Cover
Titel
Bereicherung. Eine Kritik der Ware. Aus dem Französischen von Christine Pries


Autor(en)
Boltanski, Luc; Esquerre, Arnaud
Erschienen
Berlin 2018: Suhrkamp Verlag
Umfang
729 S.
Preis
€ 48,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Timo Luks, Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität Gießen

Wieder ein umfangreiches Buch unter Beteiligung von Luc Boltanski. Nachdem er 1991 mit Laurent Thévenot die Grundzüge einer Soziologie der Rechtfertigung entwickelte und 1999 mit Ève Chiapello dem „neuen Geist des Kapitalismus“ nachspürte (die deutschen Übersetzungen erschienen in umgekehrter Reihenfolge)[1], geht es nun in Zusammenarbeit mit Arnaud Esquerre um neue Formen der Generierung von Profit im Zusammenspiel von Kunst, Antiquitätenhandel, Luxusindustrie, Tourismus und Patrimonialisierung (d.h. der Verwandlung von Orten, Gebäuden, Objekten oder Praktiken in ein bewahrenswertes kulturelles „Erbe“). Boltanski und Esquerre entwickeln die These, dass all diese Bereiche erstens „auf der Ausbeutung einer einzigen Quelle beruhen, nämlich auf der Ausschlachtung der Vergangenheit“ (S. 16), und sich zweitens zu einer „Bereicherungsökonomie“ fügen, die sich im Unterschied zur industriellen Massenproduktion auf bereits vorhandene Dinge stützt. Indem diese Dinge mit Geschichte(n) angereichert werden, werden sie zur Quelle neuer Formen der Bereicherung. Ihre Eigner – die „Erben der Geschichte“ (S. 50) – können sie vermarkten und den neu verliehenen Mehrwert abschöpfen. Im französischen Begriff „enrichissement“ fallen diese beiden Bedeutungen zusammen.

Das aktuelle Buch zielt wie frühere Arbeiten Boltanskis auch auf eine Zeitdiagnose, die nach dem Wandel westlicher Gesellschaften seit den 1970er-Jahren und nach dem spezifisch Neuen heutiger Gesellschaften gegenüber den Industriegesellschaften der vorangegangenen Epoche fragt. Die Gesellschaften der Gegenwart, so Boltanski und Esquerre, seien durch eine Diversifizierung von Warenstrukturen gekennzeichnet, vor allem durch eine steigende Bedeutung von Luxusartikeln, die ihre Herkunft aus der industriellen Serienproduktion verleugnen. Grundlegend dafür sei der Prozess der De-Industrialisierung, der aber nicht den Übergang zu einer postindustriellen Gesellschaft bezeichne, sondern die Gleichzeitigkeit von Standortverlagerungen der Industrieproduktion und der Herausbildung eines neuen Handels-, Dienstleistungs- und Bildungssektors in den (ehemaligen) Industriegesellschaften des Westens. Dieser doppelte Prozess habe „bei einer wachsenden Zahl von Personen dazu [ge]führt, nach Objekten zu streben, die weniger wegen ihrer direkten Nützlichkeit als aufgrund ihrer Ausdruckskraft und wegen der Geschichten wertgeschätzt werden, die ihre Zirkulation begleiten“ (S. 35).

Im Zentrum der Argumentation von Boltanski und Esquerre steht auf der einen Seite die Verbreitung einer Logik des Sammelns, die mit einem Boom der Luxusindustrie verbunden ist, und auf der anderen Seite die Schaffung einer um lokale kulturelle Besonderheiten kreisenden Tourismusbranche. Die Verwandlung von Immobilien in ein „Kulturerbe“, die Fokussierung auf Orte mit einer – „von professionellen Historikern ausgearbeiteten“ – Geschichte, die vor Ort besichtigt werden kann und diesen Ort in ein „Erlebnis“ verwandelt; die Wiederaufnahme „althergebrachter“ Handwerkstechniken; schließlich die Neuinszenierung vermeintlich typischer Alltagsgegenstände – all das wirkt wertsteigernd und ermöglicht Extraprofite.

In der bisherigen Rezeption der Studie hat die zeitdiagnostische Deutung dieser Phänomene im Vordergrund gestanden. Das mag daran liegen, dass sich manche Rezensent/innen ertappt fühlen bei einer neobürgerlichen Wertschätzung schöner Dinge aus alter Zeit, die es in Manufactums „Warenhaus der guten Dinge“ – oder auf den im Sommerurlaub durchstreiften Flohmärkten Burgunds[2] – eben „noch“ gibt. Es mag aber auch daran liegen, dass Kulturschaffende ein Unbehagen an ihrer Rolle im neuen Kapitalismus verspüren, das für die Erklärungsversuche einer kritischen Sozialwissenschaft sensibel macht. Sicher ist es kein Zufall, dass Boltanski und Esquerre – laut Danksagung – ihre Überlegungen zunächst in zahlreichen Vorträgen erprobten, die mindestens genauso häufig in Museen und Institutionen des Kunstbetriebs stattfanden wie in universitären Kolloquien. Das muss gar nicht als Kritik verstanden werden, böte sich hier doch auch ein möglicher Reflexionsrahmen für eine Geschichtswissenschaft, die in jüngerer Zeit vermehrt Konzepte angewandter Geschichte entwickelt und Studiengänge mit Praxismodulen versieht, also die Geschichtskultur als wichtiges Berufsfeld für ihre Absolventen begreift. Die für die Hervorbringung von Vergangenheit zuständigen Akteure, so heißt es bei Boltanski und Esquerre, profitieren von der Bereicherungsökonomie, auch wenn sie selbst die fraglichen Dinge nicht besitzen, sondern sie lediglich für andere aufwerten. Und so ließe sich das – auch geschichtswissenschaftliche – Personal der Bereicherungsökonomie mit den Dienstboten in der vorindustriellen Wirtschaft vergleichen.

Weniger Resonanz erfahren in der bisherigen Diskussion dagegen das theoretische Problem, an dem sich Boltanski und Esquerre abarbeiten, und ihr methodisches Vorgehen.[3] Ohne diese Dimension wäre die Studie allerdings 500 Seiten zu lang und wenig mehr als ein alltagsempirisch illustrierter zeitkritischer Essay. Theoretisch und methodisch entscheidend sind das Konzept der Wertermittlungsform (samt der Behauptung, Gesellschaften über das Zusammenspiel spezifischer Wertermittlungsformen entschlüsseln zu können) sowie eine strukturale Analyse dieser Formen, die Boltanski und Esquerre explizit als pragmatischen Strukturalismus verstanden wissen wollen. In sozial- und geschichtswissenschaftlicher Hinsicht könnte das – langfristig gesehen – der wichtigere Impuls sein.

Wertermittlungsformen, so Boltanski und Esquerre, tragen zur Partionierung und damit Strukturierung der Warenwelt bei, denn sie ermöglichen Aussagen über den Wert von Dingen, die wiederum helfen, deren Preis zu rechtfertigen. Der Plural ist hier entscheidend, denn Wert und Preis werden, je nach Kontext, anders ermittelt. Wertermittlungsformen funktionieren entlang der Achsen der Präsentation der Dinge (analytisch / narrativ) und ihres Marktpotenzials (positiv / negativ). So ergeben sich vier mögliche Formen: Die Standardform präsentiert Dinge in einer analytischen Weise (Zergliederung der Eigenschaften eines Objekts zu leicht speicherbaren, transportierbaren, vergleichbaren Informationen), weist aber ein negatives Marktpotenzial auf (Standardprodukte verlieren mit der Zeit rasch an Wert und werden regelmäßig durch neue Produkte abgelöst); die Trendform präsentiert Dinge narrativ (verbindet sie also mit Namen und Ereignissen und inszeniert Verweise auf eine zu erinnernde Vergangenheit) und ist ebenfalls durch ein negatives Marktpotenzial gekennzeichnet (angesichts sich ablösender Trends verlieren die mit dem vorangegangenen Trend verbundenen Objekte rapide an Wert); die Anlageform präsentiert Dinge analytisch und ist mit zukünftigen Wertsteigerungen verbunden, also durch ein positives Marktpotenzial gekennzeichnet; die Sammlerform schließlich präsentiert Dinge narrativ und hat wiederum ein positives Marktpotenzial.

Im Zentrum heutiger westlicher Gesellschaften stehe nun die Sammlerform. Im Unterschied zu industriellen Massenkonsumgütern sind Sammlerstücke Objekte, die im Alter und im Gebrauch nicht an Wert verlieren. Ihr Preis rechtfertigt sich nicht über die Herstellungskosten (die oft gar nicht anfallen, wenn es sich um Dinge aus dem Bestand handelt), sondern durch ihre „Restaurierungs- und Konservierungskosten“ (S. 94). Mit der Fokussierung auf diese kulturelle Arbeit der Aufwertung stelle die Bereicherungsökonomie „eine originäre Art der Schaffung von Wohlstand dar, die auf einer sehr viel intensiveren Ausbeutung, als es sie jemals gegeben hat, von spezifischen Ressourcen beruht. Diese gehen auf Vorräte zurück, die im Laufe der Zeit akkumuliert wurden und für die Narrativität das bevorzugte Wertschöpfungsverfahren darstellt. Dabei handelt es sich um eine Ökonomie, die ihre Substanz aus der Vergangenheit bezieht.“ (S. 99) Der Vorteil der Sammlerform liege darin, dass sie von den anderen Formen der Wertermittlung adaptiert werden könne. So wirke sie beispielsweise stabilisierend angesichts des zyklischen, flüchtigen Charakters der Trendform, oder sie garantiere die Langlebigkeit von Anlageobjekten.

Boltanski und Esquerre sind also – das dürfte für Kapitalismustheorie und Kapitalismusgeschichte der anregendste Punkt sein – sensibel für die Beziehungen zwischen verschiedenen Formen der Wertermittlung. Die Art und Weise, wie sie diese Beziehungen konzipieren, mag allerdings ein geschichtswissenschaftliches Rezeptionshindernis darstellen. Hier – wie generell – erweist sich ihre Studie unverkennbar als Hommage an Claude Lévi-Strauss' „Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft“ (1949). Boltanski und Esquerre verweisen wiederholt darauf, etwa wenn sie nahelegen, die Beziehungen zwischen Wertermittlungsformen seien als „Permutationen“ in einem „binären System“ darstellbar, oder in der Annahme, die Zirkulationsweisen von Dingen ließen sich „im Rahmen einer Struktur anordnen […], durch die Wertermittlungsformen zu einer Transformationsgruppe zusammengeschlossen werden“ (S. 203). Das erklärt dann auch die Existenz eines Anhangs, in dem Guillaume Couffignal mit Hilfe der mathematischen Kategorienlehre eine „Skizze zu einer Formalisierung der Warenstrukturen“ vorlegt. Ziel dieses Unterfangens, so Boltanski und Esquerre, sei die „Übersetzung der Strukturelemente von Wertermittlungsformen“, um „zum einen deren Kohärenz zu beurteilen und zum anderen eine Vergleichsmöglichkeit mit anderen Tauschstrukturen zu schaffen, die von Verwandtschaftsstrukturen in der Anthropologie bis zu Wirtschaftswissenschaften reichen können. Ein Vorteil der verwendeten Sprache ist ihr Abstraktionsgrad, mit dessen Hilfe sich ein Zusammenhang zwischen Strukturen herstellen lässt, die ganz verschiedenen Feldern entnommen sind.“ (S. 639) Auch Lévi-Strauss hatte seiner Studie zu den Verwandtschaftsstrukturen einen Anhang mit einer – von André Weil erstellten – algebraischen Untersuchung bestimmter Typen von Heiratssystemen hinzugefügt.[4] Man muss dem nicht folgen. Es ist aber unangemessen, unter Ignoranz dieser Dimension und mit bloßem Verweis auf die etwas eklektizistische, vor allem an Frankreich orientierte Empirie zu schließen, „französischer Theorie-Export“ sei „schon einmal authentischer, einzigartiger und insofern wertvoller“ gewesen.[5] Was könnte im Kontext der französischen Theoriegeschichte „authentischer“ sein als eine Verbeugung vor dem wohl größten humanwissenschaftlichen Klassiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts?

Anmerkungen:
[1] Vgl. Luc Boltanski / Laurent Thévenot, Über die Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft. Aus dem Französischen von Andreas Pfeuffer, Hamburg 2007 (frz. Erstausg. 1991); Luc Boltanski / Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus. Aus dem Französischen von Michael Tillmann, Konstanz 2003 (frz. Erstausg. 1999). Angesichts dieser Regelmäßigkeit wechselnder Ko-Autorschaften wäre es reizvoll, die Voraussetzungen und Determinanten sozialwissenschaftlicher Koproduktion im französischen Wissenschaftssystem und darüber hinaus einmal etwas systematischer in den Blick zu nehmen.
[2] So die Szenerie, mit der in der „Süddeutschen Zeitung“ an das Thema des Buchs herangeführt wird (Carlos Spoerhase, Das französische Modell, in: Süddeutsche Zeitung, 09.07.2018, S. 12). Eine ausgewogene inhaltliche Zusammenfassung der Studie bietet Leander Scholz, Der Glanz des Extravaganten, in: Deutschlandfunk, 07.10.2018, https://www.deutschlandfunk.de/boltanski-esquerre-bereicherung-eine-kritik-der-ware-der.700.de.html?dram:article_id=429768 (25.10.2018).
[3] Dirk Hohnsträter weist in seiner klugen Besprechung auf einige konzeptionelle Bezugspunkte hin, die ich nicht eigens diskutieren werde: die Situierung des Problems der Wertschöpfung in der Zirkulationssphäre, die Boltanski und Esquerre unter anderem unter Verweis auf Fernand Braudels Arbeiten zum Handelskapitalismus und „kaufmännischen Mehrwert“ des 18. Jahrhunderts entwickeln; die Problematik der „Wertsteigerung durch ‚semiotische‘ Aufladung von Produkten“ in Auseinandersetzung mit den Arbeiten Pierre Bourdieus und Jean Baudrillards; die Problematisierung des Konzepts der Singularität(en) im Spannungsfeld von Identität und Differenz. Siehe Dirk Hohnsträter, Ausweitung der Warenzone. Luc Boltanskis und Arnaud Esquerres Analyse der Bereicherungsökonomie, in: Soziopolis, 09.07.2018, https://soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/ausweitung-der-warenzone/ (25.10.2018).
[4] Vgl. Claude Lévi-Strauss, Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer, Frankfurt am Main 1984 (frz. Erstausg. 1949), S. 321–328.
[5] So Gerald Wagner, Geschichten sind zum Vermarkten da, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.07.2018, S. 10.

Zitation
Timo Luks: Rezension zu: : Bereicherung. Eine Kritik der Ware. Aus dem Französischen von Christine Pries. Berlin  2018 , in: H-Soz-Kult, 13.11.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29786>.