M. Hedemann: Danmark, Slesvig og Holsten 1404-1448

Cover
Titel
Danmark, Slesvig og Holsten 1404-1448. Konflikt og konsekvens


Autor(en)
Hedemann, Markus
Erschienen
Umfang
351 S.
Preis
€ 19,82
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Magnussen, Universität Leipzig

Im Sommer 1431 belagerte eine Koalition aus holsteinischen Grafen, wendischen Hansestädten und verbündeten Fürsten über vier Monate hinweg die vor Flensburg gelegene Burg des dänischen Königs Erik VII. Nachdem die Vorräte langsam zur Neige gingen und ein königlicher Entsatz scheiterte, sah sich die Besatzung gezwungen, Verhandlungen mit ihren Belagerern aufzunehmen. Die Verhandlungsführer um die Holsteiner Grafen Adolf VIII. und Gerhard VII. gewährten der Besatzung freien Abzug und nahmen das königliche Machtzentrum im Herzogtum Schleswig in Besitz. Für Erik ging dabei mehr als nur eine Burg verloren, denn vor Flensburg wurde sein ambitioniertes Vorhaben der Rückführung des Herzogtums unter die dänische Krone zu Grabe getragen – ein Ziel, für dessen Erreichen er alles auf eine Karte gesetzt und nun alles verloren hatte: Nur wenige Jahre später erhoben sich schwedische Bauern um Engelbrekt Engelbrektsson, 1435 flüchtete sich Erik nach Gotland und verlor 1439 zunächst die schwedische und dänische, 1440 dann auch die norwegische Krone. Schon bei ihrem ersten Herrscherwechsel hatte das integrative Moment der Kalmarer Union erheblich an Schwung verloren und auch die Autorität des nordischen Königtums war stark beschädigt.

Angesichts dieser Konsequenzen bedarf es eigentlich keiner näheren Betonung der historischen Bedeutung dieses Machtkampfes um das Herzogtum Schleswig für die nordeuropäische Geschichte. Dennoch fristet er bislang ein Schattendasein, denn seit Kristian Erslevs 1901 veröffentlichter Studie[1] hat es keine eingehende Bearbeitung dieses Konflikts mehr gegeben. Viel ist seither geschehen, weshalb es bereits aus diesem Grund lobenswert ist, dass der dänische Historiker Markus Hedemann mit seiner Monographie nun eine Neuuntersuchung dieses Konflikts vorlegt.

Hedemann kritisiert in seinem Werk mit Recht, dass der Konflikt bislang nur als Teil übergeordneter Machtkämpfe im westlichen Ostseeraum behandelt wurde, denn dieser war weniger ein Schauplatz übergeordneter Interessen als die „allesüberstrahlende, um nicht sogar zu sagen, die einzige Ursache dieses Großkrieges“ (S. 200 [meine Übers.]). Der Konflikt sei daher auch zentral für das Selbstverständnis des Königtums Eriks VII., dem eine ausgeprägte autokratische, dynastische und expansive Ideologie zugrunde gelegen habe – ganz in der Tradition von Eriks Vorgängern Waldemar IV. und Margarethe. Die Frage der Herrschaft über das Herzogtum identifiziert Hedemann gewissermaßen als Lackmustest dieses politischen Programms, weshalb sich die Umsetzung dieser königlichen Ideologie auch als roter Faden durch das Werk zieht. Ausgehend von der 1326 erfolgten Belehnung Gerhards III. von Holstein-Rendsburg mit dem Herzogtum Schleswig, dem Ursprung der schauenburgischen Ansprüche, spannt Hedemann einen weiten chronologischen Bogen bis zur abermaligen Belehnung Graf Adolfs VIII. durch König Christoffer III. in den Jahren 1440/43. In einem kleinen Exkurs wagt er sich sogar bis zur für die schleswig-holsteinische Regionalgeschichte so bedeutenden Wahlhandfeste Christians I. vor und vergleicht die durch diese vorgegebenen Spielräume mit dem Herrschaftsprogramm Eriks VII.

Nach einer knappen Einführung skizziert Hedemann in zehn chronologischen Kapiteln die zentralen Stationen dieses Konflikts. Sein besonderes Interesse gilt dabei den zahlreichen Vermittlungen, Schiedssprüchen und Verträgen, die er weitsichtig in ihren historisch-politischen Kontexten verortet. Auch wenn sich das stufenweise Vorantasten angesichts der oftmals nur marginalen Entwicklungen manches Mal etwas redundant liest, so gelingt es Hedemann auf diesem Wege, das bisweilen diffizile Spiel aus Aktion und Reaktion über die Deutungshoheit der kontroversen Ansprüche überzeugend nachzuzeichnen. In ihren historischen und politischen Kontext gerückt, ergeben sich bisweilen auch ganz neue Zugänge zu zentralen Verträgen. So erklärt sich etwa der argumentative Widerspruch König Eriks VII., der einerseits die Grafen 1413 noch der Felonie bezichtigte, wenige Jahre später jedoch gegenüber dem römisch-deutschen König Sigismund leugnete, dass sein Königreich ein Lehnsrecht überhaupt kenne. Hedemann entlarvt diesen vielfach betonten Widerspruch nun als scheinbaren, denn die 1413 von Erik verwendete lehnsrechtliche Terminologie erklärt sich mit der Verwendung der Prozessakten als Grundlage für den zwei Jahre später erfolgten königlichen Schiedsspruch Sigismunds. In ähnlicher Weise eröffnet er auch die Diskussion über die Constitutio Valdemariana aufs Neue, die er nun erneut als bewusste Fälschung Adolfs VIII. deutet.

Hedemann zeigt eindrücklich, wie es Erik VII. gelang, bis zum Ofener Schiedsspruch von 1424 die eigene autokratische Politik erfolgreich durchzusetzen. Doch erweist sich Eriks größter Erfolg zugleich als Wendepunkt, denn nur wenige Jahre später stand Erik vor den Scherben seines Königtums. Als zentrales Dokument offenbart sich dabei ein am 15. Juni 1423 geschlossenes Bündnis mit den wendischen Hansestädten, welches zwar zunächst als diplomatischer Sieg Eriks VII. erscheint, jedoch die Spielräume der bis dato um Neutralität bemühten Städte massiv einschränkte und diese zur Partei erhob. Deren Sorge um ihre eigenen Freiheiten führte im Herbst 1426 schließlich zum Bruch mit dem König, wodurch sich das Kräftegleichgewicht grundlegend verschob.

Sicherlich waren die Hansestädte auch wichtige Akteure in diesem Konflikt, doch betritt Hedemann hier bisweilen diejenigen Pfade, die er noch selbst an der früheren Forschung kritisierte. Denn neben der Behandlung der hansisch-königlichen Diplomatie gerät der eigentliche Konflikt bisweilen in den Hintergrund. Die lakonischen Nennungen selbst großer Belagerungen von Gottorf (1426) oder Flensburg (1427, 1431), die unter Verweis auf Erslev lediglich in einem Nebensatz erwähnt werden, mögen dabei noch mit dem Fokus auf die diplomatischen Beziehungen und die königliche Ideologie zu erklären sein. Weniger erklärlich ist indes, weshalb die Schauenburger Grafen Heinrich IV., Gerhard VII. und – abgesehen von der späten Belehnung – auch Adolf VIII. in einem Werk, in dem es doch eigentlich um deren Konflikt mit der dänischen Krone gehen soll, über weite Strecken vom Spielfeldrand zuschauen, wohingegen die Politik der Hansestädte, selbst wenn diese im Titel des Werkes gar keine Erwähnung finden, weite Teile der zweiten Hälfte des Buches prägt. Dies zeigt sich etwa am Fall Heinrichs IV., der immerhin die Herzogswürde für sich beanspruchte und somit zentraler Gegenspieler Eriks VII. war, dessen Tod im Zuge der ersten und letzten Endes fehlgeschlagenen Belagerung der Burg bei Flensburg im Jahr 1427 jedoch nur in einem Nebensatz erwähnt wird, ohne die Konsequenzen zu erörtern. An anderer Stelle wird immerhin ein von ihm an die Hansestädte adressierter Brief mit Klagen über den dänischen König genannt, jedoch sucht man vergeblich nach dem zeitgenössischen Bericht des Chronisten Hermann Korner über eine Reise des Grafen nach Lübeck, wo dieser die Vertreter der Hansestädte unterwürfig um Unterstützung gebeten haben soll. Gewiss ist zu fragen, wieviel Narration in dieser Überlieferung steckt, jedoch bestärken diese Beispiele den Eindruck einer latenten Nachrangigkeit der Schauenburger innerhalb der Ausführungen Hedemanns.

Angesichts dieser etwas misslichen Auslassungen zum eigentlichen Konflikt kann Hedemann sein selbstgestecktes Ziel, nämlich eine „moderne, detaillierte Untersuchung des Konflikts um Schleswig zwischen König Erik (und Königin Margarethe) einerseits und den holsteinischen Schauenburgern andererseits“ zu schreiben (S. 18 [meine Übers.]), nicht ganz erfüllen. Auch hätten ein Register sowie eine englische oder deutsche Zusammenfassung die überregionale Einbettung des auf Dänisch verfassten Werkes zweifelsfrei gefördert. Gerade das Fehlen des Letzteren ist äußerst schade, denn mit seiner Studie ist Markus Hedemann trotz alledem ein wichtiger wie lesenswerter Forschungsbeitrag über die Bedeutung des Konflikts um Schleswig, dessen ideologischen Hintergründe und die diplomatischen Beziehungen dieser Zeit gelungen. Er leistet somit nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des westlichen Ostseeraumes und Nordeuropas, sondern bereichert, gemeinsam mit der ebenfalls jüngst erschienenen grundwissenschaftlichen Dissertation von Cornelia Neustadt[2], die diplomatiegeschichtliche Erforschung des späten Mittelalters um ein spannendes und bislang eher randständig behandeltes Fallbeispiel aus dem Norden Europas.

Anmerkungen:
[1] Kristian Erslev, Erik af Pommern, hans kamp for Sønderjylland og Kalmarunionens opløsning [Erik von Pommern, sein Kampf um Südjütland und die Auflösung der Kalmarer Union], Kopenhagen 1901.
[2] Cornelia Neustadt, Kommunikation im Konflikt. König Erik VII. von Dänemark und die Städte im südlichen Ostseeraum, 1423–1435 (Europa im Mittelalter 32), Berlin 2018.

Zitation
Stefan Magnussen: Rezension zu: : Danmark, Slesvig og Holsten 1404-1448. Konflikt og konsekvens. Aabenraa  2018 , in: H-Soz-Kult, 20.05.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-30466>.
Redaktion
Veröffentlicht am
20.05.2019
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Sprache Publikation