Cover
Titel
Schwuler* Fußball. Ethnografie einer Freizeitmannschaft


Autor(en)
Heissenberger, Stefan
Umfang
382 S.
Preis
€ 29,99
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Hans Berner, Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin

Als sich Thomas Hitzlsperger nach seinem Karrierende als erster deutscher Profifußballer öffentlich zur Homosexualität bekannte, kam dies einem Tabubruch gleich, der die Marginalisierung, Unsichtbarkeit und Stigmatisierung schwuler Männer im Fußball unmittelbar verdeutlichte. Auch in sozialwissenschaftlichen Debatten, die den Sport schon vor langer Zeit als Forschungsgegenstand entdeckt haben, ist Homosexualität im Fußball bislang wenig thematisiert worden. Stefan Heissenbergers ethnografische Forschung in einem schwulen Fußballteam, die in einer Dissertation kulminiert ist, bietet somit längst überfällige Einsichten zur Lage schwuler Männer im deutschen Amateurfußball.

Heissenberger verortet seine Arbeit im Bereich sportethnologischer und -soziologischer Forschungen, die Verquickungen von Körperlichkeit, Geschlecht und Sexualität in soziokulturellen Praktiken untersuchen, und fragt, inwiefern der schwule Fußball, den er im Sinne Bourdieus als marginalisiertes Feld des Fußballs versteht (S. 12), im Vergleich zum heterosexuellen Männerfußball Besonderheiten aufweist. Aufmerksam exploriert Heissenberger zu diesem Zweck die Herstellung und Aushandlung dominierender Männlichkeitsentwürfe im Fußball, die damit einhergehende Stigmatisierung und Exklusion schwuler Männer und insbesondere vom Sport getragene Formen der Solidarisierung um geteilte sexuelle Orientierung. Seine Datengrundlage hat Heissenberger über sechzehn Monate als Spieler und Trainer beim Berliner Männerfußballteam „Vorspiel“ mit teilnehmenden Beobachtungen, Interviews, Medienanalysen und einer quantitativen Befragung schwuler Fußballer gewonnen (S. 44). Die aktive Partizipation im Feld war für Heissenberger, der selbst heterosexuell und erfahrener Fußballer ist, ein zentrales methodisches Instrument: Nur so habe er eine sich im Habitus einschreibende, feldspezifische Logik des Fußballspiels erfassen können (S. 55f.). Eine Stärke der Arbeit ist die aus der Fülle des Materials resultierende Plastizität, die Heissenberger dem beforschten Geschehen durch geschicktes Einbinden von Feldforschungstagebucheinträgen, Interviewzitaten, Fotografien und Medien aus dem Feld verleiht.

Nach einer prägnanten Darstellung der Geschichte des im Westberlin der 1980er-Jahre gegründeten schwulen Teams „Vorspiel“, stellt Heissenberger den Trainings- und Spielbetrieb dar, thematisiert die institutionelle Organisation und Einbettung des Teams und charakterisiert die mediale Diskursivierung des Schwulen Fußballs in Deutschland. Der Autor arbeitet unter Bezug auf den Forschungsstand heraus, inwiefern Fußball eng an die Herstellung heterosexueller Männlichkeit gebunden und Homosexualität umfassender Stigmatisierung ausgesetzt ist (S. 22). Letztere werde in gesellschaftlichen Debatten zudem heruntergespielt und tabuisiert (S. 26). Heissenberger geht im Laufe der Arbeit gezielt mythischen Narrativen und Stereotypen in der Männerfußballwelt nach, die der Diskriminierung schwuler Fußballer zugrundezuliegen scheinen (S. 96ff.).

Im Kapitel „Inklusion und die Frage nach dem Politischen“ thematisiert Heissenberger unter den Spielern divergierende Motivationen zum Engagement im Team, zwischen sportlicher Leistungsorientierung und schwuler Solidarität (S. 167). Grundlegend würden Interessierte unabhängig von Leistungsfähigkeit und sexueller Orientierung akzeptiert, solange schwule Spieler die Majorität bilden. Geselliges Zusammensein und Spielspaß stünden im Vordergrund (S. 123–132). Von besonderer Bedeutung seien schwule Fußballturniere, in denen eine internationale, „imagined community“ schwuler Kicker leibhaftig erlebbar würde (S. 202f.). Ob sich die Mannschaft offensiv für die Interessen schwuler Kicker einsetzen oder besser implizit durch ihre schlichte Existenz hierfür einstehen sollte, bilde einen wiederkehrenden Gegenstand der Diskussion im Team. Die Mehrheit der Spieler verbinde mit dem Engagement im Fußball keine explizit politischen Motivationen (S. 181). Selbst ohne klares Bekenntnis: das Team entfalte eine politische Wirkung durch die Schaffung einer Solidargemeinschaft schwuler Männer. „Vorspiel“ eröffne diesen eine zugängliche, vom Spiel gerahmte Gelegenheit, sich mit ihrer sexuellen Orientierung auseinanderzusetzen, schwule Männer kennenzulernen und eine schwule Fußballer-Identität offen zu leben. So sei die Mannschaft für einige Spieler beispielsweise ein unterstützender Begleiter im Prozess des Coming-out gewesen und ermögliche "gleichzeitig schwul zu werden und männlich zu bleiben" (S. 169).

Humor kristallisierte sich für Heissenberger als so bedeutsam in der Teaminteraktion heraus, dass er ihm ein eigenes Kapitel widmet und seine Rolle in Interaktionen ausgiebig mit Feldnotizen illustriert. Bei „Vorspiel“ sei eine für den Amateur-Männerfußball charakteristisch raue Scherzkultur anzutreffen (S. 209). Diese erfülle eine sozial produktive Funktion, indem humorige Interaktion die soziale Distanz zwischen Spielern verringere, eine belustigte Grundstimmung fördere sowie eine niedrigschwellige Thematisierung von Konflikten und Tabus ermögliche (S. 214). Im schwulen Team würden typische Sujets von Fußball-Humor erweitert durch sexualisierte Scherze, Anspielungen auf schwule Stereotype und witzelnde Kommentierung der körperlichen Attraktivität von Spielern (S. 225). Allgemein seien derber Humor, Beschimpfungen und physische Gewalt “wesentliche Genussform[en]” (S. 309) im Amateurfußball, gerade weil sie das Ausleben archaisch und traditionell gelesener Männlichkeit(en) im Kontext sich wandelnder Geschlechterverhältnisse der Gesamtgesellschaft zulassen.

Anschließend wendet sich Heissenberger der Charakterisierung von Männlichkeit im schwulen Fußball zu. Grundlegend unterscheide diese sich nicht von jener der heterosexuellen Männerfußballwelt. Bei näherer Betrachtung macht der Forscher bei „Vorspiel“ aber Spezifika aus, die insbesondere in der teaminternen Toleranz gegenüber schwul und weiblich konnotierten Interaktionen und Verhaltensweisen liegen. Zugleich würden diese schwul konnotierten Aspekte der Teamkultur in der (medialen) Außendarstellung vielfach bewusst verschleiert (S. 187). Laut Heissenberger lösten sich die schwulen Fußballer also gerade nicht von zentralen Elementen hegemonialer Männlichkeit im Fußball, sondern beriefen sich auf diese und strebten nach Anerkennung durch die heterosexuelle Männerfußballwelt (S. 275). Allerdings kommt der Forscher zu dem Schluss, dem schwulen Fußball bleibe diesbezüglich vorerst nur die Rolle eines „Spielverderbers“ (S. 300), da er unausweichlich die Fundamente des Spiels erschüttert, in das heterosexuelle Männlichkeit tief eingeschrieben sei. Im Rahmen des heterosexuellen Männerfußballs könnten Männer feminin konnotierte Emotionen ausdrücken, wie tränenreiche Freude und Trauer, sowie intim und zärtlich mit anderen Männern interagieren, ohne ihre heterosexuelle Identität in Frage zu stellen, weil das Spiel rigide desexuiert sei (S. 95). Die Anwesenheit schwuler Fußballer rufe homophobe Reaktionen heterosexueller Spieler hervor, da die rigide Desexuierung brüchig und eine sexuelle Bedeutung der Interaktionen denkbar würde.

Einige zentrale Schwächen der Arbeit sollen nicht unerwähnt bleiben. Leider bleibt, trotz der methodischen Referenz auf Loïc Wacquants Ethnografie des Boxsports [1] und der fraglos tiefen Vertrautheit des Forschers mit dem Feld, das Fußballspiel selbst überraschend unsichtbar. Eine detaillierte Beschreibung performativer Konstruktion von Männlichkeit(en) in der Spielinteraktion, insbesondere von Körperpraktiken, wird an nur wenigen Stellen geleistet. Das Spiel begleitende und rahmende Geschehnisse stehen im Vordergrund. Ethnizität wird vorwiegend hinsichtlich Heissenbergers Rolle als einziger Österreicher im Team reflektiert und wird zudem konzeptionell verwässert, wenn beispielsweise von „Migrationshintergrund“ die Rede ist, die rassifizierende Konnotation dieses Terms im deutschen Sprachraum aber nicht berücksichtigt wird (S. 157). Der Forscher beleuchtet kaum, inwiefern ethnisierte und rassifizierte Zuschreibungen und Positionen im Feld möglicherweise mit divergierenden Männlichkeitsentwürfen und -zuschreibungen zusammenspielen, obwohl ihre Relevanz an einigen Stellen angedeutet wird. „Türkisch und arabisch geprägte Teams“ (S. 121) treten beispielsweise nur vermittelt über Aussagen von Informanten in Erscheinung, die ihnen teils eine besondere Affinität zur Homophobie zuschreiben. Sexuelle Praktiken hat Heissenberger aus der Beforschung von „Vorspiel“ ausgeklammert, weil er nicht der Gefahr der Stereotypisierung schwuler Fußballer anheimfallen wollte und seine Positionalität als heterosexueller Mann den Zugang beschränkte. Obwohl schwule Liebe und Sexualität eine „Besonderheit des schwulen* Fußballs“ (S. 161) darstellten, wird dem Leser nicht genauer offenbart, welche Rolle ihnen in der Mannschaft zukommt.

Von diesen Schwächen abgesehen ist Stefan Heissenberger ein substantieller Beitrag zur Bedeutung von Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung im Amateurfußball gelungen, der fundierte Einblicke in Konstruktion und Aushandlung schwuler und heterosexueller Männlichkeit(en) bereitstellt. Die Arbeit liefert eine informative Darstellung homophober Diskriminierungsdynamiken und schwuler Solidarisierung im Fußballsport. Die zielgerichtete Analyse humoristischer Interaktionen stellt nicht nur ein Alleinstellungsmerkmal der Arbeit dar, sondern vermag auch zukünftige sportethnografische Arbeiten zu inspirieren, die Rolle humoristischer Interaktion in Sport- und Spielzusammenhängen näher zu untersuchen.

Anmerkung:
[1] Loïc Wacquant, Body & Soul. Notebooks of an apprentice boxer, Oxford 2004.

Zitation
Hans Berner: Rezension zu: : Schwuler* Fußball. Ethnografie einer Freizeitmannschaft. Bielefeld  2018 , in: H-Soz-Kult, 06.12.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29543>.
Redaktion
Veröffentlicht am
06.12.2018
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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