Titel
The Experts' War on Poverty. Social Research and the Welfare Agenda in Postwar America


Autor(en)
Huret, Romain D.
Erschienen
Umfang
246 S.
Preis
$ 49.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Timo Bonengel, Historisches Seminar, Universität Erfurt

Wie passt Armut in eine Gesellschaft, in der Massenkonsum und Wohlstand weit verbreitet sind? Romain Huret folgt in seiner Studie einer Reihe von wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Expert/innen, die in den USA der 1950er- bis 1970er-Jahre diese Frage stellten und versuchten, Sozialpolitik nach ihren Vorstellungen zu beeinflussen.

Diese „poverty community“ (S. 7) von Expert/innen, schreibt er, habe maßgeblich dazu beigetragen, dass das „Armuts-Paradox“ (S. 4) seinen Weg in die Öffentlichkeit und auf politische Agenden fand: In den Nachkriegsjahren, einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, sei Armut als relativ weitverbreitetes Phänomen ignoriert worden – es habe dem Zeitgeist von Wohlstand und Wachstum widersprochen.

Indem er eine Geschichte der Armuts-Expert/innen schreibt, schließt Huret eine Forschungslücke. In der umfangreichen Literatur zum War on Poverty sind sie, wie er zu Recht erklärt, meist in die Fußnoten verbannt worden. Romains These: Den Expert/innen sei es gelungen, Armut als Problem wieder stärker in den Fokus von Öffentlichkeit und vor allem Politik zu rücken. Diesem Teilerfolg der Akteur/innen stehen laut Huret ihre „beinahe komplett erfolglosen“ (S. 9) Bemühungen gegenüber, Sozialpolitik nach ihren Vorstellungen zu beeinflussen: Die Expert/innen sprachen sich größtenteils für die Umverteilung von Einkommen aus, eine Forderung, die politisch auf taube Ohren stieß. Stattdessen folgten John F. Kennedy, Lyndon B. Johnson und Richard Nixon der Vorstellung, dass das Armutsproblem gelöst werden könne, indem man Betroffene zur Selbsthilfe bewegte und sie damit „ermächtigte“.

Die These schlägt sich im Aufbau der Studie nieder, die aus zwei Teilen zu je vier Kapiteln besteht: Im ersten Teil (1945–1963) rückt Huret sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Armutsdefinitionen in den Mittelpunkt. Im zweiten Teil (1963–1974) beschreibt er die erfolglosen Versuche von Akteur/innen aus der „poverty community“, Sozialpolitik zu prägen.

Huret beginnt damit, die Biographien und Deutungsweisen der Wissenschaftler/innen darzulegen, die nach dem Krieg mit statistischen Methoden das „poverty paradox“ zum Gegenstand machten (Kapitel 1). Dominant waren zu dieser Zeit andere Ansichten zu Armut, die das Phänomen kulturell und psychologisch fassten – Armut war demzufolge eine Folge individueller Verhaltensweisen. Die Schuld für prekäre Lebensumstände wurde bei denjenigen gesucht, die zu dieser Zeit in Armutsdiskursen besonders präsent waren: Afroamerikaner/innen, die in den urbanen Zentren lebten (Kapitel 2).

Diesen Armutsdefinitionen stellt Huret die Ansichten einer Reihe von Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler/innen von der University of Wisconsin gegenüber, die das Armutsproblem als Einkommensfrage betrachteten und deshalb forderten, es durch Umverteilung zu lösen. Beeinflusst vom New Deal musste ihrer Meinung nach die Bundespolitik eine führende Rolle einnehmen (Kapitel 3). Nach einem Blick auf die zeitgenössische Sozialarbeit (Kapitel 4) wendet sich Huret stärker dem Austausch und der institutionellen Zusammenarbeit (bzw. deren Abwesenheit) zwischen Armutsexpert/innen und der Politik zu. Er folgt erfrischend konsequent seinem Argument und vollzieht nach, wie sowohl unter Kennedy als auch Johnson zwar nun die Armutsfrage auf die politischen Agenden gelangte, gleichzeitig aber behavioristische Ansichten zu Armut dominant blieben. So schenkten die beiden Präsidenten und ihre Berater aus dem Pentagon der Umverteilung von Einkommen kaum Beachtung. Johnson zog es schließlich vor, auf Community Action Programs zu setzen und damit das Armutsproblem durch eine „Befähigung“ der Betroffenen zu lösen, ohne das Problem strukturell zu betrachten (Kapitel 5–7).

So machte sich laut Huret schließlich ein Gefühl der „politischen Machtlosigkeit“ (S. 155) in der „poverty community“ breit, der es zwar gelungen war, Armut zur politischen Priorität zu machen, nicht aber, die Politik in ihrem Sinn zu beeinflussen – ein „Pyrrhus-Sieg“ (S. 115). Huret verweist abschließend darauf, dass unter Nixon die von den Expert/innen konturierte und politisierte Kategorie „Armut“ durch „geringes Einkommen“ ersetzt wurde. Zentrale Institutionen des War on Poverty, wie etwa das Office of Economic Opportunity wurden aufgelöst (Kapitel 8).

Ein Kritikpunkt an der Studie ergibt sich aus einer ihrer Stärken: der Prägnanz. Huret verfolgt sein Argument schlüssig und schweift nicht ab (214 Seiten einschließlich Endnoten). Hin und wieder hätte es der Studie aber gutgetan, die eine Expertin oder den anderen Experten etwas knapper zu beschreiben und die „poverty community“ stärker in die Zeitgeschichte der USA einzubetten. Zwar hat Huret aus guten Gründen nicht die Absicht, ausführlich die politischen und gesellschaftlichen Implikationen von Armutsdefinitionen zu beleuchten – das haben andere Historiker/innen bereits geleistet;[1] es ist aber fraglich, ob Leser/innen, die weniger bewandert in der Geschichte der USA sind, Huret stets folgen können. Die Verweise auf die rassistische Dimension von behavioristischen Armutsdefinitionen bleiben vage (Kapitel 2) und nicht alle Leser/innen dürften etwa ohne Erläuterung wissen, was der Wagner Act ist (S. 57).

Das sollte allerdings unter der Kategorie „kleinere Einwände“ verbucht werden, denn Huret macht von Anfang an klar, was er vorhat und stellt sowohl Aufbau als auch Inhalt stets in den Dienst seines Arguments. Er schreibt äußerst klar und knapp eine Wissenschaftsgeschichte von Wirtschafts- und Sozialforscher/innen, denen es gelang, in der vermeintlich wohlhabenden Nachkriegsgesellschaft der USA Armut wieder als politisches Problem zu etablieren.

Indem Huret ausführlich die Vorstellungen dieser Expert/innen beschreibt, deren Lösungsvorschläge letztlich unberücksichtigt blieben, macht er die Kontingenz zeitgenössischer und aktueller Sozialpolitik in den USA deutlich. Das wiederum kann durchaus dazu anregen, diese Politiken und ihre Auswirkungen zu hinterfragen, die inzwischen selbstverständlich erscheinen. Sie sind, das zeigt Hurets Studie, keineswegs alternativlos.

Anmerkungen:
[1] Siehe z. B. Elizabeth Hinton, From the War on Poverty to the War on Crime: The Making of Mass Incarceration in America, Cambridge 2016 und Marisa Chappell, The War on Welfare: Family, Poverty, and Politics in Modern America, Philadelphia 2010.

Zitation
Timo Bonengel: Rezension zu: : The Experts' War on Poverty. Social Research and the Welfare Agenda in Postwar America. Ithaca  2018 , in: H-Soz-Kult, 12.02.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29674>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.02.2019
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation