J. Auderset (u.a.): Die Agrarfrage in der Industriegesellschaft

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Titel
Die Agrarfrage in der Industriegesellschaft. Wissenskulturen, Machtverhältnisse und natürliche Ressourcen in der agrarisch-industriellen Wissensgesellschaft (1850–1950)


Autor(en)
Auderset, Juri; Moser, Peter
Erschienen
Wien 2018: Böhlau Verlag
Umfang
341 S.
Preis
€ 45.00
Clemens Zimmermann, Kultur- und Mediengeschichte, Universität des Saarlandes

Mit ihrem Buch zur „Agrarfrage in der Industriegesellschaft“ legen Juri Auderset und Peter Moser (Mitarbeiter und Leiter des Berner Archivs für Agrargeschichte) eine eingehende Studie an der Schnittstelle von Agrar- und Wissenschaftsgeschichte vor und verorten diese in einer doppelten Perspektivierung in einem breiteren historischen Kontext:

In agrargeschichtlicher Perspektive geht es ihnen um die Potenziale von Intensivierungs- und Rationalisierungsstrategien und deren Einsatz in der bäuerlichen Landwirtschaft. Den Prognosen von Karl Kautsky in seiner „Agrarfrage“ von 1899 zufolge war diese nur durch die Übernahme industrieller und großbetrieblicher Produktionsmethoden zukunftsfähig und schien historisch bereits am Verschwinden. Hingegen zeigte sich in weiten Teilen Westeuropas – in diesem Fall der Schweiz –, dass die mittelbäuerlichen Familienwirtschaften bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts nicht nur überlebten, sondern durch die allmähliche Implementierung technischer und prozessualer Innovationen zu erheblichen Leistungssteigerungen in der Lage waren. Sogar die Kleinbauernbetriebe erwiesen sich noch lange als überlebensfähig. Die bäuerlichen Schichten insgesamt blieben trotz des zunehmenden Vordringens der industriellen Klassengesellschaft über mehrere Jahrzehnte hinweg relevant. Ihre politischen Vertreter nahmen bedeutenden Einfluss auf Marktordnungen und Sozialpolitik, und in den ländlichen Gesellschaften dominierten sie noch lange die Entscheidungen über die kommunalen Ressourcen.

Wissenschaftsgeschichtlich gesehen vollziehen die Autoren in ihrer Darstellung die bedeutendsten Innovationsschritte einer „agrarischen Wissensgesellschaft“ nach. Die als Beispiele herangezogenen Prozess- und Produktinnovationen werden weniger als (räumlich agierende) Diffusionsgeschichte, sondern als Ergebnis von systematischer Forschung und Entwicklung verstanden, die wiederum meist staatlich induziert und den bäuerlichen Betriebsinhaber/innen als öffentliches Gut zur Verfügung gestellt wurde. Die neuen Produktionsmethoden, die sich im Rahmen einer im Untersuchungsgebiet der Schweiz merkwürdig stabil erscheinenden Sozialordnung und im Kontext des modernen Interventionsstaates vollzogen, zeitigten bedeutende materielle Ergebnisse. Insbesondere erreichte man eine erhebliche Steigerung von Hektarerträgen und Milchleistungen sowie eine Verstetigung der Produktionsleistungen. Ferner war es möglich, durch standardisierte Erzeugnisse die immer bedeutendere und in der Tat industrialisierte Nahrungsmittelindustrie zuverlässig zu beliefern.

Um ihre Thesen zu demonstrieren, wählen Auderset und Moser fünf empirische Bereiche aus:

Zum Ersten die Einführung von Buchhaltung auf den Höfen sowie die Etablierung ökonomisch-statistischer Verfahren im gesamten Wirtschaftsbereich, die darauf abzielten, die Kategorie expliziter Rentabilität im Bewusstsein und als Praxis bei den Produzenten selbst zu verankern.

Zum Zweiten geht es um „agrikulturelle Technologie“, d.h. das Wechselverhältnis von „natürliche(n) Ressourcen und die Ambivalenz von Maschine und Motor“. Hier wird auf – sich schrittweise vollziehende – Mechanisierungsprozesse abgehoben, insbesondere die Ersetzung von tierischer Arbeitskraft durch den Einsatz von Elektrizität und die – jedenfalls im Vergleich zu den USA – verzögerte Traktorisierung der Betriebe. Letztere war bekanntlich auch dem Prestige- und nicht nur dem Effizienzdenken der Agrarbevölkerung geschuldet: Solche gemischten Motivationen interessieren die an ‚Objektivität‘ interessierten Autoren allerdings wenig. Die anfänglichen „industriellen Motorenträume“ schlugen sich in einer erfolgreichen und pragmatischen Praxis nieder, freilich mussten die Bauern, die sich in „Landwirte“ transformierten, einen hohen Preis dafür bezahlen: Sie wurden von den Zulieferungen externer Technologien und der Antriebsenergie (Diesel) abhängig und mussten ihre steigenden Erträge und Einkünfte größtenteils dafür aufwenden, die notwendigen Investitionen in Maschinen und Infrastruktur zu bezahlen. Hierdurch wurden sie jedoch noch stärker vom Markt abhängig, oder positiv ausgedrückt: Sie konnten Marktchancen (im Rahmen einer stark regulierten schweizerischen Marktordnung) wahrnehmen. Außerdem musste die Handhabung der neuen Technologie erst erlernt werden: Bei ihrer Einführung waren etliche Hemmnisse zu überwinden, die aber offensichtlich, wenn man der Studie von Auderset und Moser folgt, nicht ins Gewicht fielen. Ob allerdings nicht doch etliche Betriebe im Zuge dieser Umstellungen und Investitionen oder wegen alternativer (industrieller) Einkommensquellen aufgaben und Verluste an bäuerlicher Substanz zu verzeichnen waren, wird wenig herausgearbeitet.

Zum Dritten wird untersucht, wie durch eine sich ständig an lokale ökologische Bedingungen anpassende Genetik – zunächst durch die Allokation von Erkenntnissen Mendels – neue ertragreichere, sicherere und (trotz unterschiedlicher ökologischer Bedingungen) generalisierbarere Getreidesorten entwickelt werden konnten. Hier bewegen sich die Verfasser im Bereich der klassischen Wissenschaftsgeschichte: Es geht ihnen nämlich um die Frage, wie die Labore aussahen, welche Forscher und politischen Akteure (in der Schweiz) die Aushandlung unterschiedlicher Konzepte der Pflanzenzüchtung beeinflussten und welche wissenschaftlichen Kontakte gepflegt wurden. In den Blick genommen werden hier vor allem diejenigen mit Frankreich, Deutschland, Skandinavien und den USA. Insgesamt müsste man wohl diese Netzwerke, die in den erwähnten Ländern relativ synchron existierten, noch breiter untersuchen und in der Analyse höher gewichten. Letztlich stellte sich, folgt man Juri Auderset und Peter Moser, auch die Pflanzenzüchtung als eine Erfolgsgeschichte dar. Indes wurden die Betriebe langfristig von den Zulieferungen der Saatzuchtindustrie abhängig, wenngleich diese in der Schweiz zunächst über Jahrzehnte hinweg politisch kontrolliert und verbesserte Saaten als öffentliches Gut verstanden wurden. Dies bedeutete, dass – wie nicht ohne Genugtuung festgestellt wird – die schweizerischen Bauern zum jeweils bestgeeigneten Saatgut relativ vergleichbare Zugangschancen hatten, bis dann ein neoliberales Regime diesem Zustand 1977 mit einem Sortenschutzgesetz ein Ende setzte. Dies sei auf eine „eigentumsrechtliche Patentierung ehemals kollektiv genutzter [...] Ressourcen“ (S. 199) hinausgelaufen. Hier hätte man indes genaue Angaben darüber erwartet, wie sich die bäuerlichen Betriebe über den untersuchten Zeitraum hinweg mit Saatgut versorgten und wie sich die quantitative Verteilung zwischen eigenem und auf den Märkten bezogenen Saatgut entwickelte.

Zum Vierten untersuchen Auderset und Moser die Verbesserung und Effektivierung der Tierzucht: Gesucht und gefunden wurden im Zuge der „Rassenviehzucht“ sowohl klare Zuchtlinien als auch neue Reproduktionstechnologien.

Schließlich wird, zum Fünften, die „Fragmentierung und Marginalisierung des agrarisch-industriellen Wissensregimes in der dritten Agrarrevolution“ behandelt. Gemeint ist damit die Frage, wie das agrarische Wissen zwar weiter effektiviert wurde, aber immer mehr Chemie in den Boden kam, und wie seit den 1950er-Jahren bis etwa 1965 das ganze bisherige Wissenssystem erodierte und die Produzenten enteignet wurden, da sie nur noch vorgegebene Prozesse exekutierten. Auch die Entkopplung der Produktion von der Fläche bahnte sich nun an. Damit verschwanden, wie die Autoren unterstreichen, Bodenbewirtschaftung und Nutzung biotischer Ressourcen als autonome Kriterien von Landwirtschaft: Jetzt war nur noch von Kapitalintensität und Arbeitsauslastung die Rede, jedenfalls in den betriebswirtschaftlichen Anleitungen und Schriften.

Auderset und Moser legen mit ihrer Studie eine integrale Geschichte wissensorientierter Landwirtschaft der Schweiz (in der Zeit ihrer noch als „teilautonom“ zu beschreibenden Phase zwischen etwa 1890 und 1950/60) vor, die durch ihre souveräne Einbettung in die internationale Forschungsliteratur beeindruckt. Ihre Ergebnisse können zwar nicht einfach verallgemeinert werden, geben aber Konturen für die Analyse anderer agrarischer Wissensregime vor. Zwar ist in der entsprechenden Literatur mancher Einzelkomplex schon behandelt worden. Wie aber Agrarwissenschaftler, Biologen und andere Experten Hand in Hand arbeiteten und wie derart gewonnenes Wissen wiederum vom Labor ins Feld experimentierend transferiert wurde, hat man so genau noch kaum einmal gelesen. Insofern verdient die – sehr überzeugend illustrierte – Studie ebenso internationale Aufmerksamkeit.

Weniger zufrieden kann man mit den Ausführungen zum Modus der Transformation des gewonnenen Wissens in die allgemeine landwirtschaftliche Praxis sein. Zwar zeigen die Autoren an anschaulichen Beispielen, wie einzelne Bauern und Bäuerinnen zur Buchhaltung übergingen, und sie führen Exempel an, wie Landwirte an der Saatgutauswahl und damit an angewandter Forschung partizipierten. Letztlich aber erscheinen die Produzenten als Adressaten intendierter Reform, nicht als eigenständige Akteure. So gesehen ist die Behandlung des Themas „Getreidezüchtung als wechselseitiger Lernzusammenhang“ (S. 186–188) ausbaufähig. Wie sich darüber hinaus die Reformprozesse räumlich vollzogen und aufgrund welcher dörflicher Kommunikationsprozesse, wird kaum ersichtlich. Man hätte sich insofern die Integration einiger Mikrostudien gewünscht, die erkennen lassen, wer in der Bauernschaft und mit welchen Ergebnissen an der Pflanzenzuchtforschung beteiligt war, welche Rolle die Aneignung von populärwissenschaftlichen Traktaten und Demonstrationen der neuen Verfahren vor Ort spielten und wie Aktanten sich doch regelmäßig und nicht nur akzidentiell widerspenstig verhielten. So könnte der soziale Ort der Innovationen konkretisiert und der spezifischeren Frage nachgegangen werden, welche Konkurrenz zwischen dem Alltagswissen der Produzenten und dem wissenschaftlichen Wissen bestand, obwohl dieses ja bemerkenswerterweise als Handlungsanleitung konzipiert wurde.

Insgesamt erweist sich in der – musterhaft interdisziplinär angelegten – Studie die Klärung der institutionellen Bedingungen für angewandte Feldforschung als weiterführend. Ernährungswissenschaftliche Faktoren werden ebenso aufgegriffen wie Grundsatzfragen biologischer Technologien. Die ihr zugrundeliegenden Quellen, die bisher kaum einmal zur Kenntnis genommen wurden, werden anschaulich und ‚sprechend‘ eingesetzt. Die Geschichte der Landwirtschaft und ihrer Verwissenschaftlichung im 20. Jahrhundert erscheint in der Studie von Auderset und Moser im Rahmen der Rationalisierung von (kapitalistischer) Ökonomie. Sie stellt sich in den Kontext einer Gesamtgeschichte agrarischer Transition und zeigt familienwirtschaftliche Alternativen zu den fordistischen Entwicklungspfaden auf.

Zitation
Clemens Zimmermann: Rezension zu: : Die Agrarfrage in der Industriegesellschaft. Wissenskulturen, Machtverhältnisse und natürliche Ressourcen in der agrarisch-industriellen Wissensgesellschaft (1850–1950). Wien  2018 , in: H-Soz-Kult, 05.12.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29938>.
Redaktion
Veröffentlicht am
05.12.2018
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
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