Titel
Căpitan Codreanu. Aufstieg und Fall des rumänischen Faschistenführers


Autor(en)
Schmitt, Oliver Jens
Erschienen
Wien 2016: Zsolnay Verlag
Umfang
336 S.
Preis
€ 26,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markus Bauer, Berlin

Rumänien begeht in diesem Jahr aufwendig die 100. Wiederkehr der Entstehung von „România Mare“, der Vereinigung aller historischen Provinzen mit rumänischer Bevölkerung in einem einheitlichen Staat. Dieser Zusammenschluss des Regats hinter den Karpaten (Altreich) mit Siebenbürgen, Banat, Bukowina, Bessarabien und der Dobrudscha nach dem Zusammenbruch der Imperien 1918 leitete eine Phase der rumänischen Geschichte ein, die als nicht problemfreie Umsetzung dieser „Neugründung“ und zugleich als Modernisierungsschock verstanden werden kann. Wie in zahlreichen anderen europäischen Staaten kam es nach der scheinbaren Erfüllung des Narrativs von der geschlossenen und territorial saturierten Nation zur Entstehung faschistischer Bewegungen, die mit an der Zerstörung der demokratischen Grundlagen des neuen Staates teil hatten. Die auffälligste und historisch folgenreichste war die „Legion Erzengel Michael“ mit ihrem Gründer und Anführer Corneliu Zelea Codreanu. Dieser teilweise vergessenen, teilweise immer noch mystifizierten Gestalt ist die erste deutschsprachige Biographie durch den Wiener Historiker Oliver Jens Schmitt gewidmet.

Schmitt beginnt sein Buch mit der Evokation jenes Tages im Jahr 1940, an dem in Bukarest der „legionäre Staat“ durch Ion Antonescu zusammen mit dem Legionsführer Horia Sima ausgerufen wurde. Codreanu war zu diesem Zeitpunkt bereits fast zwei Jahre tot, auf Betreiben König Carols II. – Antonescus Vorgänger als Diktator – nach mehrmonatiger Gefängnishaft „auf der Flucht“ ermordet. Nach Ansicht Schmitts wurde nach dieser Gedenkfeier Codreanu für einige Monate wie ein Gott verehrt, „die rumänische Nation auf den Geist eines Toten vereidigt.“ (S. 8) Zwei wichtige Aspekte der Grundstruktur der Studie sind erkennbar: die Auseinandersetzung mit dem Totenkult und die Differenzierung der Legionsgeschichte, die nach Codreanus Tod eine andere war und bereits diverse Metamorphosen durchgemacht hatte, was Schmitt herauszuarbeiten immer wieder überzeugend gelingt.

Biographisch widmet sich Schmitt zunächst den Aktivitäten des Vaters Codreanus, Ion, der vor dem Ersten Weltkrieg als rumänischer Nationalist und Antisemit in der „Christlich-Nationalen Partei“ (PNC) der Professoren Alexandru C. Cuza und Nicolae Iorga aktiv war. Aus der polnischen Minderheit in der österreichischen Bukowina gebürtig, propagierte er „Provinzantisemitismus, irredentistischen Ultranationalismus und Militarismus“ (S. 24), nahm als Offizier am Ersten Weltkrieg teil, vermittelte seine nationalistische Sicht sowohl als Lehrer als auch in der mit seiner Ehefrau Eliza Brauner aus der deutschen Minderheit gegründeten Familie. Sein ältester Sohn Corneliu übernahm diese Einstellung. Auffällig an der Familie ist, dass der Vater den polnischen Namen Zelinschi (Zilinski) nach Übersiedlung ins Regat in „Codreanu“ inklusive des Vaternamens „Zelea“ ändert, was später den Faschistenführer in peinliche Pressepolemiken verwickeln sollte.

Schmitt destilliert aus den Anfängen zwei entscheidende Aspekte seiner Darstellung: die Familie und die Gewalt. Die rumänische Legionärsbewegung ist vor allem auch aus dieser Unterstützung und Glorifizierung Cornelius in der eigenen Familie zu verstehen. Zugleich liefert das Phänomen kriegerischer, sozialer und politischer Gewalt in der Nordmoldau die Basis für das Verständnis der frühen Entwicklung des Sohnes. Sein Antisemitismus, sein Nationalismus, seine Politik ist eine gewalttätige. Es verwundert daher, dass Schmitt nicht die Gewalt in der Familie thematisiert: Der Großvater soll seine erste Frau erschlagen haben, der Vater in der Schule bereits durch Gewalt gegen seine Mitschüler aufgefallen sein.[1] Entgegen der in der Länge des Buches stark gemachten mystischen und religiösen Charakterisierung Codreanus läge hier eine Gelegenheit, die Person des Legionsführers von einer ursprünglichen Prägung her präziser zu verstehen.

Als Student Alexandru C. Cuzas in Iaşi aktivierte Codreanu sein Gewaltpotential, um gegen sozialistische Gruppierungen in der Streikbewegung vorzugehen, noch bevor er als Studentenführer in Erscheinung trat. Die Nähe der Nordmoldau zu den Auseinandersetzungen in der Sowjetunion geben die Basis für den antisozialistischen Ideologieanteil in der Legionärsbewegung, der die soziale Frage als eine vermeintlich nationale zu lösen vorgibt. Ergänzt wird dieser Impuls durch die religiöse Prägung Codreanus und der Legionsbewegung, die Schmitt für „real“ hält und nicht als Ausformung einer „politischen Theologie“ [2], „da er [Codreanu] nichts weniger wollte als eine kollektive christlich-orthodox verstandene Rettung und Auferstehung der rumänischen Volksgemeinschaft.“ (S. 286) Wobei der Begriff Volksgemeinschaft unbestimmt bleibt und als Chiffre für ein diffuses Wollen und konkretes antisemitisches Ausgrenzen steht. Begriffliche Diffusität wird durch desto gewaltsamere Aktivität auszugleichen gesucht.

Von seinem Taufpaten Cuza unterstützt, gelingen dem Jurastudenten Aufsehen erregende Aktionen gegen die oft überrumpelten, unsicheren Autoritäten, die sich vor allem auch gegen jüdische Studenten richten. Es ist der massive Einsatz von Gewalt und Terror, der die „Erfolge“ in den Augen seiner Anhänger produziert. In der Instabilität des neuen Rumänien, die auf seine strukturelle Inhomogenität und den Zusammenbruch der traditionellen politischen Landschaft zurückgeht, reagieren die Behörden nicht einheitlich. Als Codreanu den Polizeichef von Iaşi, Manciu, erschießt, spricht ihn letztlich ein Gericht frei, da Manciu Anhänger Codreanus gefoltert habe. Trotz mehrerer Anklagen wegen Planung von Attentaten, Körperverletzung, Aufstachelung, etc. wird Codreanu erst 1937 zum ersten (und letzten) Mal verurteilt.

Schmitt sieht in der aus Revolutionsfurcht durch die aufkommende Arbeiterbewegung, Elitenfurcht vor Verdrängung, politischen Unsicherheiten gespeisten Atmosphäre der Nachkriegsjahre die Gründe für das Erstarken der antisemitischen Bewegungen, in denen Codreanu 1927 während eines Frankreichaufenthalts auf Distanz zu Cuza und dessen Partei LANC (Liga a Apărării Naţionale Creştine, Liga zur nationalen christlichen Verteidigung) geht und die „Legiunea Arhanghelului Mihai“ (Legion des Erzengels Michael) gründet. Was Schmitt als Reaktion auf die politischen Defizite beschreibt, ist großteils eigene ideologische Projektion des Antisemiten und Antidemokraten: Codreanu will etwas und geht dafür über Leichen. Insofern entsteht ein schräges Bild, wenn in der Gegnerperspektive nur „Linke“, „Linksliberale“ oder „kommunistische“ Politiker aufscheinen, wo es sich um die Verteidigung der wie auch immer prekär installierten Demokratie gegenüber dem terroristischen Antisemitismus und Nationalismus handelte. Erst gegen Ende des Buches spricht Schmitt von demokratischen Politikern als Gegnern der Liga.

Plastischer wird die Realität der Moldau, wenn Schmitts Ausführungen von der bäuerlichen Bevölkerung, den sozialen Verhältnissen, den Strategien des Charismas mit Liedern, Gemeinschaftsarbeit, Fahnen und Märschen handeln, den „Nestern“ (cuiburi) als kleinster Zelle der Bewegung, den gewalttätigen Kämpfen „Grünhemden“ vs. „Blauhemden“ der LANC. Es werden die immer wieder aufgesuchten Rückzugsorte in den Klöstern Neamţ, Văratec, Agapia, der Bergort Rarău als Infrastruktur der Bewegung genannt. Die andere Perspektive kommt allerdings kaum vor: die jüdischen Studenten, die verprügelt oder getötet werden, die moldauischen Shtetl wie Piatra Neamţ mit ihrer jüdischen Intellektualität, Ökonomie, Kultur. Schmitts strikter Konzentration auf Codreanu gelingt es nicht unbedingt, ein plastisches Bild seiner Person, seines Charakters, seiner Psyche zu zeichnen. Er unterlässt es gar, einen so engen Mitlegionär und Freund, später Schwager, wie Ion Moţa aus Siebenbürgen ausführlicher in Beziehung zu Codreanu zu setzen, Moţa wird eher als „deus ex machina“ eingeführt. Auch die Rolle der Frauen in der Bewegung und in Codreanus Biographie bleibt blass. Wie überhaupt viele Personen und Geschehnisse unvermittelt wie Allegorien auftauchen und etwas bei Codreanu oder dem Legionarismus belegen sollen, historisch in der Genese aber nicht plastisch werden.

Mehr Aufwand verwendet Schmitt für die Herausarbeitung der mystisch-religiösen Seite Codreanus, was wohl als Ersatz für Psychologie und Charisma-Analyse und als Charakterstudie stehen soll. So erfahren wir einiges über die religiösen Ekstasen und Selbstverherrlichungen des vielfach nur schweigenden Faschistenführers (im Gegensatz zu Mussolini oder Hitler überzeugte Codreanu nicht als öffentlicher Redner), seine Gewaltphantasien und Attentatsvorbereitungen bleiben aber in der Paraphrase der indirekten Rede versteckt. Es klafft eine enorme Lücke zwischen dem christlichen Selbststilisierer und gnadenlosen Mordhetzer, die Schmitt durchaus konstatiert, aber nicht historiographisch übersetzen kann.

Sehr viel nachvollziehbarer sind die Darstellungen der Wendungen und Strukturen der legionären Entwicklung: ihre Topographien zwischen den Hügeln der Moldau, den Sommerlagern am Meer und der späteren Konzentration auf die Hauptstadt Bukarest mit dem „Grünen Haus“ als Zentrale der Bewegung. Wichtig ist Schmitts konsequenter Hinweis auf die Marginalität der Bukarester Intellektuellen und Eliten, die sich in großer Zahl der Bewegung anschlossen, aber politisch und sozial nur punktuell Einfluss in der Legion besaßen, während zum Zeitpunkt von Codreanus Tod die Arbeiterschaft die Bauern als Hauptanhängerschicht abgelöst hatte. Ebenso differenziert schildert Schmitt die letzte Phase in Codreanus Politik, als er sich als politisches Gewicht mit einer Massenbasis zu dem Terror der Königsdiktatur Carols II. verhalten musste. Hier werden sehr detailliert auch die außenpolitischen Einflussnahmen und die Interessen der politisch entscheidenden Hofkamarilla sichtbar gemacht. Interessant wäre allemal, etwa die Beweggründe des Siebenbürger demokratischen Politikers Iuliu Maniu nachvollziehen zu können, die ihn mehrfach an die Seite des als künftigen Premierminister gehandelten Codreanu brachten.

Schmitts Codreanu-Biographie ist eine gedrängte, intensiv recherchierte, erfreulicherweise mit Gewinn auch auf Archivbestände zurückgreifende Arbeit, die insbesondere die Metamorphosen und Katarakte der Ideologie der Zentralfigur kenntlich macht. Es wird differenziert die Abnabelung von der antisemitischen Partei LANC des politischen ‚Ziehvaters‘ Cuza beobachtet. Ebenso die Wandlungen in der Konzeption und Leitung der sich verändernden Bewegung bis zu der Möglichkeit, die politische Führung des Landes zu übernehmen – eine Option, an der Codreanu scheitert. Die Biographie lässt erkennen, dass der im persönlichen Umfeld der Familie und der frühen Bewegung charismatisch überzeugende Führer an Zustimmung verliert, als er durch den Massenzuspruch bei Wahlen gezwungen ist, von der terroristischen Ideologie auf „Politik“ umzuschalten. Das produzierte Charisma blieb eines der Wahlplakate, der Lieder, des über den Tagesniederungen schwebenden Idols, das aber an der selbst geschaffenen Realität zerbrach – und damit über seine Ermordung hinaus Anlass zu Verklärung bot.

Anmerkungen:
[1] Tatiana Niculescu, Mistica rugăciunii şi a revolverului. Viaţa lui Corneliu Zelea Codreanu. Bukarest 2017, S. 12.
[2] Entgegengesetzt sieht Mihai Chioveanu bei Codreanu durchaus eine „politische Theologie“ am Werk. Vgl. Mihai Chioveanu, ‘Glaubenseiferer‘. Die Erneuerung der Nation und die Verzauberung der Politik im Rumänien der Zwischenkriegszeit, in: Armin Heinen / Oliver Jens Schmitt (Hrsg.), Inszenierte Gegenmacht von rechts. Die „Legion Erzengel Michael“ in Rumänien 1918–1938, München 2013, S. 69-88; vgl. auch Markus Bauer, Sammelrezension zu: Hildrun Glass, Deutschland und die Verfolgung der Juden im rumänischen Machtbereich 1940-1944, München 2014 & Armin Heinen / Oliver Jens Schmitt (Hrsg.), Inszenierte Gegenmacht von rechts. Die „Legion Erzengel Michael“ in Rumänien 1918–1938, München 2013 , in: H-Soz-Kult, 04.11.2014, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22332 (15.11.2018).

Zitation
Markus Bauer: Rezension zu: : Căpitan Codreanu. Aufstieg und Fall des rumänischen Faschistenführers. Wien  2016 , in: H-Soz-Kult, 04.12.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-30250>.
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04.12.2018
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