A. Dalachanis u.a.: Ordinary Jerusalem

Cover
Titel
Ordinary Jerusalem 1840–1940. Opening New Archives, Revisiting a Global City


Hrsg. v.
Dalachanis, Angelos; Lemire, Vincent
Erschienen
Umfang
XXIV, 591 S.
Preis
€ 187,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jasmin Daam, Globalgeschichte/Geschichte von Globalisierungsprozessen, Universität Kassel

„Jerusalem may indeed have too much history for a living city to come to terms with easily“.[1] Mit dieser Feststellung leitete Anfang des Jahrtausends Rashid Khalidi sein Forschungsprogramm für die Geschichte des neuzeitlichen Jerusalem ein. Trotz zahlreicher Studien zu Jerusalem hielt Khalidi neue Untersuchungen für notwendig. Im Gegensatz zu bisherigen Arbeiten müssten sie jedoch vor allem die Vielfalt sowie die vielschichtigen Bedeutungen dieser bizarre and tragic city aufarbeiten und die vielen, oft konkurrierenden Interessen, Einflussnahmen und Ansprüche an die Stadt zusammenbringen. Diesen Anspruch verfolgen Angelos Dalachanis und Vincent Lemire mit dem von ihnen herausgegebenen Band, der das Neben-, Mit- und Gegeneinander verschiedener Gruppierungen und Gemeinschaften in Jerusalem betrachtet. Verbunden werden die enthaltenen 31 Texte durch die Frage nach der citadinité, worunter die Herausgeber eine empfundene und gelebte städtische Identität und Zugehörigkeit verstehen.

Der Sammelband ist aus einem vom European Research Council (ERC) geförderten Projekt hervorgegangen, welches die Geschichte Jerusalems in der Neuzeit auf der Grundlage neu erschlossenen Quellenmaterials anders sehen, neu denken und tiefer verstehen will: Opening Jerusalem Archives: For a Connected History of Citadinité in the Holy City, 1840–1940. Das Projekt und die zugehörige Publikation versprechen die vielfach politisch, symbolisch, religiös aufgeladene Stadt in verschiedener Hinsicht zu öffnen: Dem lesenden Publikum soll die Vielfalt Jerusalems, seiner Einwohner und der zahlreichen Besucher in all ihrer Komplexität nahegebracht werden. Zugleich will der Band anderen Forschenden als eine Art Quellenfindbuch dienen, um Türen bislang wenig genutzter Archive und Sammlungen aufzustoßen und die Auseinandersetzung mit neuen Quellen anzuregen. Für die erhoffte Breitenwirkung dieser Impulse dürfte die Vorgabe des ERC sorgen, das Buch im open access frei zugänglich zu machen, eine Vorgabe, die der Verlag in vorbildlicher Weise umgesetzt hat. Das online veröffentlichte Dokument ist ebenso sauber gesetzt wie die Printausgabe, so dass sich auch die digitale Ausgabe äußerst komfortabel handhaben lässt. Beide Ausgaben sind reich und in Farbe illustriert. Zahlreiche Autorinnen und Autoren haben ihren Beiträgen Fotografien der untersuchten Archivmaterialien beigegeben, welche das verarbeitete Archivgut veranschaulichen und in ihrer Materialität meist in die Analysen einbezogen werden. Angesichts des sorgsamen Umgangs mit Illustrationen überrascht allerdings, dass ausgerechnet ein Stadtplan von Jerusalem fehlt. In einem Band, der dezidiert an die Bewohner und Nachbarschaften der Stadt heranführen will, wäre – bei aller Problematik graphischer Suggestion – eine solche Unterstützung zur Lokalisierung der beschriebenen Einrichtungen, Akteure und Archive nicht nur hilfreich, sondern geradezu geboten gewesen.

Indem Archivbestände möglichst vieler in Jerusalem ansässiger Gemeinschaften berücksichtigt werden, möchten Dalachanis und Lemire die Untersuchung aus dem Konfliktnarrativ lösen, welches andere Arbeiten zum Jerusalem der Zeit beherrscht. Dadurch findet eine gewisse Entpolitisierung statt, die aber angesichts alternativer vorliegender Arbeiten vertretbar ist.[2] Schließlich liegt der Mehrwert des Bandes im genauen Blick auf die lokale Ebene und in der differenzierten Betrachtung der Stadtbevölkerung. Beachtlich ist die Vielzahl an sprachlichen und religiösen Gemeinschaften, die in den Beiträgen bedacht werden: Unter anderem erhalten Sprecher des Amharischen, Griechischen, Russischen, Italienischen, Arabischen und Hebräischen das Wort, und den Autorinnen und Autoren gelingt es zumeist, beispielhaft die spezifische Perspektive der jeweiligen Gemeinschaft auf die Stadt Jerusalem deutlich zu machen. Darin unterscheidet sich der Band von anderen Studien zu Städten gerade auch im Mittelmeerraum des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts. In diesen oft globalhistorisch inspirierten Arbeiten wurden Metropolen und Hafenstädte insbesondere als Brennglas für Phänomene wie soziale und politische Transformationen, Migration, imperiales Ausgreifen und transnationale Kontakte untersucht.[3] Jerusalem allerdings ist in der Zeit der urbanen Zentren eben kein weithin ausstrahlendes politisches Machtzentrum und kein Hotspot der Weltwirtschaft. Seine Bedeutung liegt vielmehr in den Zuschreibungen, die an die Stadt herangetragen wurden und werden. In einem der eindrücklichsten Beiträge des Bandes verdeutlicht Jens Hanssen, dass eine genauere Untersuchung des Funktionierens der Stadt gerade aus diesen beiden Gründen notwendig ist. Als einer der wenigen Autoren des Bandes wagt sich Hanssen aus der Deckung und verbindet seine reflektierten Überlegungen zur Bedeutung kommunaler Organisation in osmanischer und nach-osmanischer Zeit mit einem Plädoyer für die gegenwärtige politische Relevanz historischer Stadtstudien in der Region insgesamt.

Eine ähnlich umfassende Verortung des Untersuchungsgegenstandes nehmen allerdings die wenigsten Autorinnen und Autoren vor. Zwar wird in den Beiträgen deutlich, inwiefern Bedeutungszuschreibungen und Erwartungen von außen in die Stadt und das städtische Leben hineinwirkten, ihr Hauptaugenmerk richtet sich jedoch auf die Binnenstruktur der Stadtgesellschaft. Den Herausgebern geht es dezidiert nicht um eine Darstellung der Rezeptionen und Repräsentationen, und ebenso wenig um eine Geschichte der regionalen, überregionalen und transnationalen Beziehungen. Entsprechend konventionell muten die Quellen an, die vielen Beiträgen zugrunde liegen: Akten von Verwaltungsstellen, religiösen Gemeinschaften sowie Konsulaten machen das Gros der Quellen aus, dazu kommen in geringerem Ausmaß Presseberichte und Ego-Dokumente wie Briefe oder Reisenotizen. Besonders originell und zudem überzeugend durchgeführt sind namentlich Maria Chiara Riolis Auseinandersetzung mit Visitenkarten sowie Yair Wallachs Analyse von „Stadttexten (urban texts)“, d.h. Texten, die sich in die Stadt einschrieben. Die Auswahl mag insofern überzeugen, wie Noémi Lévy-Aksu in ihrem Beitrag treffend bemerkt, als in vielerlei Hinsicht die Geschichte des Funktionierens des Osmanischen Reiches, seiner Verwaltung und Binnenstruktur noch Fragen aufwirft.[4] Wie wurde das Regierungshandeln umgesetzt, in welchem Verhältnis standen Stadtgesellschaft, Provinzverwaltung und das imperiale Zentrum in Istanbul zueinander, und wie verschoben sich diese Verhältnisse im Zuge der osmanischen Reformen, der jungtürkischen Revolution und der Errichtung des britischen Mandats? Wie (und wann) entstanden Empfindungen ‚nationaler‘ Zugehörigkeit, und welche Bedeutung kam religiöser Zugehörigkeit zu? In diesem Zusammenhang fügt sich der Band in eine Reihe jüngerer Arbeiten zum Osmanischen Reich und seinen Veränderungen im 19. Jahrhundert ein.[5]

Zugleich läuft der Sammelband Gefahr, Jerusalem als eine bloß additive Ansammlung konfessionell – und sprachlich – getrennter Gemeinschaften vorzustellen. Die Auswahl der Quellen, die insbesondere aus Archiven der religiösen Institutionen stammen, lässt diese als zentral für die städtische Organisation erscheinen. In erster Linie scheint hier religiöse Zugehörigkeit ein Gemeinschaftsgefühl zu stiften. Auch erscheinen religiöse Würdenträger als zentrale Akteure, die beispielsweise zwischen den Interessen der Stadtbewohner und den imperialen Zentren in Istanbul und London vermittelten. Die Spannung, die sich aus dem Zugriff auf eine postulierte Stadtgesellschaft mittels konfessioneller Archive ergibt, thematisiert vor allem Louis Fishman, der die Implikationen des Begriffs der citadinité kritisch diskutiert. Während er Interaktionen, Kontakte und sozioökonomische Verflechtungen zwischen religiösen Gemeinschaften gerade im städtischen Alltag nicht ausschließt und als praktisch angewandte _citadinité_ anerkennt, hinterfragt er die Annahme, dass hieraus ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und der städtischen Zugehörigkeit erwächst. Dass die zentrale Frage nach der citadinité am Ende offenbleibt, dürfte daher auch dem Zugriff geschuldet sein. Soziale oder politische (Gegen-)Bewegungen finden wenig Beachtung, und Akteure jenseits einer bürgerlichen Stadtgesellschaft bleiben weitgehend unsichtbar (mögliche Gründe diskutiert Yali Hashash in ihrem Beitrag). Gleichermaßen erhalten mobile Akteure, die sich temporär in Jerusalem aufhielten, geringe Aufmerksamkeit. Diese Aussparungen sind insbesondere mit Blick auf das 20. Jahrhundert bedauerlich. Gerade im Kontext der übergreifenden Frage des Bandes, nämlich nach Transformationen des Politischen und nach Vorstellungen von Zugehörigkeit hätte eine solche Weitung des Blicks wertvolle Erkenntnisse hinzufügen können.

Das Projekt, schreiben die Herausgeber, sei nur als kollektives Unterfangen möglich gewesen. Das leuchtet ein, allein die Anzahl an Sprachen, in denen die studierten Quellen verfasst sind, beeindruckt. Für die Rezeption dürfte die Form des Sammelbandes dennoch das größte Manko sein. Während der Band eine Vielzahl an gründlichen Quellenstudien umfasst, bleiben so viele Fragen offen, dass letztlich ein recht diffuses Bild des alltäglichen Zusammenlebens in Jerusalem entsteht. Daher bleibt zu hoffen, dass die vielen wertvollen einzelnen Ergebnisse und Erkenntnisse, die die Autorinnen und Autoren hier zusammengetragen haben, künftig in monographischen Werken gebündelt werden. Ordinary Jerusalem dürfte in jedem Fall das Bewusstsein für ein Jerusalem jenseits der Narrative von Konfrontation und Konflikt schärfen. Mit neuen Quellen und Themen trägt der Band dazu bei, das Bild von der Stadt zu differenzieren. Die von Khalidi identifizierte Aufgabe, Jerusalem jenseits seiner religiösen Aufladung und kolonisierender Ansprüche als gelebte Stadt zu erklären, bleibt allerdings weiterhin bestehen.

Anmerkungen:
[1] Khalidi, Rashid, A Research Agenda for Writing the History of Jerusalem, Konferenzbeitrag, Dezember 2000, in: Palestinian Studies, <https://palestinianstudies.files.wordpress.com/2017/01/writing-history-of-jerusalem-rashid-khalidi.pdf> (03.01.2019).
[2] Siehe z.B. Abigail Jacobson, From Empire to Empire. Jerusalem between Ottoman and British Rule, Syracuse, N.Y. 2011; Tamar Mayer / Suleiman A. Mourad (Hrsg.), Jerusalem. Idea and Reality, London 2008; Roberto Mazza, Jerusalem. From the Ottomans to the British, London 2009; Bernard Wasserstein, Divided Jerusalem. The Struggle for the Holy City, 2. Aufl., New Haven 2002.
[3] Siehe für den osmanischen und post-osmanischen Kontext u.a. Beshara Doumani, Rediscovering Palestine. Merchants and Peasants in Jabal Nablus (1700–1900), Berkeley 1995; Jens Hanssen, Fin de Siècle Beirut. The Making of an Ottoman Provincial Capital, Oxford/New York 2005; Jens Hanssen/Thomas Philipp/Stefan Weber (Hrsg.), The Empire in the City. Arab Provincial Capitals in the Late Ottoman Empire, Würzburg 2002; May Seikaly, Haifa. Transformation of a Palestinian Arab Society (1918 – 1939), London 1995; Keith D. Watenpaugh, Being Modern in the Middle East. Revolution, Nationalism, Colonialism, and the Arab Middle Class, Princeton, N.J. 2006; Mahmoud Yazbak, Haifa in the Late Ottoman Period (1864 – 1914). A Muslim Town in Transition, Leiden 1998. Zur Bedeutung von Städten im 19. Jahrhundert, einschließlich einer Typisierung: Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009, S. 356-464.
[4] Vgl. Noémi Lévy-Aksu, The State and the City, the State in the City. Another Look at Citadinité, in: Angelos Dalachanis and Vincent Lemire (Hrsg.), Ordinary Jerusalem (1840–1940). Opening New Archives, Revisiting a Global City, Leiden/Boston, 2018, S. 143–60, hier S. 149–150.
[5] Siehe u.a. Hanssen, Beirut. Nora Lafi, Esprit civique et organisation citadine dans l'Empire ottoman (XVe-XXe siècles), Leiden/Boston 2018; Laura Robson, Colonialism and Christianity in Mandate Palestine, Austin 2011; Sherene Seikaly, Men of Capital. Scarcity and Economy in Mandate Palestine. Stanford 2016; Benjamin T. White, The Emergence of Minorities in the Middle East. The Politics of Community in French Mandate Syria, Edinburgh 2011.

Zitation
Jasmin Daam: Rezension zu: Dalachanis, Angelos; Lemire, Vincent (Hrsg.): Ordinary Jerusalem 1840–1940. Opening New Archives, Revisiting a Global City. Leiden  2018 , in: H-Soz-Kult, 25.04.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-30280>.