertal

Auch in der Geschichtsforschung hat die sogenannte „digitale Wende“ der letzten Jahrzehnte einen tiefgreifenden Wandel in den Themen, Methoden, Zugängen und Fragestellungen herbeigeführt. Dies gilt paradoxerweise besonders stark für Disziplinen wie die Paläographie und Diplomatik, welche ihrerseits seit dem Paradigmenwechsel der 1970er-Jahre von einer angeblichen Krise betroffen waren, die unter anderem in dem Abbau zahlreicher Professuren an deutschen Hochschulen ihren Ausdruck gefunden hatte. Gerade der zunehmende Einsatz von EDV-gestützten Instrumenten hat trotz schwindender Lateinkenntnisse und hilfswissenschaftlicher Kompetenzen in den jüngeren Generationen neue Erfassungs- und Erschließungsmöglichkeiten eröffnet und somit für eine von mehreren Seiten intensiv geführte Debatte über die Zukunft der Historischen Hilfswissenschaften und ihr Verhältnis zu den sogenannten Digital Humanities gesorgt.[1]

Auch der vorliegende, von Klaus Herbers und Viktoria Trenkle herausgegebene Sammelband lässt sich in die aktuelle Diskussion über den Mehrwert von digitalen Instrumenten für traditionelle, hilfswissenschaftliche Disziplinen einbetten. Vereint sind hier die Beiträge einer Erlangener Tagung vom Februar 2015, durch welche das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt „Schrift und Zeichen. Computergestützte Analyse hochmittelalterlicher Papsturkunden“ abgeschlossen und dessen Ergebnisse resümiert wurden. Die Beiträge lassen sich in zwei Blöcke einteilen. Zum einen wurde an konkreten Beispielen die Frage nach der Brauchbarkeit von digitalen Werkzeugen und Verfahren für die Papsturkundenforschung gestellt. Zum anderen wurde kuriales Schriftgut auf traditionellem, „analogem“ Wege und unter Berücksichtigung aktueller Ansätze der Kulturgeschichte, etwa der symbolischen Kommunikation und der materiellen Kultur, untersucht.

Nach dem Vorwort der beiden Herausgeber (S. 7–10) und einer Einführung von Klaus Herbers, in der Ziele und Schwerpunkte des Projektes rekapituliert werden (S. 11–18), thematisiert der Aufsatz von Malte Rehbein am Beispiel des von dem Kunsthistoriker Maximilian Schich initiierten Projekts Charting Culture die Chancen und Grenzen digitaler Datenerfassung und -verarbeitung. Dabei plädiert er für eine stärkere Integration der DH in der Forschungslandschaft sowie vor allem für die Entwicklung einer digitalen Quellenkritik bzw. einer Kritik digitaler Verfahren, die dem „Ende der Theorie“ entgegengestellt werde (S. 19–43).

Vincent Christlein, Martin Gropp and Andres Maier bieten in ihrem Beitrag ein Beispiel für den Einsatz digitaler Werkzeuge bei der Analyse bestimmter Aspekte päpstlicher Dokumente (S. 45–53). Auf der Grundlage von 435 Digitalisaten wurden Durchschnittswerte und Abweichungen der Zeilenhöhe und des Ausmaßes der Rota zwischen 1049 und 1199 vorgestellt, wobei sich drei Viertel der digital erfassten Daten bei einer Überprüfung als korrekt erwiesen haben.

Die Grenzen automatisierter Texterkennung für die Erforschung hochmittelalterlichen Geschäftsschriftgutes werden von Benedikt Hotz und Benjamin Schönfeld dargelegt (S. 55–67). Das Ergebnis ihrer Untersuchung über die Herausbildung der päpstlichen Minuskel zwischen dem 11. und dem 12. Jahrhundert – die Normalisierung der Schrift erfolgte durch die Rücknahme opulenter Zierelemente und die Standardisierung von Buchstabenhöhe, Zeilenabständen und Schäften – konnte durch den Einsatz von digitalen Tools präziser und objektiver definiert werden, doch von einer zuverlässigen, automatisierten Datenerhebung und -analyse kann (noch) nicht die Rede sein.

Der Frage nach den Einsatzmöglichkeiten einer automatischen Schreiberidentifizierung geht Thorsten Schlauwitz in seinem Aufsatz über das päpstliche Kanzleiwesen im 12. Jahrhundert nach (S. 69–93). Auch in diesem Fall wurden die Erwartungen zum Teil enttäuscht, denn die Anwendung des digitalen Werkzeugs hat sich als zu fehleranfällig erwiesen, so dass die bisherigen Erkenntnisgrenzen für die Zusammensetzung der Papstkanzlei im 12. Jahrhundert weitgehend bestehen müssen.

In Anlehnung an junge kulturwissenschaftliche Ansätze (vor allem an Peter Rück)[2] plädiert Irmgard Fees in ihrem Essay (S. 95–107) dafür, bei der Erforschung von Papsturkunden Diplomatik und Paläographie auch für Fragestellungen der sogenannten neuen Kulturgeschichte einzusetzen und die Papsturkunden verstärkt als Träger einer Vielfalt kultureller, institutioneller und politischer Botschaften zu verstehen.

Der Beitrag von Judith Werner lässt vor allem den Einfluss von Empfängern auf die äußere Gestaltung von Papsturkunden aus der Mitte des 11. Jahrhunderts zur Geltung kommen (S. 109–133). Ihre digital gestützte Analyse des Verhältnisses vom Kontext zur Gesamtfläche legt den Schluss nahe, dass bestimmte Bittsteller Wert auf die nahezu lückenlose Beschriftung des Pergamentblattes legten (z.B. im Bistum Hildesheim), während andere sich einen verschwenderischen Umgang mit dem Raum wünschten (so im Bistum Siena). Auch die Gestaltung der ersten Zeile konnte durch die Empfänger maßgeblich bestimmt werden, wie Beispiele aus Halberstadt und Perugia suggerieren. Aus diesen Befunden schlussfolgert Werner, dass in der auf den ersten Blick relativ einheitlichen Papsturkunde des 11. Jahrhunderts auch lokale Traditionen und Eigenschaften Niederschlag fanden, die auf örtliche Vorstellung einer wirkmächtigen Papsturkunde zurückgeführt werden könnten.

Viktoria Trenkle befasst sich mit der Außenwirkung von Kardinalunterschriften zur Zeit der Entstehung des Kardinalkollegiums und betont vor allem die Implikationen auf visueller und rechtlicher Ebene (S. 135–148). Mit der Neugestaltung der Papsturkunde im Laufe des Innozenzianischen Schismas wurde die Aufmerksamkeit des Betrachters auf den unteren Teil des Stückes gelenkt und die gewichtigere Stellung der Kardinäle kommuniziert. Die Anführung der Unterschriften spiegelte aber auch den im Rahmen von Beratungen erreichten Konsens über wichtige kirchliche und kirchenpolitische Fragen wider und manifestierte ihn nach außen.

Der Beitrag von Werner Maleczek nimmt das Kardinalssiegel als Mittel der Selbstdarstellung in den Blick (S. 149–170). Der Wiener Historiker stellt dabei vier Phasen fest. Bis ins zweite Drittel des 12. Jahrhunderts dominierte das Rundsiegel mit dem Brustbild des Ausstellers. Im ausgehenden 12. Jahrhundert setzte sich die spitzovale Form durch, die mit der Formensprache der Gotik zusammenhängen könnte. In einer dritten Phase von etwa 1230 bis 1270 kam es zu einer Unterscheidung zwischen Kardinalbischöfen einerseits und Kardinalpresbytern und -diakonen andererseits, denn erstere verwendeten weiterhin eine thronende oder stehende Eigendarstellung, während letztere den Bezug zur Titelkirche akzentuierten. In einer vierten Phase (Ende des 13. Jahrhunderts) ist wieder eine Annäherung zwischen den drei Ordines mit dem Einsatz von komplexeren Darstellungen, etwa gotischen Maßwerken mit mehreren Nischen, fassbar.

Dem Aufstieg des Amtes des Vizekanzlers im Kontext der spätmittelalterlichen Kurie widmet sich Brigide Schwarz (S. 171–190). Sie stellt die vielfältigen Zuständigkeiten und Kompetenzen dieses „ersten und vornehmsten Beamten“ (Baumgarten) vor – von der Rechtsprechung und -beratung bis zur Ernennung von Notaren, von der Aufsicht des Kanzleiganges bis zur Fälschungsüberprüfung – und plädiert für eine stärkere Berücksichtigung „nichtpäpstlicher Papsturkunden“ (Frenz) bei künftigen Erschließungsarbeiten.

Der abschließende Aufsatz von Maria Christina Cunha (S. 191–203) fokussiert den Einfluss von Papsturkunden auf die Produkte der Kanzlei portugiesischer Könige, macht auf unverkennbare Parallelen vor allem hinsichtlich des Gesamteindruckes von feierlichen Privilegien und Litterae aufmerksam, ist aber in ihren Schlussfolgerungen vorsichtig, denn zu diesen Parallelen dürfte die Neigung von Kanzlisten geführt haben, a popular fashion of the time nachzuahmen. Ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren (S. 205 f.) und ein Orts- und Personenregister (S. 207–211) schließen den Band ab.

Nur einige der zahlreichen Fragen und Anregungen, welche in der Einführung von Klaus Herbers zusammengestellt sind (S. 17 f.), finden mithilfe der Tagungsbeiträge eine eindeutige Antwort. Zum Ausdruck kommen in den Aufsätzen des ersten Blockes vor allem die Grenzen der zur Verfügung stehenden digitalen Instrumente für anspruchsvolle paläographische und diplomatische Untersuchungen. Zwar versprechen sie eine präzisere und objektivere Datenerfassung und -verarbeitung, doch bei Fragen der Schreiberidentifizierung und morphologischen Entwicklung einzelner Buchstaben ist die manuelle bzw. analoge Auswertung nach wie vor unverzichtbar.

Ein hervorzuhebender Verdienst des Bandes ist die Bedeutung einer Gesamtbetrachtung von Form, Inhalt und Entstehungskontext der Papsturkunden. Auf diesem Gebiet ist in den letzten Jahren bereits einiges geleistet worden (man denke an die Arbeiten von Wolfgang Huschner[3] und Mark Mersiowsky[4] zu den Herrscherurkunden), doch es fehlt noch an systematischen Arbeiten zu den Papsturkunden in ihrem graphischen und kulturellen Kontext. Die digitale Bereitstellung von guten Urkundenabbildungen durch Archive und Forschungseinrichtungen würde diese Aufgabe wesentlich erleichtern. Vor allem darauf – dies die Meinung des Rezensenten – sollten die Bemühungen der hilfswissenschaftlichen Fächer gerichtet werden.

Anmerkungen:
[1] Siehe beispielsweise das Diskussionsforum „Historische Grundwissenschaften und die digitale Herausforderung“ auf H-Soz-Kult: https://www.hsozkult.de/text/id/texte-2890 (19.11.2018).
[2] Vgl. etwa Peter Rück, Die Urkunde als Kunstwerk, in: Peter Rück / Erika Eisenlohr (Hrsg.), Ausgewählte Aufsätze zum 65. Geburtstag von Peter Rück. Fachgebiet Historische Hilfswissenschaften, elementa diplomatica 9, Marburg 2000, S. 117–139.
[3] Mark Mersiowsky, Die Urkunde in der Karolingerzeit. Originale, Urkundenpraxis und politische Kommunikation, 2 Bde., Monumenta Germaniae Historica, Schriften 60, Wiesbaden 2015.
[4] Wolfgang Huschner, Transalpine Kommunikation im Mittelalter. Diplomatische, kulturelle und politische Wechselwirkungen zwischen Italien und dem nordalpinen Reich (9. – 11. Jahrhundert), 3 Bde., Monumenta Germaniae Historica, Schriften 52, Hannover 2003.

Zitation
Etienne Doublier: Rezension zu: Herbers, Klaus; Trenkle, Viktoria (Hrsg.): Papstgeschichte im digitalen Zeitalter. Neue Zugangsweisen zu einer Kulturgeschichte Europas. Köln  2018 , in: H-Soz-Kult, 12.12.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29506>.
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Veröffentlicht am
12.12.2018
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