C. Broodbank: Geburt der mediterranen Welt

Cover
Titel
Die Geburt der mediterranen Welt. Von den Anfängen bis zum klassischen Zeitalter


Autor(en)
Broodbank, Cyprian
Erschienen
München 2018: C.H. Beck Verlag
Umfang
952 S.
Preis
€ 44,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Constance von Rüden, Institut für Archäologische Wissenschaften, Ruhr-Universität Bochum

Bei dem 2018 erschienenen Band handelt es sich um eine Übersetzung der englischen Originalausgabe „The Making of the Middle Sea. A History of the Mediterranean from the Beginning to the Emergence of the Classical World” von 2013, für die der Autor 2014 mit dem Wolfson-History-Preis ausgezeichnet wurde. Das Buch stellt eine ambitionierte Zusammenfassung der Geschichte des Mittelmeerraumes von der Ankunft der ersten Hominiden vor 1,8 Millionen Jahren bis etwa 500 v.u.Z. dar. Die Entstehung und Veränderung von Netzwerken und Mobilität um und über das Mittelmeer bildet den zentralen Kern des Buches, um den Cyprian Broodbank seine Geschichte entwickelt. Während der Autor das Thema Netzwerke in früheren Werken durchaus intensiv und gewinnbringend diskutierte[1], nehmen theoretische Diskurse hier überraschenderweise nur eine sehr marginale Rolle ein. Hingegen stellt er weitreichendere Entwicklungen im Mittelmeerraum anhand einer ganzen Reihe sehr gut gewählter und auf dem neuesten Stand referierter Fallbeispiele sehr eingängig und, vor allem in der englischen Ausgabe, hervorragend formuliert dar.

Im ersten Kapitel präzisiert Broodbank den Rahmen und das Ziel seines Vorhabens. Er greift dabei u.a. auf Konzepte Braudels[2] und das wesentlich rezentere Werk „The Corrupting Sea“ von Horden und Purcell[3] zurück. Beide haben ihren Schwerpunkt in anderen zeitlichen Perioden, sodass der Autor in diesem Zuge zugleich auf das Desiderat entsprechender Werke für den Zeitraum vor 1.000 v.u.Z. abhebt.[4] Dass er in diesem Zusammenhang nur vergleichsweise kurz Bezug auf die durchaus bestehenden Arbeiten von Jean Guilaine nimmt, hat vielleicht weniger damit zu tun, dass dessen Arbeiten auf die Zeiten vor 2.000 v.u.Z. beschränkt bleiben[5], sondern vielleicht auch mit dem starken Fokus auf englischsprachige Literatur und Diskurse in Broodbanks Arbeit.

Im zweiten Kapitel beschreibt er die physischen Aspekte des Mittelmeerraumes, seine Entstehung und klimatischen Charakteristika. Durch seine ständige Bezugnahme auf die daraus entstehenden Lebensbedingungen der Menschen werden diese physischen Aspekte eng mit dem Leben der Menschen verwoben und können in diesem Sinne fast schon als kleine Hommage an die „longue durée“ Ferdinand Braudels verstanden werden. Wie auch Braudel versucht er dabei meist erfolgreich, einem Landschaftsdeterminismus zu entgehen, kann sich durch die Voranstellung dieses Themas aber nie vollständig dieser Falle entziehen. Auf diese physischen Aspekte nimmt er in den folgenden Kapiteln 3 bis 10, in denen er seine frühe Mediterrane Geschichte chronologisch behandelt, immer wieder Bezug. In Kapitel 3 beginnt er mit der Ausbreitung der Hominiden im Mittelmeerraum, während der er das Meer eher als eine Barriere versteht, und entwickelt dies fort zu den klimatischen Auswirkungen der Jüngeren Dryas auf das Leben der frühen Menschen in Kapitel 4. Die sogenannte Neolithisierung, die Ausbreitung sesshafter Lebensweise zwischen 10.000 und 5.500 v.u.Z., ist das zentrale Thema von Kapitel 5. Hier beherrschen die Ackerbauern und Viehzüchter/innen die Szenerie, während die noch bestehenden lokalen Jäger/innen und Sammler/innen eher am Rande behandelt werden. Im folgenden Kapitel steht in einem zweiten Schritt die lokale Diversifikation dieser Lebensweisen, gerade auch hinsichtlich pastoraler Gruppen, im Zentrum. Kapitel 7 behandelt das 3. Jahrtausend, welches der Autor als eine Phase mit einschneidenden Entwicklungen betrachtet. Einhergehend mit einem trockeneren Klima gewinnt die Vorratshaltung eine immer größere Bedeutung, die u.a. in eine Verstärkung sozioökonomischer Ungleichheit und in eine Herausbildung von Großmächten in Ägypten und Mesopotamien mündet. Hinzu kommen eine ganze Reihe technologischer Entwicklungen wie zum Beispiel das maritime Segelboot als Motor der mediterranen Kommunikation. Das 2. Jahrtausend mit seinen Palastwirtschaften und Machtbeziehungen wird in dem mit „Prunk und Pomp“ überschriebenen 8. Kapitel ausgiebig vorgestellt und setzt damit einige der im vorangegangenen Kapitel aufgeworfenen Fragen von Ungleichheit fort. Hier wird der starke Fokus auf die englischsprachige Literatur besonders deutlich, der vielleicht für die Ägäis und viele Fragen des Ostmittelmeerraums weniger ins Gewicht fällt als für Westasien, Ägypten oder auch Italien und Spanien. Kapitel 9 behandelt die spannende Übergangsphase von der späten Bronzezeit in die frühe Eisenzeit, die von einer Phase des intensiven Austausches über eine Umbruchsphase bis hin zum Einsetzen des panmediterranen phönikischen Handels zwischen 1.000 und 800 v.u.Z. reicht. Diese Entwicklung, in der das Meer eine Rolle als wichtiges Kommunikationsmedium einnimmt, setzt sich im 10. Kapitel fort. Abschließend fasst das 11. Kapitel die vorangegangenen Abschnitte zusammen und schließt den Kreis mit einer Diskussion der von Horden und Purcell aufgeworfenen zentralen Aspekte mediterranen Lebens: den Mikroregionen, der Konnektivität und der ständig bestehenden Gefahren und Chancen (S. 776–783).

Broodbank schafft es in diesem Buch auf höchstem Niveau, eine inspirierende Narration der frühen Geschichte des Mittelmeerraumes zu entwerfen, und erreicht damit sein Ziel, die Vereinzelung und Überspezialisierung der Archäologie dieses Raumes zu überwinden und dadurch lang verschüttete Horizonte erneut zu weiten. Die mannigfaltig vorliegenden regionalen Arbeiten bettet er in diesem Zuge in einen größeren Rahmen ein und rückt so alte Fragen in neues Licht. Um dies in diesem riesigen Forschungsfeld überhaupt möglich zu machen, greift er hauptsächlich auf die dominanten Narrationen zurück und vernachlässigt darüberhinausgehende Debatten. Diese Vorgehensweise verleiht dem Buch ein wenig den Anstrich eines Lehrbuches, das weniger darauf bedacht ist, widersprüchliche Debatten offenzulegen und wissenschaftliche oder gar theoretische Diskurse anzuregen, als einen möglichst klaren Überblick zu vermitteln. Zudem arbeitet es sich weiterhin an den traditionellen Kategorien der einzelnen Forschungsbereiche ab, wie zum Beispiel der Sesshaftwerdung, der Spezialisierung und der Ungleichheit sowie den Aspekten der secondary product revolution und bleibt diesen somit weiterhin verhaftet. Zugleich neue Wege auf theoretischer Ebene zu beschreiten, wäre indes von einer solch monumentalen Zusammenfassung der aktuellen Forschung wohl auch zu viel verlangt.

In diesem Sinne sollte das Buch als zentrales Überblickwerk in keinem Regal eines Studierenden, Lehrenden und Forschenden mediterraner Ur- und Frühgeschichte fehlen. Zugleich ist es ein hilfreicher Begleiter für alle klassischen und mittelalterlichen Archäolog/innen und Historiker/innen, die nicht davon ausgehen, dass die Mittelmeerwelt, wie sie sich in der Mitte des 1. Jahrtausends v.u.Z. darbietet, aus dem Nichts entstanden ist.

Die deutsche Ausgabe des Werkes hat sowohl in ihrer Bindung als auch in den Abbildungen, Karten und Tabellen eine exzellente Qualität. Sprachlich ist es selbstverständlich unmöglich, die Nuancen des Originaltextes in vollem Umfang wiederzugeben, dennoch hätte man sich hinsichtlich des Titels mehr Mühe geben können, die Prozesshaftigkeit des englischen „Making“ auszudrücken und nicht einfach durch den klassischen Begriff der „Geburt“ zu ersetzen. Eine ähnliche theoretische und forschungsgeschichtliche Unbedarftheit zeichnet sich in der Auswahl des Titelbildes ab. Während sich der Autor die größte Mühe gibt, eben kein eurozentrisches Mittelmeer darzustellen (vgl. Kap. 1: Eine Geschichte von Barbaren), wirkt die Wahl des ‚minoischen‘ Stierkopfrhytons nahezu als Persiflage dieser Bemühung. Warum wurde hier ausgerechnet das Artefakt eines Kulturraumes gewählt, der bereits von Arthur Evans als sogenannte erste europäische Hochkultur und als vermeintlicher Vorläufer der klassischen Antike missbraucht worden ist?

In der Übersetzung wurde versucht, den Charakter von Broodbanks gewählter und durchaus unterhaltsamer Sprache beizubehalten. Stellenweise wird der Text dadurch aber unverständlich und es bilden sich eigenartige Sprachblüten wie zum Beispiel „eine stark treibende Topographie“ (S. 202). Schwerwiegender ist indes die vielfach deutlich werdende fehlende archäologische Kompetenz der Übersetzer, die beispielsweise auf S. 25 Broodbanks „early Mediterranean history“ fälschlicherweise mit „Frühgeschichte des Mittelmeerraumes“ übersetzen. Mit Letzterem wird im Deutschen aber ein spezifischer Teilbereich der Ur- und Frühgeschichte mit ersten, zumeist etischen Schriftzeugnissen bezeichnet, keinesfalls jedoch das Paläolithikum, Neolithikum oder die frühen Metallzeiten.

Anmerkungen:
[1] Cyprian Broodbank, An Island Archaeology of the Early Cyclades, Cambridge 2000.
[2] Fernand Braudel, La Méditerranée et le monde méditerranéen à l’époque de Philippe II, Paris 1949.
[3] Peregrine Horden / Nicholas Purcell, The Corrupting Sea. A Study of Mediterranean History, Oxford 2000.
[4] Auf frühere, aber veraltete Vorläufer, wie David H. Trumps, Prehistory of the Mediterranean, London 1980 verweist er nur sehr kurz.
[5] Jean Guilaine, La mer partagée. La Méditerranée avant l’écriture, 7000–2000 avant Jésus-Christ, Paris 1994; Ders., De la Vague à la Tombe. La conquete néolithique de la Méditerranée (8000–2000 avant J.-C.) Paris 2003.

Zitation
Constance von Rüden: Rezension zu: : Die Geburt der mediterranen Welt. Von den Anfängen bis zum klassischen Zeitalter. München  2018 , in: H-Soz-Kult, 31.08.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29517>.
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Veröffentlicht am
31.08.2018
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