J. M. Piskorski u.a. (Hgg.): Deutsche Ostforschung

Titel
Deutsche Ostforschung und polnische Westforschung im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik. Disziplinen im Vergleich


Hrsg. v.
Pikorski, Jan. M.; Hackmann, Jörg; Jaworski, Rudolf
Erschienen
Osnabrück 2002: fibre Verlag
Umfang
305 S.
Preis
€ 40,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Blazej Bialkowski, Humboldt-Universität zu Berlin

Das vor kurzem in der H-Soz-u-Kult angelaufene Review-Symposium zur ‚deutschen Westforschung’ im nordwesteuropäischen Raum ist willkommener Anlass, den Anfang 2003 erschienenen Sammelband zum Beziehungsgeflecht zwischen deutscher ‚Ost- und polnischer Westforschung’ zu rezensieren, zumal Matthias Middell in seinem Einführungsbeitrag zu dem Symposium auf das von Jan M. Piskorski herausgegebene Buch verweist. Middell unternimmt zunächst einen aufwendigen Versuch, die deutsche West- und deutsche Ostforschung, sowie die Frage nach der Rolle der Historiker im Nationalsozialismus für die Konzipierung eines Gesamtbildes deutscher Historiographiegeschichte im 20. Jahrhundert zu Universalisieren oder konkreter zu Europäisieren. Es geht hier aber nicht um eine komparative Heranziehung der Wissenschaftssysteme und Geschichtskulturen von Deutschlands Nachbarländern, sondern - man möchte fast sagen - um „die deutsche Frage als europäisches Problem“. Dabei wird von Middell nur ein deutscher Bewertungsmaßstab bei den - wie er sie nennt - „Schwierigkeiten mit der Internationalisierung“ angelegt. Eine „andere Facette derselben Situation“, dass nämlich „das Selbstbild deutscher Historiker und ihre Wahrnehmung bei Kollegen in den anderen Ländern nicht übereinstimmen“, sei „die verhaltenere Distanzierung polnischer Historiker und Kunstwissenschaftler von ihrer zwischen den vierziger und achtziger Jahren betriebenen Westforschung“[1]. Als Beleg für diese scheinbare Symmetrie wird eine Passage von Rudolf Jaworskis Einführungsbeitrag aus dem zu rezensierenden Band zitiert. Dass Jaworski hier vom „auffällige[n] Unterschied“ schreibt, wird von Middell nicht bemerkt.

Wie soll nun die beschworene „Internationalisierung“ auf die selbstreflexive Traditionskritik vor dem Hintergrund nationaler und internationaler Eigen- und Fremdwahrnehmung funktionieren? Wohl nicht als Suche nach scheinbar analogen Problemlagen in anderen Ländern, ohne die Spezifik deren Wissenschafts- und Geschichtskulturen zu berücksichtigen; Auch nicht als simple Übertragung des deutsch-westeuropäischen Wissenschaftsdialogs auf die deutsch-polnische Konstellation mit alleinigem, entkontextualisiertem Verweis auf Jaworski.

Zwar gehört nach wie vor gerade die Stimme Jaworskis im Bezug auf die ‚polnische Westforschung’ zu den kritischsten [2], jedoch betonten Wlodzimierz Borodziej [3] und Jan M. Piskorski [4] - basierend auf den Ausführungen des Altmeisters der polnischen Historiographie, Stefan Kieniewicz [5] - die gegenseitige Verständnisbereitschaft für die Verstrickung der Geisteswissenschaftler beider Länder im Nationalsozialismus bzw. im Stalinismus. Berücksichtigt man nicht, dass sich die polnische Geschichtswissenschaft seit eh und je in erster Linie über die deutsche Seite definierte (umgekehrt ist es bekanntlich nicht der Fall), läuft man Gefahr, die „Internationalisierung“ als eindimensionale Spiegelbildlichkeit, ja als klassisch-systematische Komparatistik, inklusive zweier scheinbar unabhängiger Vergleichseinheiten zu begreifen. Es muss aber darum gehen, die Forschungsobjekte mit ihren Asymmetrien, Verflechtungen, Spannungen, gegenseitiger Konstituierung, aber auch Kooperation und Verschmelzung und gegenseitigen, tief verflochtenen Wahrnehmungsmustern sowie gemeinsamer Abhängigkeit von Dritten zu operationalisieren, kurzum: Jürgen Kocka und Klaus Zernack zufolge die Erkenntnis zu durchdringen, dass es sich hier um „ein und dieselbe Geschichte“, d.h. um die Beziehungs- und Transfergeschichte, ‚entangled history’ oder ‚histoire croisée’ handelt [6].

Nimmt man den Piskorski-Band in die Hand, ist auf den ersten Blick der Verweis Middells auf Jaworski legitim, denn man liest mit Wohlwollen die kritischen Beobachtungen des Letzteren zur gegenwartspolitischen Kontextualisierung der Beschäftigung mit ‚deutscher Ost- und polnischer Westforschung’. Im allgemeinen hält allerdings das in deutsch-polnischer Herausgeber- und Verlagskooperation vorbereitete Projekt, das auf eine internationale Tagung vom Dezember 1998 zurückgeht (also knapp drei Monate nach der turbulenten Frankfurter Sektion „Deutsche Historiker im NS“), eine Reihe von Überraschungen bereit. Gerade der Vergleich mit dem 1999 von W. Schulze und G. O. Oexle publizierten Sammelband, der die o.g. Sektion dokumentiert und sich durchgehend qualitativ auf sehr hohem Niveau bewegt, macht deutlich, dass der Piskorski-Band inhaltlich inhomogen und strukturell unausgewogen ist. Dabei sollte es sich nach Aussage der Herausgeber um eine erste „kritische Bestandsaufnahme“ zu dieser Thematik in vergleichender und beziehungsgeschichtlicher sowie in multidisziplinärer und internationaler Perspektive handeln (S. 7-8).

Auf einige Probleme bei der Entstehung des Bandes weisen die Herausgeber bereits im Vorwort hin, indem sie den sehr ungleichmäßigen Forschungs-, Diskussions- und Reflexionsstand im bezug auf die Disziplinengeschichte auf nationaler und zwischennationaler Ebene betonen. So war es denn auch nicht möglich, selbst die berücksichtigten Disziplinen Geschichts- und Sprachwissenschaft, Archäologie, Kunstgeschichte, Soziologie, Geographie und Volkskunde mit einem polnischen und einem deutschen Beitrag zu repräsentieren (es fehlt z.B. ein deutscher Beitrag zur Sprachwissenschaft). Auch der Anspruch des Bandes hält sich sehr in Grenzen: Die Herausgeber heben hervor, dass ein zwischennationaler Vergleich nationaler (Geschichts-)Wissenschaften in den Anfängen stecke und daher die Fortentwicklung eines solchen Vergleichs eine Herausforderung für die Zukunft bleiben müsse. Hier wirkt sich die schmerzliche und lange Zeitspanne zwischen der Tagung und der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse zum ersten Mal negativ aus, denn der in einer Fußnote gemeinte Band zum internationalen Historiographienvergleich von Sebastian und Christoph Conrad ist mittlerweile erschienen [7].

Der bescheidene Anspruch der Herausgeber wird zunächst durch zwei anregende Beiträge von Rudolf Jaworski und Jörg Hackmann revidiert. In dem bereits gelobten, gleichwohl wenig strukturierten Einführungsbeitrag (die relevanten Ergebnisse muss man sich selber in dem Text zusammensuchen) weist Jaworski auf zwei konstitutive, miteinander verwobene Asymmetrien der Forschungsobjekte in deren Real- und Rezeptionsgeschichte hin: Auf der einen Seite stellt in Deutschland das methodische Innovationspotential der ‚deutschen Ostforschung’ angesichts ihrer Verstrickung in die NS-Vernichtungspolitik ein höchst kontrovers diskutiertes Thema dar. Auf der anderen Seite sind die wegweisenden interdisziplinären Impulse der ‚polnischen Westforschung’ für die allgemeine soziologische Feld- und Regionalforschung trotz der Anbiederung an das kommunistische Machtsystem nicht zu bestreiten. Im Bezug auf die Traditionskritik scheint es sich genau umgekehrt zu verhalten. Gilt in der polnischen Wissenschaft die katholisch-nationalbürgerliche ‚Westforschung’ als Symbol für die Erfolglosigkeit kommunistischer Indoktrination, wodurch eine innerpolnische Selbstkritik nach 1989 gehemmt wird, sind die Vorsprünge auf deutscher Seite wiederum unübersehbar.

Es verwundert daher nicht, dass Hackmann in seinem Beitrag zur ‚deutschen Ostforschung’ und Geschichtswissenschaft von der Reife des deutschen Diskussions- und Forschungsstandes enorm profitiert, indem er wohl strukturiert sieben Problemfeldern nachgeht: Begriffsgeschichte, Periodisierung, Institutionen, Personal, Stellung der Ostforschung innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft, ihre politische Wirkung und schließlich die Rolle der Historiker im Gesamtkontext der interdisziplinären Matrix der Ostforschung. Es bleibt aber nicht bei einem handlichen Überblicksartikel. Hackmann zieht vielmehr nicht nur gegen das Innovationspotential der ‚Ostforschung’ zu Felde, sondern auch gegen die damaligen Umsetzungsmöglichkeiten des Paradigmas der ‚Volksgeschichte’ per se. Um die methodische Fundierung seiner Kritik an Willi Oberkromes innovativem Kriterienensemble (komparative, quantifizierte, theoriegeleitete und interdisziplinäre Verfahren) zu verstehen, muss man allerdings Hackmanns zwei andere Aufsätze kennen.[8] In diesen wurde exemplarisch der Sinngehalt und die Durchsetzungsfähigkeit der ‘Volksgeschichte’ als komparatives und zugleich interethnisches Beziehungsproblem zwischen der deutschbaltischen einerseits und lettischen und estnischen Historiographie andererseits stark angezweifelt. Obwohl im Piskorski-Band der deutsch-polnische Vergleichs- und Beziehungskontext von Hackmann stets mitbedacht wird, präsentiert er hier folglich seine bereits bekannten Ergebnisse in stark verkürzter Form, nämlich, dass die ‚Wendung zur Volksgeschichte’ bei Reinhard Wittram, Werner Conze, Theodor Schieder, Erich Keyser, aber auch Hans Rothfels in „eine Sackgasse führte“. So handele es sich eher um „eine auf Politikgeschichte gestützte deutschtumsgeschichtliche Interpretation“, nicht aber um die Omnipotenz des volksgeschichtlichen Ansatzes par excellence (S. 39). Dass damit z.B. die als innovativ gefeierte Hirschenhof-Studie Werner Conzes von 1934 noch einmal gegen den Strich gelesen werden muss, weil damit die „Spuren volksbodengeschichtlicher Denkfiguren“ in Conzes nachgelassenem Ostmitteleuropa-Buch von 1992 ins neue Licht rücken, liegt auf der Hand. Seinen Beitrag beschließt Hackmann daher mit dem Postulat, dass die wissenschaftsimmanente Spezifik der Ostforschung, insbesondere nach 1945 noch genauer betrachtet werden muss. Genauer zu betrachten wäre auch die Frage der Interdisziplinarität - so mein einziger Kritikpunkt an Hackmanns Ausführungen -, denn es scheint so zu sein, dass es sich bei der ‚Ostforschung’ vielmehr um eine stark politisierte Multidisziplinarität handelt, d.h. lediglich um eine Addition von Disziplinen.

Schlägt Matthias Middell großzügig die Erweiterung des Untersuchungszeitraums auf die Jahre 1890 bis 1990 vor, plädieren Jaworski und Hackmann für die Zeitspanne 1918-1960. Die sich anschließenden zwei Beiträge halten sich weder an Hackmanns Periodisierung und dessen vorbildlichen Themenkatalog noch an Middells (zu-)weit gesteckten Zeitrahmen. So konzentriert sich der Breslauer Historiker Grzegorz Strauchold in seinem Aufsatz „Der Westgedanke in der polnischen Geschichtswissenschaft“ allein auf die Zeit nach 1945. Damit wird der Neuanfang und die politisch-wissenschaftliche Radikalität der polnischen Westforschung lediglich als unmittelbare Folge des nationalsozialistischen Vernichtungstraumas im Zweiten Weltkrieg aufgedeckt. Nur kursorisch erwähnt Strauchold den bereits vor 1939 vollzogenen Aufstieg der westpolnischen Forschungsrichtung. Genauso unsicher kreisen seine Gedanken um die wissenschaftliche und politische Integrationsfigur Zygmunt Wojciechowski, den Direktor des Posener West-Instituts. Die in diesem Forscher pars pro toto fokussierten Kontinuitäten und Brüche über 1945 werden aber keineswegs herausgearbeitet. Mit der Zeit wirkt die Textlektüre immer ermüdender, weil Strauchold ständig dem Kern des Problems ausweicht, nämlich dem im Buchtitel angesprochenen Spannungsverhältnis zwischen Wissenschaft und Politik. Dieses hätte am Beispiel der Zentralstelle der polnischen Westforschung, dem Posener West-Institut untersucht werden müssen. Trotz anerkennenswerter, obschon vorsichtiger Traditionskritik verliert sich Strauchold in einer deskriptiven Aneinanderreihung von zahlreichen Publikationen zur Pommern/Pommerellen- bzw. Schlesien-Forschung. Schließlich berührt er nur am Rande das relevante Problem der Rolle der Westforscher/Historiker bei der politischen Integration der sogenannte „wiedergewonnen Gebiete“, wenn er z.B. die Diskussion über die geographische Ortsnamengebung vorwiegend auf ein wissenschaftliches Problem reduziert, ohne den politischen Kontext der ersten Nachkriegsjahre ideologiekritisch zu berücksichtigen.

Hingegen wird Michael Müller-Wille in seinem sehr persönlich gehaltenen Referat über die deutsche Archäologie gerade der politische Kontext zum Verhängnis. Nach einem langen Vorspann, in dem der Kieler Frühhistoriker tradtionskritische Verdienste seiner Kollegen von den Nachbardisziplinen würdigt, kommt er zum durchaus bekannten und wenig überraschenden Schluss, dass die deutsche Vor- und Frühgeschichtsschreibung bis 1998 im Kontext der Ostforschung kaum problematisiert wurde. Erstaunlich ist allerdings, dass Müller-Wille seinem eigentlichen Beitrag die Gründung der Reichsuniversität Posen im Jahre 1941 voranstellt, obwohl die Polemiken zwischen der deutschen und polnischen Archäologie bereits vor 1918 einsetzten und unmittelbar danach zu den radikalsten gehörten. In den Mittelpunkt rückt auf diese Weise die Berufung des SS-Untersturmführers Prof. Ernst Petersen auf den Posener Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichte im Jahre 1941. Ungeachtet des Faktums, dass dieser Schüler von Gustaf Kossinna in Posen nur zwei Semester lehrte, wird die Reichsuniversität Posen wohl infolge des miserablen Forschungsstandes zum Negativtopos der Verbindung von Frühgeschichte und Ostforschung stilisiert. Dieses 1998 entworfene Bild versucht Müller-Wille im zweiseitigen Nachtrag vom April 2001 anhand der inzwischen erschienen Forschungsliteratur und der Ergebnisse der zwischenzeitlich stattgefundenen Konferenzen zu differenzieren.

Gegenüber der strukturellen Zerrissenheit bei Müller-Wille hat der Aufsatz von Zofia Kurnatowska und Stanislaw Kurnatowski über den „Einfluss nationalistischer Ideen auf die mitteleuropäische Urgeschichtsforschung“ in Form und Inhalt eine ganz andere Qualität. Mit theoriegeleiteten Verweisen auf Bronislaw Malinowski, Florian Znaniecki, Reinhard Koselleck und Ernst Gellner plädieren die beiden Autoren eingangs für die Verschiebung der Forschungsperspektive von der Nationalität zur Ethnizität, von politischen zu kulturellen Phänomenen und für die Abkehr von der Überbetonung der Rolle des Staates bei den Nationenbildungsprozessen. Auf kulturhistorisch fundierter Meta-Ebene wird deshalb dem archäologischen und volkstumszentrierten Schlagabtausch zwischen Gustaf Kossinna und seinem polnischen Schüler Jozef Kostrzewski in der Zwischenkriegszeit der Boden unter den Füßen weggezogen, denn die Archäologie bezieht sich mit ihrem „schweigenden Quellenmaterial“ „nur minimal, geradezu zufällig und höchst hypothetisch [...] auf ethnische Strukturen“ (S. 97).

Im Bezug auf die Qualität der beiden Archäologie-Aufsätze muss der Spieß allerdings an einer anderen Stelle umgedreht werden. Gelten bei Zofia und Stanislaw Kurnatowski die Frühhistoriker Wilhelm Unverzagt und Herbert Jankuhn aus ihrer Nachkriegstätigkeit als „Altmeister der slawischen Archäologie“ und sogar als wissenschaftliche „Vorbilder“, weist Müller-Wille auf die Tatsache hin, dass Unverzagt und ferner Carl Engel oder Wolfgang La Baume vor 1945 ihre Wissenschaft in den Dienst des NS-Regimes stellten. Hier zeigt sich, dass Müller-Wille trotz aller formell-methodischen Vorbehalte traditionskritisch argumentiert, dagegen die beiden Posener Archäologen trotz aller kulturanthropologischer Reflexion die Forschungsliteratur seit Michael Burleighs Arbeit über die Ostforschung von 1988 nicht berücksichtigt haben. Im Endeffekt wird mehr als deutlich, dass die beiden Archäologie-Aufsätze kaum miteinander korrespondieren.

Damit wird ein grundlegendes Problem dieser Publikation angesprochen, nämlich die Frage der Aufeinanderbezogenheit und Komplementarität der deutschen und polnischen Beiträge innerhalb einer Disziplin. Am besten ergänzen sich die Beiträge zur Kunstgeschichte von Beate Störtkuhl und Adam S. Labuda, in denen die zeitlichen Rahmenbrüche um 1918 und 1945 für die Politisierung der Kunstgeschichtsschreibung und ihre gleichzeitige Herausbildung und Professionalisierung als wissenschaftliche Disziplin einen konstitutiven Charakter aufweisen. Der alleinstehende (d.h. ohne deutsches Pendant) Beitrag von Tadeusz Lewaszkiewicz verdeutlicht zwar die Grundzüge der Wechselbeziehung zwischen der polnischen und deutschen Linguistik vor und nach 1945, er leidet aber unter einem miserablen Forschungsstand in der Disziplingeschichte, worauf der Verfasser am Ende seines Textes auch hinweist. Selbstkritisch stellt er ferner fest, dass ihm die „faktographische Eingeschränktheit und Halbheiten bei der Formulierung von Schlußfolgerungen“ vorgeworfen werden können. Zu kritisieren wäre freilich nur, dass er recht unsicher mit dem Begriff der ‚Politisierung’ umgeht, denn dieser wird nur auf die ausdrückliche politische Auftragsarbeit reduziert und hätte vielmehr auf die ideologische Selbst- und Fremdinstrumentalisierung des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses ausgeweitet werden müssen.

Die Beiträge von Carsten Klingemann über Soziologie, Michael Fahlbusch über Geographie und Wilhelm Fielitz über Volkskunde bilden an sich fundierte Überblicksdarstellungen, was jedoch nicht verwundert, da sie bereits eine oder sogar mehrere geschlossene Monographien zum Thema: „Wissenschaft in der NS-Zeit“ vorgelegt haben und daher ausgewiesene Kenner ihres Faches sind. Nichtsdestotrotz wurde hier der doch als Mittelpunkt zu erwartende deutsch-polnische Vergleichs- und Beziehungskontext durchgehend ausgelassen. Dies führt bei Klingemann dazu, dass z.B. der Psychologe Rudolf Hippius nur im Kontext seiner Prager Zeit in der Reinhard-Heydrich-Stiftung gesehen wird, obwohl die zitierte Arbeit aus seiner Posener Zeit, die er vom Ende 1939 bis Anfang 1943 als Berater der NS-Bevölkerungspolitik an der Reichsuniversität Posen absolvierte, stammt. Bei Fielitz wird z.B. der auslandsdeutsche Volkskundler aus Kolmar/Chodziez bei Posen, SS-Hauptsturmführer Kurt Lück überhaupt nicht in den deutsch-polnischen „akademischen Grenz- und Volkstumskampf“ vor 1939 hineingestellt, der ja schließlich für seinen weltanschaulichen Radikalisierungsprozeß gegenüber Polen konstitutiv war.

Die Beiträge von Klingemann, Fahlbusch und Fielitz korrespondieren daher kaum mit ihren zwei polnischen Pendants, mit dem Beitrag von Marek Prawda zur Soziologie und von Bronislaw Kortus zur Geographie. Nimmt man z.B. den anregenden und gut strukturierten Text von Prawda in die Hand, so stellt sich heraus, dass die von ihm postulierte Traditionskritik auf die Zeit nach 1945 und das betonte, strukturbildende Abhängigkeitsverhältnis zwischen ‚deutscher Ost- und polnischer Westforschung’ nur als Politikum nach 1989 problematisiert wird. Die Nebeneinanderstellung der Beiträge von Prawda und Klingemann ergibt darüber hinaus ein diffuses Bild. Dazu ein Beispiel: sowohl Gunther Ipsen und sein Schüler Werner Conze, als auch Florian Znaniecki und sein Schüler Jozef Chalasinski suchten in den 1930er Jahren nach strukturellen „Gesetz- und Wesensmäßigkeiten“ für die nationalen Antagonismen in Ostmitteleuropa, freilich mit jeweils umgekehrtem politischen Vorzeichen. Dieses Faktum wird von Prawda und Klingemann, d.h. von jedem für seine Seite betont, ohne allerdings die so spannende deutsch-polnische Interaktion zwischen diesen Wissenschaftlern vor dem Hintergrund des kritisch zu diskutierenden Innovationspotentials in beiden Ländern über die Zäsur 1945 zu problematisieren.

Den Sammelband beschließt ein zackiges Nachwort von Michael Burleigh, der an der Posener Tagung nicht teilgenommen hat, nachträglich jedoch um einen Kommentar gebeten wurde. Burleigh versucht zwischen seinem Buch über die Ostforschung von 1988 und dem Piskorski-Band einen Bogen zu schlagen. Handelte es sich bei seiner Abhandlung um ein ironisches Pamphlet und nicht um „ein Werk historischer Rechtsprechung“, reflektiert der Tagungsband die fortschreitende Normalisierung der deutsch-polnischen Beziehungen nach 1989. Die wissenschaftlichen Erfordernisse im zusammenwachsenden Europa von heute oszillieren allerdings nach Burleigh vielmehr zwischen Regionalisierungs- und Globalisierungsprozessen in der Erforschung von „Deutschlands Osten - Polens Westen“. Ob Burleigh hier die Ergebnisse des Bandes als unzeitgemäß betrachtet, obwohl er gerade diese würdigt, sei dahin gestellt. Vielleicht ist er peinlich berührt, dass die Internationalisierung der Problematik so spät kommt und die „intellektuelle Beißhemmung“, wie Rudolf Jaworski eingangs feststellte, auch in diesem wichtigen Buch zum Teil perpetuiert wird.

Zusammenfassend erwies sich das anspruchsvolle Projekt in der Tat als „schwieriges Unternehmen“ (S. 8). Nur in einzelnen Beiträgen wird es vom gewünschten komparativen und beziehungsgeschichtlichen Leitfaden begleitet und ist dadurch nicht in allen Disziplingeschichten vom Erfolg gekrönt. Trotz des Wechselbades der Qualität und der inhomogenen Struktur bildet die Publikation jedoch eine unverzichtbare erste Bestandsaufnahme zur Problematik der ‘deutschen Ost- und polnischen Westforschung’. Die Arbeit gehört zweifellos gleich neben dem Sammelband von W. Schulze und G. O. Oexle über „Deutsche Historiker im Nationalsozialismus“ ins Bücherregel.

Anmerkungen:
[1] Middell, Matthias, Konjunktur der Wissenschaftsgeschichte - Beobachtungen und Problematisierungen anhand neuer Veröffentlichungen zur völkisch-nationalistischen Historiographie in Deutschland, in: H-Soz-u-Kult vom 11.05.2003.
[2] Jaworski, Rudolf, Die polnische Westforschung zwischen Politik und Wissenschaft, in: E. Oberländer [Hg.], Polen nach dem Kommunismus, Stuttgart 1993, S. 93-104.
[3] Borodziej, Wlodzimierz „Ostforschung“ aus der Sicht der polnischen Geschichtsschreibung, in: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung [im weiteren: ZfO] 46 (1997), S. 405-426, hier S. 421.
[4] Piskorski, Jan M.; Ludat, Herbert, (1910-1993) - Historyk slowianszczyzny zachodniej i stosunkow polsko-niemieckich, in: Piskorski, Jan M., Herbert Ludat, Slowianie-Niemcy-Europa, Poznan 2000, S. 325-354, hier S. 352 (Anm. 121); vgl. auch ders., „Deutsche Ostforschung“ und „polnische Westforschung“, in: Berliner Jahrbuch für osteuropäische Geschichte. Osteuropäische Geschichte in vergleichender Sicht, Festschrift für Klaus Zernack, Berlin 1996, S. 378-389.
[5] Kieniewicz, Stefan, Profesorowie i totalitaryzm, in: Tygodnik Powszechny 13, 2127, vom 1.04.1990, S. 1-9.
[6] Kocka, Jürgen, Das östliche Mitteleuropa als Herausforderung für eine vergleichende Geschichte Europas (Festvortrag anläßlich des 50jähigen Jubiläums des Herder-Instituts Marburg), in: ZfO 49 (2000), S. 159-174, hier S. 168; Zernack, Klaus, Das Jahrtausend deutsch-polnischer Beziehungsgeschichte als geschichtswissenschaftliches Problemfeld und Forschungsaufgabe (Grundsatzreferat), in: Fritze, W.; Zernack, K. [Hg.], Grundfragen der geschichtlichen Beziehungen zwischen Deutschen, Polaben und Polen. Referate und Diskussionsbeiträge aus zwei wissenschaftlichen Tagungen, Berlin 1976, S. 3-46.
[7] Conrad, Christoph; Conrad, Sebastian [Hg.], Die Nation schreiben. Geschichtswissenschaft im internationalen Vergleich, Göttingen 2002.
[8] Hackmann, Jörg, Contemporary Baltic History and German Ostforschung, 1918-1945. Concepts, Images and Notions, in: Journal of Baltic Studies, Vol. XXX, No. 5, 1999, S. 322-337; ders., Ethnos oder Region? Probleme der baltischen Historiographie im 20. Jahrhundert, in: ZfO 50 (2001), S. 531-556.

Zitation
Blazej Bialkowski: Rezension zu: Pikorski, Jan. M.; Hackmann, Jörg; Jaworski, Rudolf (Hrsg.): Deutsche Ostforschung und polnische Westforschung im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik. Disziplinen im Vergleich. Osnabrück  2002 , in: H-Soz-Kult, 28.05.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-3011>.
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28.05.2003
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