E. Jäger: Der Kupferstecher Karl Kolbe

Titel
Der Kupferstecher Karl Kolbe (1777–1842) und seine Rundkarten. Ein Berliner Künstlerleben im Biedermeier zwischen Goldmedaille und Pistolenkugel


Autor(en)
Jäger, Eckhard
Erschienen
Bad Langensalza 2018: Verlag Rockstuhl
Umfang
120 S.
Preis
36,00 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gyula Pápay, Historisches, Universität Rostock

Die Kartographiegeschichtsschreibung fokussierte sich lange Zeit auf die Geschichte der Karten. Sie wurde jedoch in den letzten Jahren durch mehrere Aspekte bereichert, vor allem durch die Kritische Kartographie, aber auch durch die Bildwissenschaft und die Raumwissenschaft. Die tiefgründige Auslotung des sozialhistorischen Umfelds der Kartenschaffenden blieb trotz einiger wichtiger Ansätze doch ein Desiderat der Kartographiegeschichtsschreibung. Diese Ansätze begrenzten sich vor allem auf solche „Leuchttürme“ der Kartographiegeschichte, wie z.B. Abraham Ortelius (1527–1598), Gerhard Mercator (1512–1594) und Heinrich Berghaus (1797–1884). Die Lebensumstände und Arbeitsweise der Kupferstecher, die mit sehr mühevollen und zugleich künstlerischen Arbeiten jahrhundertelang für die Drucklegung der Karten sorgten, verblieben weitgehend im Dunkeln. Dafür kann sicherlich nicht allein eine Art konzeptioneller Ignoranz verantwortlich gemacht werden, sondern insbesondere die äußerst lückenhafte Quellenlage. Die vorliegende Publikation weist eindrucksvoll nach, dass für diese Thematik durch eine intensive Recherche mehr schriftliche Quellen ermittelt werden können als allgemein angenommen wird. Die Archive, in denen der Autor fündig geworden ist, sollen daher hier aufgelistet werden: Stadtarchiv Bad Lobenstein, Archiv der Akademie der Künste Berlin, Landesarchiv Berlin, Staatsarchiv Bremen, die Sammlung Perthes Gotha, Goethe-Schiller-Archiv Weimar, Hauptstaatsarchiv Weimar. Die Ermittlung der kartographischen Quellen erfolgte in den Kartensammlungen mehrerer Bibliotheken. Auf diese Weise konnte der Autor eine beeindruckende sozialhistorische Studie erarbeiten, die trotz des exemplarischen Ansatzes verallgemeinerungsfähige Aussagen über eine Epoche enthält, in der ein Medienumbruch in der Kartentechnik erfolgte. Bei der Drucklegung von Karten wurde der Kupferstich sukzessive von der Lithographie abgelöst. Die Studie macht einen bisher kaum beachteten Aspekt sichtbar, dass dieser Umbruch auch ein tragisches Potential bezüglich der Kartenschaffenden inne hatte, das in dem Falle von Kolbe, sicherlich auch durch andere Gründe, wie seine große Familie (sieben Kinder) und vielleicht auch eheliche Probleme, eine extreme Form annahm, die schließlich mit dem Selbstmord auf der offenen Straße in Berlin endete. Die Auswirkung von Medienumbrüchen auf Einzelschicksale wurde bisher in der Literatur weitgehend ausgeblendet.

Ein weiterer sozialhistorischer Aspekt der vorliegenden Publikation besteht darin, dass mit der ausführlichen Analyse der bisher weitgehend unbeachteten Rundkarten Kolbes ein wichtiger Beitrag für den erwachenden Tourismus in Deutschland geliefert wird. Der von Karl Baedeker (1801–1859) gegründete Verlag brachte den ersten umfangreichen Reiseführer für Deutschland 1842, in dem Todesjahr von Kolbe, heraus. Die Rundkarten Kolbes für die Städte Berlin, Bremen, Breslau, Dresden, Erfurt, Hamburg, Hannover, Kassel, Köln, Leipzig, Liegnitz, Magdeburg, München, Neustrelitz, Schwerin, Stettin, Stralsund und Weimar können als Vorläufer dieses Reiseführers angesehen werden. Die Rundkarten zeigen die Umgebung der genannten Städte in einem Umkreis von 10 Meilen, die damals etwa einer Tagesreise entsprachen. Zu den Karten wurden ausführliche verbale Informationen beigefügt, die sich jedoch lediglich auf die im Zentrum der jeweiligen Karte liegende Stadt begrenzen. Die bei sämtlichen Karten vorhandene Bevölkerungsstatistik resultiert aus dem gewachsenen Interesse für Demographie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ein Beispiel dafür ist die deutschlandweite Volkszählung im Jahre 1819. Den größten Umfang nehmen die Erläuterungen zu der Geschichte der jeweiligen Stadt ein. Die besonderen Gebäude werden aufgelistet. Der mäßige Erfolg der Karten ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass der Tourismus in Deutschland in den Anfängen steckte. Weiterhin aber auch darin, dass die Rundkarte und der Begleittext für die Reisenden nicht die optimale Funktionalität boten. Die Rundkarten Kolbes selbst waren auch von dem Medienumbruch betroffen, denn vier von ihnen wurden nicht mittels Kupferstich (Magdeburg, Königsberg, Berlin und Potsdam), sondern schon mit Hilfe der Lithographie erstellt. Kolbe selbst hat nicht in Lithographie gearbeitet. Sie stammen von anderen Kartographen, u.a. von dem Berliner Kartographen F. Nowack.

Eckhard Jäger befasste sich schon am Anfang der 1970er-Jahren mit Landkartenpreisen im Vergleich mit anderen Kosten. Seine diesbezüglichen Ermittlungen fanden auch in der vorliegenden Publikation eine Fortsetzung. Die Stecherlöhne werden mit den damaligen Lebenshaltungskosten verglichen. Trotz seiner vielfältigen Tätigkeit als Kupferstecher, Kupferstecherlehrer (u.a. an der geographischen Kunstschule von Berghaus) und Herausgeber von Karten geriet Kolbe immer wieder in finanziellen Notlagen. Bemerkenswert sind die Reaktionen auf seine Bittbriefe und auf die Bittbriefe seiner Witwe an den preußischen Kultusminister und sogar an den König, von denen mehrmals finanzielle Hilfe gewährt wurde.

In den ersten Kapiteln der vorliegenden Publikation werden das Leben und Werk Kolbes dargelegt. Er arbeitete u.a. für Justin Bertuch (Weimar), für den General Le Coq, für Justus Perthes (Gotha), für die Preußische Akademie der Künste, für Simon Schropp (Berlin) und für Heinrich Berghaus (Potsdam). 1824 erhielt er von dem preußischen König die Verdienstmedaille für Künstler und Gelehrte.

In dem zweiten Teil sind sämtliche Rundkarten abgedruckt. Da das Buchformat 21x29,7 cm beträgt, konnten die Rundkarten (Durchmesser: 25cm), nur in reduzierter Größe (Durchmesser: 15cm) wiedergegeben werden, wodurch ihre Lesbarkeit stark eingeschränkt ist. Es wäre wünschenswert gewesen, einige Ausschnitte in Originalgröße beizufügen. Die Textteile zu den einzelnen Karten sind in Umschrift gut lesbar wiedergegeben. Sehr positiv ist zu bewerten, dass ein ausführlicher Katalog zu diesen seltenen Karten beigefügt wurde. Bemerkenswert ist weiterhin die Wiedergabe zeitgenössischer Berichte und Rezensionen. Den Abschluss bildet ein Exkurs über Stecherlöhne, Preise und Lebenserhaltungskosten sowie Literaturverzeichnis und Personenregister.

Die vorliegende Publikation ist ein anerkennenswerter Beitrag nicht nur zu einer engeren Kartographiegeschichte, sondern darüber hinaus auch zur Kulturgeschichte, zur Technikgeschichte und auch zur Sozialgeschichte.

Zitation
Gyula Pápay: Rezension zu: : Der Kupferstecher Karl Kolbe (1777–1842) und seine Rundkarten. Ein Berliner Künstlerleben im Biedermeier zwischen Goldmedaille und Pistolenkugel. Bad Langensalza  2018 , in: H-Soz-Kult, 17.10.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-30090>.
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Veröffentlicht am
17.10.2018
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