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Titel
Der Faustische Pakt. Goethe und die Goethe-Gesellschaft im Dritten Reich


Autor(en)
Wilson, W. Daniel
Erschienen
Umfang
368 S.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anna Ullrich, Institut für Zeitgeschichte München

In den vergangenen Jahren hat Daniel Wilson, Germanistikprofessor am Royal Holloway-Collage, immer wieder mit thesenreichen und kritischen Beiträgen zu Johann Wolfgang von Goethe und seiner Wirkungsgeschichte für Diskussionen gesorgt.[1] In diesem Sinne kann auch der hier zu besprechende Band als Fortsetzung seines zentralen Anliegens gewertet werden, vermeintliche Mythen im Zusammenhang und Umgang mit Goethe zu enttarnen und einer kritischen Analyse zu unterziehen. Nach Kriegsende hatte sich die Goethe-Gesellschaft weitgehend erfolgreich darum bemüht, ihre Distanz zum nationalsozialistischen Regime herauszustellen. Wilsons Analyse weist dagegen für den gesamten Untersuchungszeitraum die unterschiedlichen Verbindungen und Initiativen der Gesellschaft nach, sich dem Regime anzunähern und die oftmals ablehnende Haltung führender Nationalsozialisten gegen den Dichterfürsten positiv zu beeinflussen. Das Beispiel der Goethe-Gesellschaft erlaubt dementsprechend Rückschlüsse auf die Zugeständnisse und opportunen Haltungen gegenüber dem Nationalsozialismus, die auch Vereine kennzeichneten, die sich einer vollständigen Gleichschaltung entziehen konnten.

Im einleitenden Kapitel „Goethes Janusgesicht“ verdichtet Wilson Äußerungen Goethes sowie Charakterbeschreibungen durch Dritte zu zwei Versionen des Dichters: zum einen die des „humanistischen“ Goethe, durchdrungen von weltbürgerlichen und pazifistischen Gedanken, zum anderen die des „Deutschen“ Goethe, der an nationalen Bekenntnisse und judenfeindlichen Äußerungen nicht sparte. Offensichtlich offeriert Goethes Facettenreichtum genügend Anknüpfungspunkte für beinah jede Lesart seines Charakters – und seines Werkes.

Diese unterschiedlichen Lesarten prägten auch das Profil der Goethe-Gesellschaft. Bereits für die Zeit der Weimarer Republik arbeitet Wilson die deutschnationalen und antisemitischen Überzeugungen führender Mitglieder – wie des bis 1926 amtierenden Präsidenten Gustav Roethe oder des seit 1932 zweiten Vizepräsidenten Hans Wahl – heraus, die in deutlichem Kontrast zu liberalen Ortsvereinen (allen voran Berlin) und der grundsätzlich internationalen Ausrichtung der Gesellschaft standen. Um die Auseinandersetzungen innerhalb der Goethe-Gesellschaft, die auch nach 1933 nicht abnehmen sollten, besser nachvollziehen zu können, wären in diesem Zusammenhang einige Bemerkungen zum organisatorischen Aufbau der Goethe-Gesellschaft und insbesondere zum (Mitbestimmungs-)Verhältnis zwischen den Ortsgruppen und der „Mutter-Gesellschaft“ in Weimar nützlich gewesen.

Die folgenden sechs Kapitel des Buchs sind weitgehend chronologisch gegliedert und basieren maßgeblich auf vereinsinternen und privaten Korrespondenzen führender Vorstandsmitglieder (insbesondere Hans Wahl, dem Weimarer Ortsvorsitzenden Martin Donndorf sowie Julius Petersen, der bis 1938 das Amt des Präsident innehatte, und seines Nachfolgers Anton Kippenberg). Sie geben einen ernüchternden Einblick in die Initiativen und strategischen Überlegungen der zentralen Akteure, die von dem gemeinsamen Ziel geprägt waren, das Weiterbestehen der Goethe-Gesellschaft um jeden Preis zu gewährleisten. Vor diesem Hintergrund dient die Goethe-Gesellschaft auch als ein eindrückliches Beispiel für den Umgang eines prestigeträchtigen und etablierten Vereins mit den nationalsozialistischen Vereinnahmungspraktiken nach 1933.

Die Unsicherheit und Vorsicht, mit der der Vorstand der nationalsozialistischen Regierung begegnete, ist dabei nicht überraschend. Zahlreiche Nationalsozialisten betrachteten den „humanistischen“ Goethe mit Verachtung. Gleiches galt für die Goethe-Gesellschaft, der eine liberale Ausrichtung vorgeworfen wurde. Hinzu kam die Tatsache, dass der Anteil jüdischer Mitglieder mit acht Prozent deutlich höher als in vielen anderen Organisationen in Deutschland lag. Dass die Goethe-Gesellschaft in den kommenden Jahren nicht aufgelöst, einer nationalsozialistischen Organisation einverleibt oder einer „harten“ Gleichschaltung unterzogen wurde, hatte mehrere – zum Teil widersprüchliche – Gründe.

Wilson arbeitet überzeugend heraus, dass die Goethe-Gesellschaft sich frühzeitig bemühte, namhafte Nationalsozialisten für die Vorstandstätigkeiten zu gewinnen und sämtliche – geschäftliche wie private – Kontakte zu den neuen nationalsozialistischen Machthabern zu nutzen. Neueintritte in der NSDAP oder ihr angeschlossene Organisationen scheinen für Mitglieder der Goethe-Gesellschaft dagegen weniger in Frage gekommen zu sein. So erklärte beispielsweise der Weimarer Ortsvorsitzende Donndorf, eher sein Amt aufgeben zu wollen, als Parteimitglied zu werden (S. 53). Nichtsdestotrotz macht die Gesellschaft in den kommenden Jahren zahlreiche Zugeständnisse an das Regime, die sich beispielsweise darin äußerten, dass bei Vorträgen und Reden zu den Jahresversammlungen und in der Viermonatsschrift Goethe zunehmend ein „Deutscher“ Goethe heraufbeschworen wurde. Vor allem der Vizepräsident der Gesellschaft und Direktor des Goethe-Nationalmuseums, Hans Wahl, der ein frühes Mitglied des „Kampfbundes für deutsche Kultur“ und seit 1938 NSDAP-Parteimitglied war, trieb diese Entwicklung voran. So sicherte er sich die Unterstützung Joseph Goebbels, den er mehrfach in Weimar begrüßte.

Wilsons detaillierte Darstellungen legen in diesem Zusammenhang nahe, dass die Gesellschaft maßgeblich dazu beitrug, das Goethe-Bild führender Nationalsozialisten aufzuwerten. In jedem Fall stieg das Interesse verschiedener Institutionen an der Gesellschaft. Zeitweise konkurrierten die Reichsschrifttumskammer unter Goebbels, das Amt Rosenberg und der Arbeitsstab um Rudolf Heß – zu diesem Zeitpunkt noch der Stellvertreter Hitlers – darum, ihren Einfluss innerhalb der Gesellschaft auszubauen. Bemerkenswerterweise führte gerade diese Konkurrenz dazu, dass die Gesellschaft ihre Unabhängigkeit während des Nationalsozialismus weitgehend bewahren konnte, auch wenn sie im Sommer 1936 der „Arbeitsgemeinschaft literarische Gesellschaften und Vortragsveranstalter“ der Reichsschrifttumskammer beitrat.

Nichtsdestotrotz blieb das Handeln der Vorstandsmitglieder während des gesamten Zeitraums von einer überhöhten Sorge gegenüber möglichen politischen und persönlichen Interventionen geprägt. Wilson legt in diesem Zusammenhang überzeugend dar, dass ein Grund für die Begehrlichkeiten, die über die Goethe-Gesellschaft entbrannten, ihr internationaler Charakter war. Nach eigenen Angaben stammte noch Mitte der 1930er-Jahre ein Fünftel der Mitglieder aus dem Ausland. Auf dieser Internationalität begründete sich der Anspruch der Gesellschaft, eine „Weltmission“ zu verfolgen – eine Formulierung, die vom Propagandaministerium bereitwillig aufgegriffen wurde (S. 89).

Als ein Aushängeschild deutscher Kultur konnte die Goethe-Gesellschaft selbst nach Kriegsbeginn ihre Doppelfunktion erhalten und teilweise ausbauen. Während des Krieges wurden neue Ortsvereine gegründet, deren Mitglieder sich vermutlich vor allem eine Erweiterung des deutlich eingeschränkten kulturellen Angebots erhofften und damit der Goethe-Gesellschaft zu einer wachsenden gesellschaftlichen Wahrnehmung verhalfen. Auch Goethes Wirkung im Ausland blieb weiterhin ein Argument für die Bedeutung Deutschlands als Kulturnation, dessen sich das Propaganda- und Außenministerium bediente. Der deutlichste Beleg hierfür ist die Zeitschrift Goethe, die Dank der entsprechenden Papierzuteilungen bis kurz vor Kriegsende erscheinen konnte.

Das Interesse des Regimes auf der einen Seite, Goethe für die innen- und außenpolitische Propaganda zu nutzen, ebenso wie Strategien des geschickten Taktierens und Abwartens sowie bedingte inhaltliche Zugeständnisse hatten die Goethe-Gesellschaft vor einer vollständigen Gleichschaltung bewahrt. Nach Kriegsende bot sich so die ideale narrative Grundlage einer anständig gebliebenen Goethe-Gesellschaft, die beinah nahtlos an ihr eigentliches Ziel anknüpfen konnte: ihren unbedingten Selbsterhalt.

Für eine Untersuchung und Bewertung der Goethe-Gesellschaft während des Nationalsozialismus ist freilich der Umgang mit den jüdischen Mitgliedern von zentraler Bedeutung.[2] Wilsons Ausführungen fördern dabei nicht nur Erhellendes zur Geschichte der Gesellschaft, sondern zu den Ausschlussmechanismen und Teilhabemöglichkeiten jüdischer Deutscher nach 1933 insgesamt zutage. Auch wenn die Gesellschaft bereits ab 1933 die weitere Aufnahme jüdischer Mitglieder vermied und deren Rücktritt aus den Vorständen der Ortgruppen empfahl, verwahrte sie sich mit Verweis auf ihre internationale Bedeutung bis 1938 dagegen, ihre oftmals langjährigen jüdischen Mitglieder auszuschließen. Der Blick hinter die Kulissen belegt, dass zahlreiche Mitglieder den frühzeitigen Austritt jedoch als Ausdruck ihrer Selbstbestimmtheit nutzten. In Briefwechseln und Vorstandsprotokollen zeigt sich dagegen, vor welche Herausforderungen der Vorstand allein durch die Frage gestellt wurde, wer überhaupt jüdisches Mitglied sei.

Insbesondere bei der Auseinandersetzung mit der Behandlung der jüdischen Mitglieder wird deutlich, dass das Buch von einem eher thematischen Aufbau profitiert hätte. In jedem der Großkapitel wird zwar immer auf ihre Situation eingegangen, allerdings erschweren die vereinzelten, oftmals anekdotischen Beispiele eine zusammenhängende Analyse. Insgesamt ist Wilsons Geschichte der Goethe-Gesellschaft vor allem eine Geschichte ihrer führenden Vorstandsmitglieder. Es ist nachvollziehbar, dass sein Urteil über diese Männer negativ ausfällt. Der Blick über die Goethe-Gesellschaft hinaus macht jedoch deutlich, dass ihr Opportunismus weder ungewöhnlich noch sonderlich ausgeprägt war. Nur wer davon ausgeht, dass eine wissenschaftliche Bewunderung für Goethe mit moralischer Integrität gleichzusetzen ist, kann von den Ergebnissen dieser Studien überrascht werden.

Anmerkungen:
[1] Daniel Wilson, Das Goethe-Tabu. Protest und Menschenrechte im klassischen Weimar, München 1999; Hans Rudolf Vaget, Who's Afraid of Daniel Wilson? Zum Stand der Diskussion über den politischen Goethe, in: Monatshefte 98 (2006), S. 333–348.
[2] Dies wird auch in der Mehrzahl der bisherigen Besprechungen deutlich: Christoph Perels, Schamlos, schmachvoll, gierig. Erschütternde Zeugnisse: Daniel Wilson untersucht die Goethe-Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2018; Michael Knoche, Bitte melden Sie ihren Austritt! Ein Studie über die Goethe-Gesellschaft im NS-Staat, in: Süddeutsche Zeitung, 06.03.2019.

Zitation
Anna Ullrich: Rezension zu: : Der Faustische Pakt. Goethe und die Goethe-Gesellschaft im Dritten Reich. München  2018 , in: H-Soz-Kult, 11.06.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-30222>.
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Veröffentlicht am
11.06.2019
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