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Titel
Gebrochener Glanz. Klassische Tradition und Alltagswelt im Spiegel neuer und alter Grabepigramme des griechischen Ostens


Autor(en)
Staab, Gregor
Erschienen
Berlin 2018: de Gruyter
Umfang
XII, 412 S.
Preis
€ 109,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Renate Lafer, Institut für Geschichte, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

Aus der griechisch-römischen Antike sind etwa 5.000 Steine mit griechischen Grabinschriften in Gedichtform erhalten. 19 größtenteils unedierte Texte aus dem kleinasiatischen Raum der letzten zehn Jahre werden nun in der vorliegenden Monographie in kommentierter Form vorgestellt. In einem theoretischen Teil werden darüber hinaus Entstehungsvoraussetzungen, Beziehungen zur Buchepigrammatik sowie die Einbettung von Epigrammen in die Alltagswelt unter Berücksichtigung des griechischen, östlichen Raumes diskutiert. Gregor Staab hat sich diesem Thema bereits in seiner Habilitationsschrift aus dem Jahr 2015/16 gewidmet, welche hier nun in überarbeiteter Form vorgelegt wird. Er kann dabei aus einem reichen Fundus schöpfen, stammen von ihm aus den letzten Jahren doch bereits zahlreiche Artikel zu diesem Themenkomplex.[1]

Im Zentrum der Betrachtungen stehen die im Zeitraum vom 7. Jahrhundert v.Chr. bis etwa 650 n.Chr. entstandenen Epigramme. Die Studie ist in zwei große Hauptteile gegliedert: im ersten wird auf die Entstehungsbedingungen in literar- und bildungshistorischer sowie kompositorisch-technischer Hinsicht hingewiesen. Im zweiten Teil ediert Staab 19 zum Teil unpublizierte Epigramme mit Interpretationen und Kommentaren.

Der erste, theoretische Teil seiner Studie ist in fünf Kapitel gegliedert: diese werden von Staab als „Literarhistorische Grundlagen“, „Alltagsweltliche Voraussetzungen“, „Homer zur Sublimierung der Alltagswelt“, „Nachhomerische literarische Tradition im Spiegel der Alltagsdichtung“ und „Epigraphische Muster: ,pattern-books‘ und Standardverse“ betitelt. Staab nähert sich dem Thema der Epigramme somit zunächst aus verschiedenen Perspektiven, welche Einblick in die Alltags- und Bildungswelt sowie Textproduktion geben. Im ersten Kapitel geht er zunächst der Frage nach den literarhistorischen Grundlagen der Epigrammatik nach. Darin werden die Ursprünge und Entwicklungen des inschriftlichen Epigramms, ihre Literarisierung in Sammlungen sowie die Beziehung der Epigramme zur Anthologia Graeca besprochen. Anschließend werden die alltagsweltlichen Voraussetzungen, soweit sie aus den Quellen fassbar sind, diskutiert. Aus der Auswertung der Epigramme wird hierbei ersichtlich, dass Homer in den Schulen Kleinasiens und in der Bildungswelt eine besondere Bedeutung zukam. In den Versinschriften spiegeln sich beispielsweise Bildungskarrieren von Literaten und Politikern oder soziale Stellungen von Lehrern wider. Insbesondere wurden homerische Formeln und Zitate bzw. Homerverse in den Grabepigrammen vielfach neben individuellen Informationen zur verstorbenen Person zitiert, was Staab im Kapitel „Homer zur Sublimierung der Alltagswelt“ sehr schön herausarbeitet. Als Beispiele dafür nennt er die häufige Bezugnahme auf Penelope als Mustergattin oder das Heranziehen von Achill als Paradigma des unvergänglichen Ruhms. In der „Nachhomerischen literarischen Tradition im Spiegel der Alltagsdichtung“ (Kapitel 4) zeigt sich schließlich für Staab einerseits eine teilweise mechanische Übernahme von Wendungen aus den Homerischen Epen, zum anderen ein Rückgriff auf andere Literaturgattungen etwa mit poetischen Spielereien. In seltenen Fällen finden sich auch Bezugnahmen auf Gestalten der hellenistischen Kultur- oder Literaturgeschichte mit Nennung von Politikern, Philosophen und Schriftstellern.

Die abschließende Frage, ob es in der Antike „pattern books“, also Musterhandbücher bzw. Vorlagen für die Erstellung von Epigrammen gab, verneint Staab unter Berücksichtigung der kleinasiatischen Epigramme. Seiner Studie zufolge bemühten sich die Dichter um selbständig kreierte Produkte, weshalb nur bei einem geringen Teil der Texte wörtliche Parallelen festzustellen seien. Musterhafte Vorlagen waren seiner Ansicht nach eventuell im italischen Raum verfügbar. Es sei allerdings davon auszugehen, dass sich gewisse Redewendungen vielfach tradierten, ohne dass dafür schematische Vorlagen vorhanden waren. Resümierend hält Staab daher dazu fest, dass aufs „Ganze gesehen […] von ,Musterbüchern‘ nur in einem sehr begrenzten Sinne gesprochen werden“ könne (S. 131).

Der zweite Teil seiner Studie ist der Edition von 19 in den letzten Jahren gefundenen Steinepigrammen gewidmet. Vorgestellt werden zunächst sieben Gladiatorenepigramme unter anderem aus Stratonikeia und Ephesos, sodann Epigramme, welche junge Mütter, Töchter und Söhne sowie Personen des öffentlichen Lebens wie Ärzte, Politiker oder Lehrer zum Inhalt haben. Alle Texte werden jeweils mit Übersetzung und ausführlichen philologischen und inhaltlichen Kommentaren präsentiert. Am Ende der Abhandlung folgt schließlich noch ein Appendix als Supplement zum fünfbändigen, von Merkelbach und Stauber herausgegebenen Corpus der „Steinepigramme aus dem griechischen Osten“ (SGO).[2] Darin werden jene metrischen Inschriften des griechischen Ostens aufgelistet sowie teilweise auch mit einem Kommentar versehen, auf welche Staab in seiner Arbeit Bezug nimmt, welche aber nicht im Corpus enthalten sind.

Resümierend lässt sich sagen, dass diese Studie sowohl einen wichtigen Beitrag zur Alltagsgeschichte und Bildungswelt in Kleinasien liefert, als auch durch die abschließende Präsentation von 19 Texten Einblick in die Epigramme selbst gibt. Staab zeigt damit eindrucksvoll, wie sich in den Epigrammen die Welt der Verstorbenen und der Auftragsgeber, aber auch des Publikums sowie der Dichter widerspiegelt, welche in den Inschriften mit den Anforderungen und Denkmustern der klassischen Tradition zusammentrifft.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. Gregor Staab, Zu zwei neuen Epigrammen aus Stratonikeia in Karien, in: Zeitschrift für Papyrologie und Epigrahpik 170 (2009), S. 35–42; ders., Epigramm auf eine Nemesisweihung und Sonnenuhr aus Oinoanda, in: Epigraphica Anatolica 42 (2009), S. 135–141; ders. / Georg Petzl, Vier neue Epigramme aus Lydien, in: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 174 (2010), S. 1–14; ders., Grabsteine aus Lykien mit neuen metrischen Inschriften, in: Epigraphica Anatolica 45 (2012), S. 38–46; ders., Grabepigramm für den in Tralleis verstorbenen jungen Arzt Molon aus Hyllarima, in: Epigraphica Anatolica 50 (2017), S. 9–16.
[2] Reinhold Merkelbach / Josef Stauber (Hrsg.), Steinepigramme aus dem griechischen Osten, 5 Bde., München 1998–2004.

Zitation
Renate Lafer: Rezension zu: : Gebrochener Glanz. Klassische Tradition und Alltagswelt im Spiegel neuer und alter Grabepigramme des griechischen Ostens. Berlin  2018 , in: H-Soz-Kult, 14.01.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29948>.
Redaktion
Veröffentlicht am
14.01.2019
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