P. Bender: Weltmacht Amerika - Das neue Rom

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Titel
Weltmacht Amerika - Das neue Rom.


Autor(en)
Bender, Peter
Erschienen
Stuttgart 2003: Klett-Cotta
Umfang
295 S.
Preis
€ 19,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Siegfried Schwarz, Berlin

Der promovierte Althistoriker und bekannte politische Publizist zu Fragen der Zeitgeschichte, Peter Bender, hat ein Werk vorgelegt, das den Vergleich von zwei sich in völlig unterschiedlichen Zeitaltern entfaltenden Weltmächten zum Gegenstand hat: den Aufstieg und Höhepunkt des Römischen Reiches vor zwei Jahrtausenden und den Aufstieg und Machtanspruch der USA im 20. und 21. Jahrhundert. So interessant, informativ und zutreffend der Autor diese Aufgabe auch gelöst hat, so sehr fehlt dem Leser die Schilderung des Niedergangs und des Zerfalls des Römischen Reiches wie auch ein Blick auf den denkbaren oder gar voraussichtlichen Abstieg der Weltmacht USA in einer zu überschauenden Frist. Dabei fehlt es schon heute nicht an Analysen der Anzeichen und Merkmale eines möglichen, allerdings noch nicht fest ausgeprägten relativen Niedergangs der global bestimmenden Rolle der Vereinigten Staaten. [1]

Die Methode Benders besteht darin, Parallelen zwischen den Etappen der Expansion des Römischen Reiches und des „informellen Imperiums“ unter Washingtons Dirigat zu ziehen. Kein europäischer Staat, auch nicht die Europäische Union, habe die Statur, sich mit der antiken Großmacht zu messen, nur die Vereinigten Staaten könnten es, meint Bender. Gleichzeitig vermerkt der Autor bei allen abgehandelten Etappen sowohl die Ähnlichkeiten als auch die großen Unterschiede zwischen beiden Machtgebilden, ihren Triebkräften und Expansionszielen, ihren Mitteln und Methoden, ihren religiösen Verbrämungen und ideologischen Verhüllungen.

Überhaupt widmet der Autor der ideologisch-religiösen Rechtfertigung sowohl der römischen als auch der amerikanischen territorialen und imperialen Ausbreitung große Aufmerksamkeit. Er berichtet vom „unzähmbaren Drang zur Expansion“ der USA bereits im 19. Jahrhundert mit den immer wieder ähnlich propagierten Slogans zur Begründung: „Wir sind ein auserwähltes Volk, das der Welt den Weg zu gottgefälligem Leben und zum Glück zu weisen hat.“ Bei den Amerikanern habe der Sendungsglaube schon am Anfang und nicht erst am Ende wie bei den Römern gestanden. Die Expansionisten hätten sich bereits im 19. Jahrhundert auf ein „Offenbares Schicksal“ (Manifest Destiny) berufen, das den Amerikanern zur „gottgegebenen Pflicht machte, der Menschheit die republikanischen Errungenschaften zu bringen. […] Ein ideologischer Universalanspruch entstand, wie ihn sonst nur Religionen und später die leninistischen Kommunisten wagten.“ (S. 42)

Bender rückt immer wieder – völlig zu Recht – die Kategorie der Macht, der Übermacht, der Weltmacht in den Mittelpunkt seiner Reflexionen über beide Reiche. Mit dem Ende des Zweiten Punischen Krieges und des Zweiten Weltkrieges habe eine neue Zeit für beide Imperien begonnen. Nicht nur die Besiegten, Karthago, Deutschland und Japan, hätten die Weltbühne verlassen, auch die verbliebenen Großmächte wären ins zweite Glied geraten. Rom und Amerika seien ins erste aufgerückt, seien zu den unerreichbar mächtigsten Staaten der Welt geworden: darin liege die historische Bedeutung beider Kriege und ihre – einzige – Gemeinsamkeit. Der Ausgang dieser Kriege habe für Römer und für Amerikaner die jeweils entscheidende Station auf dem Weg zur Erringung der Rolle einer Weltmacht gebildet (S. 125).

Der Autor betont die Tendenz mehrerer amerikanischer Präsidenten, Schwierigkeiten der USA mit anderen Staaten zu Grundproblemen der ganzen Welt zu erheben, um dadurch die Begründung für eine interventionistische Politik abzuleiten. So habe Präsident Harry S. Truman Probleme mit der Sowjetunion zu Konflikten der ganzen Welt erklärt. Er habe regionale Kontroversen, die mit Kommunisten zusammenhingen, zu Gefahren für den Weltfrieden befördert. Er habe die Welt in „zwei große Richtungen“ eingeteilt: eine demokratische, der Freiheit verpflichtete Lebensform und eine autokratische, die Freiheit unterdrückende. Mit einer solchen Haltung, in der Doktrin vom 12. März 1947 besonders konzentriert, habe Truman, mit umgekehrtem Vorzeichen, der sowjetischen Führung entsprochen, die später auch offiziell verkündete, dass die Welt aus „zwei Lagern“ bestehe: dem imperialistischen antidemokratischen und dem antiimperialistischen demokratischen Block (S. 140f.).

Nach dem Beginn des Korea-Krieges im Juni 1950 seien für die USA alle Hemmungen gefallen, sich dauerhaft in Übersee politisch und militärisch zu verpflichten. Präsident und Kongress hätten eine Tradition von anderthalb Jahrhunderten beendet: „Verstrickende“ Bündnisse seien nicht mehr gemieden sondern gesucht worden. In Europa seien die USA bis dahin den Hilferufen einiger europäischer Regierungen gefolgt; nunmehr, nach der soeben geschlossenen Allianz der NATO, seien sie an deren Umwandlung in ein schlagkräftiges Instrument gegangen. Es sei ein globales Netz militärischer Positionen entstanden, das an das britische Empire erinnert, teilweise daran angeknüpft und es schließlich übertroffen habe (S. 170f.).

Das Wichtigste sei jedoch: So unvergleichbar Roms Ostkriege und Amerikas Kalter Krieg gewesen seien, gemeinsam ist ihnen das historische Ergebnis: „Davor waren Rom und Amerika die ersten Weltmächte ihrer Zeit, danach waren sie die einzigen.“ (S. 184) Bender fügt hinzu, die Römer wollten die Welt nicht bessern, sondern beherrschen. Der politische Traum der Amerikaner sei gewesen und geblieben, die Welt nach dem eigenen Bilde zu formen (S. 191).

Die Amerikaner hätten, wie die Römer, eine Neigung zur Hysterie gehabt. Ihre Führung habe Gefahren gesehen oder dramatisiert, die unbefangene Betrachter für gering hielten. Zwei Staaten seien zu Weltmächten geworden, weil sie sich gegen Gefahren verteidigten, die sie sich größtenteils nur einbildeten. Die Kriege, die Rom und Amerika groß werden ließen, seien – objektiv betrachtet – meist vermeidbar gewesen (S. 199f.).

Der Autor analysiert das Programm des Präsidenten George W. Bush junior. Dessen zentrales Ziel sei, Amerikas Weltrang und Weltrolle zu einer festen Vorherrschaft auszubauen. Der Präsident habe sich von Anfang an gegen alles gewehrt, was die politische Bewegungsfreiheit beschränken könnte: gegen internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen und die NATO, gegen Verträge, die auch Amerikas Rüstung begrenzen, gegen weltweite Abkommen, die durch Umweltgebote die amerikanische Industrie behindern könnten, gegen einen internationalen Strafgerichtshof, der Verbrechen gegen die Menschenrechte ahndet. Die USA verfechten den fragwürdigen Standpunkt, Amerika stehe über allen Staaten der Welt – auch über der Weltorganisation der Vereinten Nationen (S. 225).

Bender notiert, dass die Amerikaner – wie die Römer – nicht verstünden, weshalb die Welt sie nicht liebt. Vielmehr meine der Präsident, sein Krieg bringe den Staaten des Vorderen Orients die „Freiheit“. Er bestreite, was der einstige Verteidigungsminister Robert McNamara als Erfahrung aus dem Vietnam-Krieg festgehalten habe: „Wir haben keinerlei von Gott verliehenes Recht, jede beliebige Nation nach unseren Vorstellungen zu formen.“ Bush glaube jedoch, eben dieses Recht sei Amerika von Gott verliehen worden (S. 229). Der Autor verweist auf die wichtige Warnung Henry A. Kissingers vor dem willkürlichen Missbrauch errungener Macht und Vormacht: „Ein bewusstes Streben nach Hegemonie ist der sicherste Weg zur Zerstörung der Werte, die Amerika groß gemacht haben.“ (S. 252)

Das neue Werk Peter Benders ist ein gelungener, wertvoller Beitrag zur geschichtlichen und aktuellen Bewertung des hegemonialen Strebens von Imperien mit dem Anspruch auf Weltgeltung und Weltmacht. Er verweist dabei durchaus sowohl auf die Möglichkeiten als auch die Grenzen, um sinnvolle Parallelen zwischen den beiden Großreichen in der Antike und in der Gegenwart zu ziehen. Der (bereits von amerikanischen Autoren vorher mehrfach gezogene)Vergleich Benders bezieht seine Wirkung zum großen Teil aus dem treffenden und brillanten Stil des Verfassers.

Allerdings misst der Autor den psychologischen Faktoren bei Kriegführung, politischer und militärischer Strategie der Imperien eine weitaus größere Bedeutung zu als den ökonomisch-politischen Hintergründen. Dies mag von Lesern als ein Mangel empfunden werden. Insgesamt jedoch hinterlässt der kluge und differenziert argumentierende Essay wichtige Eindrücke und Anregungen für die Bewertung der Rolle der Macht und der Mächte in Weltgeschichte und Weltpolitik.

Anmerkung:
[1] Vgl. Todd, Emmanuel, Weltmacht USA – Ein Nachruf, München 2003; Kennedy, Paul, Aufstieg und Fall der großen Mächte. Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500 bis 2000, Frankfurt am Main 1991.

Zitation
Siegfried Schwarz: Rezension zu: : Weltmacht Amerika - Das neue Rom. Stuttgart  2003 , in: H-Soz-Kult, 01.10.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-2975>.
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Veröffentlicht am
01.10.2003
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