D. M. Natermann: Pursuing Whiteness in the Colonies

Cover
Titel
Pursuing Whiteness in the Colonies. Private Memories from the Congo Freestate and German East Africa (1884-1914)


Autor(en)
Natermann, Diana Miryong
Erschienen
Münster 2018: Waxmann Verlag
Umfang
269 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Rösser, Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien, Universität Erfurt.

Koloniale Geschichtsschreibung und Whiteness Studies haben sich bisher kaum gegenseitig beeinflusst. Von daher ist es begrüßenswert, dass Diana Miryong Natermann nun eine Verbindung dieser Konzepte anstrebt und zusätzlich mit Elementen der Gender-, Food- sowie Friendship Studies verschränkt. Im Zentrum der Untersuchung steht dabei zum einen die Frage, welche Rolle racial und cultural whiteness im Alltag von kolonialen Akteur/innen in (Belgisch-)Kongo und Deutsch-Ostafrika einnahmen. Zum anderen fragt Natermann danach, wie sich die Erfahrungen des Weißseins in Egodokumenten niederschlugen und ob weiße Identität durch Erfahrungen in den Kolonien bedroht oder beeinflusst wurde.

Natermann zieht veröffentlichte und nicht-veröffentlichte Autobiographien, Tagebücher und persönliche Korrespondenz deutscher, belgischer und schwedischer Akteur/innen heran, die im Dienste kolonialer Unternehmungen oder der Kolonialverwaltungen in Deutsch-Ostafrika beziehungsweise im (Belgisch-)Kongo standen. Hierbei fungieren die Schweden als quasi-Kontrollgruppe, um die Frage zu beantworten, ob die koloniale Umgebung in Ostafrika und im Kongo nur auf die weiße Identität der unmittelbaren Vertreter/innen der beiden Kolonialmächte oder auch auf andere Europäer/innen zurückwirkte. Nach Natermann fiel die Wahl deshalb auf Schweden, weil es im Unterschied zu den multikonfessionellen Gesellschaften in Belgien und Deutschland vergleichsweise homogen und auch kein direkter Nachbarstaat der mitteleuropäischen Länder war. Im Vergleich zu den skandinavischen Nachbarn waren Schweden sehr häufig in koloniale Unternehmungen in Afrika involviert und spielten vor allem im Kongo eine wichtige Rolle.

Pursuing Whiteness gliedert sich neben Einleitung und Zusammenfassung in vier Hauptkapitel mit jeweils ca. 30 Seiten. „Imperial Latecomers“ stellt den geschichtlichen Hintergrund des deutschen Kaiserreiches und des Königreichs Belgien dar und zeigt die Grundzüge des deutschen Kolonialismus (in Ostafrika) und die Genese des Kongos von einer als international intendierten Freihandelszone zu Belgisch-Kongo auf. Das Kaiserreich und Belgien hätten nahezu ähnliche Voraussetzungen bei Beginn ihrer kolonialen Agitation in Afrika gehabt, da beide Mächte junge Nationen in Mitteleuropa waren, die vor 1884 keine kolonialen Bestrebungen gehabt hätten, so Natermann.

Das darauffolgende Kapitel „Friendship“ stellt die allgemeine Bedeutung von Freundschaft für die individuelle Identität heraus und analysiert Freundschaften zwischen colonizers und colonized. Diese seien stark durch die situation coloniale geprägt, daher grundsätzlich in ihrer Tiefe limitiert und stark an den zeitgenössischen rassistischen Stereotypen Europas im ‚langen 19. Jahrhundert‘ orientiert gewesen.

Freundschaften zu vierbeinigen Begleitern, vor allem zu Hunden, waren zudem ein wichtiger Teil der weißen Identität der colonizers. Dies zeige sich vor allem bei der Rolle des Hundes als reines Haustier, dem im Unterschied zu afrikanischen Gesellschaften neben der Stellung als treuer Begleiter kaum eine andere Funktion in den europäischen Haushalten zukam, so Natermann.

Der Themenkomplex Gender und seine Bedeutung für die weiße Identität in Deutsch-Ostafrika und im Kongo folgt in „Masculine Africa“ und „The White Bibi“. Gerade die erste Dekade der formalen Kolonialherrschaft der Belgier und der Deutschen bezeichnet Natermann als „mono-gendered“ und „homo social“ (S. 147), da die europäische Gesellschaft dort fast ausschließlich aus Männern bestand. Entsprechend ihrer überwiegenden Herkunft aus dem Militär und der Marine, war die weiße männliche Identität im kolonialen Afrika stark von dominantem Auftreten, Schmerztoleranz, der Zurschaustellung mentaler und physischer Stärke sowie Kameradschaft und Loyalität gegenüber der Peergroup geprägt. Aufgrund der geringen sozialen Kontrolle, eines rassistischen Überlegenheitsgefühls und des Verpflichtungsgefühls, den afrikanischen Kontinent auch mittels Gewalt zu kolonisieren, stellt Natermann anhand der untersuchten Egodokumente der Akteure zum einen eine oft ungewollte oder unbemerkte Anpassung an die lokalen Gegebenheiten vor Ort fest, insofern diese dem Überleben diente. Zum anderen erkennt Natermann in den Egodokumenten auch eine Tendenz zur Brutalisierung im Verlauf des Aufenthaltes im kolonialen Afrika.

Auch die koloniale weiße weibliche Identität von europäischen Frauen wurde durch den Aufenthalt in Afrika geprägt. Durch Publikation ihrer eigenen Erfahrungen wurden diese auch der europäischen Öffentlichkeit zugänglich. Allerdings unterscheidet Natermann zwischen Ehefrauen von männlichen colonizers und alleinstehenden europäischen Frauen in den Kolonien. Auch wenn beide Frauengruppen mit klassischen Genderidentitäten des 19. Jahrhunderts durch ihre Reise in eine Kolonie brachen und somit ihre weiße weibliche Identität auch durch den Kolonialismus geprägt wurde, standen Ehefrauen der colonizers im Gegensatz zu alleinstehenden Frauen. Während Erstere sich an den Lebensweg ihres Ehemannes anpassten, wollten unverheiratete Frauen, wie beispielsweise Frieda von Bülow, durch ihre Reise in die Kolonie einen dezidierten „feminist mark“ (S. 181) setzen.

„Edible Identity“ widmet sich schließlich der kolonialen Esskultur und deren Einfluss auf die weiße Identität der colonizers. Die europäische Esskultur des 19. Jahrhunderts war stark der Etikette verpflichtet und entsprechend bedeutsam sowohl für die individuelle Identität als auch als Symbol für die Zugehörigkeit einer bestimmten sozialen Schicht. Entsprechend war sie zur Aufrechterhaltung der weißen Identität in den Kolonien von hoher Bedeutung. Besonders die Präsentation und das Anrichten der Nahrungsmittel illustrierte, wie sich Weißsein bei der Nahrungsaufnahme ausdrückte. Nach Natermann führte beispielsweise Hermann von Wißmann stets eine Tafel, Stühle, Tischdecke und Gedeck mittels Trägerkarawane auf Reisen mit, um bei der Rast ein Stück ‚weißes Europa‘ entstehen zu lassen.

Es ist eine der Stärken von Pursuing Whiteness, dass es scheinbar alltägliche Ereignisse wie diese Essensszene in ein neues Licht rückt und illustriert, wie diese mit weißen Symbolen besetzt waren und zur Aufrechterhaltung der weißen Identität benötigt wurden. Denn Weißsein im kolonialen Deutsch-Ostafrika und Kongo – so das zentrale Ergebnis der Studie – war keine in sich geschlossene Identität. Weißsein manifestierte sich vielmehr durch die Anordnung verschiedener Facetten des Weißseins, die individuell und stets in Relation zu Freundschaft(en), Gender und Esskultur ausgehandelt wurden.

Allerdings wirkt die Studie streckenweise lückenhaft. Zwar wird der geschichtliche Hintergrund der beiden kolonialen Hauptakteure Deutschland und Belgien ab 1884 beleuchtet, die Geschichte der quasi-Kontrollgruppe Schweden wird aber nicht erwähnt.

Nachdem die neuere Forschung den postkolonialen Charakter des europäischen Kolonialismus stets betont hat, wirkt die Charakterisierung Belgiens und Deutschlands als „utterly inexperienced newcomers to the imperial game“ (S. 46) überholt. Eine Periodisierung von 1884 bis 1914 kann sinnvoll sein, erwähnenswert wäre es dennoch gewesen, dass zum Beispiel die deutsche Kolonialgeschichte durchaus über den Zeitraum des formalen Kolonialbesitzes hinaus geht und für die (kollektive) Identität der Deutschen durchaus eine Rolle spielt(e).[1]

Die weiße Kolonialbevölkerung erscheint ausgesprochen bürgerlich und sehr homogen, was Natermanns Studie in dieser Hinsicht recht eindimensional erscheinen lässt. Dass aber gerade ein niedriger sozio-ökonomischer Status Weißsein in den Kolonien durchaus bedrohen konnte, wird in Pursuing Whiteness nicht erwähnt.[2]

Auch wenn es sich bei allen Quellen um Egodokumente handelt, hätte es zudem einer systematischeren Analyse bedurft. So unterscheidet Natermann beispielsweise kaum zwischen nicht publizierten Tagebüchern und veröffentlichten Autobiographien. Gerade eine detaillierte Rezeptionsgeschichte von Letzteren hätte Pursuing Whiteness bereichert, da Literatur beispielsweise im deutschen Kolonialrevisionismus eine bedeutende Rolle spielte.[3] Warum Natermann den Terminus ‚Egodokumente‘ dem neueren Konzept der ‚Selbstzeugnisse‘ vorzieht, bedürfte einer Begründung. Ferner findet eine detaillierte Analyse der zahlreich abgedruckten Bildquellen nur in Ausnahmefällen statt.

Teilweise irritiert Natermanns Terminologie: Zum Beispiel wird der Maji Maji-Krieg in Ostafrika von Natermann in den einleitenden Kapiteln als „Rebellion“ (S. 57f.) bezeichnet. Erklärlich wird dieser Umstand aus der Tatsache, dass Natermann überwiegend Forschungsliteratur aus den 1960er- und 1970er-Jahren zu diesem Thema heranzieht.[4] Auch quellensprachliche Begriffe wie ‚explorer‘ oder ‚tribe‘ sind ungekennzeichnet in den Fließtext eingegangen.

Da Natermann dezidiert nach der Konstruktion der weißen Identität in den Kolonien fragt und überzeugt ist, dass es zur Konstruktion und Aufrechterhaltung der weißen kolonialen Identität dem ‚colonized other‘ bedarf, ist es auffallend, dass afrikanische Akteur/innen (fast) keinen Raum in der Studie finden.

Natermanns Ansatz ist innovativ und begrüßenswert. Allerdings ist die Umsetzung nur punktuell überzeugend. Es wäre daher wünschenswert, wenn zukünftige Forschungen einen vergleichbaren Ansatz verfolgen würden, um ihm mehr Tragfähigkeit zu verleihen.

Anmerkungen:
[1] Für den deutschen Fall vgl. Jürgen Zimmerer, Kolonialismus und kollektive Identität. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte, in: ders. (Hrsg.), Kein Platz an der Sonne, Bonn 2013, S. 9–40.
[2] Exemplarisch vgl. Harald Fischer-Tiné, Low and Licentious Europeans. Race, Class and ‚White Subalternity‘ in Colonial India, New Delhi 2009. Für Deutsch-Ostafrika vgl. Philippa Söldenwagner, Spaces of Negotiation. European Settlement and Settlers in German East Africa 1900-1914, München 2006. Vgl. Dominik Nagl, Grenzfälle. Staatsangehörigkeit, Rassismus und nationale Identität unter deutscher Kolonialherrschaft, Frankfurt am Main 2007.
[3] Kritisch über die deutsche Erinnerungskultur bezüglich Frieda von Bülow vgl. Marianne Bechhaus-Gerst, Frieda von Bülow, in: Jürgen Zimmerer (Hrsg.), Kein Platz an der Sonne, Bonn 2013, S.. 365–372. Im Übrigen kommt Bechhaus-Gerst zu ähnlichen Schlüssen wie Natermann. Der hier genannte Aufsatz von Bechhaus-Gerst findet in Pursuing Whiteness keine Beachtung.
[4] Natermann stützt sich ausschließlich auf John Iliffe, A Modern History of Tanganyika, Cambridge 2008 (Erstveröffentlichung: 1979!) und auf ders. The Organization of the Maji Maji Rebellion, in: The Journal of African History 8/ 3 (1967), S. 495–512. Spätestens seit der Jahrtausendwende existieren jedoch Studien, die den Maji Maji-Krieg deutlich differenzierter darstellen. Vgl. Felicitas Becker / Jigal Beez (Hrsg.), Der Maji Maji Krieg in Deutsch-Ostafrika 1905-1907, Berlin 2005. Vgl. insbesondere Jamie Monson / James Giblin (Hrsg.), Maji Maji. Lifting the Fog of War, Leiden 2010.

Zitation
Michael Rösser: Rezension zu: : Pursuing Whiteness in the Colonies. Private Memories from the Congo Freestate and German East Africa (1884-1914). Münster  2018 , in: H-Soz-Kult, 15.03.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-30169>.