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Titel
Die Benediktiner. Von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters


Autor(en)
Dartmann, Christoph
Erschienen
Stuttgart 2018: Kohlhammer Verlag
Umfang
301 S.
Preis
€ 20,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andrea Knopik, Stiftung Kloster und Kaiserpfalz Memleben

Der Titel verspricht eine Überblickspublikation zur Geschichte, Entwicklung und Bedeutung des Benediktinerordens. Der Umschlagtext stellt einen Blick auf die Bedeutung der Benediktiner und Klöster für die mittelalterliche Gesellschaft und Kulturgeschichte in Aussicht. Christoph Dartmann hat sich mit der vorliegenden Publikation ein hohes Ziel gesetzt. Er möchte eine Geschichte des benediktinischen Mönchtums von der Entstehung der Benediktsregel bis zur Reformation für alle lesbar und verständlich vorlegen. Dies formuliert er gleich zu Beginn in der Einleitung, in der er ebenso auf den unterschiedlichen Wissensstand der Adressaten eingeht, für die er hofft, ein Einstiegswerk geschaffen zu haben.

Den Einstieg schafft Christoph Dartmann im zweiten Kapitel über eine intensive Auseinandersetzung mit der Benediktsregel, die er in den Mittelpunkt stellt. Seine thematische Hinführung zu Benedikt und der Regula Benedicti führt er über einzelne Asketen wie Antonius und das Eremitentum, Pachomius und das Zönobitentum sowie Basilius von Caesarea. Wichtige Regionen für die Entfaltung des lateinischen Mönchtums lagen im Nahen Osten, heute Ägypten, Palästina und Syrien.

Provozierende Formulierungen wie zu Beginn des Abschnittes zur Rekonstruktion von Benedikts Leben – „Unterstellt man, diese Heiligenvita beruhe auf glaubwürdigen Informationen, […]“ (S. 22) – setzen beim Leser die Kenntnis der Sache voraus, um eine Einordnung der Formulierung vornehmen zu können. Zwar führt Dartmann im Vorfeld dieser Formulierung kausal darauf hin, gleichwohl hebt er seinen Anspruch an Text und Leser damit erheblich. Mit den entsprechenden Vorkenntnissen sind Wertung und Weiterdenken möglich, ohne Vorkenntnis wird der Leser über die Absichten des vorliegenden Textes verunsichert.

Christoph Dartmann gelingt es, im zweiten Kapitel ein Bild des Benediktinertums zu schaffen, in dem die Entwicklungsgeschichte gleichermaßen wie Benedikt als Person, die Regula Benedicti und ihre Bedeutung, die Consuetudines, die Rezeptionsgeschichte der Regula sowie die Reformbestrebungen zusammengefasst werden. Hier wird deutlich, dass der benediktinischen Gemeinschaft mehr als nur der Namensgeber oder das von ihm verfasste Regelwerk zugrunde liegt.

Die vier folgenden Kapitel widmet Christoph Dartmann einzelnen wesentlichen Aspekten des Benediktinertums, beschränkt diese im Vergleich zu den Grundlagen in Kapitel 2 jedoch auf insgesamt keine zwei Drittel des Gesamtumfangs der vorliegenden Publikation. Zunächst greift Dartmann das Thema des Gebetes und die Religiosität der Benediktiner an. Hier werden die Texte des zweiten Kapitels, welches der theoretischen Einführung diente, lebendig. Sowohl die Stundenliturgie inklusive Gesang und Musikkultur als auch das Gebetsgedenken, die Memoria oder das Sünden- und Bußverständnis werden anschaulich beschrieben. Auch die Heiligenverehrung oder der Umgang mit Reliquien werden kritisch beleuchtet und gleichermaßen ausführlich besprochen.

Ein zweites Unterkapitel widmet sich der Kunst im benediktinischen Mönchtum. Diese lasse sich nur aus dem Zusammenhang der Liturgie als Zentrum des klösterlichen Lebens und ihrer Funktion heraus verstehen. Die Architektur, Buchmalerei und die Schatzkunst wurden als Beispielgeber ausgewählt – repräsentative mittelalterliche Kunstgattungen. Auf nur wenigen Seiten schafft es Dartmann, einen groben Überblick über die mittelalterliche Kloster- und Kirchenbaukunst zu schaffen, ohne jedoch den Eindruck zu erwecken, es würde eine typische Baukunst der Benediktiner geben. Wichtig ist hier die Einordnung in die allgemeine Geschichte der Sakralbaukunst unter Berücksichtigung regionaler Besonderheiten. Die Ausstattung der Klöster, Reliquiare und Altäre werden thematisch aufgeführt, in den benediktinischen Kontext gestellt, in ihrer liturgischen Bedeutung und Funktion erläutert und anhand einzelner Besonderheiten herausgestellt. Grundsätzlich sei hier angemerkt, dass Christoph Dartmann es sehr gut versteht, durch gut gewählte Beispiele allen Themen, auch wenn sie noch so theoretisch sind, ein heute noch sichtbares Bild beizustellen. Das sollte zumindest denjenigen Lesern einen Einstieg ins Thema ermöglichen, die sich ohne Vorkenntnisse an das Werk wagen.

Klöster werden gemeinhin als die Bildungszentren des Mittelalters bezeichnet. Im Kapitel zu Schriftkultur und Gelehrsamkeit wird auf die verschiedenen Aspekte eingegangen. Ob Schrift- oder Buchkultur, ob St. Gallen oder das Kloster Reichenau, ob Buchbestand oder Buchproduktion, ob die Gelehrsamkeit von Hrabanus Maurus oder von Hildegard von Bingen – Christoph Dartmann versteht es auch hier, anhand populärer Beispiele und knapper Zusammenfassungen ein Fenster zu öffnen und dem Leser zu verdeutlichen, wie viel Wissen hinter diesen kurzen Abschnitten steht. Er schafft es zwar, essentielle Themen anzureißen, allerdings sollte dem Leser hier bewusst sein, wie vielschichtig und detailreich die nur angerissenen Ausführungen tatsächlich sind. Allein am gewählten Beispiel St. Gallen wird deutlich, wie bedeutsam und facettenreich die Geschichte der Benediktinerabtei zu beleuchten wäre. Es trat bereits unter dem Thema Architektur auf, das Kloster Reichenau wird im Buch spätestens als Reichskloster unter der Überschrift „Das Kloster zwischen König, Kirche und Stadt“ erneut in Erscheinung treten.

Im zuletzt genannten fünften Kapitel dreht sich alles um das Beziehungsgeflecht und Netzwerk zwischen Herrschertum und Kirche, zwischen der Lebenswelt der Klöster in der Abgeschiedenheit im Gegensatz zu Konventen innerhalb mittelalterlicher Stadtmauern oder nahe bei diesen. Auch wirtschaftliche Aspekte fließen hier bereits ein, obwohl sich erst das letzte Kapitel des Buches diesem Thema im Besonderen widmet. Irritierend in diesem Kapitel ist das Fehlen des Themas Reichskloster, obwohl gerade diese beispielsweise im 10. Jahrhundert bei den Ottonen eine ganz wesentliche Rolle gespielt haben. Allein an den Ottonen ließen sich auch hervorragend die engen familiären Beziehungen zwischen kirchlichen und weltlichen Machtpositionen erklären und wie diese gerade im Mittelalter ganz gezielt zur Stärkung der Macht mit Familienmitgliedern besetzt wurden.

Neben den Bildungszentren waren Klöster auch Wirtschaftszentren. Im letzten Kapitel vor dem Epilog, der Danksagung, den Anmerkungen, der äußerst umfangreichen Bibliographie sowie dem Personen- und Ortsregister führt Christoph Dartmann in das Thema „Die Wirtschaft der Klöster“ ein. Hier schreibt er über die Bedeutung der Landwirtschaft sowie deren Entwicklung, der Viehwirtschaft, den Grundbesitz der Klöster, die Auswirkungen der Landwirtschaft auf die Landschaft. An dieser Stelle fällt auf, dass Wirtschaft mit Landwirtschaft gleichgesetzt zu werden scheint. Dies ist jedoch mitnichten zutreffend. Markt-, Münz- und Zollrechte sorgten ebenfalls für Einnahmen, die die wirtschaftliche Situation beeinflussten, gleichermaßen führten auch Auftragsarbeiten der Skriptorien zu einnahmen – oder abgebrochenes Steinmaterial aus klostereigenen Steinbrüchen. Sicher ist, dass jeder Konvent individuelle wirtschaftliche Ziele verfolgte, die je nach den regionalen Bedingungen unterschiedlich ausfallen konnten.

Christoph Dartmann schafft einen äußerst interessanten Abschluss des Werkes über den Epilog. Er schreibt hier, es hätte auch die Möglichkeit gegeben, die Geschichte und Entwicklung des Benediktinertums aus einer völlig anderen Perspektive zu beleuchten. In kurzen Abschnitten gibt er einen Ausblick auf die „Geschichte der Macht“, in dem er die Macht des Abtes, die Macht über Mitbrüder, die Macht in der Welt jenseits der Klostermauern thematisiert und so für den Leser den Blickwinkel erheblich weitet. Dartmann regt den Leser dadurch an, das Gelesene zu durchdenken und nicht hinzunehmen, sondern sich weiter damit zu beschäftigen und das Wissen zu vertiefen. Hierfür gibt er eine sehr umfangreiche Bibliographie an die Hand, die je nach Anspruch des Lesers die aktuellste und wichtigste Literatur zusammenfasst.

Zusammenfassend lässt sich Folgendes sagen: Wer anhand des Titels und Umschlagtextes ein einfaches Nachschlagewerk zur Einführung in die beschriebene Thematik erwartet, wird enttäuscht. Stattdessen findet der Leser ein umfassendes Werk, welches vielschichtig die Entwicklungsfacetten beleuchtet, Schwerpunkte setzt, aber auch Wissen voraussetzt. Ohne Vorkenntnisse erfordert das Werk ein Durcharbeiten vom Beginn bis zum Ende sowie Begleitliteratur, um alles verstehen zu können.

Zitation
Andrea Knopik: Rezension zu: : Die Benediktiner. Von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters. Stuttgart  2018 , in: H-Soz-Kult, 15.05.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-30245>.
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Veröffentlicht am
15.05.2019
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