W. Li u.a. (Hrsg.): Leibniz und der Gelehrtenhabitus

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Titel
G.W. Leibniz und der Gelehrtenhabitus. Anonymität, Pseudonymität, Camouflage


Hrsg. v.
Li, Wenchao; Noreik, Simona
Erschienen
Köln 2016: Böhlau Verlag
Umfang
292 S.
Preis
€ 40,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Helene Kraus, Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft, Universität Bielefeld

„Lithuanus“, „Caesarinus Fürstenerius“, „Walendorp“, „Hülsenberg“ und „de la Vallée“ – hinter diesen verschiedenen Namenskonstellationen verbarg sich einst Gottfried Wilhelm Leibniz, der uns heute als Universalgelehrter der Frühaufklärung und Verfasser der Theodizee bekannt sein dürfte.

Der hier vorzustellende, von Wenchao Li und Simona Noreik herausgegebene Sammelband soll Leibniz explizit als „Meister der Tarnung, Irreführung, Inszenierung, Dissimulierung und Geheimhaltung“ (S. 8) darstellen und in zwölf Einzelstudien dessen facettenreichen publizistischen Strategien veranschaulichen. Auf Grundlage neuerer Forschungen zur res publica literaria des 16. und 17. Jahrhunderts[1] sowie der Fortschritte der editorischen Herausgabe von Leibniz’ Œuvre in der Akademie-Ausgabe[2] intendiert die Publikation, ein differenziertes Bild von Leibniz zu generieren. Es gilt, die stereotype Vorstellung von Leibniz als „profundem Logiker“ (S. 9) einerseits und „unaufrichtigem Höfling“ (S. 9) andererseits zu revidieren. Zu zeigen sei, dass Leibniz gerade nicht auf den seit dem 18. Jahrhundert dominierenden Topos des „typische[n] Polyhistor[s]“ (S. 9) reduziert werden könne, der als Dilettant vergeblich versuchte, sich in fremden Feldern wie Politik, Diplomatie und Poesie zu etablieren.

Die erste Sektion des Buches befasst sich mit grundsätzlichen Problematiken der Dissimulation, Maskierung und Demaskierung und weiß diese in einem allgemeineren Zusammenhang zu lokalisieren. So wirft Marian Füssel in seinem Eröffnungsaufsatz die hochinteressante Frage auf, was überhaupt ein Gelehrter ist und was einen Gelehrten zum Gelehrten macht? Füssel thematisiert dabei den „Kontext des gelehrten Habitus“ (S. 19–24), skizziert „Praktiken der Maskierung und Demaskierung“ (S. 24–28) und demonstriert seine Ausarbeitungen an Friedrich August Hackmann, einem Zuarbeiter Leibniz’. Sebastian Kühn entwirft ausgehend von seiner Darstellung gelehrter Freundschaften und Feindschaften um 1700 Dissimulation als gelehrte Praxis. Simona Noreik widmet sich Maskierungspraktiken außerhalb des universitär-wissenschaftlichen Diskurses und exemplifiziert ihre Ergebnisse an dem englischen Buchhändler John Dunton.

Einen spezifischeren Bezug zu Leibniz baut Charlotte Wahl auf, die Täuschungsmanöver, Geheimhaltungs- und Verschleierungstaktiken im naturwissenschaftlichen Umfeld am Beispiel des Leibniz-Kreises illustriert. Die Leibnizianer seien ab 1690 prägend für die Mathematik gewesen und hätten im Vergleich zu anderen Gruppierungen aufgrund spezieller Kommunikationsstrategien europaweite Aufmerksamkeit erfahren. So fungierte die Zeitschrift Acta eruditorum sowohl als Austauschmedium innerhalb des Kreises wie auch als öffentliches Publikationsorgan. Leibniz, der seine Artikel in der Acta eruditorum primär unter Initialen publizierte, dürfte dem aufmerksamen Leser als Autor bekannt gewesen sein. Anonyme und pseudonyme Veröffentlichungen hatten im mathematischen Austausch der Frühen Neuzeit primär Symbolkraft – um Bescheidenheit zu demonstrieren bzw. suggerieren und einen Autor vor öffentlichem Scheitern zu bewahren.

Volker Barth situiert Leibniz’ Verschleierungstechniken zwischen Anonymität, Pseudonymität, Camouflage und Inkognito. Ausgehend von den mittelalterlichen Verkleidungsformen konstituiert sich im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts das Inkognito als zeremoniell-normativer Akt. Leibniz verreiste inkognito nach Wien, um auf diese Weise außerhalb seiner Funktion als Hofrat agieren zu können. Zusätzlich wurde diese Form des Inkognitos mit pseudonymen Techniken verknüpft. Leibniz nutzte beispielsweise je nach Korrespondenzpartner mehrere Pseudonyme, um gezielt seine Identität zu verbergen und auf Reisen unerkannt zu bleiben.

Dass Leibniz Camouflage und Täuschung zur Lancierung eigner Ideen einsetzte, erörtert Roberto Palaia. Leibniz habe dabei drei Camouflage-Strategien kombiniert: Er nutzte erstens das Modell des autobiographischen Schreibens, um seine eigene Philosophie in Briefen und Abhandlungen publik zu machen. Zweitens bediente er sich des philosophischen Dialogs im platonischen Sinne, wodurch er „seine wahre Absicht zum Ausdruck“ (S. 198f.) brachte. Leibniz komplettierte seine argumentative Strategie, indem er Selbstrezensionen anfertigte. Das anonyme Rezensieren eigener Produkte erhöhte deren Marktwert und könne demzufolge als dritte Form der „Täuschung“ gedeutet werden.

Sabine Sellschopp zeigt, dass Leibniz politische Schriften häufiger anonym oder pseudonym als unter eigenem Namen oder mit Initialen druckte, um latent „lobbyistische Wirkung“ (S. 206) zu entfalten. Leibniz differenzierte offenbar zwischen einer öffentlichen und privaten Lektüre und ließ seine politischen Texte innerhalb eines ausgewählten Rezipientenkreises durchaus unter seinem Namen zirkulieren. Leibniz’ anonyme Publikationen changierten dabei zwischen dem „Unterdrücken des Autornamens bis zum Verschwinden [...] hinter einer anderen Person“ (S. 215). Vor allem Schriften des Spätwerks erschienen immer wieder unter dem Namen einer real existierenden Person – wie ein 1706 erstelltes Sendschreiben unter dem in Hannover lebenden Sir Rowland Gwynne. Leibniz verschwieg seine Verfasserschaft, obwohl die Publikation für Gwynne schwerwiegende Konsequenzen hatte. Diese konnte erst im 19. Jahrhundert aufgedeckt werden. Ebenso wurde in den letzten Jahrzehnten Leibniz als Urheber der kirchenpolitischen Schrift Epistola ad amicum identifiziert. Leibniz blieb in diesem Fall nicht nur aufgrund der anonymen Erscheinungsform von den Zeitgenossen unerkannt, er versuchte seine Autorschaft zusätzlich durch stilistische Verschlechterungen zu verheimlichen.

Die Untersuchung von Stephan Waldhoff bezieht sich auf das Postskriptum in Leibniz’ Korrespondenzen. Bereits seit dem 13. Jahrhundert etablierte sich ein eingelegtes Zettelchen zu einem festen Bestandteil des diplomatischen Briefes, das vom eigentlichen Manuskriptinhalt materiell getrennt werden konnte. Das Postskriptum enthielt meist Informationen, die im Hauptbrief nicht erwähnt werden sollten, zumal Briefe um 1700 keineswegs als intim einzustufen sind. Vielmehr kursierten sie zwischen Personen oder wurden sogar zum Druck befördert. Das „unechte“ Postskriptum – das keinen spontanen Gedanken oder Nachtrag enthält, sondern von Anfang an intendiert war – habe bei Leibniz als eine „spezielle bürokratische Technik“ (S. 234) figuriert, um den Adressatenkreis der darauf vermerkten Notiz einzuschränken. Postskripta kamen auch als rhetorische Gestaltungsmittel zum Einsatz, um einem Thema durch materielle Absonderung vom Hauptbrief eine höhere Geltung zu verleihen.

Den Bogen vom 16. Jahrhundert zur Gegenwartsliteratur spannt Jörg Paulus im letzten Aufsatz. Er plausibilisiert die Produktion und Rezeption buntschriftstellerischer Texte im Hinblick auf Anonymität und Pseudonymität und rekonstruiert eine Traditionslinie zwischen Buntschriftstellerei und der sogenannten „medialen Moderne“ (S. 270) im Zeichen eines scientific turn. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts sei eine zunehmende Anonymisierung in buntschriftstellerischen Texten zu beobachten, indem das gattungstypische Kompilieren zwar genannt werde, dessen Bezugsquellen aber immer weniger explizit Erwähnung fänden. Dieser „Prozess der Anonymisierung“ (S. 275) erweist sich insbesondere im späten 18. Jahrhundert als förderlich und ermöglicht es Bürger, Herder und Musäus – die ihrerseits auf Texte der Buntschriftstellerei rekurrieren – diese als „volkstümlich“ zu rezipieren und als „einheimische Produkte“ (S. 276) zu deklarieren. An die Praktiken der Buntschriftstellerei in Form einer Popularisierung von Wissenschaft schließen auch Gegenwartsautoren wie Daniel Kehlmann und Jens Johlers an. In der Fiktion arrangiert Letzterer in seinem Roman „Die Stimmung der Welt“ (2013) eine Begegnung zwischen Bach und dem Leibniz-Double Johann Theile Reinerding, wodurch Johlers „die Kompilation der beiden Weltbilder – dem des Philosophen und dem des Musikers“ (S. 281) – durch die Technik der Dissimulation inszeniert.

Der auf Basis einer internationalen Fachtagung (15. – 16. November 2013) erstellte Sammelband schließt an bisherige Beiträge zu Leibniz an. Wenchao Li publizierte 2013 mit Alexander Košenina Leibniz und die Aufklärungskultur[3], 2016 folgte eine gemeinsam mit Monika Meier herausgegebene Studie zur Leibniz-Rezeption um 1800.[4] Der vorgestellte Sammelband ist im Umfeld der Leibniz’schen Akademie-Ausgabe entstanden – beinahe alle beteiligten Autorinnen und Autoren sind an einer der insgesamt vier Arbeitsstellen der Leibniz-Edition in Berlin, Hannover, Potsdam oder Münster tätig.[5]

Das Buch könnte sich besonders für zwei Forschungsfelder als gewinn- und fruchtbringend erweisen: für Untersuchungen zur res publica literaria sowie zur anonymen und pseudonymen Autorschaft. Die seit den 1990er-Jahren aktive Erschließung der Gelehrtenrepublik des 16. und 17. Jahrhunderts kulminierte in den letzten Jahren in den Studien von Marian Füssel und Martin Mulsow, die durch den vorliegenden Band ergänzt und erweitert werden. Ein besonderes Interesse an den von Li und Noreik zusammengestellten Ergebnissen könnte auch vonseiten der literaturwissenschaftlichen Anonymitätsforschung bestehen, die sich bislang primär auf das späte 18. Jahrhundert fokussiert.[6] Die Analysen zu Leibniz ermöglichen Einblicke in die Publikationspraktiken im gelehrten Kontext um 1700, wodurch sukzessive eine Entwicklung hinsichtlich anonymer Techniken vom späten 16. bis frühen 19. Jahrhundert skizziert werden könnte.

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Marian Füssel / Martin Mulsow (Hrsg.), Thema: Gelehrtenrepublik, Hamburg 2015; Martin Mulsow / Frank Rexroth (Hrsg.), Was als wissenschaftlich gelten darf. Praktiken der Grenzziehung in Gelehrtenmilieus der Vormoderne, Frankfurt am Main 2014; Martin Mulsow, Die unanständige Gelehrtenrepublik. Wissen, Libertinage und Kommunikation in der Frühen Neuzeit, Stuttgart 2007; Ulrich Johannes Schneider (Hrsg.), Kultur der Kommunikation. Die europäische Gelehrtenrepublik im Zeitalter von Leibniz und Lessing, Wiesbaden 2005; Herbert Jaumann (Hrsg.), Die europäische Gelehrtenrepublik im Zeitalter des Konfessionalismus, Wiesbaden 2001.
[2] Weitere Informationen unter https://leibnizedition.de (20.09.2018).
[3] Vgl. Alexander Košenina / Wenchao Li (Hrsg.), Leibniz und die Aufklärungskultur, Hannover 2013.
[4] Vgl. Wenchao Li / Monika Meier (Hrsg.), Leibniz in Philosophie und Literatur um 1800, Zürich 2016.
[5] Leibniz-Edition Berlin, Leibniz-Archiv/Leibniz-Forschungsstelle Hannover, Leibniz-Edition Potsdam, Leibniz-Forschungsstelle Münster: vgl. https://leibnizedition.de (24.07.2018).
[6] Einen Forschungsüberblick biete ich in: Neue Fragen an ein altes „Problem“: Anonymität um 1800. Erscheint voraussichtlich in: Zeitschrift für Germanistik, 1. Heft (2019).

Zitation
Helene Kraus: Rezension zu: Li, Wenchao; Noreik, Simona (Hrsg.): G.W. Leibniz und der Gelehrtenhabitus. Anonymität, Pseudonymität, Camouflage. Köln  2016 , in: H-Soz-Kult, 25.09.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29784>.
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25.09.2018
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