G. Sebald u. a. (Hrsg.): (Digitale) Medien und soziale Gedächtnisse

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Titel
(Digitale) Medien und soziale Gedächtnisse.


Hrsg. v.
Sebald, Gerd; Döbler, Marie-Kristin
Erschienen
Wiesbaden 2018: Springer VS
Umfang
XI, 376 S.
Preis
€ 36,96
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nils Theinert, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Der Sammelband „(Digitale) Medien und soziale Gedächtnisse“ kann als eine Art Leistungsschau des soziologischen Instituts der FAU Erlangen-Nürnberg angesehen werden – insbesondere des dort verorteten DFG Graduiertenkollegs „Präsenz und implizites Wissen“. Sieben Mitglieder des Kollegs – darunter auch Mitherausgeberin Marie-Kristin Döbler – tragen Aufsätze zum Sammelband bei. Herausgeber Gerd Sebald (ebenfalls Erlangen) profilierte sich bereits in mehreren Publikationen im Feld der Wissens- und Gedächtnissoziologie. Viele Beiträge scheinen zudem auf Vorträge der Tagung „(Digitale) Medien und Gedächtnis“ zurückzugehen, die 2016 in Erlangen stattfand.[1]

Döbler und Sebald zufolge gelte es zu bestimmen, wie sich soziale Gedächtnisse durch den (digitalen) Medienwandel verändern (S. 15). Sie grenzen drei Aspekte von Medialität voneinander ab, denen auch die elf Beiträge des Sammelbandes zugeordnet werden. Das erste Untersuchungsfeld bilden digitale Plattformen auf denen digitale Kommunikation vernetzt und kanalisiert wird, das zweite den Film als „zentrales Medium moderner Gesellschaften“ (S. 15) und das dritte „(hyper-)textuelle und bildhafte Medien“ (S. 15). Diesen drei Teilen ist ein theoretischer Abschnitt mit zwei Beiträgen zur Einordnung bereits bestehender theoretischer Konzeptionen über Medien und Gedächtnis vorgeschaltet. In diesem entwickelt Sebald einen gedächtnissoziologischen Zugang zum Thema und definiert zentrale Begriffe wie Gedächtnis, Erinnerung, Sinn und Medien. Vivien Sommer fragt in ihrem besonders für Einsteiger/innen in das Thema hilfreichen Beitrag danach, wie digitale Erinnerungsprozesse medienwissenschaftlich theoretisiert werden können. Als Grundlage dienen ihr die Überlegungen von Friedrich Krotz zum Medienwandel und José van Dijcks Konzept mediatisierter Erinnerungen.[2] Im Folgenden sollen einige Beiträge näher beleuchtet werden.

Christofer Jost eröffnet den Abschnitt über digitale Plattformen. Er wendet sich Cover-Performances populärer Songs auf YouTube zu. In ihrer Gesamtheit sei in den Videos eine „kollektive Gedächtnisleistung“ zu erblicken. Bestimmte Songs würden dabei „in der expressiven, emotionalisierenden Darbietung in der Gegenwart re-legitimiert werden“ (S. 84). Das zunächst überraschende genreübergreifende Repertoire vieler Performer/innen führt Jost auf das Motiv des persönlichen Erinnerns an die eigene musikalische Sozialisation zurück. Zuschauer/innen und Performer/innen begegneten sich auf Basis „einer im Biographischen wurzelnden Identifikation mit einzelnen Musikerzeugnissen“ (S. 101).

Aufbauend auf Niklas Luhmanns Konzept der Public Opinion/Public Memory analysiert Laura Vorberg die Rolle des Kurznachrichtendienstes Twitter im Vorwahlkampf der Republikaner im Jahr 2016. Anhand des sogenannten ‚Rubio Glitch‘ zeigt sie auf, wie Diskurse in sozialen Medien massenmediale Kommunikation beeinflussen. Twitter kreiere eine “fluctuating partial public sphere” (S. 108), in der eine Beobachtung zweiter Ordnung stattfinde: Die Massenmedien beobachten die Reaktionen auf massenmedial konstruierte Inhalte in sozialen Medien und richten ihre Berichterstattung wiederum daran aus. Es handelt sich folglich um ein Wechselspiel. Der neue Einfluss sozialmedialer Diskurse, so Vorberg, stelle eine “significant novelty in the systems’ logics of observation and communication“ (S. 118) dar. Das klassische, von Luhmann geprägte Modell massenmedialer Kommunikation und Wirklichkeitsproduktion bedürfe also der Modifikation.

Anhand der Entwicklung von Hashtags zu den Terroranschlägen in Paris 2015 zeigt Anna Zeitler die Vermischung privaten und öffentlichen Erinnerns zu mediatisierten Erinnerungen auf. Diese rahmten die Anschläge in Paris „als das 9/11 Europas“ (S. 123) ein und konnten Zeitler zufolge wie Bilder ebenfalls eine ikonenhafte Wirkung erzeugen. An den sich wandelnden Hashtags (#fusillade über #prayforparis zu #jesuisparis) werde deutlich, wie „im kollektiven Gedächtnis verankerte ‚Analogereignisse‘“ (S. 135) (hier: vergangene Anschläge) als „Vergleichsfolie“ dienten und anhand des aktuellen Ereignisses (re-)aktualisiert würden. Soziale Medien ließen sich daher auch als Generatoren des kommunikativen Gedächtnisses begreifen.

Horst-Alfred Heinrich und Julia Gilowsky erkunden die bislang kaum erforschte Schnittstelle von kommunikativem und kulturellem Gedächtnis. Mithilfe eines Mikro-, Meso-, und Makromodells untersuchen sie die Diskussionsseite zum Lemma „Weiße Rose“ der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Die Diskussionsseite eines Artikels könne „als Forum zum Austausch historiographischer Interpretationen“ angesehen werden (S. 160) und sei daher eine Schnittstelle der Übersetzung von kommunikativem in kulturelles Gedächtnis. Ein wichtiger Beitrag der beiden Autor/innen liegt sicherlich auch in der online abrufbaren Erläuterung einer Methodik, Diskussionsseiten der Wikipedia für die Forschung zu nutzen.[3]

In einem facettenreichen, durch zahlreiche Quellen gestützten mediengeschichtlichen Aufsatz blickt Sigrun Lehnert auf die Berichterstattung über den Eichmannprozess in westdeutschen und ostdeutschen Kino-Wochenschauen im Jahr 1961 und ihre Gedächtniswirkung. Lehnert betont, dass durch den weitverbreiteten Einsatz von Wochenschau-Material in heutigen zeitgeschichtlichen Dokumentationen „die damalige Wirklichkeitsproduktion heute zur Historienproduktion“ (S. 258) genutzt werde. So beeinflusse das Material der Wochenschauen vor und nach 1945 bis heute als Gedächtnisinhalt Wahrnehmungsweisen und Erinnerungsprozesse. Lehnert ist absolut zuzustimmen und sie weist hier auf eine große Forschungslücke hin. Denn angesichts der mittlerweile bestehenden Möglichkeit auch fast jede deutsche Kriegswochenschau zwischen 1939 und 1945 unkommentiert auf dem Videoportal YouTube abrufen zu können, stellen sich folglich ganz neue Fragen nach der Reichweite und Wirkung derartiger Inhalte.

Den letzten Abschnitt zu Text und Bild eröffnet Jasmin Pfeiffer. Sie kombiniert Halbwachs‘ Modell der sozialen Bezugsrahmen mit Gérard Genettes literaturwissenschaftlichem Konzept des Paratextes. Besonders das Genre der Holocaust-Literatur fungiere als „kulturelles Artefakt“ (S. 288), das die Erinnerung wachhalten solle. Daher würden „Texte der Holocaust-Literatur in viel stärkerem Maß von Paratexten begleitet als andere fiktionale Texte“ (ebd.). Anhand zweier Webseiten, die sich mit Paul Celans Gedicht „Todesfuge“ auseinandersetzen, zeigt sie jedoch die Unmöglichkeit auf, im hypertextuell strukturierten Internet eine „lineare, vorhersehbare Lektüre durch den Rezipienten anzunehmen“ (S. 297). Dies erschwere „die Einordnung von [historischen] Artefakten in soziale Bezugsrahmen“ (ebd.).

Anhand der Plakatausstellung „Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme“ der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur von 2014 will Kristina Chmelar die Konstruktion von Geschichte „im Zusammenspiel von Bild und Text näher beleuchten“ (S. 300). Sie arbeitet in der Detailanalyse heraus, wie die Ausstellung unter Rückgriff auf jahrhundertealte Alteritätskonstruktionen von Russland den „Mythos Lenin“ dem „Mythos Wilson“ gegenüberstellt und so zwei „grundunterschiedliche Kulturräume“ (Westen/Osten) konstruiert (S. 323). Die Ausstellung verfolge so eine „Exklusionsstrategie“ (S. 324), die den Kommunismus „russifiziert“ und zu einer „‚asiatischen Tat‘“ werden lasse und so aus der europäischen Geistesgeschichte ausschließe (S. 325). Die kritische Analyse der Ausstellung überzeugt, allerdings ist eine Prämisse Chmelars diskussionswürdig. So geht sie davon aus, dass staatliche Ausstellungen (und darunter versteht sie alle Einrichtungen, die mit öffentlichen Mitteln getragen werden) als „hegemoniale Artikulationen“ (S. 310) verstanden werden können, die nach „Breitenwirkung“ strebten. Dem soll hier nicht gänzlich widersprochen werden. Es ist jedoch fragwürdig wie viel Erklärungspotenzial es bietet, alle Ausstellungen, die mit öffentlichen Mitteln finanziert wurden, gleichzusetzen. In jedem Fall stellt sich die Museums- und Ausstellungslandschaft heterogener dar, als es das Attribut „staatlich“ vermuten ließe. Den unterschiedlichen und spezifischen personellen und politischen Rahmenbedingungen hinter Museen und Ausstellungen (egal ob staatlich oder nicht) wird sie jedenfalls nicht gerecht und auch sogenannte staatliche Ausstellungen können „gegenhegemoniale Artikulationen“ (S. 299) anbieten.[4]

Bei der Breite und Vielschichtigkeit des Themas können Leerstellen nicht ausbleiben. So wäre ein Hinweis wünschenswert gewesen, warum etwa der Spielfilm und das Kino einen eigenen Abschnitt im Sammelband erhalten (Teil III: Film), das Fernsehen und das Radio, als wichtige Produzenten gesellschaftlicher Wirklichkeitsvorstellungen und mithin des sozialen Gedächtnisses, jedoch nicht (eine Ausnahme stellt Sigrun Lehnerts Aufsatz dar, in dem die Kino-Wochenschauen auch in der Medienlandschaft der frühen 1960er-Jahre kontextualisiert werden). Dies schmälert jedoch nicht die Qualität der einzelnen Beiträge, die leider nicht allesamt erwähnt werden konnten. Der gesamte Sammelband bietet einen überaus facettenreichen Einblick in die Gedächtnisforschung und kann so als hilfreicher Ideengeber für Forschende und Studierende der Gedächtnissoziologie, Memory Studies, Geschichtsdidaktik und Public History dienen.

Anmerkungen:
[1] Marie-Kristin Döbler, Tagungsbericht: (Digitale) Medien und Gedächtnis. Jahrestagung des Arbeitskreises "Soziales Gedächtnis-Erinnern-Vergessen" der DGS-Sektion "Wissenssoziologie", 17.03.2016 – 18.03.2016 Erlangen, in: H-Soz-Kult, 27.06.2016, www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6580 (10.12.2018).
[2] Das Konzept der Mediatisierung firmiert in der Mediengeschichte angesichts der historischen Besetztheit des ersten Begriffes auch unter dem Begriff „Medialisierung“ oder schlichtweg „Medienwandel“; zum Konzept der mediatisierten Erinnerungen siehe: José van Dijck, Mediated Memories in the Digital Age, Stanford 2007.
[3] Horst-Alfred Heinrich / Julia Gilowsky, Inhaltsanalyse der Wikipedia-Diskurssionsseiten zur Weißen Rose. Forschungsdokumnetation, https://opus4.kobv.de/opus4-uni-passau/frontdoor/index/index/year/2017/docId/480 (10.12.2018).
[4] Siehe hierzu etwa: Die Kritik der Leiterin des (staatlichen) Friedrichshain-Kreuzberg Museums, Natalie Bayer, an der Ausstellung „Einwanderungsland Deutschland“ vom Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn im Jahr 2014: Natalie Bayer / Mark Terkessidis, Über das Reparieren hinaus. Eine antirassistische Praxeologie des Kuratierens, in: Dies. / Belinda Kazeem-Kamiński / Nora Sternfeld, Kuratieren als antirassistische Praxis, Berlin 2017, S. 53–72.

Zitation
Nils Theinert: Rezension zu: Sebald, Gerd; Döbler, Marie-Kristin (Hrsg.): (Digitale) Medien und soziale Gedächtnisse. Wiesbaden  2018 , in: H-Soz-Kult, 10.01.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29897>.
Redaktion
Veröffentlicht am
10.01.2019
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