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Titel
Der Februaraufstand 1934. Fakten und Mythen


Autor(en)
Bauer, Kurt
Erschienen
Wien 2019: Böhlau Verlag
Umfang
217 S.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Florian Wenninger, Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien

Die Februarkämpfe des Jahres 1934 hatten fraglos nachhaltigen Einfluss auf das politische System Österreichs. Das vorliegende Buch beansprucht, den aktuellen Forschungsstand in eine „kompakte wissenschaftliche Monographie“ zu gießen, „die den Aufstand, seine Vorgeschichte, seinen Verlauf […] konzis, nüchtern und ohne parteipolitische, ideologische Verbrämung darzustellen versucht“ (S. 7). Das Werk gliedert sich in eine Skizze der Vorgeschichte, eine knapp vierzigseitige Abhandlung der Kämpfe selbst und eine quantitative Analyse der Opfer. Den Abschluss bilden zwei Abschnitte, die sich mit „besonderen Fällen“ und „Mythen, Legenden, offenen Fragen“ befassen. Mehr als 90 der gut 200 Seiten nimmt der Anhang ein, hauptsächlich bestehend aus einem Verzeichnis aller namentlich identifizierten Todesopfer.

Bereits die Darstellung der Vorgeschichte legt mehrere grundlegende Probleme des Buches offen. Einmal ist da die mangelnde Rezeption der vorhandenen Literatur. So führt der Autor als eine wichtige Station auf dem Weg in die Diktatur eine Episode an, die von der Forschung bereits vor über dreißig Jahren ins Reich der politisch motivierten Legende verwiesen wurde, nämlich das angebliche Koalitionsangebot Ignaz Seipels, durch dessen Ablehnung die Sozialdemokratie letztlich die antidemokratischen Kräfte der Rechten weiter gestärkt habe (S. 14).[1] Wiewohl zudem gleich mehrere jüngere Forschungen eindrücklich den gegenteiligen Nachweis erbracht haben[2], firmieren Frauen in der vorliegenden Darstellung ohne weitere Erläuterungen grundsätzlich als Unbeteiligte (S. 76), deren Rolle keinen Erklärungswert für den Ereignisverlauf hat. Die zweite Schwierigkeit ist das Ignorieren sozialer und wirtschaftlicher Verwerfungen. Ökonomische Interessensgegensätze scheinen für Bauer nicht weiter relevant zu sein, sondern folgen gleichsam Naturgesetzen. Krisenlösungspolitiken erscheinen ihm dementsprechend nicht interessensgeleitet, sondern alternativlos: ausgabenseitige Budgetsanierungen sind „schmerzhaft, aber notwendig“ (S. 14), Refinanzierungen durch internationale Anleihen „unumgänglich“ (S. 15). In Kombination mit – drittens – der mangelnden Auseinandersetzung mit sozialdemokratischer Theorie- und Organisationsgeschichte vermag der Autor in weiterer Folge nicht, grundlegende Zusammenhänge schlüssig zu erklären, begonnen mit den Motiven der Beteiligten, sich überhaupt am Aufstand zu beteiligen.

Die chronologische Abhandlung der Kämpfe zwischen dem 12. und 15. Februar basiert, sofern Primärquellen herangezogen werden, vornehmlich auf Polizei- und Militärquellen sowie auf zeitgenössischen Pressemeldungen (fast ausnahmslos regimetreuer Blätter). Dabei wird ein viertes gravierendes Problem der Arbeit sichtbar: unzureichende Kritik und schwer nachvollziehbare, selektive Würdigung von Quellen. Polizeiquellen behandelt der Autor als gleichsam neutrale Medien und begründet das damit, die einschlägigen Dokumente seien doch „nur für den Dienstgebrauch gedacht, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen“ (S. 82). Nun ließe sich dagegen schon einwenden, dass die handelnden Personen Teil einer Konfliktpartei waren, die Quellen eine Vielzahl von Widersprüchen aufweisen und auch innerhalb des Staatsapparates eine Reihe persönlicher und institutioneller Interessenslagen wirkten. Bauers Standpunkt ist aber auch deshalb nicht einleuchtend, weil er ihm andernorts selbst nicht folgt. So wertet er eine hoch spekulative, im Eigenverlag publizierte Seminararbeit eines pensionierten Bundesheerbrigadiers[3] im Quellenwert höher als die ebenfalls ausschließlich für den Dienstgebrauch bestimmte zeitgenössische Darstellung der Kämpfe durch das österreichische Bundesheer.[4] Das ist umso bemerkenswerter, als Bauer mit dem Brigadier zum Schluss kommt, ein Massaker von Bundesheersoldaten an gefangenen Schutzbündlern im oberösterreichischen Holzleithen sei in Wahrheit von Angehörigen der Heimwehren verübt worden (S. 94f.), während gleich mehrere zeitgenössische Quellen, vom Militär[5] über die Regimepresse[6] bis hin zur politischen Führungsebene[7] die Täterschaft von Soldaten gar nicht bestritten, sondern ganz im Gegenteil ausdrücklich rechtfertigten.

Durchaus überraschend ist auch Bauers Befund, die Schutzbündler hätten sich vor Beginn der Kämpfe „in der Regel ausreichend“ bewaffnen können (S. 77). Tatsächlich wissen zahlreiche Quellen von einem eklatanten Bewaffnungsproblem infolge dezentraler Waffenverstecke zu berichten.[8] Die Regierungsseite, deren Interpretation Bauer hier aber folgt, hatte dessen ungeachtet ein erhebliches Interesse daran, das militärische Potential der Aufständischen möglichst auszuschmücken, um ihre Bekämpfung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln als gerechtfertigt erscheinen zu lassen und zugleich den errungenen Sieg als umso bedeutsamer darzustellen.

Derjenige Teil des Buches, der den bisherigen Forschungsstand tatsächlich substanziell erweitert, widmet sich den Todesopfern der Februarkämpfe. Bauer hat dazu Polizeiakten mit Sterbeverzeichnissen und Friedhofsakten abgeglichen und erstmals ein detailliertes Opferverzeichnis erstellt. Er kann dabei die Gesamtzahl der Opfer der Kämpfe glaubwürdig auf etwa 360 Tote eingrenzen, von denen er 357 namentlich identifiziert. Interessant ist auch die erstmalige Verortung der Todesopfer im gesamten Bundesgebiet (S. 78). Die Gesamtzahl der Opfer bestätigt im Wesentlichen bisherige Schätzungen, präzisiert diese aber weiter. Die sonstigen Erkenntnisse sind mehrheitlich vorhersehbar: Die meisten Toten stammten aus den jeweiligen Kampfgebieten (S. 78), Gefallene der Exekutive waren im Schnitt deutlich älter als jene des Bundesheeres und der Wehrverbände (S. 86), mehr Menschen kamen im freien Gelände ums Leben als in provisorischen Stellungen oder Wohnhäusern und unter den primär defensiv und daher gedeckt kämpfenden Schutzbündlern waren weniger Opfer zu beklagen als unter den offensiv vorgehenden Regierungsverbänden (S. 80f.). Für Bauers weitere Argumentation wesentlich ist der geringe Anteil derer, die durch Artillerieeinwirkung ums Leben kamen (S. 82).

Der Autor nimmt dies zum Anlass, den Artillerieeinsatz des Regimes gegen Wohnhausanlagen gegen die „maßlose Gräuelpropaganda“ in Schutz zu nehmen (S. 122) und die vorgeblich auf den Kanonengebrauch rekurrierende Beschuldigung Dollfuß‘ als „Arbeitermörder“ zurück zu weisen (S. 137). Überdies, so Bauer in expliziter Anlehnung an die zeitgenössische Argumentationslinie des Regimes (FN 222), habe der Kanonenbeschuss von Wohnblocks letztlich wohl Leben gerettet, weil er die Kämpfe verkürzt habe (S. 120, 123). Derlei Argumente mag überzeugend finden wer will. Jedenfalls konstatieren müssen wird man im Weiteren allerdings die methodische Zweifelhaftigkeit, mit der Bauer bemüht ist, seinem Datensatz weitere Informationen zu entlocken. Ein nicht näher begründeter und, wie auch der Autor einräumt, methodisch problematischer Abgleich der Daten der Februartoten mit denjenigen der nationalsozialistischen Juliputschisten bleibt schon an sich rätselhaft. Aus der dabei eruierten Tatsache, dass die Schutzbündler im Schnitt deutlich älter und wesentlich häufiger verheiratet waren, Rückschlüsse auf ihre abweichende Kampfweise zu ziehen (S. 87f.), ist bestenfalls gewagt. Ähnliches gilt auch für die vom Autor vorgenommene Kategorienbildung. Selbst die Urheber der von Bauer ausführlich zitierten Polizeiquellen äußern Zweifel, ob sich einigermaßen zuverlässig rekonstruieren lasse, inwieweit sich Verwundete oder Tote zuvor an den Kämpfen beteiligt hätten (S. 73). Dessen ungeachtet unterteilt Bauer die Ziviltoten großzügig in „Aufständische“ und „Unbeteiligte“ bzw. „Zufallsopfer“ (S. 79).

Zusammenfassend vermag das Werk trotz punktueller Ergänzungen des Forschungsstandes daher weder methodisch noch analytisch zu überzeugen. Statt seinem Anspruch gerecht zu werden, überkommene „Mythen“ zu dekonstruieren, reproduziert der Autor selbst mehrfach längst überwunden geglaubte Legenden und (De-)Legitimationsmuster. So werden die Heimwehren in bester Tradition großkoalitionärer Sündenbockgeschichtsschreibung[9] zu den wahren, scheinbar autonom agierenden Bösewichten. Bei Bauer haben zentrale Akteure der Rechten nicht jahrelang auf eine Autoritarisierung des politischen Systems hingearbeitet, sondern sich im Gegenteil um Verständigung bemüht. Und schließlich gelten vor allem die Sozialdemokratie und ihr gestörtes Verhältnis zur parlamentarischen Demokratie (S. 136) als der wahre Grund für die politische Polarisierung der Ersten Republik. Letztlich schiebt Bauer trotz oder gerade wegen des einleitend formulierten Anspruchs, eine ideologisch völlig unvoreingenommene Geschichte eines Konfliktes schreiben zu wollen, beherzt sämtliche reflexiven Standards des Faches beiseite. Wie als Probe aufs Exempel zeichnet sich seine vorgeblich neutrale Darstellung durch eine selten deutliche politische Positionierung gegen die Aufständischen aus.

Anmerkungen:
[1] Anton Staudinger, Konzentrationsregierung, Bürgerblock oder präsidiales Minderheitsregime? Zum angeblichen Koalitionsangebot Ignaz Seipels an die Sozialdemokratie im Juni 1931, in: Zeitgeschichte 12 (1984/85), 1, S. 1–18.
[2] Siehe zuletzt die Schwerpunktnummer der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaft: Perspektivenwechsel: Geschlechterverhältnisse im Austrofaschismus, 27 (2016), 3.
[3] Wilfried Wöss, Abhandlung. Der 12. und 13. Februar in Holzleithen, Vöcklabruck 2013.
[4] Bundesministerium für Landesverteidigung (Hrsg.), Der Februar-Aufruhr 1934. Das Eingreifen des österreichischen Bundesheeres zu seiner Niederwerfung, Wien 1935.
[5] Vgl. ebenda, S. 218f.
[6] o.a., Bei den Kämpfen um Thomasroith, in: Linzer Volksblatt, Ausg. 14. Februar 1934, S. 2.
[7] Schreiben des vormaligen Staatssekretärs für das Sicherheitswesen, Carl Karwinsky, an Heinrich Benedikt vom 11. September 1954, Wienbibliothek im Rathaus, Handschriftensammlung, Archiv Verlag für Geschichte und Politik ZPH 1765, Box 1, Mappe Benedikt, Die Geschichte der Republik Österreich II.
[8] So etwa bei Winfried Garscha / Hans Hautmann, Februar 1934 in Österreich, Berlin 1984, S. 116f.; Helmut Fiereder, Der Republikanische Schutzbund in Linz und die Kampfhandlungen im Februar 1934, in: Historisches Jahrbuch der Stadt Linz 1984, Linz, S. 201–248, hier S.145; Kurt Peball, Die Kämpfe in Wien im Februar 1934 (Militärhistorische Schriftenreihe 25), Wien, S. 25f.
[9] Vgl. Franziska Schneeberger, Heimwehr und Bauern – ein Mythos, in: Zeitgeschichte 16 (1988/89), 4, S. 135–145, hier S. 135.

Zitation
Florian Wenninger: Rezension zu: : Der Februaraufstand 1934. Fakten und Mythen. Wien  2019 , in: H-Soz-Kult, 13.03.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-30302>.
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Veröffentlicht am
13.03.2019
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