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Title
Das braune Netz. Wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde


Author(s)
Winkler, Willi
Published on
Extent
414 S.
Price
€ 22,00
Reviewed for H-Soz-Kult by
Benedikt Wintgens, Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Berlin

Die deutsche Demokratiegeschichte wird derzeit neu interpretiert. Im Jubiläumsjahr 2019 gilt das für den Beginn der Weimarer Republik und für die Weimarer Demokratie insgesamt, es gilt zugleich aber auch mit Blick auf 70 Jahre Grundgesetz und den runden Geburtstag der Bundesrepublik. Dabei verändern sich mit wachsender Distanz offensichtlich die Perspektiven auf die „Bonner Republik“. Mehrere Publikationen des Frühjahrs lassen erkennen, dass von einer allzu glatten Erfolgsbilanz gerade weniger die Rede ist – anders als bei den letzten runden Geburtstagen vor zehn oder auch vor zwanzig Jahren, als die Entwicklungslinien von institutioneller Stabilität, Verwestlichung und gesellschaftlicher Liberalisierung (trotz mancher Differenzierungen) das selbstbewusste Gesamtbild einer „geglückten Demokratie“ ergaben (so etwa Edgar Wolfrums Buchtitel von 2006). Demgegenüber erscheinen jetzt – für ein Publikum jenseits der Fachwissenschaft – kritischere Bestandsaufnahmen, die unter anderem die Belastungen der frühen Nachkriegszeit neu beleuchten.[1] In diesen Kontext gehört neben der Dissertation des Spiegel-Redakteurs Felix Bohr[2] auch Das braune Netz des Journalisten Willi Winkler, der für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung schreibt.

Die partielle Neubewertung der frühen Bundesrepublik hat im Wesentlichen zwei Ursachen: Zum einen scheint in Zeiten von Trump, Brexit und Nationalismus die liberale Demokratie weltweit in der Krise zu sein, worauf verschiedene wissenschaftliche Publikationen mit (Selbst-)Kritik und historischer Einordnung reagiert haben.[3] Zum anderen hat – in Bezug auf Westdeutschland – die fortschreitende Aufklärung der Personalkontinuität, die zwischen dem „Dritten Reich“ und der frühen Bundesrepublik herrschte, die Integrationspolitik der 1950er- und 1960er-Jahre in eher düsteres Licht gerückt – stärker noch als es durch frühere Forschungen schon bekannt war.[4] Auch Winklers Thema ist, dass nach 1945/49 ehemalige Nazis (durchaus unterschiedlicher Belastung, worauf das Buch jedoch nicht näher eingeht) weiter oder wieder in einflussreichen Positionen waren.

Dazu vertritt der Autor eine paradoxe These: In moralischer Hinsicht sei die frühe Bundesrepublik „ein einziger Skandal“ gewesen (S. 15), weil nach 1945 so viele am Nationalsozialismus beteiligte Deutsche einfach weitergemacht hätten. Nur selten habe man auf das Personal von gestern verzichtet. Die Schuldfrage sei nicht nur weitgehend verdrängt worden, vielmehr hätten sich die Deutschen sogar als ein Volk von Opfern gefühlt. Allerdings, so Winkler weiter, sei dieser Skandal das Fundament gewesen, auf dem die Bundesrepublik „eine sagenhafte Erfolgsgeschichte“ erlebt habe (S. 16). Gerade weil ungezählte Belastete in den neuen Staat eingebunden worden seien, hätten sich die Deutschen schrittweise mit der Demokratie arrangiert. In einem Kommentar über die „Mitläufer des SED-Regimes“ gibt Winkler nebenbei zu bedenken, ob nicht auch ab 1990 Nachsicht das Erfolgsrezept gewesen wäre, um „Ressentiment, Staatsferne und wieder ein[en] Opfermythos“ zu vermeiden (S. 17).

Das breit angelegte Sittengemälde der Integrationspolitik nach 1945 verbindet bekannte und weniger bekannte Beispiele und Biographien zwischen Politik, Medien und Geheimdienstmilieu: Man liest üble Zitate von Martin Heidegger und von der SS-Vergangenheit des „Derrick“-Darstellers Horst Tappert; vom Antikommunismus als Brückenideologie und von Konflikten um die Bewertung des deutschen Widerstands. Der Kanzleramtschef Hans Globke und der erste Bundesnachrichtendienst-Chef Reinhard Gehlen kommen ebenso vor wie die Ärztin Johanna Haarer, deren Ratgeberbücher Leitbilder der NS-Erziehung in die Nachkriegszeit transportierten – außerdem die „Schmutz und Schund“-Debatte der 1950er-Jahre oder die in der Kulturzeitschrift Merkur 1967 ausgetragene Auseinandersetzung zwischen dem Auschwitz-Überlebenden Jean Améry und dem Lyriker und Kritiker Hans Egon Holthusen, einem ehemaligen SS-Obersturmführer.

Von dem jüngst verstorbenen Historiker Axel Schildt stammen fünf Interpretationsmuster, um die Geschichte der Bundesrepublik zu erzählen. Schildt unterschied die Erfolgsgeschichte, die Misserfolgsgeschichte, die Geschichte der Modernisierung der deutschen Gesellschaft oder ihrer Belastung durch die NS-Vergangenheit sowie die Geschichte ihrer Verwestlichung.[5] Legt man dieses Raster auf Winklers Buch an, erklärt es die bundesdeutsche Erfolgsgeschichte mit ihrer extrem pragmatischen Antwort auf die NS-Belastung – vielleicht nicht gleich als Dialektik, aber doch als eine Art List der Geschichte.[6] Da Winkler 1969 mit der Wahl Gustav Heinemanns zum Bundespräsidenten schließt, mit dem Beginn der sozial-liberalen Koalition, scheint am Rande das Motiv der Modernisierungsgeschichte auf, gesehen mit der Sympathie eines nachgeborenen „68ers“ (Winkler ist Jahrgang 1957). „Ausgerechnet die FDP, zwanzig Jahre lang das Auffanglager für ehemalige Nazis und Wehrmachtsoffiziere, hatte diesem Heinemann zum Sieg in der Bundesversammlung verholfen.“ (S. 306f.) Auffällig wenig Raum nehmen hingegen Aspekte der Verwestlichung ein, sei es in der Politik oder in der Alltagskultur. Insofern hat Winkler, der unter anderem auch eine Geschichte der Roten Armee Fraktion und eine Luther-Biographie vorgelegt hat[7], wiederum ein sehr deutsches Buch publiziert.

„Das braune Netz“ richtet sich nicht in erster Linie an die Fachwissenschaft, sondern – schwungvoll geschrieben in Kenntnis der neueren Forschungsliteratur[8] – an ein breites Lesepublikum. Angesichts sich fragmentierender Öffentlichkeiten ist das kein geringes Verdienst. Zudem erweist sich Winkler als meinungsfreudiger Polemiker. Wer Pointen und glänzend formulierte Porträtskizzen schätzt, wird von der Lektüre nicht enttäuscht. So schreibt Winkler, das „Wirtschaftswunder“ habe die Konsumversprechen der „Volksgemeinschaft“ eingelöst – Urlaubsreise, Eigenheim und Auto –, nachdem das „Dritte Reich“ dies wegen der Kriegsniederlage schuldig bleiben musste. Helmut Schmidt bekommt als „Soldatenkaiser unter den Kanzlern“ (S. 67) sein Fett weg, während der Spiegel, zunächst „deutschnational, militär- und geheimdienstorientiert“ (S. 290), ein ganz spezielles „Sturmgeschütz der Demokratie“ abgibt.

Der Preis dieser Art der erzählerischen Darstellung ist, dass Winkler assoziativ und bisweilen anekdotisch schreibt, Verbindungen eher nebeneinanderstellt als Kausalitäten nachzuweisen. Nur am Rande behandelt er zudem die im Untertitel aufgeworfene Frage, ob und wie aus alten Nazis „echte“ Demokraten wurden. „Als wäre Adenauer einem geheimen Masterplan gefolgt, sorgte er durch diesen Makel [d. h. durch die Integrationspolitik], der nicht korrigiert wurde, solange er regierte, ganz beiläufig dafür, dass aus den Volksgenossen und Reichsdeutschen im Lauf der Jahre Bundesbürger wurden.“ (S. 55) Vom analytischen Standpunkt her sind einige von Winklers Zuspitzungen bedauerlich vage formuliert, denn so geheim war etwa Adenauers „Masterplan“ gar nicht, wie Winkler selbst an anderer Stelle schreibt (S. 14). Auch bei der Titelmetapher bleibt offen, ob es sich um ein einziges braunes Netz gehandelt hat, um mehrere Netzwerke oder einzelne Seilschaften. Hier benennt Bohrs Studie sehr viel präziser die Akteure und ihr Tun.

Apropos Akteure: In Winklers Nachkriegspanorama haben viele Schurken ihren Auftritt, „Helden“ kommen hingegen kaum vor; der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer beispielsweise, Améry und Heinemann – damit sind sie fast alle aufgezählt. Winkler nennt explizit noch Werner Pätsch als „vergessenen Helden der Bundesrepublik“ (S. 59), der 1963 eine rechtswidrige Telefonabhörpraxis des Verfassungsschutzes enthüllte, woraufhin er den öffentlichen Dienst verlassen musste und sich 1965 wegen möglichen Geheimnisverrats mit einem Verfahren vor dem Bundesgerichtshof konfrontiert sah. Zu den Konflikten der frühen Bundesrepublik gehörten jedoch weit mehr Personen, die sich um Demokratie, Rechtsstaat und einen kritischen Umgang mit der NS-Vergangenheit verdient gemacht haben.[9] Größere Sensibilität für die Brüche und Ambivalenzen der Nachkriegsgesellschaft hätte dem Buch aber seinen polemischen Impetus genommen. Daher erweist sich Willi Winklers erzählerische Stärke zugleich als konzeptionelle Schwäche seines Buches.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Harald Jähner, Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945–1955, Berlin 2019; Frank Biess, Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik, Reinbek bei Hamburg 2019.
[2] Felix Bohr, Die Kriegsverbrecherlobby. Bundesdeutsche Hilfe für im Ausland inhaftierte NS-Täter, Berlin 2018; rezensiert von Gunnar Take, in: H-Soz-Kult, 09.05.2019, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29614 (03.06.2019). Vgl. auch das Doppelinterview mit Winkler und Bohr bei „Deutschlandfunk Kultur“, 16.02.2019, https://www.deutschlandfunkkultur.de/staatshilfe-fuer-ehemalige-nazis-wie-die-bundesrepublik-ns.1270.de.html?dram:article_id=441238 (03.06.2019).
[3] Ideengeschichtlich: Jens Hacke, Existenzkrise der Demokratie. Zur politischen Theorie des Liberalismus in der Zwischenkriegszeit, Berlin 2018. Oder als Aufsatzsammlung: Magnus Brechtken u. a. (Hrsg.), Demokratie und Gesellschaft. Historische Studien zur europäischen Moderne, Göttingen 2019.
[4] Als Zwischenbilanz: Stefan Creuzberger / Dominik Geppert (Hrsg.), Die Ämter und ihre Vergangenheit. Ministerien und ihre Behörden im geteilten Deutschland 1949–1972, Paderborn 2018. Weiterhin wichtig: Norbert Frei, Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, München 1996, Neuausgabe 2012.
[5] Axel Schildt, Fünf Möglichkeiten, die Geschichte der Bundesrepublik zu erzählen [1999], wieder abgedruckt und breit kommentiert in: Frank Bajohr u. a. (Hrsg.), Mehr als eine Erzählung. Zeitgeschichtliche Perspektiven auf die Bundesrepublik. Festschrift für Axel Schildt, Göttingen 2016.
[6] Winklers These erinnert an die Argumentation Hermann Lübbes von 1983, demzufolge die „gewisse Stille“, die in der Nachkriegszeit über die NS-Vergangenheit geherrscht habe, die Systemakzeptanz der Bundesrepublik erleichtert habe. Allerdings kritisiert Winkler Lübbes Ansicht polemisch als „zäpfchenglatt“ sowie als „bewusstseinstheoretisches Vademecum“ (S. 219). Zur Lübbe-Debatte: Axel Schildt, Zur Durchsetzung einer Apologie. Hermann Lübbes Vortrag zum 50. Jahrestag des 30. Januar 1933, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 10 (2013), S. 148–152, https://zeithistorische-forschungen.de/1-2013/id=4679 (03.06.2019).
[7] Willi Winkler, Die Geschichte der RAF, Berlin 2007; rezensiert von Nicolas Büchse, in: H-Soz-Kult, 24.10.2007, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-6308 (03.06.2019); Willi Winkler, Luther. Ein deutscher Rebell, Berlin 2016.
[8] Rezipiert werden etwa: Frank Bösch, Die Adenauer-CDU. Gründung, Aufstieg und Krise einer Erfolgspartei 1945–1969, Stuttgart 2001; Sybille Steinbacher, Wie der Sex nach Deutschland kam. Der Kampf um Sittlichkeit und Anstand in der frühen Bundesrepublik, München 2011; Jost Dülffer, Geheimdienst in der Krise. Der BND in den 1960er Jahren, Berlin 2018.
[9] Vgl. beispielsweise Claudia Fröhlich / Michael Kohlstruck (Hrsg.), Engagierte Demokraten. Vergangenheitspolitik in kritischer Absicht, Münster 1999.

Citation
Benedikt Wintgens: Rezension zu: : Das braune Netz. Wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde. Berlin  2019 , in: H-Soz-Kult, 14.06.2019, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-30673>.
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Published on
14.06.2019