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Titel
Wagner-Vereine und Wagnerianer heute.


Autor(en)
Vomberg, Elfi
Erschienen
Würzburg 2018: Königshausen & Neumann
Umfang
297 S.
Preis
€ 39,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernd Buchner, Redaktion "Ökumenische Information" (KNA-ÖKI), Katholische Nachrichten-Agentur, München

Die Oper als zeit- und kulturgeschichtliches Phänomen hat verstärkt die Aufmerksamkeit der Forschung gefunden.[1] Dabei beförderte ein genauerer Blick auf die enge Verbindung von künstlerischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen den ehemals beliebten Topos der „unpolitischen“ Kunst endgültig ins Reich der Mythen. Inzwischen liegt auch eine Reihe aufschlussreicher Beschreibungen von Orchestergeschichten in politisch brisanten Zeiten vor.[2] Musiktheater und Festspiele sind zu einem eigenen, inzwischen gut bestellten Forschungsfeld geworden, zumal sie disziplinenübergreifend angelegt werden können.[3] Die Bayreuther Wagner-Festspiele spielen darin eine besondere Rolle, weil die Dimensionen einer Operninstitution hier besonders eindrücklich aufgezeigt werden können.[4] Nicht zuletzt das Festspielpublikum ist in den Blick der Forschung geraten, was für deren Bandbreite auch in Richtung Kultursoziologie spricht.[5]

In diesen Zusammenhang stellt sich die Soziologin, Musik- und Literaturwissenschaftlerin Elfi Vomberg mit ihrer Studie über den Richard-Wagner-Verband International (RWVI). In ihrer an der Universität Bayreuth entstandenen Dissertation nimmt sie dessen Geschichte und vor allem dessen Gegenwart in den Blick. Mit Fragebögen sowie Einzelinterviews versucht sie zu ermitteln, wie die Mitglieder des Verbands in den USA, in Japan und Deutschland ihre Beziehung zu Wagner und seinem Werk betrachten, welche Motive sie für die Verbandszugehörigkeit haben, wie sie zum Begriff „Wagnerianer“ und zu den neuesten Entwicklungen in Bayreuth stehen. Ausgewertet hat sie neben dieser empirischen Grundlage und der Forschungsliteratur[6] auch Protokolle, Tonmaterial und weitere Dokumente (S. 31). Diese sind vom Verband erstmals für Forschungszwecke freigegeben worden und lagern künftig im Nationalarchiv der Bayreuther Richard-Wagner-Stiftung.

Der Richard-Wagner-Verband ist die größte Gemeinschaft unter den diversen Wagner-Vereinen und hat die ältesten Wurzeln. Im März 2016 gehörten ihm weltweit knapp 22.000 Mitglieder in 132 Ortsverbänden an. Zu Beginn stellt Vomberg die These auf, „dass sich das inhaltliche Interesse und die Wohltätigkeitsbestrebungen des Vereins zugunsten eines elitären Habitus sowie eigener Vorteile zum Beispiel durch den Erwerb von Karten für die Bayreuther Festspiele verschoben haben“ (S. 16). Diese Grundannahme ist nicht überzeugend. Schon im Patronatsverein, ohne den die Festspiele wohl nicht hätten gegründet werden können, herrschten elitärer Habitus und die Konzentration auf den Kartenerwerb. Der Patronatsschein war zugleich das Eintrittsbillet ins Festspielhaus. So verwundert es nicht, dass es in den Nachfolgeverbänden 1892 zu Verstimmungen kam, als die Festspiele erstmals ausverkauft waren und die Vereinswagnerianer nicht mehr automatisch Karten erhielten. Die Zahl der Mitglieder ging deutlich zurück: von 8.097 (1889) auf 3.726 (1896). Dies wiederholte sich mehr als ein Jahrhundert später, als der Bundesrechnungshof die intransparente Kartenzuteilung bemängelte. Der RWVI verlor erhebliche Kontingente, die Zahl der Mitglieder sank von rund 37.000 im Jahr 2003 auf 21.830 im Jahr 2016 (S. 10).

Formal ist der RWVI Nachfolger des Richard-Wagner-Verbandes deutscher Frauen, der 1909 in Leipzig gegründet worden war. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte die Wiedergründung als Richard-Wagner-Verband. 1991 schlossen sich die nationalen Vereine zusammen. Die Entwicklung ist geprägt von einer starken Anhänglichkeit an Bayreuth und die Familie Wagner, aber auch von der Tatsache, dass es „keine klare Abgrenzung zur Zeit vor und während des Nationalsozialismus“ (S. 75) gegeben hat. Die historische Verbindung zwischen Wagners Bayreuth und dem Aufstieg des Reichsnationalismus im Wilhelminismus, dem nach den Jahren der Weimarer Republik das verbrecherische NS-Regime folgte, spiegelt sich im Verband bis in die jüngere Vergangenheit, wie Vomberg herausarbeitet. Zum 80. Geburtstag von Winifred Wagner im Jahr 1977 (!) schenkte der RWVI der früheren Festspielleiterin, einer notorischen Freundin Adolf Hitlers, eine Reise nach Österreich auf den Spuren der Kindheits- und Jugendorte des einstigen „Führers“.

Für den empirischen Teil der Studie befragte Vomberg 522 Vereinsmitglieder, 30 davon in persönlichen Interviews. Das Durchschnittsalter liegt überall relativ hoch, die Spanne reicht von 59 (Japan) über 64,5 (Deutschland) bis zu 68 Jahren (USA). Bei der Befragung der US-Amerikaner will die Autorin festgestellt haben, dass der vermeintliche Mangel an Mythen und Sagen in den USA zu einer besonderen Faszination der dortigen Mitglieder für Wagners „Ring“ geführt habe (S. 171). In Japan dagegen gelte der Komponist als zu aufdringlich, die Anhänger riskierten gesellschaftliche Ablehnung (S. 201). In Deutschland wiederum dient die Vereinstätigkeit als gesellschaftlicher „Abgrenzungsmechanismus“ (S. 232), die Beschäftigung mit dem Komponisten wird als Wettbewerb mit den anderen Mitgliedern empfunden. Ein charakteristisches Zitat aus einem der Interviews: „[I]ch bin jetzt bei der 33. Walküre – mal schauen. Vielleicht kann ich die anderen noch übertrumpfen“ (S. 239).

In allen Befragungen wird deutlich, welche integrierende Wirkung Wagner-Enkel Wolfgang (1919–2010) hatte, um die Verbandsmitglieder bei Laune zu halten. Zu seinem 75. Geburtstag wurde Wolfgang durch den RWVI als „letzte große Vaterfigur des Theaters“ geehrt (S. 42). Im Verband setzte er immer wieder seine Interessen durch und untergrub basisdemokratische Entscheidungen (S. 44f.). Die Amerikaner empfanden eine besondere Anhänglichkeit zu Wolfgang, auch die Japaner. Dort äußert ein Vereinsmitglied: „Viele Mitglieder hatten immer einen guten Kontakt zu Wolfgang Wagner; Katharina hat nun überhaupt keinen Draht mehr zu unserem Verband“ (S. 218). Frappierend ist die Haltung der Vereinswagnerianer zum Inszenierungsstil. Auch wenn die US-Amerikaner moderne Operndarstellungen gern als „Eurotrash“ abtun (S. 188), stimmt immerhin ein Drittel zeitgenössischen Inszenierungen zu (ebd.). Auch in Japan gibt es nur gut zwei Drittel „konservative Gegner des Regietheaters“ (S. 220f.). In Deutschland mögen sogar 40 Prozent der Befragten Inszenierungen „mit vielen exzentrischen und extravaganten Regieeinfällen“ (S. 245).

Eine zentrale Rolle spielt bei Vomberg der Begriff „Wagnerianer“, dem sie eine eigene Typologie widmet (S. 77–112 u.ö.). Die zeitgenössischen Wagner-Anhänger hätten als naiv und gewalttätig gegolten, als „pöbelnde Proleten“ (S. 92). Der Komponist selbst äußerte 1883 noch wenige Tage vor seinem Tod, seine Parteigänger seien wie gemacht, „um die Gedanken, die er ausspricht, der Lächerlichkeit preiszugeben“.[7] Allerdings lässt die Autorin in Sachen „Wagnerianer“ zentrale Gesichtspunkte unter den Tisch fallen. Die Wagner-Diskussion im 19. Jahrhundert entzündete sich zuerst am musikalischen Streit um die „Neutöner“, was keine Erwähnung findet; die wichtigsten Beiträge zur Debatte kamen von Persönlichkeiten wie Nietzsche, der das Wort „Wagnerianer“ selten verwendete – was nachteilig ist, wenn man Online-Datenbanken zu Rate zieht, um Treffer für den Begriff zu generieren (S. 86). Bei allen Angriffen gegen den Komponisten und seine Anhänger hat der gefallene Freund ein schönes Bild für diesen Sachverhalt geliefert: „Der Wagnerianer, mit seinem gläubigen Magen, wird sogar satt bei der Kost, die ihm sein Meister vorzaubert.“[8] Nicht geläufig scheint der Autorin zudem Chamberlains maßgebliche Unterscheidung von „Wagnerianer“ und „Bayreuthianer“ zu sein.[9] Überraschend ist, dass sich in den USA nur zwei Drittel der Vereinsmitglieder überhaupt als „Wagnerianer“ sehen. In Japan ist der Wert ähnlich, in Deutschland sind es keine 60 Prozent.

Als Soziologin tut Elfi Vomberg gut daran, Begriffe wie „Event“ (S. 48), „Performances“, „Eindrucksmanipulation“ (S. 49) oder „Brand Community“ (S. 142) einzuflechten. Allerdings sind ihre Bemerkungen zur Methodik teils rätselhaft und verteilen sich über das gesamte Buch. Hinzu kommen Mängel und Falschzuordnungen, etwa die Darstellung der Bundesrechnungshof-Monita im Unterkapitel „Probleme bei der Forschung“ (S. 26–30). Der Titel des Unterkapitels „Der Verein als Ideologieproduzent“ (S. 50–65) ist irreführend, da der Verein selbst keine Ideologie produzierte, sondern sie nur vermittelte. Dennoch ist die Studie verdienstvoll: Als erste Forscherin hat sich Vomberg dem Richard-Wagner-Verband International gewidmet und einen wichtigen Beitrag zum Thema vorgelegt. Am Ende des Buches (S. 263) gibt sie Hinweise zu weiterführenden Untersuchungen. Der Wagner-Verband in Israel wäre ein lohnendes Ziel; die Geschichte der 1949 gegründeten „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“ ist noch nicht geschrieben; auch Vergleiche der Wagner-Anhängerschaft zu jener von Bach oder Mahler böten sich an.

Anmerkungen:
[1] Als Beispiel siehe das in den Jahren 2012–2016 durchgeführte Projekt „Eine politische Geschichte der Oper in Wien 1869 bis 1955“: https://www.mdw.ac.at/imi/operapolitics (16.01.2019). Vgl. grundsätzlich die Tätigkeit des Forschungsinstituts für Musiktheater der Universität Bayreuth, dem auch die hier zu besprechende Arbeit entstammt: http://www.fimt.uni-bayreuth.de/de/index.html (16.01.2019).
[2] Wegweisend: Misha Aster, „Das Reichsorchester“. Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus, München 2007.
[3] Siehe Clemens Risi u.a. (Hrsg.), Theater als Fest – Fest als Theater. Bayreuth und die moderne Festspielidee, Leipzig 2010; Anno Mungen u.a. (Hrsg.), Music Theater as Global Culture. Wagner’s Legacy Today, Würzburg 2017.
[4] Erst knapp 120 Jahre nach Beginn der Festspiele (1876) erschien eine umfassende und wissenschaftlich brauchbare Darstellung des Phänomens „Bayreuth“: Frederic Spotts, Bayreuth. Eine Geschichte der Wagner-Festspiele. Aus dem Englischen von Hans J. Jacobs, München 1994. Inzwischen liegt neben zahlreichen Einzelstudien eine Gesamtdarstellung vor: Oswald Georg Bauer, Die Geschichte der Bayreuther Festspiele, 2 Bde., Berlin 2016; siehe meine Rezension, in: H-Soz-Kult, 22.12.2016, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26609 (16.01.2019). Zu den politischen Aspekten vgl. Bernd Buchner, Wagners Welttheater. Die Geschichte der Bayreuther Festspiele zwischen Kunst und Politik, Darmstadt 2013.
[5] Vgl. als kleine Broschüren: Sylvia Habermann, Der Auftritt des Publikums. Bayreuth und seine Festspielgäste im Kaiserreich 1876 bis 1914, Bayreuth 1991; dies., Der Auftritt des Publikums. Bayreuth und seine Festspielgäste 1924 bis 1944, Bayreuth 1992; ausführlicher: Winfried Gebhard / Arnold Zingerle (Hrsg.), Pilgerfahrt ins Ich. Die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele und ihr Publikum. Eine kultursoziologische Studie, Konstanz 1998.
[6] In der Literaturliste fehlt allerdings die bis dato einzige einschlägige Veröffentlichung zum Thema, eine Schilderung der RWVI-Geschichte durch den langjährigen Präsidenten, anekdotisch gehalten und ohne analytischen Anspruch: Josef Lienhart, Weißt du, wie das ward? Der Weg des Richard Wagner Verbandes International, Freiburg i.Br. 2012.
[7] Laut Cosima Wagner, Die Tagebücher, ediert und kommentiert von Martin Gregor-Dellin und Dietrich Mack, hrsg. von der Stadt Bayreuth, Bd. 2: 1878–1883, München 1977, S. 1110 (Eintrag vom 09.02.1883).
[8] Friedrich Nietzsche, Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem [1888], in: ders., Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, 2. Aufl. München 1988, Bd. 6, S. 9–53, Zitat S. 31.
[9] Vgl. John Deathridge, Grundzüge der Wagner-Forschung, in: Ulrich Müller / Peter Wapnewski (Hrsg.), Richard-Wagner-Handbuch, Stuttgart 1986, S. 803–830, hier S. 816.

Zitation
Bernd Buchner: Rezension zu: : Wagner-Vereine und Wagnerianer heute. Würzburg  2018 , in: H-Soz-Kult, 13.02.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-30061>.