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Titel
Peasants in Russia from Serfdom to Stalin. Accommodation, Survival, Resistance


Autor(en)
Gorshkov, Boris
Erschienen
London 2018: Bloomsbury
Umfang
XIV, 236 S.
Preis
£ 85.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Immo Rebitschek, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Die Geschichte der Bauern nimmt einen prominenten Platz im Kanon der historischen Russlandforschung ein. Boris Gorshkov versucht, studentische Leser an dieses Forschungsfeld heranzuführen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Aktions- und Erfahrungsräume russischer Bauern – als russisch-orthodoxe Landbewohner – von den Anfängen der Leibeigenschaft bis zur Kollektivierung der Landwirtschaft. Den analytischen Zugriff sucht Gorshkov über eine Art Umweltgeschichte, sprich: die Einbindung der Bauern in soziale, wirtschaftliche und natürliche Zusammenhänge. Diese „ecology“ sei von ebenjenen Bauern maßgeblich mitgeformt und beeinflusst wurden: als wirtschaftlich und politisch involvierte, mobile und teils selbstbestimmte Akteure.

Dabei wird betont, dass die Landwirtschaft – abhängig von der jeweiligen Region – nur einen Teil der beruflichen und sozialen Realität dieser Gruppe ausmachte. Bauern waren Handwerker, Viehzüchter und Händler, die mobil und adaptionsfähig in ganz Russland ländlichen und zunehmend auch städtischen Lebenswelten ihren Stempel aufgedrückt haben. Diese agency betont Gorshkov auch für die Zeit der Leibeigenschaft. Seit Beginn des 16. Jahrhunderts wurde schrittweise die Bewegungsfreiheit der Bauern eingeschränkt und dennoch ließ ihnen die Rechtslage Raum für wirtschaftliche Eigeninitiative. Ein Viertel aller Leibeigenen migrierte nach 1649 noch immer in einem überschaubaren Radius zwischen den Landgütern und sofern die ständigen Abgaben an den Gutsbesitzer gezahlt werden konnten, waren auch unternehmerische Aktivitäten nicht ausgeschlossen.

Als Landwirte reagierten Bauern äußerst flexibel auf Umwelteinflüsse. Durch den Anbau diverser Sorten und den Einsatz spezifischer, den Umweltbedingungen angepasster Agrartechniken agierten Bauern bis ins 19. Jahrhundert so effizient wie nur möglich. Weder die Leibeigenschaft noch die periodische Umverteilung des genutzten Bodens innerhalb der Dorfgemeinschaft (obščina) wirkten hier als Innovationsbremsen. Als Textilunternehmer, Handelsreisende und Handwerker wurden sie zu Trägern der russischen Protoindustrialisierung. Als Beleg führt Gorshkov tausende Erfolgsgeschichten von Unternehmern mit bäuerlichen Wurzeln an, die im Laufe des 18. Jahrhunderts den Kern einer späteren russischen Mittelschicht bilden sollten. Darüber hinaus seien gerade diese Bauern, kraft ihrer Mobilität wichtige Exponenten einer bäuerlichen „civil society“ gewesen. Damit meint er den Interaktionsraum zwischen „state and society“ (S. 111). Bauern prägten diesen Raum über geschriebene Petitionen, physischen Protest oder eben über Mundpropaganda auf den Märkten („popular journalism“, S. 114).

Russlands Gesetzgeber haben auf die gestiegene wirtschaftliche Bedeutung dieser Bevölkerungsgruppe reagiert und im frühen 19. Jahrhundert die Aktions- und Bewegungsräume für wirtschaftlich ambitionierte Bauern geweitet und insbesondere versucht, die Beziehungen zwischen Gutsbesitzern und Leibeigenen stärker zu regulieren. Der Erlass zur Aufhebung der Leibeigenschaft sei nur die finale Konsequenz dieser Politik gewesen, die, in Form der Redaktionskommission in den späten 1850er-Jahren, wichtige Impulse aus der bäuerlichen „Zivilgesellschaft“ mit verarbeitet habe. Belege für einen solchen Transfer bleibt Gorshkov schuldig.

Für die Nachreformzeit nach 1861 ergibt sich ein eher ambivalentes Bild. Angesichts der regionalen Vielfalt vermeidet Gorshkov ein abschließendes Urteil über die wirtschaftliche Lage der Bauern in dieser Epoche. Industrialisierung und Bevölkerungswachstum setzten die Bauernschaft wirtschaftlich unter Druck. Zugleich ergaben sich über den Ausbau von lokalen Selbstverwaltungsorganen (zemstva) und Agrarkooperativen sowie über die stärkere wechselseitige Durchdringung von urbanen und ruralen Räumen Bildungs- und somit Aufstiegsmöglichkeiten. Diese Spannung bereitete den Boden für Reformen und Revolutionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Für die Zeit zwischen 1905 und 1917 betrachtet Gorshkov die Bauern als politische Kraft. Einerseits erhöhten diese durch Unruhen den Druck auf die Autokratie, in der Landfrage eine wirtschaftlich tragfähige und für Bauern versöhnliche Lösung zu finden. Andererseits organisierten sie sich in Verbänden und wurden von Teilen der Linken als Schlüsselgruppe des politischen Wandels entdeckt. Je länger die Forderungen nach Umverteilung unbeantwortet blieben, umso stärker habe sich die Bauernschaft radikalisiert. In den ersten Monaten nach der Februarrevolution bremsten jedoch selbst die lokalen Sowjets, aber auch Landbesitzerverbände (aus allen Schichten) jeden Versuch aus, die Eigentumsverhältnisse komplett auf den Kopf zu stellen. Als auch die provisorische Regierung in die Krise geriet, schlug diese Auseinandersetzung in offene Gewalt um.

Mit dem Auftritt der Bolschewiki im Herbst vollzieht der Autor einen Perspektivwechsel. An die Stelle bäuerlicher „ecology“ trat bolschewistische „Realpolitik“. Gorshkovs Geschichte der bäuerlichen agency endet hier, als die Bolschewiki machtpolitische und ideologische Prämissen zunächst mit Gewalt und dann mit Reformversprechen gegenüber den Bauern durchzusetzen versuchten. Lenins „Dekret über Grund und Boden“ erwies sich als Problem, als die Bolschewiki die Kontrolle über die Anbauflächen zurückgewinnen wollten. Nahrungsbrigaden organisierten Getreiderequirierungen auf dem Land, um die Versorgungslage in den Städten zu stabilisieren. Widerstand dagegen beantworteten die neuen Machthaber mit dem Einsatz von Armee und Geheimpolizei. Mit Terror sollten die Kontrolle über den Agrarsektor und zugleich der militärische Sieg gesichert werden. Lenins „Kriegskommunismus“ führte in ein Patt mit der Landbevölkerung, der nur über das Zugestehen privatwirtschaftlicher Freiheiten im Rahmen der Neuen Ökonomischen Politik aufgelöst werden konnte. Das Grundproblem der Diskrepanz zwischen Agrarproduktion und Industriekonsumption konnte indes nicht gelöst werden. Stalins „realpolitische“ Antwort zum Ende der 1920er-Jahre war dann die gewaltsame Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und die folgenreiche Zerstörung der bestehenden Sozial- und Wirtschaftsformen des bäuerlichen Russlands. Ohne Rücksicht auf die menschlichen und wirtschaftlichen Folgen trieben Brigaden aus Geheimpolizei und Freiwilligen Millionen Menschen in die Kolchosen bzw. deportierten sie in die Verbannung. Bolschewistische Realpolitik vernichtete das produktive Potenzial einer ganzen Bevölkerungsgruppe. Dass Bauern auch Akteure der Kollektivierung waren, ignoriert Gorshkov. Stattdessen pflegt er das überkommene Narrativ von der Landbevölkerung als Verfügungsmasse sowjetischer Machtpolitik.

Boris Gorshkovs Erzählung vom Bauern in ihrer Umwelt bietet gerade studentischen Leser/innen einen Einblick in die Diversität bäuerlicher Lebenswelten. Das Buch verdeutlicht, welchen Einfluss Bauern unter gegebenen Umständen auf ihr Schicksal nehmen konnten und in welchem Maße Beruf und Sozialgefüge von Umweltfaktoren abhingen. Leider versammelt Gorshkov unter seinem Umweltbegriff wahllos alle möglichen natürlichen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge, so dass unklar bleibt, was er eigentlich darunter versteht. Wichtiger noch: der berechtigte Wunsch nach einer ausdifferenzierten Sicht auf bäuerliche Handlungsspielräume schlägt zum Teil ins andere Extrem um. Gorshkov generalisiert einzelne Erfolgsgeschichten über sozialen Aufstieg und marginalisiert institutionelle, politische und rechtliche Hürden, die für die Mehrzahl der Bauern vor und auch teils nach 1861 unüberwindbar blieben. Zehntausende Bauern, die noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Handelslizenz erhielten, müssen im Verhältnis zu über zehn Millionen (männlichen) Leibeigenen gesehen werden, die diese Möglichkeit nicht wahrnehmen wollten und/oder konnten. Gleiches gilt für die vereinzelte temporäre Aufhebung der Leibeigenschaft auf Antrag in den 1820er-Jahren. Der herausgestellte Gegensatz von „ecology“ und Realpolitik unterschlägt, dass Bauern auch vor 1917 Objekte der Machtpolitik waren – und nach 1917 nicht aufhörten, handelnde Subjekte zu sein.

Darüber hinaus zieht sich das Thema einer „arroganten und elitären“ Historiographie (S. 209), die dem Bauern seine Stimme entzogen habe (und entziehe), durch das gesamte Buch. Der Verfasser unterstellt einer ganzen Forschungsdisziplin, von der beruflichen und sozialen Diversität russischer Bauern keine Notiz zu nehmen. Dabei sind Behauptungen, dass etwa keine Studie bisher die Auswirkungen der Umwelt auf die bäuerliche Lebensweise untersucht habe, schlichtweg falsch – unabhängig davon, welchen Umweltbegriff man dafür anlegt.[1] Argumente wie der Anteil der Bauern an der Protoindustrialisierung sind längst Forschungskonsens.[2] Ein solche Verzerrung des Forschungsstandes mag der Eitelkeit des Autors geschuldet sein: „Recentely, a number of historians, including myself, have challenged the old paradigm“ (S. 208). Er unterschlägt damit aber auch seinen Lesern, dass die historische Russlandforschung längst neue Wege geht und die Vielfalt bäuerlicher Lebens- und Arbeitswelten auch über Mikrostudien zu einzelnen Landgütern erforscht.[3]

Anmerkungen:
[1] David Moon, That Plough that Broke the Steppes: Agriculture and Environment on Russia’s Grasslands, 1700–1914. Oxford 2014.
[2] Edgar Melton, Proto-Industrialization, Serf Agriculture and Agrarian Social Structure. Two Estates in Nineteenth Century Russia, in: Past and Present 115 (1987), S. 69–106, bes. S. 71.
[3] Tracy Dennison, The Institutional Framework of Russian Serfdom. Cambridge 2011.

Zitation
Immo Rebitschek: Rezension zu: : Peasants in Russia from Serfdom to Stalin. Accommodation, Survival, Resistance. London  2018 , in: H-Soz-Kult, 13.02.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29832>.
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13.02.2019
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