S. Diziol (Hrsg.): Die ganze Geschichte meines gleichgültigen Lebens

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Titel
Die ganze Geschichte meines gleichgültigen Lebens. Bd. 2 1829–1849: Franz Simon Meyer in Zeiten der Revolution. Hrsg. v. Sebastian Diziol


Autor(en)
Meyer, Franz Simon
Erschienen
Umfang
559 S.
Preis
€ 32,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Maurer, Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften, Seminar für Volkskunde/Kulturgeschichte, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Darf eine wissenschaftliche Edition historischer Quellen „schön“ sein? Die hier zu besprechende, auf drei Bände geplante Edition der Lebensgeschichte des Rastatter Kaufmanns und Bankiers Franz Simon Meyer (1799–1871) steht jedenfalls im Wettbewerb um die schönsten Bücher des Jahres. Hier stimmt alles: Bindung und Umschlaggestaltung, Papier und Typographie. Die künstlerische Gestaltung von René Hübner ist eindrucksvoll. Vor uns liegt kein Faksimile, aber eine Nachschöpfung des handschriftlich überlieferten Lebensbuches von Franz Meyer in moderner Typographie bei Bewahrung der buchstabentreuen Schreibweise, ergänzt um Personen- und Begriffserläuterungen am Rande und ein wissenschaftlich gewichtiges Nachwort von Sebastian Diziol.

Franz Simon Meyer hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, zum Abschluss jedes Jahres eine Summe in sein Lebensbuch einzutragen; es ist also kein Tagebuch, sondern ein „Jahresbuch“, das im zweiten Band nun wirklich rein chronologisch organisiert ist (während der erste Band noch autobiographische Rückblicke, Reiseberichte und Familiengeschichte enthielt). Es steht eher in der Tradition des „Hausbuches“ als in derjenigen des „Journal intime“, indem sich Meyer als Hausvater von Jahr zu Jahr Rechenschaft über das Gedeihen der Familie und des Geschäftes gibt. Die sich ansetzenden Jahresringe sind nichtsdestoweniger eingeleitet jeweils durch einen Überblick über die politischen Weltbegebenheiten und über den Wandel des Naturjahres (Witterung, Ernte, Preise der Lebensmittel). Erst dann kommt jeweils die spezielle Familiengeschichte mit ihren Höhen und Tiefen.

Die einschneidendsten Ereignisse im Familienleben waren in dieser Phase, vom 30. bis zum 50. Lebensjahr, seine Verheiratung und der frühe Tod der ersten Frau sowie das erschütternde Sterben der ersten vielversprechenden Tochter im Alter von elf Jahren. Meyer bleibt mehrere Jahre lang Witwer und entschließt sich dann zu einer zweiten Ehe, deren wachsender Kindersegen ihm aber Sorgen bereitet, weil er fürchtet, als (relativ) alter Vater nicht mehr genügend Kapital für eine seinen Vorstellungen entsprechende Ausbildung aller Kinder und für ein auskömmliches, standesgemäßes Erbe für den gesamten Nachwuchs erwirtschaften zu können. Wichtige, den Autor erschütternde Ereignisse des Privatlebens sind auch der Tod der Mutter und des Vaters: beide im selben Haushalt bis ins Alter lebend. Den Familientisch im Meyerschen Haushalt (ein Erbstück aus Nußbaum) muß man sich recht umfangreich denken: Mit den Angestellten und dem Personal sowie verschiedenen wechselnden Verwandten etwa 20 Personen. Das Meyersche Anwesen in Rastatt muss ebenfalls recht ausgedehnt gewesen sein: Bei Einquartierung lebten dort bis zu 90 Personen, im Extremfall wurden sogar 190 dort verköstigt.

Damit sind wir aber schon im Bereich der politischen Ereignisse, die Rastatt und unseren Autor 1848/49 traumatisierten. Weniger die Revolution selbst als vielmehr ihre Folge, dass sich nämlich das geschlagene und dezimierte Heer der Revolutionäre nach Rastatt zurückzog, das erst wenige Jahre zuvor zu einer mächtigen Festung ausgebaut worden war, und sich dort gegen die anrückenden preußischen Truppen verschanzte, welche die Stadt schließlich unter Beschuss nahmen und zur Kapitulation zwangen: Das alles betraf den Kaufmann und Bankier persönlich, der ein Gegner der Revolution war, unter Gewaltandrohung, Erpressung und Einquartierung zu leiden hatte und schließlich (die Kinder waren schon vorher ausquartiert worden) nach Lauterburg auf das linke Rheinufer floh, während seine Frau die Stellung hielt und das immobile Eigentum verteidigte. Der Familienvater hatte zwar sein Leben durch Flucht gerettet, konnte aber keinen Tag und keine Nacht Ruhe finden. Er näherte sich Rastatt erneut mehrfach von Karlsruhe und Baden-Baden her; er konnte sogar mit einem Fraunhoferschen Teleskop von der Ebersteinburg nach Rastatt hineinsehen und sein Hauswesen in den Blick nehmen, aber Rückkehr war ihm erst nach der Kapitulation möglich. Bei Bilanzierung der Schäden stellte er fest, dass er (im Vergleich mit anderen Reichen) noch glimpflich davongekommen war, zumal seine für einen Bankier so wichtigen Papiere durch einen treuen Kommis gerettet worden waren. Meyer hatte nämlich inzwischen in der aufstrebenden Kurstadt Baden-Baden mit ihrem Casino eine Zweigstelle seines Geschäftes gegründet; ungeheure Summen des internationalen Adels und Großbürgertums gingen durch seine Hände und Betrugsaffären brachten ihm Sorgen und Verluste. Insgesamt aber florierte das Geschäft: Fast in jedem seiner Jahresrückblicke kann er eine positive Bilanz aufmachen. Von seinem Verhandlungstalent und diplomatischen Geschick erhält man gelegentlich einen Eindruck, wo es für ihn darum geht, sich zwischen den verschiedenen Gewalthabern der Revolution und Reaktion zu behaupten.

Zwar war Meyer ein Befürworter der deutschen Einheit, aber nicht um den Preis des Aufruhrs. Die Sicherheit des Privateigentums stand für ihn an erster Stelle. Mit den Großen der Politik pflegte er vielfache Beziehungen. Öffentliche Ämter lehnte er jedoch ab, und wenn er gelegentlich beigezogen wurde (wie etwa wegen seiner guten Französischkenntnisse als Dolmetscher bei den Verfahren gegen standrechtlich zu erschießende aufrührerische Ausländer), verursachte ihm das schwere Gewissensbisse. Meyer war katholisch (seine Mutter eine Schweizer Reformierte), tolerant und irenisch gesinnt: Die Kölner Wirren und die Wallfahrt zum Trierer Rock irritierten ihn höchlich als Erscheinungen des Religiösen und Politischen, die seiner Meinung nach nicht ins 19. Jahrhundert passten.

Meyer war leidenschaftlicher Rastatter und Badener und ein Mann mit internationalem, ja globalem Horizont: Jede Jahresbilanz berücksichtigte Wohl und Wehe der europäischen Mächte, aber auch, was in Südamerika oder in China vorging, fand seine Aufmerksamkeit. Bei der Bildung des Zollvereins sah er hauptsächlich den Handel hemmende Bestimmungen. Die äußerste Drohung, die er in einem Schreiben an die badischen Behörden formulierte, bezog sich auf die Erwägung der Verlegung seines Wohnsitzes ins „Ausland“, als die Regierung in Karlsruhe nach der Revolution eine neue, revolutionäre Vermögenssteuer ankündigte (S. 454–456).

Meyers Jahresbilanzen, die hier in einer vorzüglichen Edition von Sebastian Diziol vorliegen, sind wahrhaft „Geschichte von unten“. Der gebannte Leser kann miterleben, wie sich die Politik der großen Mächte, die Kriegsereignisse, die Revolution und Gegenrevolution, in der Lebenswelt eines aufmerksam beobachtenden Individuums bemerkbar machten und wie die Politik auch in diesem auf Harmonie, Bildung und Ordnung gestimmten Biedermeierleben allmählich zum Schicksal wurde. Vor allem erlebt man eindrücklich die Beschleunigung des Bewusstseins der Zeit, schubweise 1830 und 1848: Während der Chronist dazu neigte, die Feder ruhen zu lassen, wenn ihn persönliche Krisen betrafen, und sich nach dem Tod seiner ersten Frau und dem seiner ältesten Tochter nur nach langem Schweigen wieder dazu aufraffen konnte, sein Lebensbuch fortzuführen, drängten ihn die europäischen Revolutionen von 1830 und 1848 dazu, in kürzeren Abständen zur Feder zu greifen. „In solchen Zeiten werden Wochen zu Jahren“, wie er es einmal formulierte (S. 353). Und es ist nicht nur die Politik, die vorantreibt. Auch die industrielle Entwicklung, die Eisenbahnen, die Dampfschiffe, alles unterwirft die biedermeierliche Lebenswelt einer rasanten Entwicklung, in der sich der Einzelne nur mühsam zu behaupten vermag. Für Meyer war es offenbar sein Lebensbuch, das ihm dabei half.

Er schrieb es für seine Kinder (so S. 379 und öfter). Er verwendete es, um Früheres wieder zu lesen und den Nachgeborenen Rechenschaft zu geben. Gelegentlich fügte er bei späterem Lesen datierte Kommentare hinzu (S. 347 sogar in fünf Folgen!). Die Edition enthält auch von Meyer für wichtig gehaltene und eingefügte Abbildungen, Zeitungsausschnitte und dergleichen. Die Buchgestaltung versucht etwas von dem zu bewahren und zu rekonstruieren, was Meyers Lebensbuch als materielles Relikt war: durch Illustrationen, welche vor jedem Jahreskapitel Gegenstände des damaligen Alltags kombinieren mit den typischen Verlaufsstrukturen in Papier: durch Kleckse, Stockflecken, Wasserschäden. Eine wichtige Quellenedition, gelungenes Ganzes von ästhetischem Anspruch.

Zitation
Michael Maurer: Rezension zu: : Die ganze Geschichte meines gleichgültigen Lebens. Bd. 2 1829–1849: Franz Simon Meyer in Zeiten der Revolution. Hrsg. v. Sebastian Diziol. Kiel  2017 , in: H-Soz-Kult, 22.08.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29611>.
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Veröffentlicht am
22.08.2018
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