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Titel
Lothar I. (795-855) und das Frankenreich.


Autor(en)
Schäpers, Maria
Erschienen
Köln 2018: Böhlau Verlag
Umfang
801 S.
Preis
€ 110,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Patrick Breternitz, Historisches Institut, Universität zu Köln

Mit der Bonner Dissertation von Maria Schäpers liegt die erste biographische Studie über Lothar I., den ältesten Sohn Ludwigs des Frommen, vor. Zwei weitere Dissertationen zu Lothar, einmal mit Schwerpunkt auf den diplomatischen Quellen, einmal mit Fokus auf den erzählenden Quellen, sind bereits abgeschlossen, aber noch nicht publiziert.[1] Lothar, dessen Mittelreich nach dem Tod seines gleichnamigen Sohnes zwischen seinen beiden Brüdern Ludwig dem Deutschen und Karl dem Kahlen aufgeteilt werden sollte, stand in der Forschung lange im Hintergrund hinter seinen jüngeren Brüdern. Dies dürfte nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass seinem Mittelreich keine lange Geschichte beschieden war. Für Ludwig[2] und Karl[3] hingegen liegen schon seit einigen Jahren Biographien vor und auch die Zahl der einschlägigen Studien zu ihnen übersteigt diejenigen zu Lothar bei weitem. Allein Lothars italienischen Kapitularien ist bisher eine monographische Studie gewidmet worden.[4]

Die Problematik, eine frühmittelalterliche Persönlichkeit zu fassen, betont Schäpers bereits in ihrer Einleitung. Ihre Arbeit möchte sie daher auch weniger als eigentliche Biographie im engeren Sinne denn als Beitrag zur Erforschung der fränkischen Geschichte zwischen 795 und 855 aus der Sicht Lothars verstanden wissen, was sich bereits im Titel des Buches andeutet (S. 15). Damit beugt Schäpers erfolgreich der Gefahr vor, ihren Protagonisten, dessen Lebensweg nicht nur von Erfolgen gekennzeichnet ist, zu rechtfertigen und gegen manches harsche Urteil der Quellen und der Forschung zu verteidigen. Lothars Leben verlief alles andere als geradlinig und das zu besprechende Buch zeichnet diesen Weg von der Geburt als Sohn des Unterkönigs von Aquitanien bis zum Tod als Mönch im Kloster Prüm chronologisch nach. Zunächst bietet Schäpers jedoch eine Einordnung in die Forschungsgeschichte und einen einleitenden Überblick über die wichtigsten Quellen, ihre Datierung und Intention.

Das zweite Kapitel, das Lothars Lebensweg bis einschließlich 829 nachzeichnet, behandelt von der Geburt bis in die Zeit unmittelbar vor der ersten Rebellion gegen Ludwig den Frommen recht heterogene Lebensabschnitte. Über Lothars Kindheit und Ausbildung ist nicht viel bekannt. Auch die wenigen Jahre, die er als Unterkönig in Bayern verbrachte, bleiben größtenteils dunkel. Besser greifbar sind Lothars italienische Aufenthalte der 820er-Jahre. Schäpers betont zu Recht, wie schwer der Handlungspielraum Lothars und der Einfluss der ihm von seinem Vater zur Seite gestellten Berater in dieser Zeit abzuschätzen seien.

Die Konflikte der Söhne Ludwigs des Frommen mit ihrem Vater sind Thema des dritten Kapitels. Hier geht Schäpers nicht nur auf die beiden Rebellionen selbst, sondern auch sehr ausführlich auf Lothars langen Aufenthalt in Italien 834 bis 840 ein, dem bisher von der Forschung eher wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Mit der jüngeren Forschung sieht Schäpers die erste Rebellion als von einem Bündel von Problemen und Motiven verursacht. Lothar sei zwar nicht der Initiator dieser Rebellion gewesen, doch habe er die größte Verantwortung für die Vorgänge übernommen. Die zweite Rebellion deutet sie als innerdynastischen Machtkampf, betont jedoch auf der anderen Seite auch, dass Lothar und seine Brüder nicht nur eigene Interessen verfolgt hätten, sondern auch ihre Anhänger nicht hätten enttäuschen dürfen (S. 253f.).

Anschließend widmet sich Schäpers im vierten Kapitel den auf Ludwigs Tod 840 folgenden Auseinandersetzungen Lothars mit seinen Brüdern, die in der blutigen Schlacht von Fontenoy gipfelten. Was die Schlacht selbst betrifft, wendet sie sich mit Martin Clauss gegen die Rekonstruktion des eigentlichen Schlachtgeschehens durch Adelheid Krah und sucht in den berichtenden Quellen vielmehr Deutungsabsichten ihrer Autoren als Informationen über die historische Wirklichkeit.[5]

Für den konfliktreichen Zeitraum von Ludwigs Tod bis zum Vertrag von Verdun liegen noch Quellen aus dem Lager Lothars vor. Im folgenden Kapitel über Lothars Herrschaft im Mittelreich von 843 bis 855 zeigt sich zunehmend das von Schäpers auch thematisierte Problem, dass die erzählenden Quellen vor allem die Perspektive von außen auf das Mittelreich bieten (S. 451). Für diese Zeit legt Schäpers ebenfalls einen deutlichen Schwerpunkt auf Lothars Verhältnis zu seinen Brüdern. Was die inneren Verhältnisse im Mittelreich angeht, werden die Urkunden zur wichtigsten Quellengruppe. Aber auch sie erlauben es, das Itinerar Lothars nur in Ansätzen nachzuvollziehen.

Im Vergleich zu den bisherigen sehr ausführlichen Kapiteln nimmt das sechste Kapitel über Lothars Klostereintritt in Prüm und seine Nachfolgeregelung relativ wenig Raum ein. Schäpers differenziert zwischen dem Wunsch Lothars, in Prüm begraben zu werden, und seinem Streben nach einem Eintritt ins Kloster. Auf dieser Grundlage plädiert sie dafür, dass Lothar erst spät den Entschluss zum Klostereintritt gefasst und nicht schon nach dem Tod seiner Frau Irmingard 851 zielstrebig darauf hingewirkt habe. Die Frage, ob Lothars Einsatz für sein Seelenheil durch eine bestimmte in seinem Leben begangene Sünde motiviert war – seien es die Rebellionen gegen seinen Vater oder die Kämpfe mit seinen Brüdern – lässt Schäpers offen. Ein Schlusskapitel fasst Lothars Lebensweg noch einmal zusammen. Abgeschlossen wird das Werk durch ein fast hundertseitiges Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Orts- und Personenregister.

Ihrem Anspruch, möglichst alle Aspekte aus Lothars Lebens zur Sprache zu bringen (S. 16), wird Schäpers mehr als gerecht. Bei den Aspekten, zu denen keine oder nur spärliche Quellen vorliegen, versucht Schäpers den Fall Lothar mithilfe von Kontextualisierungen und Analogien zu vergleichbaren Parallelfällen zu beleuchten. Für die künftige Forschung über die Zeit Ludwigs des Frommen und seiner Söhne wird die ausgewogene, mit neuen Deutungen zurückhaltende Synthese sicherlich eine wichtige Grundlage bilden, wie die Autorin es sich auch selbst erhofft (S. 669).

Eine Biographie Lothars I. war lange Zeit ein Desiderat der Forschung. Diese Forschungslücke ist durch das Buch Maria Schäpers’ nun geschlossen. Dass mittlerweile schon drei biographische Studien über Lothar als Dissertationen abgeschlossen wurden, hätte vor einigen Jahren sicherlich niemand zu prognostizieren gewagt. Es bleibt zu hoffen, dass auch die Dissertationen von Elina Screen und Leonardo Sernagiotto bald im Druck erscheinen und die Forschung über Lothar noch weiter stimulieren.

Anmerkungen:
[1] Von Schäpers schon ausgewertet ist die Dissertation von Elina M. Screen, The Reign of Lothar I (795–855). Emperor of the Franks. Through the Charter Evidence, Diss. Cambridge 1999. Noch nicht von Schäpers rezipiert werden konnte die Dissertation von Leonardo Sernagiotto, Spes optima regni. L’azione politica di Lotario I (795–855) alla luce delle fonti storico-narrative del secolo IX, Diss. Trient 2017 (<http://eprints-phd.biblio.unitn.it/2097/>, 30.04.2019). Sernagiotto lässt seine Darstellung mit dem Vertrag von Verdun im Jahr 843 enden.
[2] Wilfried Hartmann, Ludwig der Deutsche, Darmstadt 2002; Eric J. Goldberg, Struggle for Empire. Kingship and Conflict under Louis the German. 817–876, Ithaca 2006.
[3] Janet L. Nelson, Charles the Bald, London 1992.
[4] Mathias Geiselhart, Die Kapitulariengesetzgebung Lothars I. in Italien, Frankfurt am Main 2002.
[5] Adelheid Krah, Die Entstehung der potesta regia im Westfrankenreich während der ersten Regierungsjahre Kaiser Karls II. (840–877), Berlin 2000, S. 77–86; Martin Clauss, Kriegsniederlagen im Mittelalter. Darstellung – Deutung – Bewältigung, Paderborn 2010, S. 67–79.

Zitation
Patrick Breternitz: Rezension zu: : Lothar I. (795-855) und das Frankenreich. Köln  2018 , in: H-Soz-Kult, 22.05.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29899>.
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Veröffentlicht am
22.05.2019
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